Feuer im Herbst, französisch Les feux de l’automne, ist der letzte, 1941/1942 vollendete und posthum 1948 zum ersten Mal erschienene Roman von Irène Némirovsky. Er wurde 1957 und 2005 wiederaufgelegt (Taschenbuchausgabe 2007). Die von Eva Moldenhauer übersetzte deutsche Ausgabe erschien 2008. Die Romanhandlung umfasst den Zeitraum zwischen 1912 und 1941 mit dem Ersten Weltkrieg, der Zwischenkriegszeit und dem Beginn des Zweiten Weltkriegs als Hintergrund für die Geschichte von Thérèse und Bernard Jacquelain, die beide 1897 geboren sind und nach dem Krieg ein Paar werden.
Inhalt Der Roman ist in der von Némirovsky bevorzugten und zum modernen Stilmittel gewordenen erlebten Rede geschrieben, so dass die Autorin aus der Perspektive der jeweils in den Mittelpunkt gestellten Personen das sich um die Protagonisten Thérèse und Bernard herum entwickelnde Handlungsgeflecht ohne das Einschalten eines Erzählers unvermittelt entwerfen kann. Anders als im vorausgehenden Roman Die Hunde und die Wölfe, der in etwa die gleiche Zeitspanne umfasst, teilweise an denselben Orten spielt und mit seinen 33 Kapiteln nur indirekt eine ungleichmäßige Dreiteilung erkennen lässt, ist Feuer im Herbst deutlich in drei annähernd gleich lange Teile mit je zehn Kapiteln gegliedert.Für die Seitenangaben zugrunde gelegt ist die 2008 bei Knaus in München erschienene erste deutsche Auflage.
Erster Teil: 1912 bis 1918 Im Laufe eines Frühlingssonntags in Paris treffen alle Personen zusammen, die die Handlung tragen werden. Das geschieht im Osten von Paris, im 12. Arrondissement in der unweit der Gare de Lyon gelegenen Wohnung der kleinbürgerlichen Familie Brun, wo zunächst gegessen wird. Zur Familie Brun mit dem verwitweten Vater Adolphe, seiner 15-jährigen Tochter Thérèse und deren aus Nizza stammenden Großmutter mütterlicherseits, Madame Pain, haben sich ein Verwandter und Bekannte gesellt: der 27-jährige Vetter von Thérèse, Martial Brun (Medizinstudent), die Jacquelains mit ihrem 15-jährigen Sohn Bernard, der dem Ehrgeiz des Vaters folgend einmal die École polytechnique besuchen und zur Elite aufsteigen soll, und ein Studienfreund von Martial, der Jurastudent Raymond Détang. Am Nachmittag schließt sich ihnen zum Spaziergang zur Avenue des Champs-Élysées und ins westlich-vornehme an den Bois de Boulogne grenzende 16. Arrondissement noch die 15-jährige Renée Humbert mit ihrer verwitweten Mutter an, die von Beruf Modistin ist. Dort lassen sie sich bis zum Abend in der „friedlichen Menschenmenge der Sonntage“ vor allem vom Schauspiel der in Equipagen vorbeifahrenden Berühmtheiten unterhalten. Es sind die Erwachsenen, die den Ton angeben und alles in geregelten Bahnen laufen lassen. Über allem breitet sich immer wieder leichter Staub aus, der nach Blüten, Parfum und Zucker duften, aber auch nach Pferdemist stinken, zwischen den Zähnen knirschen oder die Kastanienblüten zerfressen kann (S. 10, 19, 20, 21).
Zwei Jahre später, 1914, bereitet sich Martial darauf vor, seine erste Praxis als Otorhinolaringologe einzurichten und sich zufrieden seinen in allen Phasen vorgezeichneten Lebensweg vorzustellen. Am Nationalfeiertag, dem 14. Juli, macht er Thérèse einen Heiratsantrag, den sie akzeptiert. Beide, die wie alle anderen „Sie“ zueinander sagen, sehen sich fortan als Verlobte. Dabei kursieren die ersten beunruhigenden Nachrichten von einem bevorstehenden, aber von der älteren Generation nicht für möglich gehaltenen Krieg. Bernard ist angesteckt und fiebrig, kann es nicht erwarten, 18 Jahre alt zu werden, sich freiwillig zu melden und in den Krieg zu ziehen, auf den sich auch Martial einstellt. Anfang 1915 nimmt er für vierundzwanzig Stunden Urlaub vom Verbandplatz an der Front, um zu heiraten. Der Anblick von Verwundungen, Verstümmelungen und Sterben hat ihn bereits gezeichnet: In seinem Bart zeigen sich erste weiße Fäden (S. 51). Auch Raymond wird verwundet und bekommt Genesungsurlaub. Bernard, noch nicht im Einsatz, nimmt wahr, wie die Welt der Soldaten sich von der zivilen und ihren Bevormundungen gelöst hat und ihre Wirklichkeiten auseinanderdriften. Während Madame Humbert ein patriotisches Hutmodell entwirft – „sehr forsch, schmissig, todschick“ (S. 50) – und die Vergnügungen der Hauptstadt „die Flamme der Begeisterung“ schüren sollen, sieht er in den Gesichtern von Martial und Raymond sein Schicksal vorgezeichnet, das ihn auch mit erschauernder Heldenhaftigkeit sich den eigenen Tod ausmalen lässt, so dass er in einer sentimentalen Anwandlung die Nähe von Thérèse sucht (S. 43). Renée fühlt sich zu Raymond hingezogen, der sie mit seiner südländischen Art, seine Mitmenschen zu unterhalten, von seiner erfolgreichen Zukunft, die er als Politiker gestalten möchte, überzeugt.
Martial, in pausenlosem Einsatz auf den im Chaos der Stellungskämpfe versinkenden apokalyptischen Schlachtfeldern des französischsprachigen Flanderns, wird von einer Bombe zerfetzt, als er einen Schwerstverwundeten ins Trockene tragen möchte. Im Frühling 1918 ist auch Bernard gezeichnet: „Er war gealtert, ohne Zeit zum Reifen gehabt zu haben; er ähnelte einem Frühobst, bei dem man nur auf hartes, bitteres Fleisch beißt. Vier Jahre! Er war müde“ (S. 65). Die maschinell gewordene Kriegshölle hat ihn zum „Wilden, zum Tier degradiert“ (S. 67). Aus dem Krieg von 1914 ist ein „Serienmassaker, Fließbandarbeit“ geworden (S. 72). In den Gesichtern der Kämpfenden hält sich „eine Art Grinsen vor Müdigkeit, das diesen jungen Gesichtern das Aussehen des Todes verlieh“ (S. 67). Die zivile Welt der Angehörigen ist längst in Mitleidenschaft gezogen und sehnt ohne große Zuversicht das Kriegsende herbei. Thérèse und Renée, inzwischen mit Raymond verheiratet, der sich vom Krieg befreit hat, arbeiten als Krankenschwestern im Lazarett. Dabei führt Renée mit Raymond ein Leben, das sich in das der Schieber, Politiker und Kriegsgewinnler einfügt, so dass „Helden, der Ruhm … sein Blut für das Vaterland geben…“ auch zu ihren Schwindelformeln in der Zivilwelt geworden sind. Bernard aber ist „seelisch eine Wunde beigebracht worden, die nichts mehr würde heilen können“ (S. 66). Er verachtet jetzt Raymond als „Drückeberger“. Seine Eltern erschrecken vor ihm, als er zu einem kurzen Genesungsurlaub bei ihnen auftaucht. Sein Vater vermisst den ihm geschuldeten Respekt, und seine Mutter wünscht sich, dass er das nächste Mal aus dem Krieg nicht wiederkehre; denn in seiner „herben, lähmenden Skepsis“ und dem Wunsch, auf alles zu pfeifen, es sich dabei aber unter Verzicht auf Diplome und die vom Vater vor dem Krieg entworfene Karrierebahn gut gehen zu lassen, erkennt sie ihren Sohn nicht mehr (S. 92 f.). Thérèse hingegen, ähnlich erschrocken, nämlich vom Zusammenbrechen der kleinbürgerlichen Moral und der sich auch unter den Genesenden und den Krankenschwestern ausbreitenden Zügellosigkeit, wird von Renée verspottet. Denn sie träumt vertrauensvoll von der Liebe und der Zukunft als ihrer Wahrheit und hat entschieden, sich das nicht vom Katastrophischen der Welt streitig machen zu lassen (S. 102).
Zweiter Teil: 1920 bis 1936 Kurzfristig von der Gründung des Völkerbundes im November 1920 in Genf aus dem Takt gebracht, fragen sich Renée und Raymond, wie sie sich in der Pariser Gesellschaft auf ein erfolgreiches Leben einrichten können, ob mit den hehren Worten von „Recht“, „Vernunft“, „Weltfrieden“, Frankreich als „Fackel der Menschheit“ oder einfach durch schnellen Gelderwerb. Sie bemerken, dass es am leichtesten ist, sich auf beides einzulassen, ohne indessen zynisch zu werden (S. 106). Denn die Nachkriegswelt ist für sie zum Jahrmarkt geworden, den jeder betreten kann, vor allem die skrupellosen Neureichen. Raymond knüpft Bande in die Vereinigten Staaten, spielt an der Börse, pflegt Beziehungen zu politischen Persönlichkeiten und plant seine Wahl als Abgeordneter. Dabei wird ihm klar, dass er sich als Politiker mit seinen Geschäftsbeziehungen bedeckt halten muss. Renées Mund zeigt bereits „bittere kleine Falten“, sie hat sich dabei äußerlich in den „weiblichen Typ der Nachkriegszeit“ verwandelt: dünner geworden, mit langen harten Muskeln wirkt sie größer als zuvor. „Ihre mit glatter, goldfarbener Schminke bedeckte Haut war dunkel und ihr helles Haar wie das eines Knaben frisiert.“ (S. 108).
Die Gesellschaft amerikanisiert sich. Die Kleinhändler erwerben Häuser auf dem Lande, wo sie ihr vikend (S. 108) verbringen. Jazz, von „Negern“ in roten Jacken gespielt, gehört zum Ambiente der Salons. Bernards Mutter aber verarmt nach dem Tod ihres Mannes, so dass sich Bernard um eine Rente für sie bemüht. Das führt ihn zu den Détangs, weil er die Beziehungen Raymonds für seine Mutter nutzen möchte. Renée möchte ihn, ohne ihn zunächst wiederzuerkennen, in der von ihr für ihre Empfänge zusammengestellten Gigologruppe unterbringen. „Vier Jahre Gemetzel und zum Schluss, wie am Ende eines dunklen Tunnels voller Blut, dieser Salon voller Lichter, voller Frauen, die alle zu haben waren, diese leichte, berauschende Atmosphäre. Ah, Donnerwetter, er hatte es schon während seines letzten Urlaubs vor dem Waffenstillstand gut begriffen, diejenigen, die etwas ernst nahmen, waren nichts anderes als … Geprellte. Nichts, was man tat, nichts, was man sagte, nichts, was man dachte, hatte Bedeutung. Es war nur eine Art eitles Geplapper, wie das von Narren und Kindern.“ (S. 112). Als Renée weiß, wer Bernard ist und was er bei ihnen will, verwendet sie sich für ihn bei Raymond – „so wenig wie möglich tun und soviel wie möglich verdienen“ (S. 115) – und wird gleichzeitig seine Geliebte. Raymond, als Politiker im Grunde durch und durch Businessman, braucht ihn zwar nicht als Gigolo, aber als „Strohmann“ (S. 132) zur Abwicklung seiner Geschäfte mit dem bewunderten Amerika: „Wir produzieren nicht genug. Das haben die Amerikaner begriffen. Welch ein Volk!“ (S. 129)
Thérèse lebt mit ihrer Großmutter nach dem Tode ihres Vaters weiter in der alten Wohnung, ohne viel vom Leben Bernards, der mit seiner inzwischen auch verwitweten Mutter ein paar Stockwerke unter ihnen lebt, mitzubekommen. Sie fühlt sich allein, ist ebenfalls verarmt, weil die einstmals von ihrem Vater für ihre Aussteuer vielversprechenden russischen Wertpapiere wegen der Ereignisse in Russland allen Wert verloren haben. [Dafür sind ruinierte Russen nach Paris geschwemmt worden und tragen mit ihren verschiedenen Tätigkeiten zu den Provisionen der Détangs bei (S. 114).] Thérèse, die sich um den kleinen Haushalt kümmert und mit mühseligen Näharbeiten ihre Witweneinkünfte aufbessert, erfährt manchmal etwas von Madame Jacquelain über das Leben der Reichen, wenn sie über ihren Sohn und das, was sie von seinen lukrativen Geschäften mitbekommt, spricht und stolz zu werden beginnt. Er werde bald ein eigenes Auto haben. Bernard verachtet zunehmend die kleinbürgerliche Welt, in der er ebenfalls all das Falsche, aber auf niedrigerem Niveau wahrnimmt: die falsche Täfelung im Wohnzimmer, die künstlichen Blumen, die Fotos von Söhnen und Ehemännern als Soldaten in den ersten Kriegsmonaten auf den Kommoden (S. 119). Aber im Vergleich zu Renée, die es ihm so leicht macht, beeindruckt ihn Thérèse, die sich zu ihm hingezogen fühlt, aber sich nicht von ihm zur Mätresse machen lassen möchte. Bernard verwirrt sie, besonders als er sie einmal im Dunkel eines Kinos auf den Mund küsst. Ihre Reaktion findet er altmodisch von ‚vor dem Krieg‘, arme Kleine! (S. 123) Thérèsens Großmutter wäre es recht, wenn sie sich mit Bernard verlobte. Sie kann sich in Erinnerung an ihren Mann ein lockereres Leben vorstellen und wünschte es sich für die einsame junge Witwe, die nie richtig verheiratet war. Aber Bernard reist zum Geschäftemachen für Monate nach Amerika. Thérèse fühlt sich in ihrer Distanz bestätigt, denn Bernard respektiere nichts, „weder die Frauen noch die Liebe, noch die Ideen, für die man gekämpft hatte“ (S. 140).