Kinderkrippen sind Einrichtungen oder Gruppen der Kindertagesbetreuung und familienergänzende Kinderbetreuungen für Kleinkinder und Säuglinge ab einem Lebensalter von acht Wochen. Als Kurzform wird auch das Wort „Krippe“ gebraucht.

Geschichte mini|Die Kinderkrippe, Albert Anker (1890) Die erste Kinderkrippe in Europa wurde von dem Juristen Firmin Marbeau initiiert und am 14. November 1844 eröffnet.Lieselotte Ahnert: Krippen: Wie frühe Betreuung gelingt: Fundierter Rat zu einem umstrittenen Thema. Jörg Maywald und Bernhard Schön (Hrsg.), Beltz, Weinheim / Basel 2008, ISBN 978-3-407-85861-0, S. 24 ff. (books.google.de). In Frankreich sollen sieben Jahre später bereits 400 Kinderkrippen entstanden sein. Im Jahr 1849 wurde in Wien von dem Arzt Carl Helm eine Kinderkrippe gegründet. Es folgten weitere Krippen in Wien, dann 1851 in Dresden und Hamburg, 1853 in Frankfurt am Main, 1855 in München und 1857 in Nürnberg. In Deutschland entstanden zu dieser Zeit zahlreiche Vereine für die Gründung von „Kleinkinderbewahranstalten“.

Kinderkrippen sah die Mehrheit der Bevölkerung zu diesem Zeitpunkt als eine Notlösung an, die der Mutter eine Berufstätigkeit ermöglichen sollte und das Kind vor einer als weniger gut angesehenen Betreuung in einer Pflegefamilie oder einem Säuglings- und Kinderheim bewahren sollte. Pädagogische Beweggründe dafür, ein Kind in einer Kinderkrippe betreuen zu lassen, gab es damals kaum. Dies stand im Gegensatz zu der sich entwickelnden Kindergartenpädagogik. Als entscheidend für eine Kinderkrippe galt eine Verringerung der Säuglingssterblichkeit und der Krankheitshäufigkeit. Bis in die Zeit der Weimarer Republik galten Kinderkrippen vor allem als Einrichtung der Fürsorge für Säuglinge, deren Mütter mittellos oder aber erziehungsunfähig waren. Nach dem Zweiten Weltkrieg blieben Kinderkrippen in der Bundesrepublik ein Randphänomen, während in der DDR ein großer Anteil der Kinder eine Tages- oder Wochenkrippe besuchte.

Betreuung in Kinderkrippen Alltag in der Kinderkrippe mini|Bundesarchiv Bild 183-Z0515-029, Kaltensundheim, essende Krippenkinder

Aufmerksamkeit und Zuwendung durch die Betreuer sind in der Kinderkrippe besonders wichtig. Klein- und Kleinstkinder erhalten in modernen Krippen altersgerechte Mahlzeiten, sie nehmen, je nach Altersstufe, an Spielen und pädagogischen Aktivitäten zur Frühförderung teil, spielen je nach Wetterbedingungen im Freien und schlafen zu Zeiten, die an ihre eigenen, altersabhängigen Bedürfnisse angepasst werden. Kleinstkinder können im Allgemeinen in der Krippe von der Mutter gestillt werden oder trinken abgepumpte Muttermilch oder aus Pulver zubereiteten Muttermilchersatz.

Eingewöhnung Die Kleinkindpädagogik legt besonderen Wert auf eine allmähliche Eingewöhnung in die Kinderkrippe. Dies wirke sich auch viele Monate später positiv aus, beispielsweise auf das Verhalten und die sozialen Interaktionen der Kinder und auf den Umgang der Mütter mit den Betreuern. Die Eingewöhnungszeit hängt sehr vom Alter des Kindes ab, da jedes Kind verschiedene Entwicklungsphasen durchläuft und auf unbekannte Situationen unterschiedlich reagiert. Eine Eingewöhnung nach der Phase des Fremdelns, insbesondere etwa nach dem zwölften Lebensmonat, braucht Untersuchungen zufolge mehr Zeit und ist oft schwieriger als eine Eingewöhnung, die entweder deutlich früher oder deutlich später (ab ungefähr dem 18. oder 24. Lebensmonat) stattfindet.

Die Eingewöhnung vollzieht sich in der Regel allmählich und wird in Anpassung an die Reaktionen des Kindes gestaltet, um einen Aufbau der Beziehung des Kindes zu einer Bezugsperson zu ermöglichen. Das Kind entwickelt in den ersten Monaten eine Beziehung zu jenen Personen, die sich regelmäßig und konstant mit dem Kind beschäftigen. Ab dem sechsten oder siebten Monat ist diese Beziehung deutlich daran zu erkennen, dass sie in ihrem Explorationsverhalten auf die Personen gerichtet ist, zu denen eine Bindung aufgebaut wurde. Die Eingewöhnungszeit in die Krippe ist für die Beziehung zwischen Kind und Bezugsperson sehr wichtig.

Qualitätssicherung Kritisiert wurde in der Vergangenheit die Qualität vieler Kinderkrippen in Deutschland. Zum Beispiel äußerte der als Berater des BMFSFJ tätige Psychologe Wassilios Fthenakis im Jahr 2007: „Es gibt einzelne Orte in Deutschland, wo die Krippen gut sind, aber bisher sind das Glücksfälle.“ Der Aufbau eines qualitativ hochwertigen Krippensystems sei in (West-)Deutschland bislang „sträflich vernachlässigt“ worden. Gute Krippen könnten eine Bereicherung für Kinder sein: „Man kann aber das Aufwachsen des Kindes bereichern, wenn es in eine Einrichtung von hoher Qualität geht. Wenn ein Kind mit der Mutter allein ist, bekommt es nur ein Drittel der für seine Entwicklung nötigen Ressourcen. Das zweite Drittel ist die Beziehung zum Vater und das dritte sind die Qualität der Partnerschaft und die sozialen Beziehungen mit anderen, etwa in der Kita oder der Verwandtschaft.“die tageszeitung: interview mit Wassilios Fthenakis: „Kita erst ab 18 Monaten“

Der Betreuungsschlüssel (im Sinne der Anzahl von betreuenden Personen pro Kind), der unter dem Aspekt der Qualität von hoher Bedeutung ist, wird in Bezug auf Mindeststandards und geförderte Standards in den Bundesländern sehr unterschiedlich gehandhabt.Länderübersicht Kita: Personalstandards und

Als ein Aspekt von hoher Qualität in der Fremdbetreuung mag etwa ein Betreuungsschlüssel 1:2 für Kinder zwischen 0 und 12 Monaten, 1:3 für Kinder zwischen 12 und 24 Monaten, schließlich 1:4 für Kinder zwischen 24 und 36 Monaten gelten.Birgitta vom Lehn: Stress in der Krippe. Essay. Welt Online. 11. Oktober 2011. Die Gesellschaft für Seelische Gesundheit in der Frühen Kindheit (German-speaking Association for Infant Mental Health GAIMH) empfiehlt für die Krippenbetreuung von Kindern unter drei Jahren altersgemischte Kleingruppen von sechs bis acht Kindern mit einem Betreuungsschlüssel, der „näher bei 1:2 als bei 1:3“ liegen soll. (). Abgerufen am 1. Februar 2013. In einem auf Deutschland, Österreich und der Schweiz bezogenen Positionspapier von 2011 warnte die GAIMH, die Bindungs- und Beziehungsbedürfnisse von Kleinkindern unter drei Jahren würden „oft völlig unzureichend berücksichtigt“, und forderte eine Betreuung mit konstanten Kindergruppen und gutem Betreuungsschlüssel sowie eine auf die Tätigkeit in der frühen Kindheit spezialisierte Ausbildung und eine Supervision der Betreuungspersonen. (). Abgerufen am 1. Februar 2013. Die Differenzierung nach Betreuungsformen zeigt allerdings in der NUBBEK-Studie (s. u.), dass die Kinder in altersgemischten Kleingruppen eine niedrigere Betreuungsqualität erfahren als wenn sie in altershomogenen Kleingruppen betreut werden. S. 8 rechts, PDF. Die Krippenqualität wurde standardisiert gemessen und war nur zu 20 % gut oder sehr gut. 60 % war befriedigend. Ebenfalls 20 % war unbefriedigend, ohne dass die Leiter, Träger oder Kommunen (vermutlich) von dieser unbefriedigenden Qualität wüssten. Dringend, folgern die NUBBEK-Forscher, ist darum der Aufbau eines Qualitätsmonitorings., S. 14 f., PDF.

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft warnte 2007, dass für den in Deutschland vorgesehenen Ausbau der Krippenplätze rund 100.000 neue Erzieher gebraucht würden und dass entsprechend ausgebildete Erzieher fehlen könnten, wenn ihre Arbeitsbedingungen und Bezahlung nicht verbessert würden. Das Arbeitsentgelt in dieser Berufsgruppe sei mit der Umstellung auf das neue Tarifvertragssystem aber noch weiter verschlechtert worden.

Der Bindungsforscher und Kinder- und Jugendpsychiater Karl Heinz Brisch wies im Januar 2014 angesichts des Ausbaus der Krippenbetreuung in Deutschland Brisch auf die dringende Notwendigkeit hin, die Qualität der Betreuung zu erhöhen; insbesondere müsse der Betreuungsschlüssel in Kinderkrippen deutlich verbessert werden, die Ausbildung eigens auf Kleinstkinder ausgerichtet sein, die Erzieher durch gute Arbeitsbedingungen und Supervision und ein würdiges Gehalt unterstützt werden und eine bindungsorientierte Eingewöhnung stattfinden, damit es den Kindern nicht an emotionalem Kontakt fehle. Unter geeigneten Bedingungen könne ein sechsmonatiges Kind durchaus auch zu einer Bezugsperson in der Krippe eine sichere Bindung entwickeln. Zur Finanzierung merkt er an, dass eine solche Investition in die Früherziehung langfristig Verhaltensauffälligkeiten vorbeuge.

Die Bertelsmann-Stiftung kritisierte im Juli 2014, dass in Kinderkrippen häufig nur ein Betreuungsverhältnis von 1 zu 6 vorliege, und zwar vor allem in ostdeutschen Krippen. Sie schätzte den Bedarf an zusätzlichen Erziehern zur Sicherung hoher Qualitätsstandards auf 120.000 und verlangte eine bundesweite gesetzliche Regelung für kindgerechte Qualitätsstandards in Kindertagesstätten.

Wirkung frühkindlicher Krippenbetreuung NICHD-Studien (USA 2003 und 2007) Der Studie des US-amerikanischen National Institute of Child Health and Human Development (NICHD) von 2003 zufolge wirkt eine hohe Qualität der Kinderbetreuung positiv auf die kognitive Entwicklung, die Sprachentwicklung und vorschulische Fähigkeiten.Wolfgang Einsiedler: . In: Das Online-Familienhandbuch

Weiterhin untersuchte die NICHD-Studie die emotionale Entwicklung. Es wurde herausgefunden, dass Kinder im Alter von 4,5 Jahren umso aggressiver, ungehorsamer und weniger kooperativ waren, je länger sie eine Kinderkrippe („child care“) besucht hatten. Dabei hat sich frühe, konstante und umfangreiche Fremdbetreuung als besonders problematisch für die sozioemotionale Entwicklung herausgestellt, womit frühe Untersuchungen durch Jay Belsky bestätigt wurden. Die Untersuchung deutet außerdem darauf hin, dass Fremdbetreuung nicht erst ab einem bestimmten Schwellenwert die genannten Effekte zeigt: Auch wenige Stunden Betreuung pro Woche in einer Kinderkrippe ständen demnach mit einer problematischen sozioemotionale Entwicklung in Zusammenhang, jedoch sei der Effekt dann geringer als bei zahlreichen Stunden Betreuung in einer Kinderkrippe. Der beobachtete negative Effekt ist jedoch klein bis moderat und nicht auf einem klinischen Level; die Auswirkung der Betreuung in einer Kinderkrippe ist beispielsweise geringer als die Auswirkungen durch mütterliche Feinfühligkeit oder den sozioökonomischen Status, aber größer als Auswirkungen durch eine mütterliche Depression oder das kindliche Temperament. Die Studie fasst außerdem die Ergebnisse anderer, bis zu diesem Zeitpunkt (2003) erschienenen Studien zusammen; dabei fanden 25 Studien ebenfalls einen negativen Effekt von Krippen-Betreuung auf die emotionale Entwicklung, wohingegen 10 Studien einen positiven Effekt oder keinen Effekt auf die emotionale Entwicklung fanden.

Während Rainer Böhm, Kinderneurologe, die NICHD-Studie als „Goldstandard“ der wissenschaftlichen Studien zum Thema Frühbetreuung bewertet, begründet Susanne Viernickel, Professorin für Pädagogik der frühen Kindheit, warum die Übertragbarkeit der NICHD-Studien auf Deutschland sehr problematisch sei. „In den USA kann … jeder, der als Frisör nicht reüssiert, eine Kinderbetreuungsstätte eröffnen. Außerdem finden hierzulande bestimmte Aspekte Eingang in die Diskussion und in die pädagogische Praxis, wie z. B. eine sanfte Eingewöhnung von Kindern, die in den USA sehr selten oder völlig unbekannt sind. Wir setzen hier auf einem anderen pädagogischen Niveau an“.

Studie im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung 2008 wurden Ergebnisse einer Studie vom Schweizer Forschungsinstitut BASS im Auftrag der Bertelsmann Stiftung veröffentlicht.

Durch den Krippenbesuch eines Kindes werden demnach volkswirtschaftliche Nutzeneffekte ausgelöst, die nahezu dreimal höher sind als die entstandenen Kosten für den Krippenbesuch von rund 8.000 Euro für eine durchschnittliche Verweildauer von 1,36 Jahren.

Kritik an der Bertelsmann-Studie