Als Quellen bezeichnet man in der Geschichtswissenschaft – nach der vielzitierten Definition Paul Kirns – „alle Texte, Gegenstände oder Tatsachen, aus denen Kenntnis der Vergangenheit gewonnen werden kann“.Paul Kirn: Einführung in die Geschichtswissenschaft. fortgeführt von Joachim Leuschner. 5. Auflage. De Gruyter, Berlin 1968, S. 29. Für die Definition einer Quelle ist das Forschungsinteresse des jeweiligen Historikers entscheidend. Aus dieser und aus der inneren und äußeren Form der Quellen ergeben sich Möglichkeiten zur Einteilung von Quellen in Quellengattungen.
Quellen dienen der Rekonstruktion historischer Sachverhalte und der geschichtswissenschaftlichen Argumentation („Beleg“). Im kritischen Umgang mit historischen Darstellungen wenden die Historiker auch Verfahren der Dekonstruktion an, um die spezifische Perspektive der Quelle auf die zu erforschenden Sachverhalte zu erkennen.
Mit Quellenlage bezeichnet man die Gesamtheit der verfügbaren Quellen zu einem bestimmten Thema und ihren Status. Für Historiker ist die methodisch saubere Registrierung der Quellenlage wichtig, um zu einer angemessenen Bewertung eines Sachverhaltes zu gelangen. Die Quellenkritik wurde unter anderem von Johann Gustav Droysen und Barthold Georg Niebuhr in die Geschichtswissenschaft eingeführt und von Ernst Bernheim weiterentwickelt. Dabei geht es erstens um die Echtheit einer Quelle und zweitens um ihre Aussagekraft.
Abgegrenzt werden die Quellen von der Sekundärliteratur, also der modernen Fachliteratur. In solcher Literatur, also in Artikeln in Fachzeitschriften oder Monografien, stellen Wissenschaftler ihre Forschungsergebnisse vor und diskutieren Themen auch mit Bezug auf andere Sekundärliteratur.
Abgrenzungen Von den Quellen (z. B. einem antiken oder mittelalterlichen Text) grundsätzlich zu trennen ist die Sekundärliteratur, die als wissenschaftliche Fachliteratur zu Rate gezogen wird. Die Grenzen zwischen Quellen und Sekundärliteratur können unter gewissen Umständen verschwimmen, denn was Quelle oder Sekundärliteratur ist, hängt vom Forschungsinteresse bzw. der Intention des Forschers ab.
Ein Altertumshistoriker, der sich für das politische System des Alten Roms interessiert, wird das Werk Römisches Staatsrecht von Theodor Mommsen als Fachliteratur lesen. Es ist zwar schon sehr alt und repräsentiert nicht den modernen Forschungsstand, es ist aber immer noch wichtige Sekundärliteratur. Aus Sicht dieses Altertumshistorikers ist Mommsen ein Kollege. Wenn jedoch ein Wissenschaftshistoriker das Römische Staatsrecht liest, weil er über Werk und Wirken von Theodor Mommsen forscht (oder allgemeiner über die Altertumswissenschaft des 19. Jahrhunderts), dann dient das Römische Staatsrecht als Quelle. Mommsen ist für den Wissenschaftshistoriker ein Forschungsobjekt. Eine solche Unterscheidungspraxis ist allerdings nicht der Regelfall: Im Hinblick auf die Auswertung antiker, mittelalterlicher oder auch frühneuzeitlicher Texte dienen diese als Quellen, zu deren Interpretation moderne Fachliteratur (Sekundärliteratur) herangezogen wird.
Angesichts der zunehmenden Existenz KI-generierter Texte, deren Quellen, Urheberschaft und historiographische Verantwortung weitgehend unklar sind, besteht die Notwendigkeit, die Abgrenzung von Quellen und Darstellungen zusätzlich um den Begriff Kompilation zu erweitern.
Einteilungen von Quellen Die Zuordnung einer Quelle zu einer Quellengruppe ist mitunter schwierig, da die Zuordnung meist von der Fragestellung eines Historikers abhängt. Daher kann eine bestimmte Textsorte nicht generell in eine Gruppe eingeordnet werden, auch wenn zum Beispiel die meisten Rechnungen als Überrestquellen (und nicht als Traditionsquellen) verwendet werden.
Äußere Form miniatur|Bearbeiteter Feuerstein gehört zu den ältesten Sachquellen über die menschliche Kultur. miniatur|Der Teppich von Bayeux (ca. 1077, hier ein Detail) ist eine berühmte Bildquelle. miniatur|Diese Darstellung des norwegischen Königs Haakon ist keine Quelle für das 10. Jahrhundert, sondern dafür, wie ein Maler des 19. Jahrhunderts sich Haakon vorgestellt hat. Grundsätzlich unterscheidet man zwischen Sachquellen, Bildquellen, abstrakten Quellen und Textquellen, wobei die Einteilungen und Benennungen in einzelnen Lehrbüchern unterschiedlich sein können.
Sachquellen oder auch „dingliche Relikte“Peter Wolf: Dingliche Relikte. In: Michael Maurer (Hrsg.): Aufriß der Historischen Wissenschaften. Band 4: Quellen. Reclam, Ditzingen 2002, S. 126–144. sind zum Beispiel Bau- und Kunstwerke, Münzen, oder Gegenstände aus Arbeitswelt und Alltag, wie eine Pfeilspitze oder ein Pflug. Diese Quellen werden oft in Nachbar- und Unterdisziplinen der Geschichtswissenschaft behandelt, wie in der Archäologie oder den einzelnen Historischen Hilfswissenschaften.
Bildquellen sind profane oder künstlerische Darstellungen. Ein Gemälde ist zwar auch ein konkreter Gegenstand, die Abbildung darauf hat jedoch ihren eigenen Wert. Nicht nur die Kunstgeschichte, sondern auch Politik-, Sozial- und Mentalitätsgeschichte sowie andere historische Forschungsrichtungen verwenden Bildquellen und gegenständliche Kunst mittlerweile als Quellen für Aussagen über die gesellschaftliche Wirklichkeit. Neben den eigentlichen Einzelbildquellen wie Gemälden und Fotografien gibt es in der modernen Epoche auch Audio- und Videoquellen. Die verschiedengestaltigen Bild-, Ton- und Filmquellen lassen sich grob in dokumentarische und narrativ-fiktionale Quellen unterscheiden. Je komplexer aufgebaut und je polysemischer die betreffende Quellenart (Bildton-Dokument, Kinofilm, TV-Serie, Computerspiel etc.), desto notwendiger wird eine theoretische Auseinandersetzung im Vorfeld ihrer geschichtswissenschaftlichen Auswertung und Analyse.Václav Faltus: Spielfilm, Filmtheorie und Geschichtswissenschaft. Ein Beitrag zur Methodologie der Zeitgeschichte. Erlangen 2020, , S. 23ff.
Abstrakte Quellen und „Tatsachen“Volker Sellin: Einführung in die Geschichtswissenschaft. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2005, S. 45–47. oder „abstrakte Überreste“Ahasver von Brandt: Werkzeug des Historikers. Eine Einführung in die Historischen Hilfswissenschaften. 11. Auflage. Kohlhammer, Stuttgart 1986, S. 56. sind nicht greifbar, sondern durch die soziale Realität erfahrbar. Ahasver von Brandt definiert sie als fortlebende oder überlieferte Institutionen. Beispielsweise kann man anhand der madagassischen Sprache erkennen, dass die Vorfahren der heutigen Einwohner Madagaskars nicht aus Afrika, sondern aus Asien stammen. Ebenso eine abstrakte Quelle ist ein Volksfest, das in einem Dorf seit langem gefeiert wird. Auch wenn es keine schriftliche Quelle zur Entstehung gibt, beweist die Existenz des Festes, dass es das Fest gibt und dass es einst entstanden sein muss. Ähnlich wie bei der mündlichen Aussage eines Zeitzeugen ist erst die schriftlich fixierte Beobachtung eines Forschers als Quelle in der Wissenschaft verwendbar.
Textquellen sind ursprünglich ebenso an einen Beschreibstoff gebunden, lassen sich aber getrennt davon bearbeiten. Die Textquellen sind die wichtigsten und meist aussagekräftigsten Quellen, zumindest aus Sicht der Historiker. Zu ihnen gehören in der Regel Geschichtswerke, Briefe, Akten, Zeitungen, Pamphlete und literarische Werke. Teilweise spricht man auch von den erzählenden Quellen. Problematisch sind ursprünglich mündlich tradierte oder auf Erinnerungen beruhende Quellen, die also auf mündlichen Aussagen beruhen und erst später schriftlich festgehalten wurden.Johannes Fried: Der Schleier der Erinnerung. Grundzüge einer historischen Memorik. C.H. Beck, München 2004.
Nähe zum historischen Geschehen Quellen kann man auch nach der zeitlichen, personellen und sonstigen Nähe des Quellenautors zum betreffenden Ereignis beurteilen. Es ist ein Unterschied, ob man ein Ereignis noch am selben Tage im Tagebuch beschreibt oder Jahre später in seinen Memoiren. Ebenso ist es nicht zwingend, dass früher aufgeschriebene Quellen grundsätzlich zuverlässiger sind als später verfasste; vielmehr kommt es auf die Qualität der Quellen an, auf welche sich der jeweilige Verfasser gestützt hat bzw. ob er ein zuverlässiger (möglichst wenig subjektiver) Berichterstatter aus eigener Anschauung war.
Primärquelle und Sekundärquelle
Eine Primärquelle ist die Quelle (unabhängig vom Medium), auf die sich die jeweilige Untersuchung des Historikers bezieht. Eine Sekundärquelle dient dazu, etwas über den Inhalt einer verloren gegangenen Primärquelle in Erfahrung zu bringen. So ist z. B. die spätantike Gotengeschichte Cassiodors nicht erhalten, dafür aber die Getica des Jordanes, der sich nach eigener Aussage auf Cassiodor gestützt hat. Stefan Jordan erläutert die Unterscheidung folgendermaßen: „Als sekundäre Quelle bezeichnet man die sinngemäße Wiedergabe einer Quelle in einer anderen Quelle.“Stefan Jordan: Einführung in das Geschichtsstudium. Reclam, Stuttgart 2005, S. 57. Die Einschätzung als Primär- oder Sekundärquelle hängt eng mit der konkreten Überlieferungssituation zusammen. Wenn es in diesem Zusammenhang keine Sekundärquelle gibt, erübrigt sich diese Differenzierung und man spricht einfach von einer Quelle.
Davon abzugrenzen ist die sogenannte „Zwischenquelle“: So wird ein Werk bezeichnet, das etwa ein antiker oder mittelalterlicher Geschichtsschreiber herangezogen hat und das ihm Informationen aus anderen Werken vermittelte, die er selbst nicht eingesehen hat (wie z. B. im Fall des Jordanes, der wohl über Cassiodor Informationen aus dem Werk des Priskos erhielt).
Es ist in diesem Zusammenhang von großer Bedeutung, sich die jeweiligen Überlieferungschancen und Überlieferungszufälle der verschiedenen Quellengattungen zu vergegenwärtigen. So sind beispielsweise manche Geschichtswerke (vor allem aus dem antiken Zeitraum, für den die Verlustzahl prosaischer Werke besonders hoch istVgl. etwa Hermann Strasburger: Umblick im Trümmerfeld der griechischen Geschichtsschreibung. In: Historiographia antiqua. Festschrift für Willy Peremans, Leuven 1977, S. 3–52.) und Urkunden (z. B. aus dem Frühmittelalter, da aus diesem Zeitraum nur wenige Urkunden erhalten sind, siehe auch DeperditumVgl. Martina Hartmann: Die Edition von Quellen, die es nicht mehr gibt. Die merowingischen und karolingischen Deperdita. In: Pourquoi éditer des textes médiévaux au XXIe siècle?: 8e [huitième] rencontre de la Gallia Pontificia; organisée par l’École nationale des chartes, l’Institut historique allemand et les Monumenta Germaniae Historica, Paris, 17. Mai 2013 (Volltext).) oft nicht erhalten und lassen deshalb solche Zeitabschnitte quellenärmer erscheinen, als sie ursprünglich waren.Siehe grundsätzlich Arnold Esch: Überlieferungs-Chance und Überlieferungs-Zufall als methodisches Problem des Historikers. In: Historische Zeitschrift 240, 1985, S. 529–570.
Tradition und Überrest miniatur|Brief von Friedrich Schiller, 1782
Diese Einteilung, die ursprünglich von Droysen (als Dreiteilung in „Überreste“, „Quellen“ und „Denkmäler“) stammt und von Bernheim modifiziert wurde, nennt Überreste: „Alles, was unmittelbar von den Begebenheiten übriggeblieben ist“, und Tradition: „Alles, was von den Begebenheiten übriggeblieben ist, hindurchgegangen und wiedergegeben durch menschliche Auffassung.“In den Formulierungen von: Ahasver von Brandt: Werkzeug des Historikers. Eine Einführung in die Historischen Hilfswissenschaften. 11. Auflage. Kohlhammer, Stuttgart 1986, S. 52.