mini|400px|alt=|Großtechnik prägt die moderne, industrialisierte Landwirtschaft, hier Ernte von Weizen in Deutschland Die Landwirtschaft (auch Agrikultur oder Agrarwesen) ist ein zur Urproduktion gehörender Wirtschaftssektor, der die Herstellung von Agrarprodukten oder Tierprodukten auf einer hierfür vorgesehenen landwirtschaftlichen Nutzfläche betreibt.

Allgemeines mini|Deutsches Landwirtschaftsmuseum in Hohenheim hochkant|mini|Landwirtschaftliche Szenen aus dem alten Ägypten, Grab des Nakht, 15. Jahrhundert v. Chr.

Die Volkswirtschaftslehre und die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung zählen neben der Landwirtschaft auch den Bergbau, die Forstwirtschaft und die Fischerei zur Urproduktion. In der Wissenschaft sowie der fachlichen Praxis ist heute synonym der Begriff Agrarwirtschaft gebräuchlich; historisch wurde sie Ökonomie genannt. Mit der Landwirtschaft als ökonomisches Erkenntnisobjekt befasst sich die Agrarökonomie, als ökologisches die Agrarökologie.

Die Landwirtschaft stellt einen der ältesten Wirtschaftssektoren der Menschheit dar. Heute beläuft sich die landwirtschaftlich genutzte Fläche auf 48.827.330 km², dies sind 9,6 % der Erdoberfläche.nach Weltbank – World Bank Data Somit wird etwa ein Drittel der Landfläche der Erde landwirtschaftlich genutzt.

Zum Wirtschaftssektor der Landwirtschaft gehören im Rahmen eines größeren Gesamtsystems vor- und nachgelagerte Sektoren, so etwa die Saatzucht (vorgelagert) bzw. der Agrarhandel mit Agrar- und Tierprodukten (nachgelagert).

Eine Person, die Landwirtschaft betreibt, bezeichnet man als Landwirt. Neben berufspraktischen Ausbildungen bestehen an zahlreichen Universitäten und Fachhochschulen eigene landwirtschaftliche Fachbereiche. Das dort gelehrte und erforschte Fach Agrarwissenschaften bereitet sowohl auf die Führung von landwirtschaftlichen Betrieben als auch auf Tätigkeiten in verwandten Wirtschaftsbereichen vor und ist ein Querschnittsfach.

Sektoren der Landwirtschaft Die Landwirtschaft ist Teil der Agrarwirtschaft, aber nicht mit dieser gleichzusetzen. Grundsätzlich werden folgende Sektoren unterschieden: Pflanzenbau mit Schwerpunkt Ackerbau und den weiteren Produktionsrichtungen Gartenbau (inkl. Obstbau und Zierpflanzenbau) und Weinbau Tierhaltung mit den unterschiedlichen Ausrichtungen je nach Tierarten z. B. Schweineproduktion, Rinderproduktion, Geflügelproduktion, Schafproduktion, Fischzucht usw. Welche dieser Formen örtlich überwiegt, ist vom Standort abhängig: Auf leichten Standorten („schlechter“ Boden) ist die Viehhaltung konkurrenzfähiger, während auf besseren Böden die Pflanzenproduktion wirtschaftlicher ist.

Außerdem existieren traditionelle Formen, die eine Art Renaissance erleben, wie die Agroforstwirtschaft, z. B.: silvopastorale und silvoarable Systeme oder innovative Zweige wie das Vertical Farming, Urban Farming oder Aquaponik-Systeme. Diese können zwar den größeren Sektoren zugeordnet werden, gelten aber aufgrund ihrer Konzeption teilweise als Mischung beider Sektoren.

Der Ackerbau dient der Nahrungsmittelproduktion direkt und auch indirekt. In letzterem Fall erfolgt die Herstellung von Rohstoffen zur Weiterverarbeitung in der Lebensmittelwirtschaft bzw. Ernährungswirtschaft (z. B. Weiterverarbeitung von Getreide zu Mehl für die Brotherstellung). Ein wesentlicher Teil (43 %) der pflanzenbaulichen Erzeugnisse wird als Futter für die Nutztierhaltung verwendet. Zugleich werden landwirtschaftliche Rohstoffe (u. a. Faserpflanzen wie Baumwolle und Leinen) auch in der Bekleidungsindustrie veredelt.

Die Tierproduktion dient in erster Linie der Nahrungsmittelproduktion (z. B. Milch, Eier, Fleisch), in zweiter Linie der Herstellung von Rohstoffen für die Herstellung von Bekleidung. Vor der Nutzung von Kunstfasern schufen die Menschen ihre Bekleidung hauptsächlich aus den tierischen Produkten Leder, Pelz und Wolle sowie dem aus Flachsfasern hergestellten Leinen. Wesentliche Grundlage für die Tierproduktion ist die Weidewirtschaft.

Die Verwertung der durch die Agrarwirtschaft erzeugten Biomasse als Bioenergie aus nachwachsenden Rohstoffen und Nebenprodukten (zum Beispiel Mais und Gülle) durch Vergärung und Verstromung ist im Rahmen der Energiewende eine moderne Art der Nutzung von Agrarprodukten.

Bewirtschaftung

Direkte und indirekte Produktion Direkte Produktion Agrarprodukte, die angebaut werden und sofort nach der Ernte verkauft bzw. verwendet werden können. Sie werden im Gegensatz zur indirekten Produktion nicht mit anderen Produkten vermischt und meist nach nur geringer Verarbeitung auf den Agrarmarkt gebracht.

Beispiele: Obst wie Äpfel oder Birnen, Gemüse wie Kartoffeln, aber auch Milch und Getreide für Mehl.

Indirekte Produktion Produkte, die nicht sofort nach der Ernte verkauft oder verwendet werden können. Sie werden mit anderen Produkten vermischt oder weiterverarbeitet und zu einem marktfähigen Endprodukt verarbeitet.

Beispiele: Kakaobohnen, Kaffeebohnen, Milch als Käse, Mais als Futtermittel.

Bewirtschaftungsarten mini|Extensive Landwirtschaft im Norden Benins mini|Ballenpresse im Einsatz bei der Heuernte

Je nach Form der Bodenbewirtschaftung wird unterschieden: Extensive Landwirtschaft ist eine auf verringertem Einsatz von den Bodenertrag fördernden Werkstoffen (Dünger, Pflanzenschutz, Saatgut usw.) und/oder verringertem Arbeitseinsatz je Nutzflächeneinheit beruhende Bodenbewirtschaftung.Cornelia Berger, Hans Bonka, Karlheinz Ballschmiter, Maurizio Adinolfi, Michael Berger (Hrsg.): RÖMPP Lexikon Umwelt, 2000, S. 293. Sie hängt meist auch mit relativ großen Agrarflächen zusammen (Großgrundbesitz). Die großen Flächen werden mit geringem Aufwand bewirtschaftet, so dass eine geringere Bodenproduktivität vorhanden ist als bei der intensiven Landwirtschaft. Nahezu alle traditionellen Landwirtschaftsformen sind extensive Systeme. Sie haben die Menschheit jahrtausendelang ernährt und sichern auch zu Anfang des 21. Jahrhunderts noch den Lebensunterhalt von über 40 % der Weltbevölkerung.Urs Fankhauser: Mystery. Lokal, selbstbestimmt und nachhaltig. Weltweite Bedeutung des Family Farming, éducation21, Bern, 2014, S. 8. Die traditionell extensiven Formen hatten in aller Regel einen positiven Einfluss auf die biologische Vielfalt der Umgebung.Joachim Radkau: Natur und Macht. Eine Weltgeschichte der Umwelt, C.H. Beck, 2002, ISBN 3-406-48655-X, S. 35, 84 ff. und 91.Anja von Hahn: Traditionelles Wissen indigener und lokaler Gemeinschaften zwischen geistigen Eigentumsrechten und der public domain, Springer, Heidelberg u. a., 2004, ISBN 3-540-22319-3, S. 47–56.Ilse Köhler-Rollefson: Hirtenvölker: Bewahrer der Vielfalt, in: Ökologie & Landbau 156 (4), 2010, S. 16–18.

Typische Formen extensiver Landwirtschaft sind Fernweidewirtschaft, Wanderfeldbau und Sammelkultur. Extensive Landwirtschaft und Nomadentum (auch saisonal) sind geschichtlich meist eng verbunden (siehe beispielsweise Mobile Tierhaltung). Die intensive Landwirtschaft ist zwar heute nicht mehr lediglich auf kleine Landflächen (Kleinbauern) begrenzt, doch erfolgt die Bodenbewirtschaftung mit hohem Einsatz von Werkstoffen und/oder erhöhtem Arbeitseinsatz.Hartmut Franz, Krieg oder Frieden, 2017, S. 85 Die Bodenproduktivität ist relativ hoch. Als Gegensatz zur extensiven Landwirtschaft wird zum Beispiel zwischen extensiver und intensiver Tierhaltung unterschieden. In diesem Zusammenhang wird auch der Begriff Industrielle Landwirtschaft verwendet. Global und regional variiert die Abgrenzung. Typische Beispiele, die den Übergang zur intensiven Nutzung markieren, sind Bewässerung, Trockenlegung, Rodung, Terrassenfeldbau, und mineralische Düngung: Sie stellen deutliche Eingriffe in die natürlichen Verhältnisse dar. Die modernen Formen beeinflussen die Ökosysteme sowie die Artenvielfalt häufig negativer als extensive Landwirtschaft. Trotzdem können auch extensive Nutzungsformen gravierende Eingriffe in das Ökosystem darstellen: So sind typische Landschaftsformen der extensiven Landnutzung in Mitteleuropa, wie die Heidelandschaften oder die Almen der Alpen, anthropogene Kulturlandschaften. Generell ist festzuhalten, dass alle Eingriffe in die gewachsene Natur zu Veränderungen der Ökosysteme führen. Positive Effekte sind dabei den negativen gegenüberzustellen, um die Wirkung in ihrer Gesamtheit zu erfassen.

Extensive und intensive Landwirtschaft werden auch – weniger präzise – für die Abgrenzung von ökologischer Landwirtschaft und konventioneller verwendet. In diesem Zusammenhang sind Brachflächen und weniger „intensiv“ genutztes Land ein wesentliches Kennzeichen der ökologischen bzw. umweltverträglichen Landwirtschaft.

Betriebssysteme Die Einteilung landwirtschaftlicher Betriebe wird mit der Klassifizierung nach Betriebssystemen weiter differenziert. Je nachdem, welcher Produktionszweig schwerpunktmäßig zum Betriebseinkommen beiträgt, werden z. B. unterschieden: Futterbaubetriebe: mehr als die Hälfte des Betriebseinkommens stammt aus Milchviehhaltung, Rindermast, Schaf- oder Pferdehaltung; Gartenbaubetriebe: betreiben überwiegend Gemüseanbau; Gemischtbetriebe: keiner der Produktionszweige trägt zu mehr als 50 % zum Betriebseinkommen bei; Kombinationsbetriebe: die Anteile von Landwirtschaft, Gartenbau oder Forstwirtschaft liegen bei unter 75 %, wobei eine dieser Produktionsrichtungen auf über 50 % kommt Marktfruchtbetriebe: der betriebliche Schwerpunkt liegt auf dem Anbau von Marktfrüchten wie Weizen, Gerste, Zuckerrüben, Kartoffeln, Ölfrüchten, Tabak oder Feldgemüse; Sonderkulturbetriebe: der Schwerpunkt liegt auf Wein, Hopfen- oder Obstanbau und ähnlichem, sowie pharmazeutischer Landbau; Viehhaltungsbetriebe: Schwerpunkt auf Viehzucht oder tierischen Produkten; Veredelungsbetriebe: betreiben hauptsächlich Schweinemast und Geflügelhaltung.

Haupt- und Nebenerwerb Eine weitere Unterscheidung landwirtschaftlicher Betriebe richtet sich auf den Anteil, den das Betriebseinkommen am Einkommen einer Familie hat: der Haupterwerbsbetrieb ist ein landwirtschaftlicher Familienbetrieb, bei dem der Betrieb hauptberuflich bewirtschaftet wird und mehr als 80 Prozent des Einkommens aus landwirtschaftlicher Arbeit erzielt wird. Beim Zuerwerbsbetrieb sind es mehr als 50 Prozent und beim Nebenerwerbsbetrieb weniger als 50 Prozent des Einkommens aus landwirtschaftlicher Tätigkeit.

Produkte der Landwirtschaft Die Agrarproduktion wird wie folgt eingeteilt:

Agrarerzeugnisse Produktgruppe Produkte Agrarprodukte Gemüse Getreide Gewürze Obst Gartensalate, Gemüsespargel, Gurken, Karotten, Kartoffeln, Kohl, Petersilien usw. Gerste, Hafer, Hirse, Mais, Reis, Roggen, Triticale, Weizen Anis, Gewürznelken, Kapern, Kümmel, Paprika, Pfeffer, Safran, Zwiebeln usw. Beerenobst, Kernobst, Schalenobst, Steinobst, Südfrüchte Agrarrohstoffe Nahrungsmittel Genussmittel Hackfrüchte technische Agrarrohstoffe Milch Kaffeebohnen, Kakaobohnen, Tabak, Tee Maniok, Zuckerrohr, Zuckerrüben usw. Baumwolle, Naturkautschuk, Schafwolle Tierprodukte Lebensmittel Futtermittel Schmuck Sonstiges Eier, Fette, Fleisch, Honig, Innereien, Milch, Tran usw. Getreide, Raps, Soja usw. Elfenbein, Horn, Tierzahnschmuck usw. Düngemittel, Gelatine, Leder, Pelze, Wolle usw.

Die Zuordnung kann je nach Verwendungszweck variieren: Weintrauben sind Agrarprodukte, bei der Weinherstellung gelten sie als Agrarrohstoffe. Kaffeebohnen sind ein Agrarrohstoff, der Röstkaffee ist ein Endprodukt.