mini|Seit der Wiedervereinigung 1990 betrachtet die Bundesrepublik Deutschland die Deutsche Frage durch die Wiedererlangung der vollen Souveränität und die völkerrechtliche Anerkennung der bestehenden Grenzen als endgültig beantwortet und abgeschlossen. Als Deutsche Frage (alternative Schreibung: deutsche Frage) oder Deutschlandfrage wird der in der europäischen Geschichte zwischen 1806 und 1990 ungelöste und in unterschiedlicher Form immer wieder auftretende Problemkomplex der deutschen Einheit bezeichnet. Sie drehte sich um die Grenzen und die territoriale Ordnung Deutschlands. Zu ihrer Beantwortung stand zunächst der kleindeutschen Lösung unter Vormacht Preußens die großdeutsche Lösung unter Einschluss und Vormacht Österreichs gegenüber. Nach 1945 drehte sich die deutsche Frage um die Wiedervereinigung der beiden Teile Deutschlands und gilt mit deren Vollzug im Jahr 1990 als geklärt, insbesondere da Deutschland ein mit anderen Staaten gleichberechtigtes Mitglied der Vereinten Nationen und der Europäischen Union ist.
Entstehung der Deutschen Frage nach dem Zusammenbruch des Alten Reiches (1806) Als östliche Erbschaft des Frankenreichs Karls des Großen entstand im 10. Jahrhundert ein Reich, das als Heiliges Römisches Reich den Konflikt mit dem Nachfolger des römischen Imperiums, dem Byzantinischen Reich, herausforderte. Später, nach dem Verlust der burgundischen Gebiete sowie großer Teile Reichsitaliens wurde der Nachsatz Deutscher Nation in den Reichstitel aufgenommen. In diesem vormals stammesbündlerischen, im Mittelalter Reich der Königs- und Fürstentümer, lebten verschiedene Völker, aus deren Sprache sich unter anderem das Deutsche entwickelte.
Im 18. Jahrhundert entstand der preußisch-österreichische Dualismus im Reich, der zu kriegerischen Auseinandersetzungen dieser beiden Mächte führte (u. a. Siebenjähriger Krieg). Die Macht des römisch-deutschen Kaisers Franz II. über die nunmehr auch Staaten zu nennenden Reichsstände wurde indes immer geringer, und diese gerieten dann nach dem Frieden von Lunéville (1801) und dem Reichsdeputationshauptschluss (1803) immer mehr unter den Einfluss des napoleonischen Frankreich. Außenpolitisch sorgte Napoleon damit für die Auflösung des Heiligen Römischen Reiches: Als der österreichisch-deutsche „Doppelkaiser“ Franz II. auf seinen Druck hin die Kaiserkrone niederlegen musste und 16 süd- und westdeutsche Reichsstände sich 1806 vom Reich lossagten, um sich im von Napoleon protegierten deutschen Rheinbund zu formieren, war das Reich zerfallen („Franzosenzeit“), wobei der Habsburger Franz II. jedoch als Franz I. Kaiser des von ihm 1804 gegründeten Kaisertums Österreich blieb.
Mit der Niederlegung der römisch-deutschen Kaiserkrone begann ab 1806 die „Deutsche Frage“ im eigentlichen Sinne.
Entstehung eines deutschen Nationalstaates (1813–1871) Befreiungskriege (1813–1815)
Mit dem Beginn der Befreiungskriege gegen Frankreich stellte das damalige Preußen als erster deutscher Staat die „Deutsche Frage“. Sein Königshaus, die Hohenzollern, forderte nun die Wiedererrichtung des Deutschen Reiches. Dieser Hauptforderung schlossen sich bis 1815 viele Deutsche an, während sie von den übrigen Herrscherhäusern Deutschlands abgelehnt wurde.
Der deutsche Adel war empört über die für seinen Stand katastrophalen Ergebnisse der Französischen Revolution, die politisch als Bestrebung zu „nationaler Einigung“ in vielen europäischen Ländern Anhänger fand. Der aus Frankreichs Vorreiterrolle resultierende Einfluss konnte in Deutschland, das sich gerade erst von Napoleon befreit hatte, aber nicht gedeihen, die Stimmung schlug in unverhohlenen Revanchismus gegenüber Frankreich um.
Deutscher Bund (1815–1866)
hochkant=1.2|mini|Darstellung des deutschen Sprachraums des Sprachforschers Karl Bernhardi aus dem Jahr 1843. In dieser Karte, aus der Zeit der frühesten Germanistik, gibt es viele historische Besonderheiten. So werden unter anderem Schwedisch und Dänisch der deutschen Sprache untergeordnet, erscheint das Englische als unverwandt und werden das Niederländische, Friesische und „Sassische“ gesamtlich als „Niederdeutscher Sprachstamm“ dargestellt. mini|Deutscher Bund, mit Österreich in Orange und Preußen in Blau mini|Die deutsche Einheit als „Trauerspiel in einem Aufzug“: Jeder Einzelstaat sieht vor allem sich selbst als Einheit. Karikatur in den Münchner Leuchtkugeln, 1848
Mit der Gründung des Deutschen Bundes am 8. Juni 1815 auf dem Wiener Kongress schien die Deutsche Frage nach außen hin abgeschlossen. Doch das liberal und national gesinnte Bürgertum gab sich mit einem losen Bund der deutschen Fürstenhäuser nicht zufrieden und forderte ein einheitliches deutsches Reich, einen Bundesstaat.
mini|Deutschlandkonzepte: Begriffe mini|Deutschlandkonzepte: Pläne und Verfassungen 1848/49 kam es infolge der Märzrevolution zu Aufständen im Deutschen Bund. Auch die Deutsche Frage stand damit wieder auf der Tagesordnung. Nach der Wahl einer deutschen Nationalversammlung als gesamtdeutsches Parlament sollte der Deutsche Bund nach Meinung der Deutschnationalen nun in ein Deutsches Reich umgewandelt werden. Dabei ging es vor allem um die Frage, ob die „großdeutsche Lösung“ oder vielmehr die „kleindeutsche Lösung“ umgesetzt werden sollte. Bei ersterer wäre die Macht beim katholischen Süden unter der Führung Österreichs verblieben, bei der zweiten wäre sie an den protestantischen Norden unter der Führung Preußens gefallen. Mit der Olmützer Punktation von 1850 wurde der Deutsche Bund unter Leitung Österreichs wiederhergestellt, und Preußen musste seinen Versuch einer Nationalstaatsgründung, die Erfurter Union, aufgeben.
Nach einer preußischen Abstimmungsniederlage zur Bundesexekution aus Anlass des Streits um die Verwaltung Schleswig-Holsteins und der Mobilmachung des Bundesheeres kam es 1866 in der Frage um die Vorherrschaft im Deutschen Bund zwischen Österreich und Preußen zum Deutschen Krieg.
Norddeutscher Bund und Reichsgründung (1867–1871) mini|Norddeutscher Bund (Preußen, Annexionen und Verbündete) in Dunkelrot, die später beigetretenen Staaten in Orange
Nach dem preußischen Sieg in der Schlacht von Königgrätz im Jahre 1866 wurde der Deutsche Bund aufgelöst, und Österreich wandte sich stärker seinen nicht-deutschsprachigen Gebieten in Südost- und Osteuropa zu. Damit hatte sich die Deutsche Frage zumindest für Österreich erledigt, das Kaisertum Österreich wurde in die Doppelmonarchie Österreich-Ungarn umgewandelt. Dagegen wurden von den restlichen Staaten des Deutschen Bundes viele im preußisch dominierten Norddeutschen Bund vereinigt. Am Ende einer weiteren kriegerischen Auseinandersetzung, dem Deutsch-Französischen Krieg, erfolgte 1871 die Reichseinigung. Otto von Bismarck überzeugte die süddeutschen Staaten zum Beitritt. Das Kaiserreich wurde mit der Proklamation Wilhelms I. zum Deutschen Kaiser am 18. Januar 1871 im Schloss Versailles verkündet. Diese ohne Österreich zustande gekommene sogenannte kleindeutsche Lösung war für die deutsche Nationalbewegung allerdings nicht der Idealzustand, aus Sicht Preußens und Bismarcks jedoch die aus politischen Gründen zu bevorzugende. Maximalforderungen, wie die des Alldeutschen Verbandes, der sogar den Anschluss einstiger römisch-deutscher Reichsgebiete wie die Niederlande, Belgien und der Schweizerischen Eidgenossenschaft forderte, fanden nach der Reichsgründung kein Gehör.
Die Gründung des Deutschen Reiches als der erste Nationalstaat wurde zeremoniell gefeiert. Die Deutschlandfrage galt nach der Einigung der Deutschen im Deutschen Reich als erledigt.
Gebietsverluste und Annexionen (1918–1945) Nach dem Ersten Weltkrieg und Weimarer Republik (1918–1933) mini|Deutsche Gebietsverluste jeweils nach dem Ersten und Zweiten Weltkrieg
Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges und dem folgenden Zusammenbruch der Monarchien und der Konstituierung der demokratischen Staaten Weimarer Republik und der Republik Deutschösterreich auf dem Gebiet des 1866 untergegangenen Deutschen Bundes stellte sich 1918/19 die Deutsche Frage erneut. Dabei zeigte sich, dass diese größtenteils im Volke überlebt hatte.
Die deutschsprachigen Gebiete der österreichischen Reichshälfte des auseinanderfallenden Vielvölkerstaates Österreich-Ungarn schlossen sich Ende Oktober 1918 zu „Deutschösterreich“ zusammen. Am 12. November 1918 beschloss die Provisorische Nationalversammlung die Republik als Staatsform und dass Deutschösterreich Bestandteil der Deutschen Republik sei; in der Folge begannen Expertengespräche über die Eingliederung. Vorarlberg entschied sich 1919 in einer Volksabstimmung für den Beitritt zur Schweiz, den die Eidgenossen jedoch ablehnten. Die Absicht, sich Deutschland bzw. der Schweiz anzuschließen, lag neben Aspekten der Selbstbestimmung auch daran, dass viele das in Zukunft um bedeutende Industrie- und Rohstoffgebiete verkleinerte Österreich für wirtschaftlich nicht (über-)lebensfähig hielten.Georg Christoph Berger Waldenegg: Das große Tabu! Historiker-Kontroversen in Österreich nach 1945 über die Nationale Vergangenheit, in: Jürgen Elvert, Susanne Krauß (Hrsg.): Historische Debatten und Kontroversen im 19. und 20. Jahrhundert (= Historische Mitteilungen der Ranke-Gesellschaft (HMRG), Beiheft 46), Franz Steiner Verlag, Stuttgart 2003, S. 143 ff., hier S. 171.
Mit der Vereinigung Deutschlands und Österreichs wäre die Deutsche Frage im Sinne vieler Zeitgenossen „endgültig“ gelöst gewesen. Aber mit der Vereinigung zu einem deutschen Staat wäre dieses Großdeutschland mit fast 73 Millionen Einwohnern größer als Deutschland vor dem verlorenen Krieg. Daher verhinderten die Siegermächte die Vereinigung beider Staaten durch Anschlussverbote im Artikel 80 (Abschnitt VI., „Österreich“) des Versailler Vertrags sowie im nachfolgenden Vertrag von Saint-Germain, wo Deutschösterreich nur als Republik Österreich bezeichnet und der rechtliche bzw. wirtschaftliche Zusammenschluss mit Deutschland ausgeschlossen wird. 1920 wurde daraufhin die erste österreichische Bundesverfassung beschlossen. Die Deutsche Frage blieb weiterhin offen; die Sozialdemokratische Arbeiterpartei (SDAP) behielt z. B. den Anschlusswunsch in ihrem Parteiprogramm bis 1933 bei.
Der Versuch, eine deutsch-österreichische Zollunion zu schaffen, scheiterte 1931 hauptsächlich an der Politik der Siegermacht Frankreich.
Zeit des Nationalsozialismus bis zum Krieg (1933–1939) mini|Umfang des deutschen Staatsgebietes 1937–1939
Mit dem Machtantritt der Nationalsozialisten wurde die Deutsche Frage propagandistisch wiederbelebt und zum Instrument und Träger einer zerstörerisch-aggressiven Expansionspolitik: Bereits das „Parteiprogramm der NSDAP“ – Adolf Hitlers berühmte „25-Punkte-Rede“ von 1920 – begann schon mit den Worten: