mini|hochkant=1.3|Sitz der ÖAW: Alte Universität, Neue Aula (am Dr.-Ignaz-Seipel-Platz)

Die Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW) ist eine Gelehrtengesellschaft und die größteSusanne Pernicka, Anja Lasofsky-Blahut, Manfred Kofranek, Astrid Reichel: Wissensarbeiter organisieren. Berlin 2010, S. 123. Trägerin außeruniversitärer Grundlagenforschung in Österreich. Sie wurde nach Vorbildern wie der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina und der Royal Society 1847 als Kaiserliche Akademie der Wissenschaften in Wien gegründet. Heute ist sie eine mit einem jährlichen Basisbudget von rund 100 Mio. Eurohttps://www.oeaw.ac.at/fileadmin/NEWS/2017/PDF/oeaw_jahresbericht_2016.pdf Jahresbericht 2016, S. 143. ausgestattete, größtenteils staatlich finanzierte Einrichtung mit über 770 gewählten Mitgliedern, rund 1900 Mitarbeitern und 26 Forschungseinrichtungen in Wien, Graz, Linz, Innsbruck und Leoben.

Die oberste Aufgabe ist die Förderung der Wissenschaften. Neben der wissenschaftlich fundierten Gesellschafts- und Politikberatung und der Grundlagenforschung ist sie in der Förderung von Nachwuchswissenschaftlern aktiv. Im Zuge internationaler Rahmenprogramme und Kooperationen unterhält die ÖAW ferner ein globales Forschungsnetzwerk.

Gebäude Der offizielle Hauptsitz ist die Neue Aula am Dr.-Ignaz-Seipel-Platz, benutzt wird darüber hinaus der größte Teil der Alten Universität (insbesondere das Jesuitenkolleg und die Alte Aula). Seit 2020 gehört auch das Postsparkassengebäude teilweise zu den von der Akademie benutzen Räumlichkeiten. Alle diese Gebäude werden zusammenfassend Campus Akademie genannt,Projektseite der ÖAW (vor Abschluss der damit verbundenen Renovierungsarbeiten) 2022 wurde zudem der Arkadenhof der Alten Universität für die Öffentlichkeit freigegeben.

Organisation und Aufgaben Aufgaben mini|Das seit 2015 bestehende Logo der ÖAW Die Akademie ist eine juristische Person des öffentlichen Rechts unter besonderem Schutz des Bundes mit der Zielsetzung, die Wissenschaft auf allen Gebieten, besonders im Bereich der Grundlagenforschung, in jeder Hinsicht zu fördern. Gesetzliche Grundlage der ÖAW ist dabei das „Bundesgesetz vom 14. Oktober 1921, betreffend die Akademie der Wissenschaften in Wien“. Die Aufgaben der Akademie werden darin wie folgt beschrieben: „Ihre Aufgabe ist es, die Wissenschaft in jeder Hinsicht zu fördern; sie hat bei Erfüllung ihrer Aufgabe den Anspruch auf Schutz und Förderung durch den Bund.“

Diese Aufgabe wird auf unterschiedliche Arten erfüllt. Die Mitglieder der Akademie widmen sich als Gelehrtengesellschaft dem fachübergreifenden Diskurs sowie Zukunftsfragen, beraten Politik und Gesellschaft und informieren die Öffentlichkeit über bedeutende wissenschaftliche Erkenntnisse. In Kommissionen widmen sie sich Fragen von wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Relevanz. Als Forschungsträger betreibt die ÖAW 26 Forschungsinstitute im Bereich der innovativen, anwendungsoffenen Grundlagenforschung in den Geistes-, Kultur-, Sozial- und Natur- und Technikwissenschaften. Die ÖAW pflegt und initiiert Forschungspartnerschaften und vertritt die Republik Österreich in internationalen wissenschaftlichen Organisationen. Dadurch unterstützt sie die Zusammenarbeit zwischen Wissenschaftlern und die österreichische Teilnahme an internationalen Großforschungsprojekten. Die Akademie fördert ferner den wissenschaftlichen Nachwuchs durch Stipendien und Preise.

Mit dem Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften steht ein eigenes Publikationsunternehmen zur Verfügung.

Innere Organisation Die Akademie zählt derzeit mehr als 750 Wissenschaftler aus dem In- und Ausland zu ihren Mitgliedern. Diese setzt sich zusammen aus wirklichen Mitgliedern, Ehrenmitgliedern, korrespondierenden Mitgliedern und Mitgliedern der Jungen Akademie. Mit Ausnahme der Ehrenmitglieder der Gesamtakademie und der Mitglieder der Jungen Akademie gehört jedes Mitglied entweder der mathematisch-naturwissenschaftlichen oder der philosophisch-historischen Klasse an. Es gibt 90 wirkliche Mitglieder, die sich gleichmäßig auf die beiden Klassen aufteilen. Mitglieder, die über 70 Jahre alt sind, werden bei voller Wahrung ihrer Rechte in diese Höchstzahl nicht eingerechnet.Lit. Satzung der ÖAW

2008 wurden Maßnahmen für eine Verjüngung eingeleitet und eine Junge Kurie mit rund 70 Forschern im Alter von unter 45 Jahren eingerichtet (vgl. in Deutschland etwa die Junge Akademie und das Junge Kolleg).Die Junge Kurie (JK) junge-kurie.oeaw.ac.at„Junge Kurie“ konstituiert sich in der Akademie. orf.at, abgerufen am 11. Mai 2012. Die Junge Kurie wurde im Zuge der Satzungs- und Geschäftsordnungsänderungen im Jahr 2016 in „Junge Akademie“ umbenannt. Mitglieder der Jungen Akademie werden einmalig auf die Dauer von acht Jahren gewählt und dürfen zum Zeitpunkt ihrer Wahl das 40. Lebensjahr nicht vollendet haben.

Derzeit sind von den Mitgliedern (alle Arten von Mitgliedern eingerechnet) der ÖAW 141 Frauen, was einem Anteil von rund 18 % entspricht. Allerdings ist der Anteil beim wissenschaftlichen Personal wesentlich höher, was möglicherweise auch Auswirkungen auf die zukünftige Mitgliederstruktur der ÖAW haben wird. Derzeit gibt es rund 1900 Beschäftigte in den Forschungseinrichtungen der ÖAW. 2020 betrug das Basisbudget der ÖAW 121 Millionen Euro, die zu einem großen Teil aus Bundesmitteln stammen.ÖAW-Jahresbericht 2020.

Geschichte mini|Neue Aula, Sitz der Akademie in der Inneren Stadt mini|hochkant|Alte Aula (Teil der Alten Universität) von der Wollzeile aus gesehen

Anfänge 1847–1918 Die ersten Bestrebungen, in Wien eine Einrichtung nach dem Vorbild der Royal Society in London und der Académie des sciences in Paris zu etablieren, gehen bereits auf den Philosophen und Mathematiker Gottfried Wilhelm Leibniz um 1700 zurück.Vgl. Lore Sexl: Gottfried Wilhelm Leibniz und die geplante Kaiserlicher Akademie der Wissenschaften in Wien. In: Theoria cum praxi. Aus der Welt des Gottfried Wilhelm Leibniz. (= Veröffentlichungen der Kommission für Geschichte der Mathematik, Naturwissenschaften und Medizin. 63). Wien 2012, S. 69–239. Es kam aber erst am 30. Mai 1846, mit einem Handschreiben von Kaiser Ferdinand I., zur Gründung der Akademie. Darin erklärte der Kaiser, er finde sich bewogen, „in meiner Haupt- und Residenzstadt Wien einen wissenschaftlichen Verein unter der Benennung ‚k.k. Akademie der Wissenschaften‘ zu gründen“.Kabinettschreiben des Kaisers Ferdinand an Fürst Metternich, Wien, 30. Mai 1846. In: Richard Meister: Geschichte der Akademie der Wissenschaften in Wien 1847–1947. (= Denkschriften der Gesamtakademie. 1). Wien 1947, S. 215. Sein Staatskanzler Clemens Fürst Metternich, der rund zehn Jahre zuvor noch eine Gründung der Akademie hintertrieben hatte, unterstützte die diesbezüglichen Bestrebungen nun nachdrücklich.

Als Kurator ernannte der Kaiser am 2. Juli 1846 seinen Onkel Erzherzog Johann, der sich in den darauffolgenden Monaten intensiv mit der Ausarbeitung der Statuten der Akademie beschäftigte. Als eine wesentliche Forderung setzte er die Freiheit der Erörterung in Rede und Schrift für die Mitglieder der Akademie durch, womit er die strenge Zensur im Österreich des Vormärz für wissenschaftliche Arbeiten außer Kraft setzte.Hans Magenschab: Erzherzog Johann. 3. Auflage. Styria, Graz 1982, S. 350. Die offizielle Genehmigung der Statuten durch Kaiser Ferdinand I. erfolgte am 14. Mai 1847, der als Gründungstag der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften in Wien gilt. Zunächst wurden 40 Mitglieder ernannt, die auf die beiden Klassen, nämlich die mathematisch-naturwissenschaftliche Klasse und die historisch-philologische Klasse, aufgeteilt wurden. Als erster Präsident wurde am 27. Juni 1847 Joseph von Hammer-Purgstall gewählt.

1857 konnten auch die räumlichen Bedürfnisse der rasch wachsenden Akademie befriedigt werden, indem sie vom Polytechnischen Institut in die unter Maria Theresia errichtete Neue Aula am Universitätsplatz, dem heutigen Dr.-Ignaz-Seipel-Platz, übersiedelt wurde, das seit 1848 als „Aulakaserne“ vom Militär genutzt worden war. Dieses palaisartige Gebäude wurde 1755 von Jean Nicolas Jadot de Ville-Issey erbaut und diente als Aula der Universität Wien. Das Deckenfresko des berühmten Festsaals von Gregorio Guglielmi wurde nach einem Brand im Jahr 1961 vom Theatermaler Paul Reckendorfer rekonstruiert.Reckendorfer hatte zuvor schon die zerstörten Fresken des Ostteils der Großen Galerie in Schloss Schönbrunn rekonstruiert. Vgl. Der Theologiesaal verfügt über Maulbertsch-Fresken.

Die wissenschaftlichen Leistungen der Mitglieder wurden in regelmäßig erscheinenden Publikationen der beiden Klassen dargestellt. Die Denkschriften und Sitzungsberichte wurden ab 1851 durch den jährlich erscheinenden Almanach, der als wichtigste Quelle der Akademiegeschichte anzusehen ist, ergänzt.

In den Jahren 1879–1914 wurde die Akademie sukzessiv zu einer „universalen Forschungsstätte“ ausgebaut. Sie intensivierte auch die internationale Zusammenarbeit mit anderen Forschungseinrichtungen und Akademien. Auf ihre Initiative wurde 1893 der Verband wissenschaftlicher Körperschaften (auch Kartell genannt) als Dachorganisation der deutschsprachigen Akademien gegründet. 1899 zählte sie zu den ersten Mitgliedern der Internationalen Assoziation der Akademien, des ersten weltumspannenden Akademieverbunds.

Mit der Errichtung des Phonogrammarchivs (1899), des ältesten Tonträgerarchivs der Welt, des ersten Instituts für Radiumforschung (1908/10) und der Übernahme der Biologischen Versuchsanstalt (1914) setzte die kaiserliche Akademie der Wissenschaften am Vorabend des Ersten Weltkrieges entscheidende Schritte zu einer damals weltweit führenden Forschungsträgerin.Vgl. Wolfgang L. Reiter: Aufbruch und Zerstörung. Zur Geschichte der Naturwissenschaften in Österreich 1850 bis 1950 (= Emigration – Exil – Kontinuität. Schriften zur zeitgeschichtlichen Kultur- und Wissenschaftsforschung. 15). Wien / Berlin 2017, S. 167–171; Johannes Feichtinger: The Biologische Versuchsanstalt in Historical Context. In: Gerd B. Müller (Hrsg.): Vivarium. Experimental, Quantitative, and Theoretical Biology at Vienna’s Biologische Versuchsanstalt. (= MIT Press Vienna Series in Theoretical Biology). Cambridge, MA 2017, S. 53–73; Klaus Taschwer, Johannes Feichtinger, Stefan Sienell, Heidemarie Uhl (Hrsg.): Experimental Biology in the Vienna Prater. On the History of the Institute for Experimental Biology 1902 to 1945. Wien 2016.

Während des Ersten Weltkriegs mussten laufende Expeditionen abgebrochen werden. Deren Leiter wurden teilweise interniert, teilweise wurden sie an der Rückkehr gehindert. Zugleich eröffnete der Krieg der kaiserlichen Akademie die Chance für neue Expeditionen in die von den k.u.k. Truppen besetzten Gebiete Serbiens, Montenegros und Albaniens sowie für anthropologische Untersuchungen an Kriegsgefangenen. Beide Unternehmungen wurden von der Akademie der Wissenschaften in Wien wesentlich gefördert.Richard Meister: Geschichte der Akademie der Wissenschaften in Wien 1847–1947. (= Denkschriften der Gesamtakademie. 1). Adolf Holzhausen Nachfolger, Wien 1947, S. 153–155.

Zwischenkriegszeit 1918–1938 In der 1. Republik wurde mit dem Bundesgesetz vom 14. Oktober 1921, betreffend die Akademie der Wissenschaften in Wien i.d.g.F. eine neue gesetzliche Grundlage geschaffen, die mit leichten Änderungen im Bundesgesetz vom 9. Mai 1947 () bis heute gilt. Durch dieses Gesetz wurde auch der Name von Kaiserliche Akademie der Wissenschaften auf Akademie der Wissenschaften in Wien umgeändert. Außerdem wurde eine neue Satzung erlassen.