mini|Bernhard Pörksen (2018) Bernhard Pörksen (* 1969 in Freiburg im Breisgau) ist ein deutscher Medienwissenschaftler und Hochschullehrer.
Leben Bernhard Pörksen ist der Sohn der Publizistin Gunhild Pörksen und des Freiburger Sprachwissenschaftlers Uwe Pörksen († 2025). Sein Bruder ist der Dramaturg und Filmemacher Julian Pörksen.
Bernhard Pörksen studierte Germanistik, Journalistik und Biologie in Hamburg und absolvierte auf Einladung von Ivan Illich Forschungsaufenthalte an der Pennsylvania State University. Während und nach seinem Studium arbeitete er als Journalist. Von 1997 bis 1999 schrieb er eine Doktorarbeit über Die Konstruktion von Feindbildern. Zum Sprachgebrauch in neonazistischen Medien.
Im Jahre 2000 lehrte er in der Kommunikations- und Sprachwissenschaft an der Universität Greifswald. Ab 2002 arbeitete er als Juniorprofessor für Journalistik und Kommunikationswissenschaft an der Universität Hamburg, vertrat 2006 den Lehrstuhl für Kommunikationstheorie und Medienkultur an der Universität Münster und wurde 2007 für Kommunikations- und Medienwissenschaft mit Schriften zum Themengebiet Konstruktivistische Erkenntnistheorie und mediale Praxis habilitiert. 2008 erhielt er einen Ruf auf einen Lehrstuhl für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen. Im November 2008 wurde er in einem bundesweiten Wettbewerb der Zeitschrift Unicum Beruf zum „Professor des Jahres“ gewählt.unicum.de: Professor des Jahres 2008 in der Kategorie „Geistes-/Gesellschafts- und Kulturwissenschaften“, November 2008. Von 2009 bis 2011 war er Gründungsbeauftragter und Geschäftsführender Direktor des Instituts für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen.Universität Tübingen: Institut für Medienwissenschaft
Wissenschaftliches Werk mini|Bernhard Pörksen bei der Eröffnung der 16. Tübinger Mediendozentur (2019) Zu den zentralen Themen seiner Forschungs-, Berater- und Vortragstätigkeit gehören die Dynamik öffentlicher Empörung, Medienskandale und Fragen der Medienethik, Kommunikationsmodelle und Kommunikationstheorien, Inszenierungsstile in Politik und Medien, Journalismus und Prominenz. Überdies hat er zahlreiche Arbeiten über das systemische Denken und die Philosophie des Konstruktivismus publiziert. Seine Bücher mit dem Kybernetiker Heinz von Foerster (Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners), dem chilenischen Neurobiologen Humberto Maturana (Vom Sein zum Tun) und dem Kommunikationspsychologen Friedemann Schulz von Thun (Kommunikation als Lebenskunst) sind in unterschiedlichen Sprachen übersetzt. Der gemeinsam mit Heinz von Foerster verfasste Band gilt wegen seiner Bedeutung für die Vermittlung systemischen Denkens als „Klassiker“.Heinz von Foerster & Bernhard Pörksen: Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners. Gespräche für Skeptiker. Carl-Auer Verlag Heidelberg, 6. Auflage 2004. Pörksen selbst vertritt in seinem Buch Die Beobachtung des Beobachters eine Richtung des Konstruktivismus, die er „diskursiven Konstruktivismus“ nennt: der konstruktivistische Relativismus und Skeptizismus seien lediglich ein Korrektiv von Dogmen im Diskurs, keine neue „Heilslehre“.Bernhard Pörksen: Die Beobachtung des Beobachters. Eine Erkenntnistheorie der Journalistik. Heidelberg: Carl-Auer-Systeme, 2015, S. 58–61.
Einen weiteren Forschungsschwerpunkt Pörksens stellt die Skandal- und Krisenkommunikation dar. Pörksen ist der Ansicht, dass sich in Skandalen Wertedebatten spiegeln und sich in der kollektiven Empörung offenbart, wie es um die moralische Sensibilität, die Tabus und die „Reizbarkeit“ der Gesellschaft steht.Jeder und alles ist skandalisierbar. In: Der Tagesspiegel, 23. Mai 2002.Wir stecken in der digitalen Pubertät. In: Die Presse, 21. Juni 2012. In dem auch in englischer Sprache vorliegenden Buch Der entfesselte Skandal (gemeinsam mit Hanne Detel, 2012) vertritt er die These, dass der Skandal im digitalen Zeitalter aufgrund der umfassenden Verbreitung, Durchsuchbarkeit und der kontextlosen Rekombinierbarkeit von Daten und Dokumenten aller Art eine neue Evolutions- und Eskalationsstufe erreicht hat: Nicht mehr nur Mächtige und Prominente würden zum Objekt unerwünschter, im Extremfall weltweiter Aufmerksamkeit, sondern auch Ohnmächtige und komplett Unschuldige. Gesellschaftliche Fallhöhe sei kein Schlüsselkriterium mehr. Diese Neubetrachtung des Skandals im digitalen Zeitalter hat ein breites Echo ausgelöst und gilt als neuer, internetorientierter Ansatz innerhalb der Skandalforschung.Sebastian Pfügler, Philipp Baugut: Normverstoß, Medienkonstrukt, Machtkampf oder Internethysterie? Der Skandal und die Typen seiner Erforschung. In: Publizistik, 2015, Nr. 60, S. 318–320. Das Buch wurde mehrfach als Sachbuch des Monats nominiert. (Herbert von Halem Verlag 24-2.2012).Skandal für alle! (Zeit.Online vom 27. April 2012)Skandal-Forschung Totaler Kontrollverlust. In: Berliner Zeitung, 9. Mai 2012.
In dem 2018 erschienenen Buch Die große Gereiztheit untersucht Pörksen die gesellschaftlichen Folgen der Vernetzung und der Digitalisierung. Er beschreibt auf der Basis von Fallstudien, wie sich die Idee von Wahrheit, die Dynamik von Enthüllungen, den Charakter von Debatten und die Vorstellung von Autorität und Macht verändern. Pörksen zeigt, warum aus seiner Sicht das Modell der Filterblase von Eli Pariser irreführend ist. Dem widersprächen empirische Studien, netzwerktheoretische Einsichten und die alltägliche Erfahrung von Informationsreichtum und Informationsvielfalt.Bernhard Pörksen: Die große Gereiztheit. Wege aus der kollektiven Erregung. Hanser-Verlag, München 2018. S. 116–127.re:publica 2018 – Bernhard Pörksen: Filter Clash. Die große Gereiztheit der vernetzten Welt (YouTube) Vielmehr regiere der Filterclash, das Aufeinanderprallen von Parallelöffentlichkeiten im digitalen Zeitalter: Man könne sich in sein „Selbstbestätigungsmilieu“ hinein begeben, aber der Weltsicht oder Ideologie anderer Menschen unter vernetzten Bedingungen nicht ausweichen. Weil sich Menschen zu nahe kämen, entstehe die „große Gereiztheit“.Interview mit Bernhard Pörksen: Wir sind auf dem Weg zur Empörungsdemokratie. In: NZZ, 5. Februar 2018. Pörksen leitet aus der „Überhitzung und Polarisierung“ von Kommunikation die Forderung nach einer Erziehung zur Medienmündigkeit ab, die den einzelnen Bürger befähigen soll, sein eigener journalistischer Gatekeeper zu werden. Er nennt dies die „Utopie einer redaktionellen Gesellschaft“: In den Idealen und Maximen des guten Journalismus (Zwei-Quellen-Prinzip, Audiatur et altera pars etc.) sei eine publizistische Ethik der Allgemeinheit enthalten – eine Bildungsvision, die einerseits von Kritik gelobt,Im Zeitalter kollabierender Kontexte (Glanz&Elend Literatur und Zeitkritik)Medienwissenschaftler Pörksen hat das Buch der Stunde geschrieben (Frankfurter Neue Presse vom 6. März 2018) andererseits auch als naiv kritisiert wurde.Wer repariert das Internet?. In: FAZ, 19. März 2018.Wie entkommen wir der medialen Gereiztheit?. (falter.at vom 8. Mai 2018).Willkommen in der redaktionellen Gesellschaft. In: Welt.de, 10. März 2018.
Um den Einzelnen auf dem Weg in eine redaktionelle Gesellschaft zum verantwortungsvollen Handeln zu ermächtigen, nennt Pörksen drei Ansätze: Zum einen brauche es ein neues Schulfach an der Schnittstelle von philosophischer Ethik, Sozialpsychologie, Medienwissenschaft und Informatik, in dem Medien- und Machtanalyse, aber auch Medienpraxis gelehrt würden. Zum anderen müsse der Journalismus transparenter und dialogischer werden, sich in einem nie endenden Gespräch seinem Publikum öffnen, das selbst medienmächtig und zur „fünften Gewalt“ geworden sei. Schließlich könnten sogenannte Plattformräte als ein Modell der Plattformregulierung dienen. Unter einem Plattformrat versteht der Medienwissenschaftler eine neu zu gründende Institution als Anlaufstelle, Schiedsrichter und Korrekturinstanz von Entscheidungen. Solche Räte hätten die Aufgabe, die Vorgehensweisen und die Macht der Plattformen (Informationen zu den Abläufen bei der Moderation von Inhalten, Beeinflussung der öffentlichen Meinung, Umgang mit politischer Werbung und Desinformation) auf der Plattform selbst zum Thema zu machen, um Bürgerinnen und Bürgern eine bewusstere, mündige Einschätzung der publizistischen Richtlinien zu ermöglichen, ohne aber die Rede- und Meinungsfreiheit einzuschränken.
Gemeinsam mit dem Kommunikationspsychologen Friedemann Schulz von Thun geht Pörksen in dem 2020 erschienenen Buch Die Kunst des Miteinander-Redens der Frage nach, wie sich die Qualität von Debatten verbessern lässt. Die Autoren verbinden Psychologie und Medienwissenschaft und analysieren Möglichkeiten und Hindernisse, mit radikal Andersdenkenden, aber auch mit Verschwörungstheoretikern und Vertretern extremistischer Positionen im Gespräch zu bleiben. Sie diskutieren Grenzen und „rote Linien“ des Diskurses, nutzen Rollenspiele und die Modelle der Kommunikationspsychologie wie das Werte- und Entwicklungsquadrat, um Techniken der Polarisierung und der Konfliktentschärfung zu veranschaulichen. Als Kern ihrer dialogischen Ethik definieren die Autoren die Verbindung von Empathie mit der Bereitschaft zur klärenden Konfrontationen, dem Streit in der Sache.
In seinem 2025 publizierten Buch Zuhören. Die Kunst, sich der Welt zu öffnen. untersucht Pörksen das Zuhören als Grundlage für die öffentliche Debatte und als eine elementare, unterschätze Kraft der Kommunikation, ohne die es keinen respektvollen Streit, keine gelingende Begegnung, keine wirkliche Versöhnung geben könne. Er unterscheidet zwei Formen des Zuhörens: zum einen mit dem Ich-Ohr, zum anderen mit dem Du-Ohr. Das Ich-Ohr-Zuhören egozentrischer Aufmerksamkeit orientiert sich an der Frage, ob man mit den Auffassungen des Anderen übereinstimmt; hier seien die eigenen Ideen und Überzeugungen dominant. Das Du-Ohr-Zuhören nicht egozentrischer Aufmerksamkeit wird von der Frage bestimmt, in welcher Welt das, was der andere erzähle, sinnvoll, wahr und plausibel sei. Hier versuchte man sich von den eigenen Filtern und Überzeugungen zu lösen. Der Imperativ des Du-Ohr-Zuhörens laute demnach: „Erkenne das andere in seiner Andersartigkeit, seiner Fremdheit, seiner Schönheit, seinem Schrecken.“ Pörksen analysiert in Form von Fallstudien den lange kaum beachteten Missbrauchsskandal an der Odenwaldschule. Er setzt sich mit der „wissenden Ignoranz“ im Angesicht von Klimakrise und Artensterben und der Ausbildung eines „ökologischen Gehörs“ auseinander und beschreibt, welche Rolle eigene, persönliche Erfahrungen und Tiefengeschichten (ein Begriff der Soziologin Arlie Hochschild) beim Zuhören spielen.
Pörksen arbeitet überdies in der Herausgeberschaft unterschiedlicher systemisch-konstruktivistischer Zeitschriften (Constructivist Foundations, Cybernetics & Human Knowing, Familiendynamik). Er ist im Beirat der Zeitschriften Message, Pop. Kultur und Kritik, Universitas und Spiel tätig und gibt gemeinsam mit der Linguistin Ingrid Schröder die Buchreihe Sprache in der Gesellschaft heraus, in der Arbeiten an der Schnittstelle von Sprach- und Medienwissenschaft erscheinen. Im Carl-Auer-Verlag veröffentlicht er die Buchreihe Systemische Horizonte. Theorie der Praxis; die dort publizierten Bücher zeigen die praktische Nutzbarmachung des Konstruktivismus und der Systemtheorie in der Organisationsberatung und im Management, in der Politik, der Pädagogik und der Didaktik. Überdies erscheinen hier Grundlagenwerke der Erkenntnistheorie, der Kybernetik, der Kommunikationspsychologie, der Emotions- und der Metaphernforschung.Systemische Horizonte, auf carl-auer.de
Publizistische Tätigkeit