mini|Wilhelm II. (England). Wilhelm II., englisch William II, genannt William Rufus, französisch Guillaume II, genannt Guillaume le Roux (* 1056; † 2. August 1100 bei Lyndhurst in Hampshire), war von 1087 bis zu seinem Tod König von England. Der Beiname Rufus bedeutet „mit den roten Haaren“ oder „mit den roten Wangen“. Er war der Sohn Wilhelms des Eroberers und Mathildes, die der Herrscherdynastie der Kapetinger entstammte. Am 26. September 1087 wurde er in der damaligen (vorgotischen) Westminster-Abteikirche, der Vorläuferkirche der heutigen (weitgehend gotischen) Westminster Abbey, gekrönt.

Zeitgenössische Rezeption Obwohl Wilhelm ein erfolgreicher Soldat war, war er auch ein rücksichtsloser Herrscher und bei seinen Untertanen der kirchlichen geprägten Überlieferung nach unbeliebt. Die Angelsächsische Chronik berichtet, dass er „von fast allen Untertanen gehasst wurde“. Man muss diese Sicht der angelsächsischen Chronisten aber kritisch sehen, denn einerseits gehörten die Chronisten jener Zeit üblicherweise dem Klerus an und Rufus lag gerade mit der Kirche lange und intensiv im Streit, und andererseits verachtete er, wie es damals unter den Normannen üblich war, die angelsächsische Kultur.Norman F. Cantor: The Civilization of the Middle Ages, S. 280–284.

Wilhelm war ein auffallender Charakter und seine Regierungszeit war geprägt von seinem kriegerischen Temperament. Er war nie verheiratet und hatte keine unehelichen Kinder. Verschiedene zeitgenössische Chronisten (Ordericus Vitalis, Wilhelm von Malmesbury und Serlo, Bischof von Bayeux und Abt von Gloucester) berichten von homosexuellen Beziehungen des Königs. Wilhelm von Malmesbury äußerte sich verächtlich über Wilhelms Hofstaat, den er voller „weibischer“ junger Männer in extravaganter Kleidung beschrieb.William of Malmesbury: William of Malmesbury’s Chronicle of the kings of England; S. 337 Zitat: enervated and effeminate Ordericus Vitalis erwähnt „Wüstlinge und Sodomiten“, die während Wilhelms Regierung in hoher Gunst standen, und stimmte dem nachfolgenden König Heinrich I. zu, der als eine seiner ersten Amtshandlungen den Höflingen das lange Haar scheren ließ.

Wilhelms Günstling war Ranulf Flambard, den er 1099 zum Bischof von Durham machte. Dies war zu damaliger Zeit neben dem kirchlichen Amt auch mit einem adligen Lehnsgut verbunden.

Äußere Erscheinung Wilhelm von Malmesbury beschreibt Wilhelm Rufus als: „...muskulös; seine Gesichtsfarbe war gerötet, sein Haar gelb; sein Blick war offen; seine Augen verschiedenfarbig, mit glitzernden Tupfern; sehr kräftig, aber nicht sehr groß, und sein Bauch eher hervorstehend;...“William of Malmesbury: William of Malmesbury’s Chronicle of the kings of England; S. 341f Zitat: well set; his complexion florid, his hair yellow; of open countenance; different-coloured eyes, varying with certain glittering specks; of astonishing strength, though not very tall, and his belly rather projecting;

Frühe Jahre

Der genaue Geburtstag von Wilhelm steht nicht fest, lag aber zwischen 1056 und 1060. Er war der dritte von vier Söhnen Wilhelms des Eroberers und Mathildes. Das Herzogtum Normandie würde später von seinem ältesten Bruder Robert Curthose geerbt werden. Erzogen wurde Wilhelm von Lanfrank von Bec. Es zeichnete sich schon während seiner Jugend ab, dass er zwar ein hervorragender Feudalherr werden würde, aber nicht fähig war, König zu werden.

Nach dem unerwarteten Tod seines zweitältesten Bruders Richard wurde Wilhelm zum Thronfolger ernannt und folgte seinem Vater 1087 auf den englischen Thron. Dies führte zu langjähriger Feindschaft mit Robert, die erst beigelegt wurde, als der jüngste Bruder Heinrich 1091 einen Umsturzversuch startete. Die Beziehungen zwischen den drei Brüdern blieben dennoch ständig gespannt.

Wilhelm hatte fünf oder sechs Schwestern.

England und Frankreich

Die Entscheidung, die Besitztümer Wilhelm des Eroberers beidseitig des Ärmelkanals aufzuteilen, führte für diejenigen Adligen, die Ländereien auf beiden Seiten des Kanals hatten, zu einem Dilemma. Da Wilhelm und sein Bruder Robert Rivalen waren, mussten sich die Adligen entscheiden, welchem Lehnsherrn sie dienen sollten. Sie würden auf jeden Fall die Gunst des anderen Herrschers verlieren. Die einzige Möglichkeit, die sie sahen, war, die beiden Reiche, Normandie und England, zu vereinigen. Dies führte zur Rebellion von 1088, in der die Adligen sich Robert Curthose anschlossen. Anführer dieser Rebellion war der Bischof Odo von Bayeux, ein Halbbruder von Wilhelm dem Eroberer. Robert Curthose unterließ es allerdings, in England zu erscheinen und die Rebellen zu unterstützen, so dass Wilhelm die Aufständischen mit Silber und Versprechen hinsichtlich einer besseren Regierung auf seine Seite ziehen konnte. Wilhelm fiel 1090 in der Normandie ein und schlug Roberts Heer vernichtend. Dieser musste daraufhin Teile seiner Ländereien an Wilhelm abtreten. In der Folge legten sie ihren Streit bei und Wilhelm versprach Robert seine Unterstützung bei der geplanten Rückgewinnung der französischen Grafschaft Maine.

Wilhelm regierte zu dieser Zeit eines der mächtigsten Königreiche Europas und hatte innenpolitisch wenig Probleme mit dem Adel. Zudem waren ihm, wie in der Normandie, die Bischöfe und Äbte verpflichtet, da er in seinem Königreich nach normannischer Tradition jederzeit das Recht hatte, Kirchenämter neu zu vergeben – anders als etwa im Heiligen Römischen Reich, wo Heinrich IV. während des Investiturstreits aus genau diesem Grund exkommuniziert wurde. Die Verwaltung der königlichen Güter in England und der Normandie erreichten eine für damalige Verhältnisse unglaubliche Leistungsfähigkeit im mittelalterlichen Europa.

Anders als die Capetinger in Frankreich, die die Monarchie eng mit der Hierarchie der Kirche verbanden, führte Wilhelms Art, sich von päpstlicher Verdammung relativ unbeeindruckt zu zeigen, zu einem geeinten Königreich.

Verhältnis zur Kirche

Schon nach ein paar Jahren verlor Wilhelm Rufus seinen Berater Lanfranc, den italo-normannischen Erzbischof von Canterbury, der im Jahre 1089 starb. Zunächst setzte Wilhelm für einige Jahre keinen neuen Erzbischof ein, sondern kassierte in dieser Zeit selbst die kirchlichen Einkünfte. Als er 1093 schwer erkrankte, entschied er sich doch noch dazu, Anselm von Canterbury als Erzbischof einzusetzen. Anselm, der auch italo-normannischer Herkunft war, war einer der bedeutendsten Theologen seiner Zeit. Es begann eine lange Zeit der Feindseligkeit zwischen Kirche und Staat.

Anselm war ein stärkerer Unterstützer der Gregorianischen Reformen in der Kirche als es Lanfranc gewesen war. Wilhelm und Anselm waren sich in vielen kirchlichen Angelegenheiten nicht einig. Wilhelm äußerte einmal, dass er

...ihn gestern sehr gehasst, ihn heute sehr hasse und ihn morgen und überhaupt immer mehr hassen werde.

Der englische Klerus allerdings verhielt sich Anselm gegenüber öffentlich zurückhaltend, da er dem König durch verliehene Ämter und Einkommen verpflichtet war. Im Jahre 1095 berief Wilhelm ein Konzil in Rockingham ein, um Anselm unter Kontrolle zu bringen, aber der Erzbischof blieb standhaft.

Im Oktober 1097 ging Anselm ins Exil und trug dem Papst seinen Fall vor. Der neue Papst, der diplomatische und anpassungsfähige Urban II. war zu jener Zeit gerade in einen Streit mit dem Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, Heinrich IV. verwickelt, der einen Gegenpapst unterstützte. Da sich Urban nicht einen weiteren Feind machen wollte, schloss er mit Wilhelm Rufus ein Konkordat. Darin erkannte Wilhelm Urban als Papst an und Urban segnete die anglo-normannische Verfahrensweise in kirchlichen Fragen nach dem damaligen Status quo ab.

Anselm blieb im Exil und Wilhelm konnte die Einnahmen des Erzbistums Canterbury bis zum Ende seiner Herrschaft einziehen.

Krieg und Rebellion

Die normannischen Besitztümer, die Wilhelm von seinem Vater erbte, sind detailliert im Domesday Book verzeichnet, einer Auflistung, die im damaligen Europa einmalig war und der Monarchie Kontrolle über das Land gab. Was Wilhelm nicht von seinem Vater erbte, waren Charisma und politisches Können. Er schaffte es nicht, den Hang der normannischen Lords zu Rebellion und Gewalt zu kanalisieren.

Im Jahre 1095 weigerte sich Robert von Mowbray, der Earl von Northumberland, an der dreimal im Jahr stattfindenden Curia Regis, dem Rat des Königs, teilzunehmen. Dort verkündete der König seine Regierungsentscheidungen dem Hochadel. Wilhelm griff Robert daraufhin mit seiner Armee an und besiegte ihn. Robert von Mowbray wurde enteignet und eingekerkert. Ein weiterer Adliger, Wilhelm von Eu, wurde des Verrats angeklagt, geblendet und entmannt.

Außenpolitisch hatte Wilhelm einige Erfolge zu verzeichnen. Im Jahre 1091 schlug er die Armee des schottischen Königs Malcolm III. zurück und zwang ihn, Wilhelm zu huldigen. Später stritten beide Könige erneut über Malcolms Besitztümer in England und Malcom fiel nochmals in England ein und plünderte Northumbria. In der Schlacht von Alnwick wurden er und sein Sohn Eduard von Robert von Mowbray aus dem Hinterhalt angegriffen und getötet. Malcolms jüngerer Bruder Donald bestieg daraufhin als Donald III. den schottischen Thron. Wilhelm unterstützte allerdings Malcolms Sohn Duncan in seinen Ansprüchen auf die Thronfolge und später Edgar, einen weiteren Sohn Malcolms.

Edgar eroberte 1094 Lothian und konnte drei Jahre später Donald vom Thron verdrängen. Zuvor hatte er mit Wilhelms Hilfe einen Feldzug zusammen mit Edgar Ætheling geführt. Edgar erkannte Wilhelms Herrschaft über Lothian an und schloss sich dessen Hofstaat an. In Wales hatte Wilhelm weniger Glück und scheiterte mit zwei Überfällen in den Jahren 1096 und 1097.

1096 schloss sich Wilhelms Bruder Robert Curthose dem Ersten Kreuzzug an. Um das Unternehmen zu bezahlen, benötigte Robert Geld und verpfändete daher sein Herzogtum an William für den Preis von 10.000 Mark, einer Summe, die etwa ein Viertel von Wilhelms Jahreseinkommen darstellte. Um das Geld aufzubringen, trieb er in England gegen viele Widerstände eine neue, sehr hohe Steuer ein. In Roberts Abwesenheit regierte Wilhelm als Regent die Normandie. Robert kehrte jedoch im September 1100 vom Kreuzzug zurück, einen Monat nach Wilhelms Tod. Während seiner Regentschaft in der Normandie führte Wilhelm von 1097 bis 1099 Feldzüge gegen Frankreich. Er sicherte zwar den nördlichen Teil der Grafschaft Maine, scheiterte aber daran, Teile der Vexinregion zu kontrollieren. Zum Zeitpunkt seines Todes plante er gerade einen Überfall auf Aquitanien in Südwestfrankreich.

Ungeklärte Todesumstände Der vielleicht bekannteste Aspekt im Leben von Wilhelm Rufus ist sein Tod, als er gerade auf der Jagd im New Forest war. Er wurde durch einen Pfeil in die Lunge getroffen, aber die näheren Umstände blieben unklar.

An einem klaren Augusttag des Jahres 1100 organisierte Wilhelm eine Jagdgesellschaft im New Forest. Ein Bericht von Ordericus Vitalis beschreibt die Vorbereitungen der Jagd:

… ein Waffenschmied kam zu ihm [Rufus] und zeigte ihm sechs Pfeile. Der König nahm sie an sich mit großer Befriedigung, die Arbeit lobend und nicht ahnend, was passieren würde, behielt vier für sich und hielt die beiden anderen Walter Tyrrel hin mit den Worten: „Es ist nur richtig, dass die schärfsten dem Mann gegeben werden, der die tödlichsten Schüsse zu schießen weiß.“

Auf der anschließenden Jagd zerstreute sich die Jagdgesellschaft und auch Wilhelm in Begleitung von Walter Tyrell (oder Tirel), des Seigneur de Poix, wurde von den anderen getrennt. Hier wurde Wilhelm zum letzten Mal lebend gesehen.