Die Wundbehandlung oder Wundversorgung ist die Reinigung und Versorgung von Wunden. Die Wundbehandlung umfasst Maßnahmen, wie die Wunddokumentation, das Wunddébridement und die Anwendung von Wundauflagen und Wundspüllösungen.
Eine Wundversorgung wird in ambulanten wie auch in stationären Einrichtungen unter anderen von Alten-, Gesundheits- und Krankenpflegern ausgeübt, die eine Fachweiterbildung als Wunddiagnostiker oder Wundtherapeuten abgeschlossen haben. Ziel ist es, eine Wundinfektion zu verhindern, eine rasche funktionserhaltende Regeneration des Gewebes zu fördern und Einschränkungen für den Patienten gering zu halten.
mini|hochkant=1.5|Moderne Wundauflagen
Geschichte der Wundversorgung Aus der Antike sind Darstellungen von Wundverbänden überliefert, die zum Teil einen Detailgrad aufweisen, der nahelegt, dass die Wundversorgung als professionelle Aufgabe verstanden wurde, nicht als spontane Maßnahme. Homer erwähnt in seiner "Ilias" mehrfach Wundversorgungen, die er als rationalen medizinischen Vorgang auf Basis einer etablierten Heilkunde beschreibt.Kurt Pollak: Wissen und Weisheit der Alten Ärzte. Die Heilkunde der Antike, Bechtermünz Verlag, Eltville am Rhein 1993, ISBN 3-86047-061-2, Seite 14–15 So ist auf der Schale des Sosias, die zur Antikensammlung Berlin gehört, eine entsprechende Szene aus dem Trojanischen Krieg dargestellt: Achilleus versorgt seinen Freund Patroklos, der offensichtlich eine Pfeilwunde im Oberarm hat, mit einem komplexen mehrlagigen Verband.Hans Schadewaldt: "Zur Geschichte des Wundverbandes" in Langenbeck’s Archives of Surgery 339, 573–585 (1975)
Antike Erste schriftliche Erkenntnisse zur systematischen Behandlung von Wunden sind ebenfalls aus der Antike überliefert. Der Arzt Hippokrates, der um 400 v. Chr. auf der Ägäisinsel Kos praktizierte, beschrieb die Wundversorgung unter den Gesichtspunkten der damals verbreiteten Vier-Elemente-Lehre, die er auf die Vorgänge im menschlichen Körper anwandte. Demnach sei eine feuchte Wunde mit einem krankhaften Zustand verbunden, während eine trockene Wunde auf eine fortschreitende Heilung hindeute.Joachim Dissemond, Knut Kröger (Hrsg.): Chronische Wunden. Diagnostik, Therapie, Versorgung, 2. Auflage, Urban & Fischer Verlag, München 2024, ISBN 978-3-437-25642-4, Seite 4–15 Bei der Wundreinigung setzte Hippokrates von Kos Alkohol in Form von Wein ein.Nicolai Guleke: Kriegschirurgie und Kriegschirurgen im Wandel der Zeiten. Vortrag gehalten am 19. Juni 1944 vor den Studierenden der Medizin an der Universität Jena. Gustav Fischer, Jena 1945, S. 14. Arbeiten und Ansichten des Hippokrates sind uns in erster Linie durch Erwähnungen in den Werken späterer Schriftsteller überliefert, unter denen sich mit Soranos von Ephesos und Galenos selbst zwei bedeutende griechische Mediziner befanden, die beide im zweiten Jahrhundert in Rom praktizierten. Von beiden sind Beschreibungen zahlreicher Wundverbände überliefert – Soranos listet 60 auf und Galenos, der hauptberuflich Gladiatoren versorgte, kam sogar auf 108.Hans Schadewaldt: "Zur Geschichte des Wundverbandes" in Langenbeck’s Archives of Surgery 339, 573–585 (1975) Galenos stützte sich im Wesentlichen auf die Vier-Säfte-Lehre, also die medizinische Umsetzung der Grundgedanken der Vier-Elemente-Lehre. Neben seiner Tätigkeit als Gladiatorenarzt in Rom und Pergamon, sowie als Leibarzt Mark Aurels, verfasste Galenos zahlreiche Texte, die unter anderen als lateinische Übersetzungen arabischer Schriften überliefert wurden. Im Jahr 1525 veröffentlichte der Verleger Aldo Manuzio die erste Gesamtausgabe von Galenos' Arbeiten in griechischer Sprache in Venedig. Diese sogenannte „Aldina“ wurde Grundlage der lateinischen Übersetzung „Juntina“, die im Jahr 1541 ebenfalls in Venedig erschien.Kurt Pollak: Wissen und Weisheit der Alten Ärzte. Die Heilkunde der Antike, Bechtermünz, Eltville am Rhein 1993, ISBN 3-86047-061-2, Seite 198–200
Rückgriff auf antike Prinzipien mini|Hotel Dieu um 1500Der französische Wundarzt Ambroise Paré, der spätere Direktor des Hôtel-Dieu Krankenhauses in Paris, schloss sich in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts den Truppen des französischen Königs Franz I an. Als Feldscher sammelte Paré in Norditalien Erfahrungen mit der Versorgung von Schussverletzungen. Der zu dieser Zeit üblichen Methode des Ausbrennens solcher Wunden mit siedendem Öl setzte Paré eine eigene Methode entgegen, die von den antiken römischen Heilkundigen inspiriert war: er trug ein Gemisch aus Eigelb, Rosenöl und Terpentin auf, womit er bedeutend bessere Ergebnisse erzielte. Später beschrieb Ambroise Paré seine Erfahrungen und Erkenntnisse in dem Lehrbuch La méthode de traicter les playes faictes par hacquebutes et aultres bastons à feu et de celles qui sont faictes par flèches, dardz et semblables, aussy des combustions spécialement faictes par la pouldre à canon, das 1545 in Paris erschien und sich rasch zum Standardwerk entwickelte.Stefanos Asimopoulos, Panagiotis Asimopoulos: "Ambroise Paré: The father of modern surgery" in Medical Joirnal (2016) Vol. 22, No 2, 96–98 Bis weit in das 18. Jahrhundert hinein war die Profession des Wundarztes von den deutlich höher angesehenen akademisch ausgebildeten Medizinern getrennt. Dies änderte sich in Frankreich 1731 und in Deutschland 1795 mit der Gründung der Militärmedizinischen Akademie im Königreich Preußen. Entsprechend erweiterten die Erfahrungen der Feldchirurgie das Verständnis von der Versorgung komplexer Wunden.Hans Lippert: Wundatlas. Kompendium der komplexen Wundbehandlung, 2. Auflage, Georg Thieme Verlag, Stuttgart 2006, ISBN 978-3-13-140832-7, Seite 5
Entdeckung von Asepsis und Antiseptik Für einen komplizierten Wundverband sprach sich der sächsische Mediziner Karl August Weinhold bei der Versorgung von chronischen Beinwunden aus. Er beschrieb im Jahr 1810 mit seinem „Circulair-Pflaster“ einen Klebeverband, der durch eine Kombination von Kompressionstherapie und Exsudatmanagement die Abheilung eines chronischen Ulcus cruris befördern sollte. Aufbauend auf den Entdeckungen Louis Pasteurs entwickelte der schottische Chirurg Joseph Lister in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts neue Prinzipien zur Erstellung von Wundverbänden, indem er Karbolsäure zur Bekämpfung von Keimen bei der Desinfektion von Wunden und Behandlungsräumen nutzte. Durch sein Engagement hielten das Prinzip der aseptischen Vorgehensweise und die Antiseptik Einzug in die Wundversorgung. Auch das Verständnis davon, was ein Wundverband leisten soll, änderte sich. Diente der Verband bisher lediglich als Schutz vor weiteren Verletzungen oder als Träger eines Therapeutikums, sowie zum Aufnehmen des Wundexsudats, gewann er nun zunehmend an Bedeutung bei der Verhinderung des Eindringens von Keimen und somit in der Vorbeugung von Wundinfekten. Erstmals wandte Lister einen solchen desinfizierenden Verband, der mit Phenol getränkt war, am Schienbein eines Jungen im Jahr 1865 an.Marco Di Bella: "Fünf Fakten zu Joseph Lister", Artikel vom 3. September 2024 in der Rechtsdepesche, aufgerufen am 21. November 2024 Seine Ergebnisse, die er 1867 im medizinischen Fachjournal The Lancet veröffentlichte, wurden von der Fachöffentlichkeit größtenteils ablehnend aufgenommen.Sabine Schuchart: "Berühmte Entdecker von Krankheiten. Joseph Baron Lister, der Herr der Keime", Artikel im Deutschen Ärzteblatt (online), aufgerufen am 21. November 2024 Lister entwickelte eine achtlagige Bandagierungstechnik zur Wundversorgung, die als „Listerscher Verband“ bekannt wurde, zudem ist die Listerschere zur Entfernung von Verbänden nach ihm benannt. Der junge US-amerikanische Pharmazeut und Unternehmer Robert W. Johnson hörte Listers Vortrag über die aseptische Chirurgie auf der Weltausstellung 1876 in Philadelphia. Gemeinsam mit seinem Geschäftspartner George Seabury entwickelte er selbsthaftende Wundpflaster auf Basis von galvanisiertem Kautschuk, die als „amerikanische Pflaster“ bekannt wurden. Gemeinsam mit seinen beiden Brüdern gründete Robert W. Johnson zehn Jahre später die Firma Johnson & Johnson, die industrielle Schnellpflaster nach Listers Prinzipien herstellte und zum Weltkonzern wurde. Etwa zur selben Zeit entwickelte der Hamburger Apotheker Paul Carl Beiersdorf gemeinsam mit dem Hautarzt Paul Gerson Unna ein mit Guttapercha bestrichenes Pflaster, das er im Jahr 1882 zum Patent anmeldete.Georg Schwedt: Wund- und Heilsalben, Präparate für spezielle Hautbehandlungen. In: Einführung in die pharmazeutische Chemie, Springer Spektrum, Berlin 2019, ISBN 978-3-662-58669-3 Aus der Idee zu einem neuartigen Pflaster entstand die Beiersdorf AG, mit der Unna auch unter Oscar Troplowitz, dem Nachfolger des Firmengründers, weiter zusammenarbeitete.Listers Karbolsäure wurde, obwohl sie die Haut stark angreift, als 2- oder 3-prozentige Lösung noch Anfang des 20. Jahrhunderts in der Wundversorgung eingesetzt. Im häuslichen Bereich kamen zudem Borsäure und Iodoform zur Desinfektion von Wunden zur Anwendung – letzteres auch in Form von damit getränkter Gaze.Hans Allihn: Die Anfangsgründe der häuslichen Krankenpflege, 7. Auflage Verlag Martin Warneck, Berlin 1913
Von trockener zu feuchter Wundversorgung mini|Wundwatte von Hartmann
Ein weiterer entscheidender Schritt in der Entwicklung der Materialien zur Wundversorgung, der auf Joseph Listers Erkenntnissen aufbaute, war die Einführung von entsprechend behandelter Baumwolle als Verbandmittel durch eine Idee des deutschen Chirurgen Viktor von Bruns. Durch ein spezielles Verfahren bleichte und entfettete er Baumwolle, um sie als keimarme und zugleich saugfähige Wundwatte zu verwenden.Hans Irion (Hrsg.): Drogisten-Lexikon. Band Eins. Die wissenschaftlichen Grundlagen der Drogistenpraxis, Springer, Berlin Heidelberg 1955, ISBN 978-3-642-92638-9, Seite 1039–1042
Ab 1871 stellte der Schweizer Unternehmer Heinrich Baeschlin Wundwatte her.Bundesverband Medizintechnologie: Geschichte und Trends der MedizintechnologieSeite, Berlin 2004 4–5 In Deutschland folgte der schwäbische Unternehmer Paul Hartmann, der in Heidenheim eine Spinnerei betrieb. Anfang des 20. Jahrhunderts setzte sich im Zuge der stärker geforderten Kriegschirurgie neben der Infusionstherapie und der Transfusionstherapie auch das Prinzip der aseptischen und antiseptischen Wundbehandlung weltweit durch. Weitere Fortschritte brachten 1928 die Entdeckung des Penicillins und der antibakteriellen Wirkung von Sulfonamidverbindungen vier Jahre später. Im Jahr 1979 gelang dem walisischen Pharmazeuten Terence Dudley Turner der Nachweis, dass ein feuchtwarmes Wundmilieu der Abheilung förderlicher ist, als trockene Umgebungsbedingungen. Auf Basis seiner Erkenntnisse formulierte Turner die Kriterien für einen idealen Wundverband. Hierzu gehört die thermische Isolierung der Wunde unter Gewährleistung eines ausreichend feuchten Wundbereichs bei gleichzeitiger Beseitigung überschüssigen Exsudats.Kerstin Protz: Moderne Wundversorgung Praxiswissen, Standards und Dokumentation, 10. Auflage Elsevier Verlag München 2022, ISBN 978-3-437-27887-7, Seite 25 Auf Basis von Terence Turners Erkenntnissen wurde das Prinzip der trockenen Wundversorgung, das noch auf den Maßgaben von Hippokrates fußte, von der modernen feuchten Wundversorgung abgelöst.
Wundbehandlung Ziele der Wundbehandlung sind die Verhinderung einer Wundinfektion und eine rasche funktionsgerechte Regeneration des zerstörten Gewebes.Klaus-Jürgen Bauknecht, Joachim Boese-Landgraf: Wunde, Wundheilung, Wundheilungsstörung, Wundbehandlung, Tetanusprophylaxe. In: Rudolf Häring, Hans Zilch (Hrsg.): Lehrbuch Chirurgie mit Repetitorium. (Berlin 1986) 2., durchgesehene Auflage. Walter de Gruyter, Berlin/New York 1988, ISBN 3-11-011280-9, S. 7–17, hier: S. 14–16.