Als Misandrie (von griechisch ‚Hass‘ und ‚Mann‘, Genitiv ), Männerfeindlichkeit oder Männerhass wird eine Abneigung gegen, eine Verachtung für oder eine Reihe Vorurteile über Männer bezeichnet. Lexikalisch tauchte der Ausdruck Misandrie am Anfang des 19. Jahrhunderts auf.

In der Kulturanthropologie findet der Begriff – im Gegensatz zu Misogynie – kaum Anwendung, da es in traditionellen Kulturen so gut wie keine institutionalisierte Feindseligkeit gegenüber der Gesamtheit der Männer gäbe. Kritisiert wird der Begriff, da er aus antifeministischen Gründen von der Männerrechtsbewegung popularisiert worden sei und seine Verwendung damit frauenfeindliche Deutungsmuster transportiere.

Begriffsgeschichte Der Ausdruck Misandrie wurde im späten 19. Jahrhundert erstmals verwendet. Seit den 1980ern taucht er vermehrt in der Literatur auf, unter anderem in Representations von der University of California Press, aber auch in Literatur der Männerrechtsbewegung. Eine Studie von Alice Marwick, die Online-Diskurse wie Online-Foren, Blogs und das Usenet auswertete, kam zu dem Ergebnis, dass der Begriff zunächst in den 1990er-Jahren nahezu ausschließlich innerhalb der sogenannten Manosphere, zu der die Männerrechtsbewegung gehört, verwendet worden sei, allerdings war die Netzgemeinde gerade in der Anfangszeit des Internets noch nicht repräsentativ für die Bevölkerung. Seit Mitte der 2000er Jahre wurde der Ausdruck online in ironischer Weise auch von feministischen Bloggern aufgegriffen. Auch in populären Medien wurde der Begriff später zunehmend verwendet.

Misandrie als politischer Kampfbegriff Der Ausdruck wird bis heute polemisch und undifferenziert in antifeministischen Diskursen und innerhalb der Männerrechtsbewegung als Kampfbegriff verwendet, der sich gegen Feminismus richtet und diesen mit Männerhass verknüpft.Marjorie B. Garber: Bisexuality and the Eroticism of Everyday Life. Routledge, New York 2000, ISBN 0-415-92661-0, S. 44. In der antifeministischen Verwendung des Begriffs werden nach Ansicht von Rolf Pohl soziologisch undifferenziert und theoretisch unfundiert „historische Kontexte systematisch entweder vernachlässigt, umgedeutet oder monokausal, mit klaren Schuldzuweisungen verkürzt“. Alice Marwick kritisiert, dass die unkritische Verwendung des Begriffs Misandrie die intrinsisch misogynen Frames der Manosphere mitbringe, wo der Begriff anfangs primär verwendet wurde, um diejenigen abzuwerten, die den strukturellen Sexismus überwinden wollten.

Die Alternative für Deutschland bezeichnete sich in einer kleinen Anfrage im Bundestag besorgt vor einer Spaltung der deutschen Gesellschaft durch Misandrie. Thomas Gesterkamp sah darin, in Kombination mit der Anti-Gleichstellungs-Rhetorik der Partei, ein Zeichen der Radikalisierung.

Argumente gegen die Gleichsetzung mit Misogynie Marc Oulette argumentiert, dass Misandrie (Männerfeindlichkeit) nicht mit Misogynie (Frauenfeindlichkeit) gleichzusetzen sei, da der Misandrie nicht die systematische, transhistorische, institutionalisierte und gesetzlich verankerte Feindseligkeit der Misogynie innewohne. Stattdessen gelte es, Diskriminierung aufzudecken, die sich gegen bestimmte marginalisierte Männlichkeiten richte. Auch Luca Di Blasi hält den Einsatz gegen einen antimännlichen Sexismus zwar für sinnvoll, warnt aber vor einer Fixierung darauf und vor einer „reaktionären Ressentimentbildung“, die Gleichstellungsbemühungen mit Diskriminierung verwechsle. Der US-amerikanische Soziologe Allan Johnson gibt zu Bedenken, dass sexistische Vorurteile gegenüber Männern nicht mit frauenfeindlichen Vorurteilen vergleichbar seien, da diese „unterschiedliche soziale Grundlagen und sehr unterschiedliche Folgen haben“. Naomi Schor, Michael Kimmel und David Gilmore sprechen sich ebenfalls gegen eine Gleichsetzung von Misogynie und Misandrie aus, da diese die über Jahrhunderte andauernde Benachteiligung von Frauen ausblende.

Debatte um Misandrie in der Populärkultur und Gesellschaft 2001 gaben die Religionswissenschaftler Paul Nathanson und Katherine K. Young die Untersuchung Spreading Misandry: Teaching Contempt for Men in Popular Culture heraus. Sie konstatierten darin eine in der Populärkultur und in Teilen der Elitenkultur weit verbreitete Misandrie. Ebenso wie die Misogynie werde die Misandrie kulturell propagiert, im Gegensatz zur Misogynie werde Misandrie jedoch als legitim betrachtet und nicht als problematisch wahrgenommen. Die Grundannahme der Menschlichkeit von Männern sei durch Unwissenheit und Vorurteile unterminiert worden.Paul Nathanson, Katherine R. Young: Spreading Misandry: The Teaching of Contempt for Men in Popular Culture. McGill-Queen’s University Press, Harper Paperbacks, Montreal 2001, ISBN 978-0-7735-3099-7, S. 5. Ihre Arbeit habe jedoch nicht den Anspruch einer empirischen Studie erhoben, dazu hätten ihnen die Mittel gefehlt.Paul Nathanson, Katherine K. Young: Legalizing misandry: from public shame to systemic discrimination against men. McGill-Queen’s Press, 2006, S. 329–330. Sie hätten vielmehr gefordert, dass eine empirisch fundierte Studie mit der Fragestellung von Misandrie in den Medien durchgeführt werden müsse.

In seiner Studie Media and Male Identity: the Making and Remaking of Men (2006) beschäftigt sich der australische Medienforscher Jim R. Macnamara mit Nathansons und Youngs Thesen und widmet sich den dabei verbliebenen Forschungslücken. Seine eigene empirische Forschung bestätige und übertreffe die Ergebnisse von Nathanson und Young. Männer würden in den modernen angloamerikanischen Medien weitgehend dämonisiert, marginalisiert, trivialisiert und objektifiziert. Männlichkeit werde weithin als das angeborene und kulturell Böse präsentiert. 70 Prozent der Darstellungen seien negativ, 80 Prozent unvorteilhaft. Positives werde bei Männern meist als „weibliche Eigenschaft“ dargestellt. Seine Analyse zeige, dass die Diskriminierung aufgrund des Geschlechts in Sprache und Diskurs sich umgekehrt habe oder zumindest nunmehr beide Geschlechter betreffe. Die gesellschaftlichen Folgen müssten noch erforscht werden, jedoch sei die zunehmende Bedeutung der Massenmedien in gegenwärtigen Gesellschaften naheliegend.

Der Soziologe Michael Kimmel widersprach jedoch 2013 dieser Darstellung. Ein Großteil der von Nathanson und Young festgestellten Misandrie sei in Wirklichkeit eine Kritik am Patriarchat, also an einem bestimmten Verhalten von Männern wie einem „aufgeblasenen Anspruchsdenken“ oder einem „arroganten Getöse“. Daraus jedoch eine „Dämonisierung von Männern“ abzuleiten, zeuge von einer falschen Interpretation der Kulturprodukte und von falschen Annahmen über die Wirkung bei den Zuschauern. Die Arbeit von Nathanson und Young sei – wie andere Arbeiten des „Male Studies Enterprise“ – von geringem akademischem Wert und habe deshalb in der Fachwelt kaum Anklang gefunden.

In seiner Dissertation Das unmoralische Geschlecht – Zur Geburt der Negativen Andrologie analysiert der Soziologe Christoph Kucklick die Entstehungsgeschichte der modernen Männlichkeit und des von ihm behaupteten negativen Männerbildes. These dieser Dissertation ist, dass das Stereotyp vom unmoralischen, gewalttätigen, sexuell unersättlichen Mann weit vor dem modernen Feminismus entstanden sei, nämlich um 1800 zu Beginn der Moderne durch bürgerliche Denker wie John Millar, Johann Gottlieb Fichte, Wilhelm von Humboldt.Christoph Kucklick: Das unmoralische Geschlecht – Zur Geburt der Negativen Andrologie. Suhrkamp, 2008, ISBN 978-3-518-12538-0 („In Männern fixiert die Moderne ihre Ressentiments gegen sich selbst.“ S. 13). Ruben Marc Hackler: Rezension zu: Kucklick, Christoph: Das unmoralische Geschlecht. Zur Geburt der Negativen Andrologie. Frankfurt am Main 2008. In: H-Soz-Kult. 5. März 2010, abgerufen am 12. Juni 2017.siehe auch: Christoph Kucklick: Das verteufelte Geschlecht. In: Die Zeit. Nr. 16, 2012 (online, archiviert vom Original am 20. April 2012, abgerufen am 12. Juni 2017). Der männliche Selbstzweifel, wie er eben durch diese Autoren mit geschürt worden sei, habe die Wende zu einer die Moderne mitkonstituierenden Geschlechtsheterarchie gebracht, zu einer komplexeren Zwischen-Geschlechter-Beziehung als der simplen Hierarchie, wie sie zum Beispiel durch Bourdieus Theorie des männlichen Habitus vertreten werde.

Kucklick sieht die Entstehung des negativen Männerbildes als Folge einer Verunsicherung, die mit der Transformation von einer durch Schichten geprägten Gesellschaft zu einer funktional differenzierten Gesellschaft verbunden war. Der Philosoph Luca Di Blasi hält diese These für „wenig plausibel“ und schlägt stattdessen einen Zusammenhang mit der Massenalphabetisierung im 18. Jahrhundert vor, die dazu führte, dass auch Frauen vermehrt Lesen lernten und somit als Zielgruppe relevanter wurden. Mit dem negativen Mannesbild hätten die Gelehrten der damaligen Zeit „mit Zustimmung und Verkaufserfolgen bei den von gesellschaftlicher Teilhabe weitgehend ausgeschlossenen Frauen rechnen“ können. Gerade weil Männer gesellschaftlich privilegiert gewesen seien, sei eine offen negative Darstellung möglich gewesen.

Der Politologe Thomas Gesterkamp schrieb 2012, es habe „in den letzten zwanzig Jahren (…) eine Art kulturelle Umdeutung des Mannes vom geachteten Ernährer zum verspotteten Deppen stattgefunden“. Die „sexuelle Denunziation von Männern“, bei der die Unterhaltungsindustrie eine wichtige Rolle gespielt habe, habe aber inzwischen ihren Höhepunkt überschritten.Thomas Gesterkamp: Jenseits von Feminismus und Antifeminismus. Plädoyer für eine eigenständige Männerpolitik. In: Markus Theunert (Hrsg.): Männerpolitik. Was Jungen, Männer und Väter stark macht. Springer VS, Wiesbaden 2012, ISBN 978-3-531-18419-7, S. 66. Außerdem lasse sich aus der satirischen Abwertung von Männlichkeit „nicht gleich eine ,etablierte Misandrie‘, also ein allgemeiner Männerhass im Kulturbetrieb ableiten.“

Intersektionale Analysen Während es zwar so gut wie keine institutionalisierte Unterdrückung gegenüber der Gesamtheit der Männer gibt, können Männer, die gleichzeitig marginalisierten Gruppen angehören, durchaus auf geschlechtsspezifische Weise von Diskriminierung betroffen sein. Im Rahmen von intersektionalen Analysen werden diese sichtbar gemacht.

„Black Misandry“ Intersektionale Analysen nennen die Diskriminierung, der Schwarze Männer und Jungen in den USA ausgesetzt sind, „Black misandry“. Diese bezeichnet eine übermäßige pathologische Aversion gegenüber Schwarzen Männern, die durch gesellschaftliche, institutionelle und individuelle Ideologien, Praktiken und Verhalten erzeugt und verstärkt werde. Sie rechtfertige und reproduziere Unterdrückung und Gewalt gegen Schwarze Männer und Jungen und äußere sich unter anderem durch deren Benachteiligung im Bildungssystem.

Transmisandrie Die Diskriminierung von trans Männern, die in geschlechtsspezifischer Weise von Transphobie betroffen sind, wird auch mit Transmisandrie bezeichnet, analog zum Ausdruck Transmisogynie. Ein Beispiel stellt die weitgehende mediale Unsichtbarkeit von Transmännern dar. Wobei jedoch darauf hingewiesen wird, dass Transmisandrie und Transmisogynie nicht symmetrisch zueinander sind und der Begriff teilweise als gegen Transfrauen gerichteter Kampfbegriff von transausschließenden Feministen gebraucht wird, um trans Männer und trans Frauen gegeneinander auszuspielen.

Vorwurf der Misandrie innerhalb des Feminismus