mini|240px|Karte der kimbrischen Halbinsel; die Grenzen Holsteins (gelb) entsprechen dem heutigen Verständnis, müssen aber historisch differenzierter betrachtet werden.

Holstein (dänisch und niederdeutsch Holsten, lateinisch Holsatia) ist der südliche Landesteil des deutschen Landes Schleswig-Holstein und wurde nach einem der drei hier ursprünglich ansässigen Sachsenstämme, den Holsten (eigentlich Holtsaten = „Waldbewohner“; vgl. altsächsisch holt „Gehölz, Wald“ und sāt „Sasse, Bewohner“), benannt. Holstein war im Mittelalter eine Grafschaft und von 1474 bis 1867 ein Herzogtum.

Zur Namensgebung Die wohl erste schriftliche Erwähnung der namensgebenden Holsteiner findet sich bei Adam von Bremen anno 1076:

Transalbianorum Saxonum populi sunt tres. Primi ad occeanum sunt Tedmarsgoi, et eorum ecclesia mater in Melindorp. Secundi Holcetae, dicti a silvis, quas accolunt; eos Sturia flumen interluit, ecclesia Scanafeld. Tercii et nobiliores Sturmarii dicuntur, eo quod seditionibus ea gens frequens agitur. Inter quos metropolis Hammaburg caput extollit, olim viris et armis potens, agro et frugibus felix;

übersetzt:

„Es gibt drei nordelbische Sachsenstämme: erstens die Dithmarschener; sie wohnen am Ozean, und ihre Mutterkirche steht in Meldorf. Zweitens die Holsten: Sie heißen nach den Holzungen, in deren Nähe sie sitzen; durch ihren Gau fließt die Stör; ihre Kirche ist Schenefeld. Der dritte und edelste Stamm heißt Stormarn, weil dieser Gau häufig von Stürmen der Unruhe ergriffen wird. In seiner Mitte erhebt die Mutterkirche Hamburg ihr Haupt, die früher reich war an Männern und Waffen, ergiebig an Land und Früchten.“Adam von Bremen, II, 17, S. 247. (Übersetzung nach der Ed. von Werner Trillmich, FSGA 11, 7. gegenüber der 6. um einen Nachtrag erweiterte Auflage, Darmstadt 2002, S. 137–499 (mit einem Nachtrag S. 758–764.))

miniatur|Das Stammesherzogtum Sachsen um das Jahr 1000, einschließlich der nordelbischen Gebiete. Holstein wird inklusive der sonst zu Schleswig zu rechnenden Dänischen Mark zw. Eider und Schlei dargestellt.

Geografie mini|300px|Holstein (braun) um 1250, nach der Eroberung der slawischen Gebiete an der Ostsee, aber vor der Unterwerfung der Dithmarscher Die historische Landschaft Holstein wird im Süden durch den Unterlauf der Elbe zwischen dem Stadtgebiet Hamburgs, das historisch zu Holstein-Stormarn zählt, und Brunsbüttel begrenzt. Von hier nach Norden folgt entlang des Holstengrabens und der Holstenau die Grenze zu Dithmarschen, das bis 1559 eine eigenständige Bauernrepublik war. Die Grenze zum Landesteil Schleswig lag entlang des heutigen Nord-Ostsee-Kanals und der teilweise mit dem Kanal zusammenfallenden Eider sowie der Levensau. Die Städte Rendsburg und Kiel liegen direkt an der Eider-Levensau-Linie, zählen mit ihren historischen Stadtkernen aber noch zu Holstein. Von Kiel bis Lübeck reicht Holstein an die Ostsee, jedoch gehört die Insel Fehmarn, durch einen zwei Kilometer breiten Sund vom ostholsteinischen Festland getrennt, historisch zu Schleswig. Das Herzogtum Lauenburg zählt ebenfalls nicht zur Landschaft Holstein, deren Südostgrenze, der heutigen Kreisgrenze Stormarn-Lauenburg entsprechend, in unregelmäßiger Linie von Lübeck zur Mündung des Grenzflusses Bille in die Elbe nahe der Hamburger Innenstadt verläuft. Politisch gehörten die heutige Hansestadt Lübeck und die Landstriche um Eutin jahrhundertelang nicht zum Herzogtum Holstein.

Holstein ist durch drei Großlandschaften geprägt. Die Geest (niederdeutsch gest „trocken, unfruchtbar“) ist ein teilweise sandiges, leicht gewelltes Gebiet mit typischen Geländehöhen zwischen 20 und 50 Meter über dem Meer in der Mitte des Landes. An die Geest schließt nordöstlich einer Linie etwa zwischen Rendsburg und Nordost-Hamburg das östliche Hügelland an. Das östliche Hügelland wurde von der (letzten) Weichsel-Eiszeit geformt. Es ist ein fruchtbares Moränenland mit welliger Bodengestalt, das mit dem Bungsberg in Ostholstein 168 m über Normalhöhennull erreicht. Entlang der Elbe finden sich die Elbmarschen, ein seit dem 12. Jahrhundert durch Kultivierung auf Sedimentgrundlage gewonnenes und fruchtbares Kulturland.

Um Holstein vom nördlichen Landesteil Schleswig zu unterscheiden, wird im heutigen Verständnis die Eider-Levensau-Linie als Grenze betrachtet. Somit werden die historischen Landschaften Dithmarschen, Stormarn und Wagrien als auch das Herzogtum Lauenburg und, seit dessen Verlust der Selbstständigkeit 1937, auch Lübeck dazugerechnet, nicht jedoch das ursprünglich auf dem Gebiet Stormarns entstandene Hamburg. Dieser Landesteil hat eine Fläche von rund 10.000 km² (knapp zwei Drittel des Bundeslandes) und etwas über zwei Millionen Einwohner (vier Fünftel der Bevölkerung des Bundeslandes). Letzteres ist nicht nur auf die beiden Großstädte Kiel und Lübeck zurückzuführen, sondern auch auf das dicht besiedelte Hamburger Umland, das zu erheblichen Teilen im Holsteinischen liegt.

Bis ins Spätmittelalter war innerhalb dieses seit etwa 1100 unter derselben Oberherrschaft versammelten Raumes die Unterscheidung zwischen den unterschiedlichen Siedlungsgebieten von Bedeutung: Im Süden Stormarn (entspricht etwa den heutigen Kreisen Stormarn und Pinneberg, Teilen Segebergs und dem nordelbischen Teil Hamburgs) und im Nordwesten das eigentliche Holstein (Eckpunkte ungefähr: Rendsburg–Kiel–Bramstedt–Wilster) als Siedlungsgebiete der oben erwähnten Stormarn und Holsten. Der dritte nordelbische Sachsenstamm, die Dithmarscher, verlor erst 1559 seine faktische Unabhängigkeit. Im Osten eroberten die Grafen von Holstein im 12. Jahrhundert das seit dem frühen Mittelalter slawisch (Wagrier, Polaben) besiedelte Ostholstein, das durch Immigration von sächsischsprachigen Neusiedlern und die Integration in die Grafschaft Holstein ab etwa 1150 zu Ostholstein wurde (der fließende Übergang von slawischer zu niederdeutscher Sprache war hier im 15. Jahrhundert wohl abgeschlossen). Lange Zeit waren diese Gebiete durch kaum – teilweise bis heute dünn – besiedelte Ödmarkstreifen voneinander getrennt.

Die erste genaue Landesaufnahme Holsteins stammt von Johannes Mejer (1606–1674). Verschiedene seiner Landcarten wurden 1652 – zusammen mit Beschreibungen von Caspar Danckwerth – als dreiteiliger Atlas Neue Landesbeschreibung der zwei Herzogtümer Schleswig und Holstein gedruckt. Die Sammlung enthält auch Pläne der größeren Städte.

Ein umfassendes Werk ist die 1803 erschienene Topographie von Holstein in alphabetischer Ordnung von Johann Friedrich August Dörfer (1766–1824). Es wurde in mehreren Auflagen nachgedruckt und 1855 durch die Landeskunde Johannes von Schröder ergänzt. Neuere Landesaufnahmen wurden von Militärtopografen und im 20. Jahrhundert vom Landesvermessungsamt durchgeführt.

Geschichte Holstein gehörte von 811 bis 1806 zum Fränkischen Reich bzw. in dessen Nachfolge zum Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation und war nach 1815 ein Mitglied des Deutschen Bundes. Die Nordgrenze der Grafschaft bzw. des Herzogtums war also zugleich die Reichsgrenze. Knapp hundert Jahre lang, von 934 bis 1025, gehörte auch das Gebiet bis zur Schlei als Mark Schleswig zum sächsischen Herrschaftsgebiet und bildete die nördliche Grenzmark des Heiligen Römischen Reiches. Holstein war bis 1474 Grafschaft und anschließend bis 1864 Herzogtum.

Fränkisch-Deutsche Zeit 811–1460 mini|Die drei sächsischen Gaue bzw. Teilstämme der Dithmarscher, Holsten und Stormarner (in Dunkelblau) zwischen etwa 800 und 1100 n. Chr. Als der Frankenkönig Karl der Große die Sachsen unterwarf, fügte er auch deren nordelbisches Gebiet seinem Reich hinzu. Nachhaltig konnten weite Teile Nordelbiens aber erst ab den 930er Jahren gegen dänische und slawische Herrschaftsansprüche gesichert werden. Das ursprüngliche Holstein umfasste ungefähr die heutigen Kreise Segeberg, Steinburg, Pinneberg, Neumünster, Kiel, Rendsburg-Eckernförde südlich der Eider (lateinisch: Egdor fluvius), südliches Plön und Stormarn. Das heute Ostholstein genannte Gebiet östlich der Schwentine war im Frühmittelalter von Slawen besiedelt (Wagrien) und wurde erst im Hochmittelalter durch die Grafen von Holstein unterworfen, ausführlich beschrieben in der Slawenchronik des Helmold von Bosau.

Die Grenze zwischen Holstein und dem heutigen Landesteil Schleswig bildeten schon seit der Zeit Karls des Großen die Eider und die Levensau (nördlich von Kiel). Ein entsprechender Vertrag zwischen Franken und Dänen wurde 811 geschlossen. Das östliche Moor- und Waldland zwischen Eider bzw. Schlei und der Elbe bildete gegenüber den slawischen Gebieten eine naturräumliche Grenze mit dem Namen Limes Saxoniae. Das sächsische Dithmarschen zählt man zwar prinzipiell ebenfalls zu Holstein, doch konnte sich diese Landschaft das gesamte Mittelalter hindurch eine weitgehende Unabhängigkeit bewahren, bevor sie im 16. Jahrhundert auch faktisch Teil des Herzogtums Holstein wurde. Zunächst aber gehörten die nordelbischen Gaue als Bestandteile des Herzogtums Sachsen zum Fränkischen Reich, aus dem mit der Zeit das Heilige Römische Reich hervorging.

Neben den erwähnten Gauen Dithmarschen und Holstein existierte drittens zunächst der Gau Stormarn, das heutige Südholstein (größer als der heutige gleichnamige Kreis). Während Dithmarschen zuerst zeitweilig dem Grafen von Stade unterstellt war und sich dann zu einer faktisch autonomen Bauernrepublik entwickelte, verschmolzen die Gaue Holstein und Stormarn zur Grafschaft Holstein. Die Ernennung von Adolf von Schauenburg zum Grafen von Holstein und Stormarn erfolgte 1111 durch den sächsischen Herzog Lothar von Supplinburg. Nach der Eroberung der slawischen Gebiete (Wagrien) östlich des Limes Saxoniae (Ostholstein) konnten die Grafen von Holstein aus dem Haus Schauenburg auch in den westlichen Landesteilen ihre Macht gegenüber dem niederen Adel stark ausbauen. Sie wurden zu Lehnsherren der Equites Originarii, welche die Kernzelle der schleswig-holsteinischen Ritterschaft bildeten. Nur in Dithmarschen hielten sich bis 1559 hinein die freien Bauern.

Während Graf Adolf III. von Schauenburg und Holstein regierte und das Heilige Römische Reich eine Schwächephase erlebte, versuchten der südjütländische Herzog Christoph sowie der dänische König Knut VI. und dessen Nachfolger Waldemar II., Dänemark nach Süden hin auszudehnen. Das schien, nachdem Adolf III. 1201 die Schlacht bei Stellau verloren hatte und später in Hamburg gefangen genommen worden war, zunächst erfolgreich zu sein, da Adolf infolge der Niederlage und um sich aus der Gefangenschaft wieder zu befreien, im Jahr 1203 auf die Grafschaft Holstein verzichtete und sich in die Grafschaft Schauenburg zurückzog.

Erst seinem Sohn Graf Adolf IV. gelang die Rückeroberung Holsteins. Denn der Versuch König Waldemars II., Holstein und weitere Territorien fest in sein Reich zu integrieren, scheiterte 1227 in der Schlacht von Bornhöved am Widerstand einer Koalition norddeutscher Fürsten unter Führung des Bremer Erzbischofs und Adolfs IV. Die Grafen von Holstein festigten nach diesem Sieg ihre Herrschaft nicht nur in Holstein, sondern gewannen bald auch im benachbarten Herzogtum Schleswig an Einfluss, zeitweilig auch in Dänemark selbst. So verstärkte sich die Verbindung zwischen Holstein und Schleswig; vor allem der holsteinische Adel hatte bald große Besitztümer nördlich der Eider, und nach dem Aussterben des dänisch-schleswigschen Herzogsgeschlechts 1386 erzwangen die Schauenburger ihre erbliche Belehnung mit dem Herzogtum Schleswig durch das dänische Königshaus.

Zwischen 1261 und 1390 wurde die Grafschaft Holstein durch mehrere Erbteilungen der Grafen von Schauenburg und Holstein in verschiedene, teilweise nur wenige Jahrzehnte bestehende Grafschaften unterteilt, von denen die Linie Holstein-Rendsburg die wichtigste war. Am längsten bestand die Linie Holstein-Pinneberg (bis 1640).

Dänische Zeit 1460–1864 mini|Herzogtum Holstein im 15. Jahrhundert mini|Holstein auf einem Kupferstich von Matthäus Merian (1653)