mini|270px|Campione Campione d’Italia (meist kurz Campione) ist eine vom Schweizer Kanton Tessin umgebene italienische Exklave mit Einwohnern (Stand: ). Sie ist vom Rest Italiens durch den Luganersee, Siedlungen (Bissone, Caprino) und Berge (Sighignola) auf Schweizer Staatsgebiet getrennt.
Geografie Campione liegt am Ostufer des Luganersees. Es hat eine Fläche von 2,6 km² (0,9 km² Land- und 1,7 km² Seefläche); die Nord-Süd-Ausdehnung des Gebietes beträgt etwa 2,45 km. Die Länge der Landgrenze mit der Schweiz beträgt etwa 7 km. Die Gemeinde hat Land- und Seegrenzen mit Arogno, Bissone, Lugano, Melide und Paradiso, die alle zum Kanton Tessin gehören. Etwa 500 Meter Luftlinie trennen Campione von seinem Mutterland Italien.
Geschichte Der besondere Status Campiones geht auf das Jahr 777 zurück, als der langobardische Herrscher Toto von Campione in seinem Testament das Gebiet dem Kloster Sant’Ambrogio in Mailand vermachte. In dessen Besitz blieb es bis 1797. Statthalter und Richter am Ort war ein Ordensgeistlicher, dessen Sitz die 769 erstmals erwähnte Kirche San Zeno war. Gemäß den Ortstatuten von 1266 wurde der Statthalter von einem Kanzler und zwei Konsuln (consoli) unterstützt, die richterliche Funktionen ausübten. Sie wählten, nach Absprache mit dem Statthalter, zwei Dorfvorsteher (sindaci), einen Dorfsäckelmeister mit Verwaltungsaufgaben sowie zwei Flurhüter (campari).
Über Jahrhunderte, insbesondere vom 12. bis 14. Jahrhundert, war Campione für seine Kunsthandwerker, die berühmten Maestri Campionesi, bekannt: Steinmetze, Bildhauer, Maler, Architekten und Bauherren, deren Werke überall in Norditalien entstanden.
1412 und 1477 genoss der Ort gegenüber Lugano Zollfreiheit, die 1513 von den Eidgenossen bestätigt wurde. Zu Anfang des 16. Jahrhunderts kämpften die Einwohner von Campione an Seite der Eidgenossen gegen die Franzosen, die das Schloss von Lugano besetzt hielten. Während das Tessin der Eidgenossenschaft unterstand, musste Campione den zwölf Orten (Kantonen) eine Kriegssteuer für 1½ Mann entrichten. 1542 wollten die Eidgenossen Campione ihrer hohen Gerichtsbarkeit unterstellen, was der spanische Gouverneur in Mailand verhinderte, und sie mussten die hohe und niedere Gerichtsbarkeit des Klosters Sant’Ambrogio anerkennen.Celestino Trezzini: Campione d‘Italia. In Historisch-Biographisches Lexikon der Schweiz, Band 2: Brusino–Caux. Attinger, Neuenburg 1921, S. 482 (online auf biblio.unibe.ch, abgerufen am 17. Juli 2017).
Napoleon Bonaparte hob bei seiner Ankunft in Norditalien 1797 sämtliche Kirchengüter auf und schlug Campione der neugeschaffenen Cisalpinischen Republik zu, während das Tessin 1798 ebenfalls durch Napoleon vom Untertanengebiet der Innerschweiz zum gleichwertigen eidgenössischen Kanton erhoben wurde. Bereits 1800 und erneut während des Wiener Kongresses 1814/15 versuchte das Tessin, den Wechsel von Campione an die Schweiz zu erreichen. Als Tauschobjekt wurde «die abgelegenste Gemeinde der Schweiz», Indemini, angeboten. Beide Vorstöße blieben jedoch erfolglos.
Die Lombardei und damit auch Campione wurden 1861 Teil des Königreichs Italien. Im selben Jahr wurde eine Grenzbereinigung zwischen dem Königreich Italien und der Schweizerischen Eidgenossenschaft vereinbart. Zuvor hatte das Territorium von Campione auch die gegenüberliegende Küste von San Martino mit dem Teil der Poststrasse zwischen Lugano und Melide umfasst. Seither verläuft die Grenze in der Seemitte.Erstausgabe der Dufourkarte Dies war für die wenige Jahre später erbaute Gotthardbahn von Bedeutung, die so bis Chiasso ausschließlich auf schweizerischem Gebiet zu liegen kam. Im Gegenzug erhielt Campione freien Zugang zum schweizerischen Markt. Die Grenzbereinigung von 1861 war die letzte Änderung der Grenze zwischen Campione und der Schweiz. Im Jahr 1923 wurden Grenzsteine aktualisiert und die Grenze damit besser markiert.
Der Zusatz d’Italia wurde 1933 unter Mussolini an den Namen angehängt, um die Zugehörigkeit des Territoriums zu Italien zu unterstreichen. In dieser Zeit entstand auch der Torbogen am Ortseingang.
Die exterritoriale Lage des Ortes ermöglichte es im Januar 1944 Allen Dulles, dem Vertreter des amerikanischen Geheimdiensts OSS, der in Bern residierte, in Campione eine Radiostation einzurichten, die den Funkkontakt mit den Alliierten und den italienischen Partisanen der Resistenza erlaubte, was von der Schweiz aus wegen der Neutralität nicht möglich war. Auch ein Ausbildungslager für Partisanen wurde eingerichtet, die von dort aus ungehindert nach Norditalien einsickerten. Nach der Überwältigung der sechs Carabinieri vor Ort, die der faschistischen Republik von Salò unterstanden, hatte die Bevölkerung den Anschluss an den süditalienischen Reststaat unter König Viktor Emanuel III. erklärt. Die finanziellen Probleme des Zwergterritoriums wurden durch die Ausgabe von Briefmarken mit sechsstelligen Auflagen gelöst, die bei Sammlern in der ganzen Welt Interesse fanden.Allen Dulles. Gero von Schulze-Gaevernitz: Operation Sunrise. Die geheime Geschichte des Kriegsendes in Italien. Econ, Düsseldorf 1967 (Nachdruck Deutsche Buchgemeinschaft, Berlin/Darmstadt/Wien o. J., dort S. 30–31). Englische Erstausgabe: The Secret Surrender. Harper & Row, New York 1966.
Die ultrakonservative Organisation Alleanza Liberi e Svizzeri (ALS) des Schweizer Politikers Franco Masoni, die 1976 in Lugano gegründet wurde, nahm in Campione, zur Zeit des staatlichen Rundfunkmonopols in der Schweiz, ein eigenes Fernsehstudio in Betrieb, um so, wie es (aus anderen Gründen) der Sender des liberalen Zürchers Radiomanns Roger Schawinski von Cernobbio aus tat, Sendungen in Richtung der Schweiz auszustrahlen.
Campione gehörte bis zum 31. Dezember 2019 gemäß Artikel 4 des Zollkodex der Union nicht zum Zollgebiet der Union, sehr wohl aber zur Europäischen Union. Andererseits gab es – im Gegensatz zum Fürstentum Liechtenstein und zu Büsingen am Hochrhein – keinen Staatsvertrag über die Einbindung von Campione ins Schweizer Zollgebiet. Ein solcher wurde zwar von italienischer Seite angestrebt, aber davon kam man wieder ab, nachdem sich gezeigt hatte, wie schwierig die Verhandlungen über den Büsinger Zollanschlussvertrag waren.Auskunft der Zollkreisdirektion Schaffhausen, 15. April 1971. Die Enklave war damit de facto Zollgebiet der Schweiz. Zwischen der Schweiz und Campione gab es bis Ende 2019 keine Zollkontrollen.Gerhard Lob Umgeben von der Schweiz: Eine italienische Exklave im Tessin wird zum Zollgebiet der EU. In Luzerner Zeitung (online), 5. Januar 2020.
Bevölkerungsentwicklung 1625 ist von 45 Feuerstätten die Rede, die in der Gegend gezählt wurden. 1797 lebten rund 300 Menschen in der Gemeinde. Im 19. Jahrhundert stieg die Bevölkerung kontinuierlich und erreichte zur Jahrtausendwende ihren Höchststand, mit 2267 Einwohnern.
Besonderheiten
Am 1. Januar 2020 wechselte Campione d’Italia zum Zollgebiet der Europäischen Union. Weil der Gemeinde wegen des Konkurses des Spielcasinos die wichtigste Einnahmequelle wegbrach, konnte sie die vom Kanton Tessin erbrachten Dienstleistungen nicht mehr bezahlen. Am 30. Juni 2019 beliefen sich die Schulden von Campione gegenüber dem Kanton Tessin und privaten Firmen auf etwa fünf Millionen Franken.Hochverschuldetes Campione kann erste Schulden abtragen. In: St. Galler Tagblatt (online), 24. Juli 2019 Zur Schuldentilgung bewilligte das italienische Parlament einen Kredit von umgerechnet 5,5 Millionen Franken. Der Kanton Tessin hatte Druck auf Italien ausgeübt, indem er zunächst die Überweisung von 3,8 Millionen Franken Quellensteuern blockierte. Gemäß einer Ende 2019 getroffenen Vereinbarung zwischen Italien und der Schweiz werden Dienstleistungen wie Müllentsorgung und Abwasserreinigung vorläufig weiterhin von Tessiner Unternehmungen ausgeführt. Die Campionesi mussten im Verlaufe des Jahres 2020 ihre Schweizer Kfz-Kennzeichen (Kontrollschilder) des Kantons Tessin mit dem Kürzel TI (Ticino) abgeben und sich in Italien neu anmelden. Auch der Führerschein musste binnen dieser Frist umgeschrieben werden.
Neben den italienischsprachigen Campionesi und einigen wenigen Schweizern leben im Ort als Folge der Personenfreizügigkeit in der Europäischen Union mehrere hundert Deutsche, nicht zuletzt aus steuerlichen Gründen. Darunter befinden oder befanden sich auch einige Prominente, z. B. der Schauspieler Mario Adorf.Wer dem Finanzamt entgehen will: Wohnen im Steuerparadies In: zeit.de #34/1970, abgerufen am 19. Februar 2023
mini|links|Blick von Campione über den See in die Schweiz mit Lugano am nördlichen Seeufer mini|Campione d’Italia. Historisches Luftbild von Werner Friedli (1963) Der Ort profitierte von speziellen Regelungen für Italiener auf Schweizer Gebiet. Die Fahrzeuge der Campionesi, auch diejenigen der Ortspolizei (polizia municipale), trugen bis Ende 2019 Autokennzeichen des Kantons Tessin.
Das Telefon-Festnetz ist fast ausschließlich schweizerisch (eine Ausnahme ist die Gemeindeverwaltung), was bedeutet, dass Anrufe aus Italien meistens mit der Vorwahl 0041 beginnen müssen und damit Auslandsgespräche sind. Die Mobilfunkversorgung in Campione wird durch Schweizer und seit 2020 auch durch italienische Mobilfunkanbieter gewährleistet. Die Gemeinde bildet eine der wenigen Ausnahmen, in denen ausländische Mobilfunksender auf italienischem Staatsgebiet gebaut werden durften. Campione hatte bis Ende 2019 ähnlich wie das deutsche Büsingen am Hochrhein sowohl eine schweizerische (6911) als auch eine italienische Postleitzahl (22061). In den Jahren von 1944 bis 1952 gab der Ort eigene Briefmarken aus, die großes philatelistisches Interesse hervorriefen (siehe Postgeschichte und Briefmarken von Campione d’Italia).
Der Kanton Tessin sorgt in Campione für Müllabfuhr, Abwasserreinigung, Anschluss an den öffentlichen Verkehr, Feuerwehr,«Campione d’Italia» – der umgekehrte Brexit. In: Echo der Zeit vom Radio SRF, ausgestrahlt am 21. Dezember 2019 Unterhalt der einzigen Zufahrtsstrasse über Bissone und die Benutzung schweizerischer Spitäler und Schulen durch die Einwohner von Campione. Dafür zahlt die Gemeinde jährlich eine sechsstellige Summe an die Schweiz.
Wirtschaft Campione ist wirtschaftlich stark in die Schweiz integriert. Der Euro ist die amtliche Währung und wird üblicherweise für Zahlungen verwendet. Vor der Integration in die europäische Zollunion war der Schweizer Franken gängiges Zahlungsmittel.https://www.ubs.com/ch/de/private/accounts-and-cards/information/magazine/2019/the-new-100-franc-note.htmlTessiner Regierungsrat will italienisches Dorf einschweizern. Auf SRF News, 17. September 2019
mini|Das markante Casinogebäude am Ufer des Luganersees bei Nacht Im Jahre 1917, also im Ersten Weltkrieg, wurde in Campione die erste Spielbank eröffnet. Der Hintergedanke war, auf „neutralem Territorium“ ausländischen Diplomaten in entspannter Atmosphäre militärische Geheimnisse zu entlocken. Früher profitierte Campione in hohem Maße von seiner Spielbank, deren neues Gebäude für 82,5 Millionen Schweizer Franken (50 Millionen Euro) am 9. Mai 2007 eröffnet wurde. Es handelt sich um das größte Casino Europas, gestaltet vom bekannten Schweizer Architekten Mario Botta. Im Juli 2018 ging dieses Casino in Konkurs, weil sich vor allem seit der Aufhebung des Euro-Mindestkurses 2015 Verluste von 132 Mio. Euro angehäuft hatten.Peter Jankovsky: Rien ne va plus im Roulette-Dorf. In: Neue Zürcher Zeitung vom 1. September 2018. 500 Casinoangestellte und 100 Gemeindeangestellte verloren ihre Stelle. Am 26. Januar 2022 wurde die Spielbank mit deutlich reduziertem Personalbestand wieder eröffnet. Es gibt in Italien nur drei weitere Spielbanken (in Sanremo, Venedig und Saint-Vincent (Aostatal)). Die Gesetze für Spielhallen sind in Campione weniger streng als im Rest Italiens oder in der Schweiz.