mini|Stiftskirche Bücken, stark erneuerte Westfassade Die evangelisch-lutherische ehemalige Stiftskirche St. Materniani et St. Nicolai in Bücken, im Volksmund auch „Bücker Dom“, ist eine romanische Basilika mit Doppeltürmen aus dem 12. Jahrhundert.
Baugeschichte mini|hochkant|Zweierlei Backsteinstile: Türme romanisch, Apsis-Oberteil u. Ostgiebel gotisch Über die älteste, im Zusammenhang mit der Gründung des Stifts im 9. Jahrhundert vorauszusetzende, vermutlich aus Holz gebaute Kirche wissen wir nichts sicheres. Die heute bestehende Stiftskirche entstand in mehreren Bauperioden.
Im 11. Jahrhundert errichtete man eine gewölbelose Pfeilerbasilika. Im 12. Jahrhundert wurde sie auf die heutige Höhe gebracht, im 13. Jahrhundert eingewölbt. Die Außenwände lassen eine Abfolge verschiedener Mauerwerke und Veränderungen erkennen, mit Unterschieden zwischen den Gebäudeteilen.
In die zweite Hälfte des 12. Jahrhunderts werden das westliche Südportal (Hl. Petrus und Agnus Dei) und die beiden figürlichen Konsolen (die nördliche evtl. eine Selbstdarstellung des Baumeisters) unter der Orgelempore eingeschätzt.
Die vielleicht erste der zum Teil in Backstein ausgeführten nächsten beiden Bauphasen wurde finanziell durch einen Ablass von 1248Hoyer Urkundenbuch Abth. III S. 22 Urk.29., Auszug im Bremischen Urkundenbuch, Bd. 1, 1863, S. 280 Nr. 241 mit falscher Quellenangabe „Hoyer Urkundenbuch Abth. II …“. zugunsten der baufällig gewordenen Kirche erleichtert. Es folgten weitere Ablässe 1254 und 1256.MDZ: Hoyer Urkundenbuch III (Archiv des Stiftes Bücken) Urk.34. (1254) und Urk.35. (1256). mini|links|hochkant|Konsolenfiguren … Eingewölbt wurde die Kirche nach dem gebundenen System, also mit zwei Paar Seitschschiffsjochen pro Mittelschiffsjoch. Dafür wurden die Obergadenfenster neu platziert, zu erkennen an dem Nebeneinander vermauerter und heutiger Rundbogenfenster, beide Serien mit runden Sandsteinbögen. Die Gewölbe sind spitzbogige Kreuzrippengewölbe. Sowohl das gebundene System als auch die Verbindung spitzbogiger Gewölbe mit rundbogigen Fenstern sind typisch für die erste Hälfte des 13. Jahrhunderts, beispielsweise die Johanneskirche in Billerbeck im Münsterland, inschriftlich auf 1234 datiert. Im zweiten Viertel des Jahrhunderts verwendete man auch schon Birnstabrippen.Günther Binding: Architektonische Formenlehre. 8. Auflage. 2019, S. 125. Ein altertümlicher Zug der Bückener Gewölbe sind die bandförmigen Gurtbögen; in den Langhäusern der Magdeburger Liebfrauenkirche (Mittelschiffsgewölbe 1221/1222 (d)) und des Bremer Doms sind die Gurtbögen schon so elegant profiliert wie die Gewölberippen. mini|hochkant=0.8|Als Patronatsloge für den Erzbischof von Bremen errichtete Empore; ganz links Pfeiler mit Baunaht; Gewölbe schon mit Birnstab-Rippen mini|links|hochkant|… am Kleeblattbogen Vielleicht erst nach etwa 1350 erfolgte der Einbau einer steinernen Westempore zwischen den Türmen, gestützt von einem riesenhaften Kleeblattbogen.
Im 17. oder 18. Jahrhundert bekamen als kostensparende Sanierungsmaßnahme Mittelschiff und Seitenschiffe ein gemeinsames Dach, wurde so aus der Basilika eine Pseudobasilika. Um in dieser Situation dem Mittelschiff mehr Licht zu verschaffen, wurden die Fenster der Seitenschiffe rechteckig vergrößert und im Inneren Teile der Hochschiffswände entfernt. 1802 wurde der Nordturm bis auf die beiden unteren Geschosse abgerissen.
Diese vereinfachenden Umbauten wurden rückgängig gemacht, als 1863 bis 1868 der aus Bücken gebürtige Architekt Adelbert Hotzen eine umfassende historistische Restaurierung (Südturm, Obergeschosse des Nordturms, Westvorhalle und -giebel) durchführte, bei der er sich so gut wie möglich an den erhaltenen Resten orientierte und bei der die Stiftskirche weitgehend ihre heutige Gestalt erhielt. Die dabei wieder vermauerten Flächen unterscheiden sich durch kleineres Backsteinformat und neuzeitlichen Kreuzverband von benachbartem mittelalterlichen Backstein. Anscheinend stammen auch alle Sandsteinlaibungen heute offener Langhausfenster aus dieser Restaurierung.
In der Westfassade wurde am Südturm das Backsteinmaterial ausgetauscht, während an seinen übrigen Seiten der mittelalterliche Backstein erhalten blieb. Auch die Ausstattung wurde in diesen Jahren restauriert und das Innere neu ausgemalt.
Weitere Außen- und Innensanierungen erfolgten 1963–1971. Die Glasfenster des 13. Jahrhunderts wurden 1975 konserviert, 1976 die Orgel erneuert, 1981–1982 und 1991 der Südturm saniert.
Architektur Apsis mini|links|Romanische Zonen der Apsis mini|hochkant|Apsis und Chorgiebel Die Apsis im Osten besteht aus zwei Zonen in Naturstein, darüber einer aus Backstein ohne jeden Naturstein. Die beiden Natursteinzonen scheinen auf einander abgestimmt: Die untere Zone ist durch Lisenen gegliedert (die sich am Langhaus nirgends finden) und nach oben durch ein Gesims begrenzt (was es am Langhaus ebenfalls nicht gibt). Der Sockel, optisch ein Wulst auf einer Quaderlage, besteht aus sorgfältig zurechtgehauenen Sandsteinblöcken. Ebenfalls aus sorgfältig gearbeiteten Sandsteinblöcken bestehen die Lisenen und ihre nähere Umgebung sowie die oberste Steinlage unter dem selbstverständlich ebenfalls sorgfältig gemeißelten Sims. Die Flächen dazwischen zeigen lagenhaftes Mauerwerk aus weniger sorgfältig gearbeiteten Quadern und aus Feldstein. mini|1861: Chor gotisch erweitert, Obergaden unter Dach Die Zone über dem Sims ist außer zwei kleinen seitlich gelegenen Flächen ganz aus sorgfältig gearbeitete Steinquadern gemauert. Sie zeigt Spuren dreier schmaler Fensteröffnungen, die südliche mit Resten des abschließenden Rundbogens. Die „schlechte“ Abstimmung zwischen der Gliederung der unteren Zone und der Fensterzone ist für zweizonige Fassaden des 12. und frühen 13. Jahrhunderts in Nordwestdeutschland geradezu typisch.
In der Backsteinzone zeigen die hohen Fenster, der Traufenfries gotische Spitzbögen, ebenso wie die verputzten Blenden des Ostgiebels oberhalb der Apsis.
Chor und Konchen mini|links|hochkant=0.8|Blick aus der neuromanischen Südempore mini|Südkonche, Konchenportal, Chor: Purismus und Neoromanik Von den seitenschiffshohen Anbauten beidseits des Chors besteht der südliche aus einer unteren Zone aus kleinen grob behauenen Steinen und einer oberen aus großen etwas besser gearbeiteten Quadern. In der oberen Zone liegen zwei mit Rundstäben geschmückte Rundbogenfenster. Der entsprechende Anbau auf der Nordseite und der anschließende geradlinige Unterbau der Nordkonche zeigen einen Flickenteppich aus Materialien unterschiedlicher Qualität und teils fein, teils grob gearbeiteten Wandöffnungen.
Die beide seitlichen Anbauten des Chorquadrats sind puristischer neuromanischer Ersatz für gotische Seitenbereiche. Sie beherbergen als Obergeschoss je eine Empore oder Loge mit gedrücktem Tonnengewölbe, die mit einer kleinen vierbogigen Arkade Sicht auf den Altar hat. Beide Untergeschosse sind fensterlos und daher schlecht als Sakristei geeignet. Bis 1861 hatte der Chorgiebel sowohl seitlich als auch in der Höhe über den frühgotischen Blendengiebel hinaus gereicht.
Der Unterbau der Südkonche ist ebenfalls neuromanisch; nach Hotzens Beschreibung lag das originale Portal nicht mittig unter der Konche. Die Konchen selber, ganz aus Backstein, sind heute in der unteren Hälfte mittelalterlich, in der oberen Rekonstruktionen.
Langhaus mini|hochkant|Nordseitenschiff nach Osten, links Rücksprung an ursprünglicher Mauerkrone Das Langhaus zeigt Spuren mehrerer Bau- und Umbauphasen, die teilweise an Süd- und Nordseite übereinstimmen, teilweise aber voneinander abweichen. Dabei ist zu berücksichtigen, dass im Mittelalter nördlich an die Kirche die Konventsgebäude anschlossen.
Auf der Südseite liegt unterhalb des östlichsten Seitenschiffsfensters ein etwa zwei Meter breites bis an die flache Sockellage herunter reichendes Feld besonders unregelmäßigen Mauerwerks, beidseits begrenzt durch Wandflächen aus großen aber nicht ganz rechtwinkligen Quadern; hier kann sich einmal ein Portal befunden haben. Links neben dem nächsten Fenster zeichnet sich das linke Drittel eines Bogenfensters ab, in seiner geringen Höhenlage ebenso einer verglichen mit heute wesentlich niedrigeren Kirche entsprechend, wie die Fensterspuren in der Steinzone der Apsis. Innen markiert in den Außenwänden beider Seitenschiffe ein Rücksprung in der Mitte der heutigen Fensterausdehnung die Mauerhöhe des 11./12. Jahrhunderts. Von unterhalb der linken Kante des heutigen zweitöstlichen Fensters bis zur linken Kante des mittleren Fensters erstreckt sich eine Fläche lagenhaften Feldsteinmauerwerks, westlich davon folgt Mauerwerk aus Sandsteinquadern.
Zwischen dem westlichsten Seitenschiffsfenster und dem westlichen Südportal ist der rechte Rand eines weiteren tiefer gelegenen Fensters zu erkennen. Es musste offensichtlich schon der Anlage dieses Südportals weichen. mini|hochkant|Westliches Südportal, daneben rechter Rand eines ehem. Fensters Zwischen den beiden westlichen Fenstern liegt eine Baunaht, beinahe Baufuge, an der die Höhen der Quaderlagen wechseln und westlich von der der Sockel aus zwei Steinlagen besteht, deutlich höher als die flache Sockellage östlich. Innen ändert sich an dieser Stelle in beiden Arkaden innerhalb des zweiten Arkadenpfeilers (von Westen gezählt) die Kämpferhöhe, was nahelegt, dass das Langhaus zunächst an dieser Stelle endete.
Die nördliche Seitenschiffswand besteht westlich dieser Stelle großenteils aus verschiedenen Flächen neuzeitlichen Backsteins. An der Stelle selber liegt ein breiter vermauerter Durchgang mit mittelalterlichem Backsteinbogen, in den das Sandsteinmauerwerks um das (hier also jüngere) mittlere Fenster hineinragt. Oberhalb des Bogens gibt es ein Feld mittelalterlicher Backsteinmauer. relativ alt sind wohl die vier östlichen Langhausjoche auf der Südseite.
In beiden Obergaden des Langhauses gibt es zwei Serien von Rundbogenfenstern gleicher Höhe. Von allen bis auf das östlichste sind die Sandsteinlaibungen erhalten. Zunächst gab es hier jeweils vier Fenster. Für die Einwölbung wurden die drei westlichen Fenster vermauert und durch nur zwei neue in den Mitten der Gewölbejoche ersetzt. Das östliche Fenster blieb in alter Position, erhielt aber eine Laibung aus Backstein – die auf der Südseite im Material mittelalterlich erhalten sein kann.
Türme mini|hochkant|links|Nordturm von Norden mini|hochkant|Türme von Südosten mini|hochkant|Nordseite des Südturms mini|links|Erneuerung 1863–1868, Satteldach des Südturms wohl Bauprovisorium Die Doppelturmgruppe im Westen wurde insgesamt in romanischem Stil errichtet, die Westfassade aber in Verbindung mit der Wiederherstellung des Nordturms aber stark restauriert.