mini|hochkant|Symbol der messianischen Juden: Synkretismus aus Menora, Davidstern und Ichthys
Als messianische Juden bezeichnen sich Menschen, die an Jesus Christus als ihren Messias glauben, sich aber zugleich dem Judentum zugehörig fühlen und jüdische Bräuche zelebrieren.Hanna Rucks: Messianische Juden. Geschichte und Theologie der Bewegung in Israel. Neukirchener Verlag, Neukirchen-Vluyn 2014, ISBN 978-3-7887-2879-3, S. 4–17.My Jewish Learning: Who Are Messianic “Jews”?Deutschlandfunk Kultur: Messianische Juden Die ‚Bibel‘ – dazu gehören für sie sowohl das Alte Testament () als auch das Neue Testament, () (sie nennen es oftmals „Zweites Testament“) – bildet für sie die Grundlage ihres Glaubens. Sie sind der Überzeugung, dass die Bibel in ihrer Ganzheit durch Gott inspiriert ist.Stefanie Pfister: Messianische Juden in Deutschland imdialog.org, Text aus BlickPunkt.e, 01/2010, siehe Abschnitt Messianisch-jüdische Glaubensartikel (MJA).
Einordnung mini|Verschmelzung von Judentum und Christentum: Davidstern mit Kreuz … mini|… und Kreuz mit Davidstern
Unter den Menschen jüdischen Glaubens oder religiöser Traditionen, die sich dem Glauben an Jesus Christus () zugewandt haben, bilden die messianischen Juden eine kleine Untergruppe.Hanna Rucks: Messianische Juden. Geschichte und Theologie der Bewegung in Israel. Neukirchener Verlag, Neukirchen-Vluyn 2014, ISBN 978-3-7887-2879-3, S. 4–15. Denn die allermeisten Jesusgläubigen jüdischer Herkunft treten in eine christliche Kirche ein und geben ihre jüdische Identität – mindestens über ein, zwei Generationen hin – auf. Sowohl in der russisch-orthodoxen wie in der katholischen Kirche, vor allem aber in vielen protestantischen Denominationen gibt es solche Christen aus einem jüdisch-religiös geprägten Umfeld. Ihre Zahl ist nicht erfasst.
Durch die Vorbereitung zur Judenverfolgung und der Schoa unter den deutschen Nationalsozialisten in Europa, weiß man aufgrund einer von den Nationalsozialisten geführten Kartei, dass es allein in Deutschland, des Jahres 1933 etwa eine halbe Million Menschen gab, die als „nichtarische Christen“ registriert und die als Christen jüdischer Herkunft, nach Nürnberger Gesetzen klassifiziert wurden.
„Messianische Juden“ dagegen werden in der Regel jene Menschen jüdischer Herkunft genannt, die sich in eigenen Gemeinden versammeln und bewusst versuchen, ihre jüdische Identität beizubehalten. Vereinzelt vermeiden solche Gemeinden aus unterschiedlichen Gründen, sich als „messianisch-jüdisch“ zu bezeichnen; gleichzeitig gibt es Menschen jüdischen Glaubens in christlichen Kirchen, die sich „messianische Juden“ nennen. Der Begriff wird also nicht eindeutig verwendet, bezeichnet in diesem Artikel aber jene unabhängigen Gemeinden, die versuchen, jüdische Identität und Jesusglauben zu verbinden. In solchen Gemeinden gibt es auch viele Mitglieder, die keine jüdisch geprägte religiöse Identität haben; sie werden in der messianisch-jüdischen Bewegung meist als „messianische Nichtjuden“ kategorisiert. Die meisten messianischen Juden stehen theologisch den evangelikalen Christen nahe; viele von ihnen sind in ihrer Spiritualität durch die Charismatische Bewegung beeinflusst worden.Hanna Rucks: Das Phänomen „Messianische Juden“. Jesusgläubige Juden in Geschichte und Gegenwart. In: Ulrich Laepple (Hrsg.): Messianische Juden – eine Provokation. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2016, ISBN 978-3-7887-3055-0, S. 16–17. Messianische Juden unterscheiden sich in den gottesdienstlichen Formen und im Festkalender vom traditionellen Christentum, im theologischen Grundgehalt vor allem beim Thema „Thoraobservanz“.
Von jüdischen Organisationen und dem Obersten Gericht des Staates Israel werden messianische Juden nicht als Juden anerkannt.Daphna Berman: haaretz.com, 8. Juni 2006: “In rejecting their petition, Supreme Court Justice Menachem Elon cited their belief in Jesus. ‘In the last two thousand years of history…the Jewish people have decided that messianic Jews do not belong to the Jewish nation…and have no right to force themselves on it’, he wrote, concluding that ‘those who believe in Jesus, are, in fact Christians.’” Juden in Israel betrachten messianische Juden zumeist nicht als Juden und lehnen sie weitgehend ab; nur ausnahmsweise wird die Meinung geäußert, das messianische Judentum sei als Strömung innerhalb des Judentums anzuerkennen.Stefanie Pfister, Rezension zu Hanna Rucks: Messianische Juden. Geschichte und Theologie der Bewegung in Israel (2014), in: Theologische Literaturzeitung, Ausgabe 11/2016 (online).
Die beiden großen Volkskirchen in Deutschland begegnen den messianischen Juden zurückhaltend, insbesondere wegen der Berührungspunkte der messianischen Juden mit dem Thema „Judenmission“.Hanna Rucks: Reizwort Judenmission. In: Ulrich Laepple (Hrsg.): Messianische Juden – eine Provokation. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2016, ISBN 978-3-7887-3055-0, S. 109–113. Eine abschließende Einordnung der Bewegung von Seiten der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) hat bisher noch nicht stattgefunden, wenn auch im Jahr 2017 durch die Positionsbestimmung Judenchristen – jüdische Christen – „messianische Juden“ des Gemeinsamen Ausschusses »Kirche und Judentum« im Auftrag des Rates der EKD eine vertiefte Analyse erfolgte. Von vielen evangelikalen Kirchen wird das messianische Judentum als Teil des evangelikalen Christentums gesehen.Carol Harris-Shapiro: Messianic Judaism. A Rabbi’s Journey Through Religious Change in America. Beacon Press, Boston 1999, ISBN 0-8070-1040-5, S. 3: “And, while many evangelical Churches are openly supportive of Messianic Judaism, they treat it as an ethnic church squarely within evangelical Christianity, rather than as a separate entity […]”
Religiöses Leben Selbstverständnis Messianische Juden verstehen sich selbst als Juden und glauben gleichzeitig an Jesus von Nazareth als den göttlichen Messias des jüdischen Volkes. Wie stark sie ihrer jüdischen Identität bzw. dem Jesusglauben Ausdruck verleihen, variiert innerhalb der Bewegung. Die amerikanische Union messianisch-jüdischer Gemeinden (UMJC) z. B. definiert sich wie folgt: „Die Union messianisch-jüdischer Gemeinden (UMJC) sieht messianisches Judentum als eine Bewegung jüdischer Gemeinden und Gruppen, die sich Yeshua, dem Messias, verpflichtet fühlen und die Verantwortung des Bundes auf sich nehmen. Das heißt, ein jüdisches Leben in jüdischer Identität zu führen, das in der Thora wurzelt, in der Tradition seinen Ausdruck findet und in den verschiedenen Kontexten des Neuen Bundes erneuert und vollzogen wird.“Richard Harvey: Messianisches Judentum – Eine Insider-Perspektive. In: Ulrich Laepple (Hrsg.): Messianische Juden – eine Provokation. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2016, ISBN 978-3-7887-3055-0, S. 29. Die Union messianisch-jüdischer Gemeinden zählt mit dieser Selbstdefinition zum „jüdischen Flügel“ der Bewegung.
Viele messianische Juden sehen ihre Wurzeln in der sogenannten Jerusalemer Urgemeinde, einer innerjüdischen eschatologischen Strömung, die anfangs ausschließlich aus Juden oder aus beschnittenen bzw. die jüdischen Gebote („das Gesetz“) haltenden Konvertiten zum Judentum bestand. Nach neutestamentlicher Darstellung wurden der beschnittene und getaufte römische Hauptmann Kornelius und seine Familie in die Gemeinde aufgenommen. In der Gemeinde wurde an das unmittelbare Nahen des Endgerichts und Jesus als Christos geglaubt. In der Diskussion, ob die messianischen Juden trotz ihres Glaubens an Jesus Christus nach wie vor Juden sind (siehe dazu die nachfolgenden Unterabschnitte), berufen sie sich auch auf das in beschriebene Apostelkonzil in Jerusalem. Dort wird die Entscheidung der Apostel überliefert, dass zum Glauben an Jesus Christus gekommene Nichtjuden, die Heidenchristen/Völkerchristen, nicht zum Judentum übertreten und somit die jüdischen Gebote nicht einhalten müssten. Die urchristliche Gemeinde Jesu hatte sich demnach als zutiefst judenchristlich verstanden.
Selbstbezeichnung Auch wenn „messianische Juden“ andere Christen als Glaubensgeschwister anerkennen bzw. von ihnen anerkannt werden, lehnen sie es oft kategorisch ab, sich selbst ausschließlich als „Christen“ zu bezeichnen oder bezeichnen zu lassen.Hanna Rucks: Messianische Juden. Geschichte und Theologie der Bewegung in Israel. Neukirchener Verlag, Neukirchen-Vluyn 2016, ISBN 978-3-7887-2879-3, S. 307. Das hat verschiedene Gründe: Einerseits sind Juden millionenfach Opfer der Verfolgung durch Menschen geworden, die sich als Christen bezeichneten. Andererseits bevorzugen messianische Juden in der Regel die hebräische gegenüber der griechischen Sprachwelt – übersetzen „christlich“ darum in „messianisch“. Außerdem kommt im Begriff „messianische Juden“ ihre Überzeugung zum Ausdruck, dass sie auch nach Annahme des Glaubens an Yeshua HaMashiach () ihre jüdische Identität behalten.
Organisationsstruktur Die Gemeinden der messianischen Juden besitzen weder eine einheitliche Struktur noch eine übergeordnete Hierarchie. Messianisch-jüdische Gruppen stehen aber dennoch durch verschiedene Netzwerke miteinander im Kontakt. Das bedeutendste dieser Netzwerke ist die Internationale messianisch-jüdische Allianz, welche als Dachorganisation für verschiedene nationale Unterallianzen fungiert. Wichtige nationale Unterallianzen sind z. B. die Messianic Jewish Alliance of America (MJAA) oder die British Messianic Jewish Alliance (BMJA) oder die Messianic Jewish Alliance of Israel oder die Messianic Jewish Alliance of Ethiopia. Zudem gibt es verschiedene Gemeinde-Verbünde, unter anderem die oben genannte Union Messianisch-Jüdischer Gemeinden. Auch durch gemeinsam getragene Ausbildungsstätten und Missionsorganisationen wie Jews for Jesus oder Chosen People Ministries, auch unter dem Namen Beit Sar Shalom bekannt, findet Begegnung und Austausch statt.Tuvya Zaretsky: Das Evangelium – auch für Juden. Impulse aus der messianischen Bewegung. Brunnen, Basel/Gießen 2006, S. 41. Ebenfalls eine wichtige Begegnungsplattform für messianische Juden war und ist die Lausanne Consultation on Jewish Evangelism. Seit 2018 treffen sich jesusgläubige Juden unter dem Dach von Yachad BeJeshua (Together in Jesus), einem ökumenischen Netzwerk messianischer Jüdinnen und Juden, die in unterschiedlichen christlichen Kontexten leben (katholische, orthodoxe und protestantische Kirchen, Freikirchen) oder in eigenen messianischen Gemeinden und Synagogen.
Kultus Wie alle Gemeinden jüdischer Frömmigkeitsstile feiern auch die messianisch-jüdischen Gemeinden ihren wöchentlichen Hauptgottesdienst in der Regel am Schabbat.Hanna Rucks: Das Phänomen „Messianische Juden“. Jesusgläubige Juden in Geschichte und Gegenwart. In: Ulrich Laepple (Hrsg.): Messianische Juden – eine Provokation. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2016, ISBN 978-3-7887-3055-0, S. 17–20. Bei einigen Gemeinden folgt die liturgische Gottesdienstgestalt einem Siddur, bei anderen hat sie christlich-freikirchliche Züge. In vielen Gemeinden hat sich eine eigene Musikkultur etabliert: Inspiriert von der amerikanischen „Worship-Liederkultur“ haben messianische Juden eigene Lieder geschrieben. Höhepunkt des messianisch-jüdischen Gottesdienstes ist die Thoralesung. Eine räumliche Trennung der Geschlechter während des Gottesdienstes findet in der Regel nicht statt. Das Tragen der Kippa (Käppchen als Kopfbedeckung) oder der Tallit (Gebetsschal) ist nicht ungewöhnlich, aber in den meisten messianischen Gemeinden nicht obligatorisch. Messianische Juden feiern den Jahreszyklus in der Regel nach jüdischem Rhythmus, d. h. die jüdischen Jahresfeste. Vor allem die im Alten Testament erwähnten Feste wie Pessach (Feier zur Befreiung Israels aus der Sklaverei in Ägypten), Schawuot (Wochenfest, zeitnah zu Pfingsten) oder Sukkot (Laubhüttenfest im Herbst) werden begangen. Dabei werden traditionelle jüdische Riten in messianisch-jüdischer Prägung neu interpretiert und angepasst.