Die Kommission für Zeitgeschichte e. V. ist eine außeruniversitäre Forschungseinrichtung zur Dokumentation und Erforschung der Geschichte des deutschen Katholizismus im 19. und 20. Jahrhundert. Dazu veröffentlicht sie zeitgeschichtliche Quellen (Editionen) und wissenschaftliche Untersuchungen (Dissertationen, Habilitationsschriften). Die Edition der „Akten deutscher Bischöfe“ zählt zu den renommierten Grundlagenforschungen der Geschichtswissenschaft in Deutschland. Darüber hinaus nimmt die Kommission für Zeitgeschichte Aufgaben nationaler und internationaler Forschungskoordination wahr, sie entwickelt und vernetzt Forschungsprojekte zur kirchlichen Zeitgeschichte und begleitet aktuelle thematische Brennpunktthemen durch ergänzende Recherchen und Studien.

Organisation Die 1962 gegründete Kommission für Zeitgeschichte e. V. ist ein freier Zusammenschluss von katholischen Persönlichkeiten aus Wissenschaft, kirchlichem und öffentlichem Leben. Sie besteht aus einem Trägerverein, einer Wissenschaftlichen Kommission und einer Geschäfts- und Forschungsstelle. Der Verein verfolgt den Zweck, wissenschaftliche Forschungen zur Geschichte des deutschen Katholizismus zu betreiben, zu fördern und zu veröffentlichen. Dazu betraut er ein interdisziplinär besetztes Gremium unabhängiger Fachwissenschaftler aus Geschichtswissenschaft, Politikwissenschaft und Theologie (die Wissenschaftliche Kommission) mit der Beratung von Forschungsvorhaben und der Prüfung von Manuskripten.

Die Forschungsstelle der Kommission für Zeitgeschichte befindet sich seit dem 1. März 2026 am Lehrstuhl für Kirchengeschichte des Mittelalters und der Neuzeit an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Ruhr-Universität Bochum.

Gründung und Geschichte Zeitgeschichtsforschung in der Bundesrepublik Deutschland bedeutete zunächst Erforschung des Nationalsozialismus und seiner Vorgeschichte. Der Wunsch, den nationalsozialistischen Kirchenkampf zu erforschen, gab auch den Anstoß zur Gründung der Kommission für Zeitgeschichte. Vier unterschiedliche Impulse leiteten seit Mitte der 1950er Jahre eine personelle Vernetzung und programmatische Entwicklung der zeitgeschichtlichen Katholizismusforschung einZu den Einzelheiten und zum folgenden vgl. R. Morsey, Gründung und Gründer der Kommission für Zeitgeschichte 1960–1962, in: Historisches Jahrbuch 115 (1995), S. 453–485.:

a) Aus dem Umfeld der CDU und des politischen Katholizismus unterstützten Heinrich Krone und Johannes Schauff eine Gesamtdarstellung des Kirchenkampfes und entwickelten die Idee einer von Fachhistorikern besetzten zentralen Archivierungs- und Beratungsstelle.

b) In einem Kreis von Historikern, die Prälat Wilhelm Böhler wegen der juristischen Auseinandersetzungen über die Gültigkeit des Reichskonkordates (Urteil BVerfG 1957) versammelt hatte, entstanden Pläne für ein „Institut zur Erforschung der Geschichte des Katholischen Deutschland im 18. und 19. Jahrhundert“.

c) Im Sommer 1960 konkretisierten Ernst Deuerlein und Rudolf Morsey zusammen mit dem Mainzer Grünewald-Verlag die konzeptionelle Blaupause für die Veröffentlichung von Quellen, Forschungen und Lebensbildern zur Geschichte des deutschen Katholizismus im 19. und 20. Jahrhundert.

d) Die im Juli 1960 veröffentlichte bahnbrechende Studie Rudolf Morseys über den Untergang der Zentrumspartei bildete schließlich den Anstoß für eine Anfang Mai 1961 vom Direktor der Katholischen Akademie in Bayern, Monsignore Karl Forster, organisierte Zeitzeugentagung „Die deutschen Katholiken und das Schicksal der Weimarer Republik“ in Würzburg.

Die Initiative von katholischen Historikern (Dieter Albrecht, Rudolf Morsey, Konrad Repgen) und das Interesse von katholischen Persönlichkeiten des kirchlichen und öffentlichen Lebens (Msgr. Karl Forster, Heinrich Krone, Johannes Schauff) führten im September 1962 zur Gründung der „Kommission für Zeitgeschichte bei der Katholischen Akademie in Bayern“. Den wissenschaftlichen Vorsitz übernahm der Historiker Konrad Repgen.

Von 1972 bis 2026 hatten die „Kommission für Zeitgeschichte e.V.“ und ihre Geschäfts- und Forschungsstelle ihren Sitz in Bonn. Ihr war ein Archiv mit Beständen kirchennaher Organisationen und mit Nachlässen historischer Persönlichkeiten angegliedert. Die in über 50 Jahren systematisch ausgebaute Spezialbibliothek umfasste ca. 33.000 Bände zur Geschichte von katholischer Kirche und Katholizismus in Deutschland und Europa sowie mehr als 50 laufende wissenschaftliche Fachzeitschriften.Homepage Kommission für Zeitgeschichte

Forschung Das Forschungsinteresse richtet sich auf die soziale und politische Wirksamkeit des deutschen Katholizismus von seinen Anfängen im 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Dabei ist der Erfahrungsraum der Mitlebenden immer mit eingeschlossen: zunächst die Zeit nach 1945 und im vereinigten Deutschland speziell auch die Geschichte des Katholizismus in der DDR. Thematisch und methodisch greifen die historischen Forschungen politik- und institutionsgeschichtliche, kirchengeschichtliche sowie kulturgeschichtliche Fragestellungen auf.

In 16 Bänden „Akten deutscher Bischöfe“ sind für die Jahre 1871 bis 1945 über 4.800 Dokumente kommentiert und veröffentlicht. Es sind dies die Akten der Fuldaer Bischofskonferenz von 1871 bis 1918 Akten deutscher Bischöfe über die Lage der Kirche 1918–1933 Akten deutscher Bischöfe über die Lage der Kirche 1933–1945 sowie ergänzend die Akten Michael Kardinal von Faulhabers 1917–1952 Akten, Briefe und Predigten Bischof Clemens August Graf von Galens 1933–1945

Seit 2006 liegt auch eine kommentierte Quellenauswahl „Katholische Kirche und Nationalsozialismus 1930–1945“ für den Unterricht an Schulen und Universitäten vor.Hubert Gruber, Katholische Kirche und Nationalsozialismus 1930–1945. Ein Bericht in Quellen, Paderborn: Schöningh 2006.

Die „Akten deutscher Bischöfe seit 1945“ setzen die Reihe der Editionen über das Dritte Reich hinaus fort. Dokumentiert wird das Denken und Handeln der deutschen Bischöfe parallel für die Besatzungszonen in West und Ost bzw. die Bundesrepublik und die DDR. Von dem auf sieben Bände angelegten Vorhaben sind sechs erschienen, und zwar zur Besatzungszeit 1945–1947 (bearb. v. Ulrich Helbach, 2012), zu den Westlichen Besatzungszonen und zur Gründung der Bundesrepublik 1948/49 (bearb. v. Annette Mertens, 2010) sowie zur Bundesrepublik Deutschland 1950–1955 (bearb. v. Annette Mertens, 2017) und 1956–1960 (bearb. v. Heinz Hürten, 2012); außerdem zur DDR 1951–1957 (bearb. v. Christoph Kösters, 2012) und 1957–1961 (bearb. v. Thomas Schulte-Umberg, 2006). Der Band zur SBZ und frühen DDR 1945–1950 (bearb. v. Petra Heinicker) befindet sich in Vorbereitung. Insgesamt stehen der Zeitgeschichtsforschung aktuell 2.025 edierte Dokumente zur deutsch-deutschen Geschichte des Katholizismus von 1945 bis 1961 zur Verfügung.

Mitglieder der Wissenschaftlichen Kommission (Stand: August 2026) Quelle: Kommission für Zeitgeschichte

Thomas Brechenmacher, Potsdam (Vorsitzender) Claus Arnold, Mainz Birgit Aschmann, Berlin Mariano P. Barbato, Passau/Münster Winfried Becker, Passau Florian Bock, Bochum Katrin Boeckh, Regensburg Günter Buchstab, St. Augustin Dominik Burkard, Würzburg Wilhelm Damberg, Bochum Klaus Große Kracht, Hamburg Andreas Holzem, Tübingen Michael Kißener, Mainz Hans-Michael Körner, München Ferdinand Kramer, München Christian Kuchler, Aachen Antonius Liedhegener, Luzern Ursula Münch, Tutzing u. München Gisela Muschiol, Bonn Nicole Priesching, Paderborn Markus Raasch, Mainz Mark Edward Ruff, St. Louis Thomas Scharf-Wrede, Hildesheim Jörg Seiler, Erfurt Martina Steber, München/Augsburg Dietmar Süß, Augsburg Christian Waldhoff, Berlin Monika Wienfort, Potsdam Walter Ziegler, München

Ehemalige Mitglieder (Auswahl) Urs Altermatt, Freiburg/Schweiz Ernst Deuerlein, Dillingen/München (†) Klaus Gotto, Bonn (†) Thomas Großbölting, Hamburg (†) Ulrich von Hehl, Leipzig Hans Günter Hockerts, München Heinz Hürten, Ingolstadt (†) Heinrich Krone, Bonn (†) Hans Maier, München (†) Heinrich Oberreuter, Passau Hugo Ott, Freiburg (†) Josef Pilvousek, Erfurt Anton Rauscher SJ, Mönchengladbach (†) Konrad Repgen, Bonn (†) Andreas Rödder, Mainz Joachim Schmiedl, Vallendar (†) Karl Schmitt, Jena Norbert Trippen, Köln (†) Hubert Wolf, Münster

Publikationen Die Forschungsergebnisse werden in einer eigenen wissenschaftlichen Reihe, den „Veröffentlichungen der Kommission für Zeitgeschichte“ (VKZG) publiziert, welche nach der Farbe des Einbandes auch „Blaue Reihe“ genannt wird. Die Veröffentlichungen erscheinen in zwei Abteilungen, Reihe A: Quellen und Reihe B: Forschungen. Die Bände wurden zunächst vom Matthias Grünewald-Verlag in Mainz und danach von 1995 bis 2016 vom Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn, verlegt. Seitdem werden sie vom Brill-Verlag in Leiden veröffentlicht. Seit 1965 sind weit über 200 Veröffentlichungen zur Geschichte des deutschen Katholizismus erschienen, darunter 60 Quellenbände.Homepage Kommission für Zeitgeschichte

Literatur Thomas Brechenmacher / Frank Kleinehagenbrock / Claudia Lepp / Harry Oelke (Hrsg.), Kirchliche Zeitgeschichte. Bilanz – Fragen – Perspektiven (Arbeiten zur Kirchlichen Zeitgeschichte. Reihe B: Darstellungen, Bd. 83), Göttingen 2021. Antonia Leugers, August H. Leugers-Scherzberg, Lucia Scherzberg: Die Wahrheitsmacher. Ludwig Volk und die Kommission für Zeitgeschichte 1962-1984, Darmstadt 2021 (theologie.geschichte, Beiheft 11). ISBN 978-3-534-40631-9 Wilhelm Damberg / Karl-Joseph Hummel (Hrsg.): Katholizismus in Deutschland. Zeitgeschichte und Gegenwart, (Veröffentlichungen der Kommission für Zeitgeschichte, Reihe B: Forschungen, Bd. 130), Paderborn 2015, ISBN 978-3506780782 Olaf Blaschke: Geschichtsdeutung und Vergangenheitspolitik. Die Kommission für Zeitgeschichte und das Netzwerk kirchenloyaler Katholizismusforscher 1945–2000. In: Thomas Pittrof, Walter Schmitz (Hrsg.): Freie Anerkennung übergeschichtlicher Bindungen. Katholische Geschichtswahrnehmung im deutschsprachigen Raum des 20. Jahrhunderts. rombach catholica, Freiburg 2009, ISBN 978-3-7930-9600-9, S. 479–521. Winfried Becker: Verdrängung, Erinnerung und historische Aufarbeitung bei einigen gesellschaftlichen Protagonisten: katholische Kirche. In: Christiane Liermann u. a. (Hrsg.): Vom Umgang mit der Vergangenheit / Come affrontare il passato? de Gruyter, Tübingen 2007, S. 129–160. Karl-Joseph Hummel (Hrsg.): Zeitgeschichtliche Katholizismusforschung. Tatsachen – Deutungen – Fragen. Eine Zwischenbilanz (= Veröffentlichungen der Kommission für Zeitgeschichte, Reihe B: Forschungen. Bd. 100). 2. Auflage, Schöningh, Paderborn u. a. 2006, ISBN 3-506-71339-6. Rudolf Morsey: Gründung und Gründer der Kommission für Zeitgeschichte 1960–1962. In: Historisches Jahrbuch 115 (1995), S. 453–485. Ulrich von Hehl, Konrad Repgen (Hrsg.): Der deutsche Katholizismus in der zeitgeschichtlichen Forschung. Grünewald, Mainz 1988, ISBN 3-7867-1393-6.

Weblinks Kommission für Zeitgeschichte Veröffentlichungen der Kommission für Zeitgeschichte Verlag Brill, Leiden (NL), Veröffentlichungen der Kommission für Zeitgeschichte, Reihe A: Quellen: https://brill.com/display/serial/VKZA Reihe B: Forschungen: https://brill.com/display/serial/VKZB

Einzelnachweise

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