Tuna el-Gebel (, altägyptisch Ta-henet, griechisch Θῦνις) ist ein Dorf in Mittelägypten (Ägypten) im Gouvernement al-Minya auf der Westuferseite des Nils, 15 km nordwestlich von Mallawi und 10 km westlich von el-Aschmunein. Südwestlich des Dorfes erstreckt sich am Wüstenrand über 7 km von Norden nach Süden der gleichnamige Friedhof, der vom Neuen Reich bis in die Spätantike genutzt wurde.
Hintergrund Tuna el-Gebel ist der Friedhof der antiken Metropole Hermopolis Magna (Hermupolis) (altägyptisch Chemenu, heute el-Aschmunein). Hermopolis Magna war die Hauptstadt des 15. oberägyptischen Gaues (Hasengau) und Kultzentrum des Gottes Thot.
mini|Tuna el-Gebel, Grab des Petosiris (2004)
3,5 km nördlich der ptolemäisch-römischen Nekropole und der Tiergalerien liegen die Gräber des Neuen Reiches, von der zahlreiche, über viele Museen verteilte Denkmäler stammen. Die Oberbauten des Friedhofes sind heute verschwunden. In der 3. Zwischenzeit verlagerte sich der Friedhof allmählich nach Süden.
Eine in den Fels des Westgebirges gehauene Stele Echnatons (Amenophis’ IV.) markierte einst die nordwestlichste Grenze seiner neu gegründeten Hauptstadt Achetaton (Tell el-Amarna).
Ab der 26. Dynastie wurden unterirdische Galerien in die Felswand des Westgebirges angelegt und Ibis- sowie Pavianmumien darin beigesetzt. Die beginnende Ptolemäerzeit leitete eine Blütezeit der Tiernekropole ein, denn um 310 und 250 v. Chr. wurden die Galerien nochmals erweitert. Die Ablage von Mumien heiliger Tiere in den Galerien wurde im 1. Jahrhundert n. Chr. eingestellt.
Südlich der Tiergalerien erstreckt sich eine große Nekropole. Die ältesten erhaltenen Grabbauten entstanden im späten 4. Jh. v. Chr. wie das bekannteste und am besten erhaltene Grab des Petosiris. Die Nekropole wurde bis zum Ende des 3. Jhs. n. Chr. genutzt. Darüber hinaus gibt es Spuren einer spätantiken Nachnutzung der Grabgebäude zu profanen Zwecken.Katja Lembke, Clementina Caputo, Ercan Erkul, Rex Haberland, Rebecca Mecking, Wolfgang Rabbel, Jenny H. Schlehofer, Harald Stümpel, Katharina Westphalen: Von der Nekropole zum Siedlungsplatz. Bericht über die Grabungskampagnen 2018 und 2019 in der Petosiris-Nekropole von Tuna el-Gebel. In: Archäologischer Anzeiger. Ausgabe 2020/1, S. 172–223.
Im Norden der Nekropole entstand später das koptische Kloster Deir Nazlet Tuna.
Forschungsgeschichte Günter Grimm, Dieter Kessler und Katja Lembke stellen den Stand der Erforschung von Tuna el-Gebel seit 1913 dar.Günter Grimm: Tuna el-Gebel 1913-1973. Eine Grabung des deutschen Architekten Walter Honroth und neuere Untersuchungen in Hermopolis-West (Tanis Superior). In: Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Abteilung Kairo. Band 31, von Zabern, Mainz 1975, S. 221–236. / Dieter Kessler: Die Galerie C von Tuna. Forschungsstand bis 1983. In: Joachim Boessneck: Tuna el-Gebel I. Die Tiergalerien. In: Hildesheimer Ägyptologische Beiträge. (HÄB) Band 24, Gerstenberg, Hildesheim 1987, S. 1–36. / Katja Lembke: Die Petosiris-Nekropole von Tuna el-Gebel. Kapitel 1.2. Forschungsgeschichte. In: Katja Lembke, Silvia Press (Hrsg.), Die Petosiris-Nekropole von Tuna el-Gebel. Band I (= Tuna el-Gebel. Band 6), Vaterstetten 2015, S. 3–5.
Erste Grabungen in Tuna el-Gebel führte André Gombert 1902/03 im Auftrag des Institut français d’archéologie orientale durch. Im Januar 1913 unternahm der Regierungsbaumeister Walter Honroth im Rahmen der Amarna-Mission der Deutschen Orient-Gesellschaft eine kurze Untersuchung der römerzeitlichen Grabbauten in der Nähe der Grenzstelen Echnatons.Ludwig Borchardt: Ausgrabungen in Tell el Amarna 1912/13. In: Mitteilungen der Deutschen Orient-Gesellschaft. Band 52, 1913, S. 51–54. / Jana Helmbold-Doyé: Die Grabung Der Deutschen Orient-Gesellschaft (DOG) unter der Leitung von Walter Honroth (12.01.-22.01.1913). In: Katja Lembke, Silvia Prell (Hrsg.): Die Petosiris-Nekropole von Tuna el-Gebel Band I (= Tuna el-Gebel. Band 6). Vaterstetten 2015, S. 18–93. Ende 1919 nahm der ägyptische Service des Antiquités Kenntnis von dem berühmten Grab des Petosiris, das im Jahr darauf von Gustave Lefebvre freigelegt und wenig später publiziert wurde.Gustave Lefebvre: Le Tombeau de Petosiris I-III. Kairo 1923-1924. Zwischen 1931 und 1952 legte die Universität Kairo unter der Leitung von Sami Gabra einen zentralen Teil der ptolemäischen und römischen Nekropole um das Grab des Petosiris frei und erforschte die unterirdische Tiernekropole.Sami Gabra: Rapport préliminaire sur les fouilles de l’université égyptienne à Touna (Hermopolis Quest). Secteur Est (= Annales du Service des Antiquités de l'Égypte. Band 32), 1932, S. 72–77. / Sami Gabra, Étienne Drioton, Paul Perdrizet, William Gillian Waddell: Rapport sur les Fouilles d’Hermoupolis Ouest (Touna al Gebel). Kairo 1941; Sami Gabra, Étienne Drioton: Peintures à fresques et scènes peintes à Hermoupolis-Ouest (Touna el-Gebel). Kairo 1954. / Sami Gabra: Chez les derniers adorateurs du Trismégiste: la nécropole d’Hermopolis – Touna el-Gebel. Souvenir d’un archéologue. Kairo 1971. Nach 1949 setzte Alexander Badawy die Grabungen bei dem Tempel mit der Saqiya und im südöstlichen Teil der Nekropole fort, wo er u. a. die 'Graffiti Chapel' freilegte, die heute nicht mehr erhalten ist.Alexander Badawy: Le grand temple Gréco-Romain à Hermoupolis Ouest. In: Chronique d’Égypte. Band 62, 1956, S. 257-266. / Alexander Badawy: The Cemetery at Hermoupolis West: A Fortnight of Excavation. In: Archaeology. Band 11, 1958, S. 117-122. / Alexander Badawy: Une campagne de fouilles dans la nécropole d’Hermoupolis-Ouest. In: Revue archéologique. Band 1, 1960, S. 91–101.
Seit den 1970er Jahren arbeiten zwei deutsche Teams in Tuna el-Gebel. Die unterirdischen Tiergalerien und oberirdischen Strukturen im nördlichen Bereich der Nekropole wurde unter der Leitung von Dieter Kessler (Universität München) untersucht. Die menschliche Nekropole im südlichen Bereich dagegen wurde unter der Leitung von Günter Grimm (DAI Kairo, Universität Trier) erforscht. Zwischen 1972 und 1974 unternahmen Günter Grimm und Dieter Johannes im Auftrag des Deutschen Archäologischen Institutes eine Dokumentation der von Sami Gabra ausgegrabenen Grabbauten der ptolemäisch-römischen Nekropole und der Objekte im Altertümermuseum in Mallawi.Günter Grimm: Tuna el Gebel 1913-1973. Eine Grabung des deutschen Architekten W. Honroth und neuere Untersuchungen in Hermopolis-West (Tanis Superior). In: Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Abteilung Kairo. Band 31, 1975, S. 221–236. Nach 1975 führten Günter Grimm, Bernd Harald Krause und Michael Sabotta (Universität Trier) die Untersuchungen fort, wobei Michael Sabotta die Steingräber und Bernd Harald Krause die Lehmziegelbauten und ihre Dekorationen aufnahm.Michael Sabottka: Tuna el-Gebel – Grab des Djed-Thot-iw-ef-ankh – Vorbericht. In: Annales du Service des Antiquités de l'Égypte. Band 69, 1983, S. 147-151; Krause-Foto-Archiv in Arachne Auf: arachne.dainst.org. Seit 1989 erforscht eine joint mission des Institutes für Ägyptologie der Ludwig-Maximilians-Universität München und der Faculty of Archaeology der Universität Kairo die Tiergalerien sowie die dazugehörigen Kult- und Verwaltungsgebäude. Seit 2004 führt ein weiteres deutsches Team des Roemer- und Pelizaeus-Museum Hildesheim, seit 2011 des Niedersächsischen Landesmuseums Hannover, unter der Leitung von Katja Lembke die Arbeiten der Universität Trier fort.Jana Helmbold-Doyé: Tuna el-Gebel: Fundgruppen, Werkplätze und Öfen: Ein Zwischenbericht. In: Katja Lembke, Martina Minas-Nerpel, Stefan Pfeiffer (Hrsg.): Tradition and Transformation. Egypt under Roman Rule. Proceedings of the International Conference, Hildesheim, Roemer- and Pelizaeus-Museum, 3–6 July 2008. Brill, Leiden 2010, S. 133-148. / Katja Lembke, Jana Helmbold-Doyé, Christine Wilkening, Alexandra Druzynski von Boetticher, Claudia Schindler: Vorbericht über den Survey in der Petosiris-Nekropole von Hermupolis/Tuna el-Gebel (Mittelägypten) 2004–2006. In: Archäologischer Anzeiger. Ausgabe 2007/2, S. 71-127. / Katja Lembke: The Petosiris-Necropolis of Tuna el-Gebel. In: Katja Lembke, Martina Minas-Nerpel, Stefan Pfeiffer (Hrsg.): Tradition and Transformation. Egypt under Roman Rule. Proceedings of the International Conference, Hildesheim, Roemer- and Pelizaeus-Museum, 3–6 July 2008. Brill, Leiden 2010, S. 231-254. / Harald Stümpel, Christina Klein: Geophysikalische Prospektion. In: Katja Lembke, Silvia Prell (Hrsg.): Die Petosiris-Nekropole von Tuna el-Gebel Band I (= Tuna el-Gebel. Band 6), Vaterstetten 2015, S. 94-115. / Christine Wilkening-Aumann, Timo Meyer: Überlegungen zur baulichen Entwicklung der Petosiris-Nekropole in Tuna el-Gebel. In: Katja Lembke, Silvia Prell (Hrsg.): Die Petosiris-Nekropole von Tuna el-Gebel Band I (= Tuna el-Gebel. Band 6), Vaterstetten 2015, S. 116–183. Dazu gehören seit 2018 auch neue Ausgrabungen im südlichen Bereich der Petosiris-Nekropole im Rahmen des DFG-Projekts „Feiern mit den Toten. Raumkonzepte und Bestattungsrituale in der Petosiris-Nekropole von Tuna el-Gebel“. In diesem interdisziplinären Projekt arbeiten Archäologen des Niedersächsischen Landesmuseums Hannover, Geophysiker der Universität Kiel, Vermesser der Universität Cottbus-Senftenberg, Keramikspezialisten sowie Anthropologen, wie der Göttingerin Anthropologin Sarah Nöcker und Architekten zusammen.Katja Lembke, Clementina Caputo, Ercan Erkul, Rex Haberland, Rebekka Mecking, Wolfgang Rabbel, Jenny H. Schlehofer, Harald Stümpel, Katharina Westphalen: Von der Nekropole zum Siedlungsplatz. Bericht über die Grabungskampagnen 2018 und 2019 in der Petosiris-Nekropole von Tuna el-Gebel. In: Archäologischer Anzeiger. Ausgabe 2020/1, S. 172-223; Projekt-Website Auf: tuna-el-gebel.com.
Tiergalerien Seit der 26. Dynastie (um 600 v. Chr.) wurden unterirdische Galerien angelegt, in denen Paviane und Ibisse in Tongefäßen, später in Sarkophagen und Särgen, beigesetzt wurden (Galerie D). Die Galerien werden deshalb auch als Ibiotapheion bezeichnet. Die heiligen Tiere wurden auf einem Aufzuchtsplatz (Ibiotropheion) an einem damals existierenden See gehalten. Ab der Ptolemäerzeit hat es wohl mehrere Ibiotropheia in der Nähe der Galerien gegeben. Tuna el-Gebel war vom 6. bis zum 4. Jahrhundert v. Chr. der einzige Bestattungsplatz für heilige Ibisse in Ägypten. Demotische Papyri belegen, dass deshalb Ibisse aus ganz Ägypten zur Bestattung nach Tuna el-Gebel gebracht wurden.El-Hussein Omar M. Zaghloul: Frühdemotische Urkunden aus Hermupolis. In: Bulletin of the Center of Papyrological Studies. Nr. 2, Ain Shams University, 1985. Auch wenn überwiegend Ibisse bestattet wurden, fanden sich Überreste vieler anderer Tiere in den Galerien.