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Berstadt ist ein Ortsteil der Gemeinde Wölfersheim im Wetteraukreis in Hessen und hat rund 1.700 Einwohner.
Geographische Lage Berstadt befindet sich nordöstlich von Wölfersheim, dem größten Ortsteil der gleichnamigen Gemeinde an der Bundesstraße 455. Der Ort liegt direkt an der Anschlussstelle Wölfersheim der Bundesautobahn 45 (Sauerlandlinie).
Geschichte Der Name „Berstadt“ Berstadt wird in fuldischen Urkunden in der Zeit um 800 als Berthenstat bezeichnet.Ernst Friedrich Johann Dronke: Traditiones et Antiquitates Fuldenses 1844. (TAF) ND 1966, cap. 42. Nr. 140, 159 Der althochdeutsche Name beraht bedeutet niederhochdeutsch ‚hell glänzend, prächtig‘, also ein prächtiger Ort.Eugen Rieß, Willy Roth: Berstadt. Menschen und Geschichte. Bd. 1: Von den Anfängen bis zum Beginn der Neuzeit. S. 35 ff. Reuter sieht im Namen Bezüge zur „Lagekunst und Bodenqualität“ des Ortes.Reinhard Reuter: Dörfer in Hessen. Bd. 3, S. 118 Verschiedentlich wird behauptet, dass sich hier in vorgeschichtlicher Zeit ein Heiligtum einer germanischen Gottheit befand.Christian Aledter: Chronik Berstadt oder Ernst Förstemann: Althochdeutsches Namenbuch I: Personennamen. Nachdruck der 2. völlig überarbeiteten Auflage, München 1966, S. 281. Förstemann stellt einen falschen Bezug zum Personennamen „Berht“ auf und deutet den Ortsnamen als „Stätte des Berhto“. Das ist aber nach dem heutigen Stand der Ortsnamenforschung nicht mehr haltbar. Stattdessen ist die Deutung von SteenJürgen Steen, Königtum und Adel in der frühmittelalterlichen Siedlungs-, Sozial- und Agrargeschichte der Wetterau. Frankfurt am Main 1917 = Schriften des Historischen Museums Frankfurt am Main, S. 92 f maßgeblich. Eine Darstellung der unterschiedlichen Deutungen findet sich bei Rieß/Roth.Eugen Rieß, Willy Roth, Berstadt, Bd. 1, S. 36 ff.
Weitere historische Formen des Ortsnamens sind: Berhtenstat (817TAF cap. 42; Nr. 140, 159) Berhtdenstat (1056D H III Harry Bresslau/Paul Fridolin Kehr Bearb., Die Urkunden Heinrichs III. = Monumenta Germaniae Historica. Die Urkunden der deutschen Kaiser 5, 1926 – 1931, Nachdruck 1993) Berchtenstat (1056D H III, 376) Berthenstat (1068D H IV = Dietrich von Gladiß/Alfred Gawlik, Bearb., Die Urkunden Heinrichs IV. = Monumenta Germaniae Historica. Die Urkunden der deutschen Kaiser 6, 1941 – 1978, 208, or) Berstationes (1073D H IV 232 or) Berstat (1150–1165) de Berstat (1232)Albert Huyskens: Studien zur Geschichte der heiligen Elsabeth, Landgräfin von Thüringen. Marburg 1908, Nr. 55, S. 20
Ersterwähnung Die älteste erhaltene Erwähnung von Berstadt stammt aus der Amtszeit des fuldischen Abtes Ratgar (802 bis 817) als Berhtenstat im Codex Eberhardi. Dort heißt es (lat.): „Wigo tradidit deo et sancto Bonfatio predia sua“ (Wigo schenkt Gott und dem Heiligen Bonifatius seinen Besitz).Zitiert nach: Heinrich Meyer zu Ermgassen: Der Codex Eberhardi des Klosters Fulda. Bd. 2, Nr. 140, S. 210. Das Jahr 817 ist gleichzeitig auch das Datum der Ersterwähnung für einen anderen Wölfersheimer Ortsteil, nämlich Melbach, sowie für die östliche Nachbargemeinde Grund-Schwalheim, in denen auch private Schenkungen an das Kloster Fulda gemacht wurden.
Die dem Mönch Eberhard in der bisherigen Forschung unterstellten FälschungenDas gilt vor allem für Edmund Ernst Stengel: Urkundenbuch des Klosters Fulda. Bd. I,2, S. XXXII. wurden dahingehend revidiert, dass die Fälschungen in erster Linie auf die Kaiser- und Königsurkunden sowie die der Päpste zu beziehen sind. Die Schenkungen zu Berstadt waren aber privater Natur. Auch Meyer zu Ermgassen hält Eberhards Fälschungen für „inhaltlich geringfügig“.Meyer zu Ermgassen: Codex Eberhardi. Bd. 1, S. X
Das historische Dorf Der Zingelbach fließt aus nordwestlicher Richtung zum Ort und umschließt ihn im Südwesten. Der umflossene Teil des Dorfes wird Zingeldorf genannt. Nachdem der Zingelbach im Bereich der ehemaligen Brücke von der Brückenstraße überquert wird, wechselt er seinen Namen. Vor dem Anwesen Brückenstraße 22 fließt er weiter in südöstlicher Richtung und heißt von hier an Wäschbach.vgl. insgesamt Eugen Rieß, Willy Roth: Berstadt - Menschen und Geschichte. 2 Bde. Rockenberg 2005. Bd. 1: Von den Anfängen bis zur Neuzeit. Bd. 2: Neue Zeiten. Hier: Bd. 1, S. 341–361.
Oberhalb der Steinernen Brücke zeigt der Zingelbach ein rasch ansteigendes linkes Ufer. Dieser Hang wurde im Bereich der Oberpforte im 18. und 19. Jahrhundert zur Anlage von Felsenkellern genutzt. Das ursprüngliche, dreigliedrige mittelalterliche Dorfbild wird im nördlichen Teil durch das Oberdorf komplettiert. Die Denkmaltopographie bezeichnetDenkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland. Kulturdenkmäler in Hessen. Wetteraukreis II. Spangenberg 1999, S. 1034 diesen Bereich als Kirchberg.
Die Kirche, erbaut in der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts, und ihr mächtiger Turmhelm prägen noch immer das Ortsbild, verstärkt durch den Geländesprung an der Oberpforte, der sich weiter bis zur Kirche fortsetzt und erneut 5 m – 10 m überwindet.Reinhard, Reuter, Christoph Beck: Dörfer in Hessen. Bd. 3: Zwischen Taunus, Vogelsberg und Main. (Hrsg.) Landesamt für Denkmalpflege, Wiesbaden 2004; S. 118 Die Kirche wurde im 11. Jahrhundert erstmals erwähnt. Nördlich an Kirche und Pfarrhof schließt der Mainzer Hof an. Er bildete zusammen mit der Kirche und dem Tanzhof den historischen Ortskern.Reinhard Reuter, Christoph Beck: Dörfer in Hessen. S. 119 Daran grenzt seit dem Spätmittelalter im Westen das ehemalige Gemeindewirtshaus an der Oberpforte. Bis ins 18. Jahrhundert bildeten Pfarrhof und Gemeindewirtshaus eine bauliche Einheit.
Südlich des Unterdorfes umschloss der Wäschbach die Wasserburg, von der bis ins 19. Jahrhundert Reste vorhanden waren.
Am Beispiel neuer Familiennamen zeigt sich eine gewisse Attraktivität Berstadts für die Bewohner umliegender Orte in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts. Diese Familiennamen weisen auf ihre Herkunftsorte hin, z. B. Echzell3. März 1353: „Heinrich Echzilere scheffene zu Berstad [genannt]“, Baur, AUB, Nr. 801, S. 494f, Bessingen, den 4. April 1368: „Contze Beszunger scheffen zu Berstad.“Baur, AUB, Nr. 801, S. 495, Fußnote Seit 1371 lässt sich die ursprünglich niederadelige Familie Rode in Berstadt nachweisen, die aus Wohnbach nach Berstadt zog: „ampmann Johan Rode“.Baur, AUB, Nr. 995, S. 608
Auch aus dem später wüst gegangenen Ort Feldheim bei Hungen kamen neue Einwohner: 19. Mai 1391 „Heincze Feltheim“Baur, AUB, Nr. 1100, S. 669 Der starke Zuzug adliger Familien, die hier große Höfe als Lehen besaßen, bestimmte über Jahrhunderte das Dorfbild. „Im 14. Jahrhundert sind es mehr als ein Dutzend, wobei mindestens die Hälfte hier auch dauerhaft residierte.“Eugen Rieß, Willy Roth: Berstadt. Bd. 1; S. 349
Seit dem 14. Jahrhundert wurde der Mainzer Hof immer wieder unter neuen Besitzern aufgeteilt. Es bildeten sich bis zu vier Einzelhöfe, deren Grundbesitz aber zusammen immer wieder die ursprüngliche Größe von fünf Hufen ergab. Im späten 19. Jahrhundert teilte man den Hof weiter: „neben dem heutigen Hof Reuter auch noch den Hof Wolff sowie die beiden heutigen Grundflächen der ehemaligen Schmiede Größer.“Eugen Rieß, Willy Roth: Berstadt. Bd. 1, S. 349
Ortsbefestigung und Pforten Der spätmittelalterliche Ort war befestigt. Ein Schanzengraben wird am 14. August 1380 erstmals erwähnt: „uff des dorffis graben.“Ludwig Baur, Urkundenbuch des Klosters Arnsburg in der Wetterau (AUB), Darmstadt 1851, Nr. 1041, S. 631 Die Befestigung der Dörfer in der Wetterau hängt mit dem Fehde- und Kriegswesen des 14. und 15. Jahrhunderts zusammen.Dieter Wolf, Zur mittelalterlichen Befestigung von Dörfern und Flecken der Wetterau - mit besonderer Berücksichtigung von Rodheim vor der Höhe. in: Rodheimer Hefte Nr. 2, 1996, S. 25–83. Als Besitz der Grafen von Ziegenhain wurde Berstadt durch den Landgrafen Hermann II. am 30. November 1401 verbrannt, sechs Gefangene verschleppte man nach Grünberg.Waldemar Küther, Grünberg. Grünberg 1972, S. 105 Im folgenden Jahr fielen erneut landgräfliche Truppen in die Fuldische Mark ein, ein Angriff auf Berstadt am 10. August 1402 ist belegt.Dieter Wolf, ma. Befestigungen, S. 90 Auch die Urfehde des Henne des Jüngeren von Berstadt am 30. Januar 1413 gegenüber dem Erzbischof Werner von Trier und dessen Grafschaft Falkenstein, auf alle Ansprüche wegen Schaden, Verlusten, Diensten, Zehrung, Hengsten und Pferden zu verzichten, gehört in diesen Zusammenhang.Friedrich Battenberg, Solmser Urk. Bd. I.: Urkundenregesten. Darmstadt 1981, Nr. 790
Ebenso belegt der Wortstamm Zingel in Zingelbach, Zingeldorf, Zingelpforte, Zingelgärten die Befestigung des Ortes. 1811 wurde im Rahmen des Chausseebaus eine steinerne Brücke über den Zingelbach errichtet. Zuvor war hier eine Furt. Durch den Straßenbau wurden große Teile des Schanzengrabens zerstört.Eugen Rieß, Willy Roth: Berstadt. Bd. 1, S. 344 Für jeden der drei Dorfteile gab es eine Pforte. „Die drei ursprünglichen Zugänge zum Ortskern (sind noch immer) siedlungstopographisch besonders prägnant.“Denkmaltopographie Berstadt. S. 1034 Die Oberpforte diente zeitweise als Hirtenhaus. 1811 wurde sie auf Abbruch versteigert und 1814 abgerissen. Hier befand sich das alte Gemeindewirtshaus. Die Unterpforte am Ende der Untergasse war zugleich Gemeindearmenhaus. Sie wurde 1854 abgerissen. An der Zingelpforte, im Nordwesten des Zingelplatzes, nahe der alten Mühle, befand sich die Zollstation. Der Pfortenzehnte, der hier erhoben wurde, war fuldischer Besitz. Der Pfortenzehnte betrug im 17. Jahrhundert ½ Meste Getreide. Er war seit 1664 ein fuldisches Lehen der Löw zu Steinfurth. Das Kloster Fulda verpfändete den Pfortenzehnten zu Berstadt am 26. Juli 1354, „han wir zu undirphande gesetzt … unsir Pforten zehenden in … Berstat“ an „Johan Crige von Voytzberg.“Ludwig Baur, Hess. Urk. I. Nr. 892, S. 602
Dem Kloster Fulda wurde 1356 durch den Kaiser Karl IV. die Erhebung eines Zolls gestattet. Von jedem Pferd, „daz dafur mit laste oder mit koufmannschaft get oder zuhet“, durfte ein Schilling alter Heller verlangt werden. Durch die günstige Verkehrslage Berstadts war das ein sehr einträgliches Geschäft.Johann Friedrich Schannat, Historia Fuldensis. Codex Probantionum. Frankfurt 1729, Nr. 176 Weil die Zollstelle neben der Neumühle lag, war der Mühlenpächter auch häufig Zollverwalter und Zehender. Die Ämter wurde oft über Generationen in der gleichen Familie vererbt. Vor der Zingelpforte und damit außerhalb der Ortsbefestigung entstand 1561 die Neumühle. Später wurde hier das gemeinschaftliche Brauhaus errichtet. Der dortige Brunnen war im 16. Jahrhundert Eigentum der Grafen von Nassau-Saarbrücken. In der gleichen Zeit bestand hier vor der Zingelpforte eine Glashütte. Mit der Ansiedlung der Blaufärberei Acker am Zingelplatz in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts begann die weitere Ausdehnung des Ortes in Richtung Wohnbach, welche durch den Eisenbahnanschluss am Ende dieses Jahrhunderts noch erheblich verstärkt wurde. Die Straße außerhalb Oberpforte verläuft schnurgerade. Hier kann man eine planmäßige Ortserweiterung erkennen, die bereits vor 1500 begonnen wurde. Dendrochronologische Untersuchungen ergaben, dass ein Ständerbau vor 1480 im Bereich der Hofreite Oberpforte 15 errichtet wurde. Diese kann als nordwestlicher Teil des Mainzer Hofes angesehen werden.Eugen Rieß, Willy Roth, Berstadt. Bd. 1, S. 341–348.
Das Dorf in der frühen Neuzeit