Der Begriff Linke Opposition bezeichnet diejenigen Gruppierungen innerhalb der KPdSU(B), die in den 1920er Jahren im linksideologischen Gegensatz zu Josef Stalins Doktrin und dem damit verbundenen Aufstieg der Bürokratie im sowjetischen Partei- und Staatsapparat standen. Im Unterschied dazu existierten Gruppierungen um Nikolai Bucharin, Alexei Rykow und Michail Tomski, die von Stalin als „Rechtsabweichler“ (Rechte Opposition) bezeichnet wurden. Zur sogenannten Linken Opposition zählten zunächst vor allem die Anhänger des Gründers und Oberbefehlshabers der Roten Armee, Leo Trotzki (Trotzkisten). Im April 1926Peter Taaffe: Die Internationale - Geschichte des Komitees für eine Arbeiterinternationale, Broschüre der SAV, Februar 2000, S. 35. vereinigten sie sich mit den Anhängern des Vorsitzenden der Kommunistischen Internationale, Grigori Sinowjew, und des Vorsitzenden des Politbüros, Lew Kamenew, unter dem Namen Vereinigte Opposition. Später wurde noch Timofei Sapronows radikale Gruppe der „Demokratischen Zentralisten“ dazugezählt. Nachdem die Vereinigte Opposition Ende 1927 organisatorisch weitgehend zerschlagen wurde, ging der sozialistisch motivierte Widerstand gegen das Stalin-Regime in der Folgezeit meist von konspirativ arbeitenden Gruppierungen im Untergrund und von den sibirischen Verbannungsorten der Oppositionellen aus, wo sie sich in den Lagern des Gulag organisierten. Bis auf wenige Ausnahmen wurden sämtliche Anhänger der marxistisch ausgerichteten antistalinistischen Opposition im Zuge des Großen Terrors 1936–1938 ermordet. mini|Mitglieder der Linken Opposition 1927, darunter Leo Trotzki (vordere Reihe, Mitte), Iwan Smirnow, Iwar Smilga und Wagarschak Ter-Waganjan

Lenins Tod und das Testament Nach dem Tod Wladimir Iljitsch Lenins, der unumstrittenen Führungsfigur der bolschewistischen Bewegung und des Initiators der Oktoberrevolution von 1917, am 21. Januar 1924 spielte sich ein Kampf um die politische Macht im sowjetischen Staatsapparat ab. Neben Lenin galt der Volkskommissar für Kriegswesen und Bürgerkriegsheld Leo Trotzki als bekanntester und populärster Sowjetführer, zumal er schon in der Revolution 1905 als Vorsitzender des Petrograder Sowjets fungiert und im Oktober 1917 den Sturz der Provisorischen Regierung durch die Bolschewiki vorbereitet hatte. Die Übernahme der Nachfolge Lenins durch Trotzki galt deshalb in weiten Teilen der sowjetischen Partei sowie der kommunistischen Weltbewegung als wahrscheinlichste Option. Misstrauen schlug Trotzki allerdings wegen seiner früheren Zugehörigkeit zur mit den Bolschewiki rivalisierenden Gruppe der Menschewiki sowie seiner langjährigen und oft erbittert geführten Auseinandersetzungen mit Lenin vor 1917 entgegen. Zudem hatten sich bereits in den letzten Lebensjahren Lenins Konflikte zwischen Trotzki und anderen Parteiführern hinsichtlich inhaltlicher Differenzen angebahnt. Während Trotzki mit seinem konsequenten Internationalismus und der Theorie der permanenten Revolution für eine möglichst schnelle Ausbreitung revolutionärer Erhebungen und Machteroberungen durch kommunistische Bewegungen im Rahmen der sich ab 1917 in verschiedenen europäischen Ländern vollziehenden Weltrevolution stand, vertraten beispielsweise Stalin und Bucharin deutlich gemäßigtere Positionen und zogen eine umfassende Konsolidierung der Sowjetmacht in Russland einer internationalen Revolutionsstrategie vor. Nicht zuletzt deshalb ging die faktische Nachfolge Lenins im Frühjahr 1924 an ein Kollegium aus Sinowjew, dem Vorsitzenden des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale und Leiter des Petrograder Sowjets, Kamenew, einem engen Mitarbeiter Lenins, und Stalin, der sich bis dato immer im Hintergrund gehalten hatte. Letzterer sicherte sich rasch die führende Rolle in diesem Triumvirat, dessen Hauptziel einzig und allein die Verhinderung Trotzkis an der Parteispitze war.

Lenin selbst hatte ein sogenanntes Testament hinterlassen, das im Mai 1924 erstmals in den Führungsgremien der Partei verlesen wurde. Obwohl auch hier kein Nachfolger persönlich genannt wurde, musste Trotzki nach wie vor als Favorit gehandelt werden, zumal Lenins Urteil über ihn als insgesamt positiver aufgefasst wurde („fähigster Mann im gegenwärtigen ZK“), als jenes über Stalin.

Nicht zuletzt wegen der negativen Beurteilung Stalins und der Kritik an anderen hochrangigen Parteiführern, zum Beispiel dem Wirtschaftstheoretiker Bucharin („Seine theoretischen Anschauungen können nur mit sehr großen Bedenken zu den völlig marxistischen gerechnet werden, denn in ihm steckt etwas Scholastisches (er hat die Dialektik nie studiert und, glaube ich, nie vollständig begriffen)“), wurde das Testament unter Verschluss gehalten und nicht parteiöffentlich zugänglich gemacht. Für Trotzkis Position im Machtkampf um Lenins Nachfolge bedeutete dies einen herben Rückschlag.

Stalins Macht und der Aufstieg der Bürokratie

Stalins wachsende Macht beruhte vordergründig auf der Informationsfülle, die ihm sein Amt in der Arbeiter- und Bauerninspektion gab. Stalin konnte so in sämtliche Dienststellen und Verwaltungszweige hineinblicken und Informationen sammeln, die er gegen seine Gegner verwendete. Hinzu kam der zunächst eher unbedeutende Posten als Generalsekretär der Partei, der auf dem XI. Parteitag im Jahre 1922 geschaffen wurde, und der bald ein Bindeglied zwischen der Zentralen Kontrollkommission (ZKK) und dem Zentralkomitee (ZK) beziehungsweise dem Politbüro des Zentralkomitees darstellte. Dies verschaffte Stalin zudem Einfluss auf die – zunächst noch harmlosen und für die Parteimitglieder ungefährlichen – Parteisäuberungen.

Die sozialen Ursachen für den Aufstieg Stalins und der Bürokratie als gesellschaftliche Schicht im postrevolutionären Russland wurden von Trotzki und der Linken Opposition allerdings wesentlich tiefgründiger analysiert (wenn auch nur in Ansätzen der späteren – vollständigen – Stalinismus-Analyse Trotzkis aus den 1930er Jahren). Trotzki machte vor allem die Verwüstung des Landes durch insgesamt sieben Jahre Krieg, die ökonomische Rückständigkeit Russlands im Vergleich zu den hochentwickelten kapitalistischen Staaten West- und Mitteleuropas oder Nordamerikas und die imperialistische Umkreisung des vorerst einzigen Arbeiterstaates weltweit für eine allgemeine Notsituation verantwortlich, in deren Folge die politische Herrschaft nicht mehr von der Arbeiterklasse und ihren Vertretern, sondern von einer neuen Schicht aus Bürokraten aus dem Funktionärsapparat der Partei, der Leitungsebene der Betriebe und der Armee ausgeübt werde. Während – so Trotzki – also die sozialen Grundlagen der Oktoberrevolution weiterhin erhalten bleiben (Verstaatlichung der Industrie, Ansätze einer Planwirtschaft und staatliches Außenhandelsmonopol), findet auf politischer Ebene ein konterrevolutionärer Vorgang statt, der seinen Ausdruck in der Machtverschiebung von der Masse der Arbeiter und Bauern auf die kleine Kaste der Bürokratie findet.Martin Suchanek: Die verratene Revolution – Trotzkis Analyse des Stalinismus. In: Revolutionärer Marxismus 32, Winter 2001/2002 (online) Dementsprechend vertreten die Repräsentanten der Bürokratie in der Parteiführung auch keine revolutionäre Politik auf internationalistischer und klassenkämpferischer Grundlage, sondern sind in erster Linie an der Erhaltung des Status quo und ihrer eigenen Macht und Privilegien interessiert. Stalin fungiere als idealer Fürsprecher der Bürokratie und sei deren bester Ausdruck in der Führung der Kommunistischen Partei. In diesem Kontext sei auch die These vom „Aufbau des Sozialismus in einem Land“ zu sehen, die Ausdruck eines großrussischen Chauvinismus und nationaler Borniertheit sei und deshalb im Gegensatz zum revolutionär-sozialistischen Anspruch und Programm der Bolschewiki stehe.

Die Linke Opposition 1923–1927 mini|Der letzte gemeinsame öffentliche Auftritt der alten Garde der bolschewistischen Partei bei der Beerdigung Felix Dserschinkis im Juli 1926 (darunter Kalinin, Trotzki, Kamenew, Stalin und Bucharin) Lenins schon in seinem Testament vorgebrachte Warnungen vor einer hegemonialen Rolle Stalins innerhalb der Kommunistischen Partei wurden inhaltlich bereits am 15. Oktober 1923 vorweggenommen, als 46 hochrangige sowjetische Parteifunktionäre in der sogenannten „Erklärung der 46“ vor immer deutlicher erkennbaren Verwerfungen und Missständen in Partei und Staat warnten, die mit dem Aufstieg der Bürokratie einhergingen:

Diese Erklärung kann als Ausgangspunkt der von nun an beginnenden organisierten innerparteilichen Opposition gegen den aufkommenden Stalinismus gesehen werden. Ausgehend von der in ihr geäußerten Kritik bildete sich fortan um Leo Trotzki die Linksopposition innerhalb der KPdSU(B), die konträr zu Stalins Wirtschafts-, Staats- und Außenpolitik stand. Anfangs noch als eher lockere Gruppierung um Trotzki herum, wurde die Opposition mit der zunehmenden Verdrängung Trotzkis aus der ersten Reihe der bolschewistischen Partei ab Anfang 1925 und dem späteren Übertritt Sinowjews und Kamenews in ihre Reihen organisatorisch gefestigter und trat einheitlicher auf. Zunehmend positionierte sie sich allgemein und öffentlich zu grundlegenden Fragen der sowjetischen Politik, die immer mehr von Stalin und der ihn umgebenden Riege aus Parteifunktionären gelenkt wurde. Zentrale Forderungen wurden von der Opposition bei Fragen der Wirtschaft, des Umgangs mit der Bauernschaft, der innerparteilichen Demokratie und der internationalen Lage aufgestellt.Tariq Ali & Phil Evans: Trotzki für Anfänger, Rowohlt Taschenbuchverlag, September 1987, S. 117.

Wirtschaft Bauernschaft Partei Außenpolitik Verbesserung der Bedingungen der städtischen Arbeiterschaft; Erhöhung der Löhne; Abrechnung von Überstunden; Verbesserung der Wohnsituation; Erhöhung des Arbeitslosengeldes; Gleiche Bezahlung bei gleicher Arbeit für Frauen; Freie Wahl von Gewerkschaftsfunktionären; Unabhängigkeit der Fabrikkomitees und Gewerkschaften von der Betriebsleitung auf allen Ebenen „Klassenkampf auf dem Lande“: Die Partei muss an der Spitze der Landarbeiter sowie der armen und mittleren Bauern im Kampf gegen die Ausbeutung durch die Kulaken (reiche Bauern) stehen Da in der Partei mehr Funktionäre als Arbeiter vorhanden sind (462.000 Funktionäre und 445.000 Arbeiter im Januar 1927), muss der Degeneration der Parteiführung Einhalt geboten werden: Wiederherstellung der innerparteilichen Demokratie; Ende der „Oppositionellenhetze“ in der Parteierziehung; Ende der Bedrohung und Unterdrückung von Dissidenten Ende der Bevormundung der KI-Sektionen durch die Parteiführung in Moskau; Beendigung der Zweckbündnisse kommunistischer Parteien mit bürgerlichen Kräften (zum Beispiel in China)

Insgesamt sollte vor allem eine rasche Industrialisierung und die schnelle Kollektivierung der Landwirtschaft bei gleichzeitig stärkerer Belastung der wohlhabenderen Bauern die Situation der Bevölkerung verbessern. Die zunehmende Bürokratisierung des Staatsapparats wurde mit der Rückkehr zur Rätedemokratie beantwortet. Die Fehlschläge in der Außenpolitik, zum Beispiel das Scheitern der ersten chinesischen Revolution, wurden dem stalinistischen Wirken in der Kommunistischen Internationale zugeschrieben.