Führen mit Auftrag ist ein Führungsstil der militärischen Führung. Traditionell und auch weiterhin im alltäglichen Sprachgebrauch wird das Führen mit Auftrag oft als Auftragstaktik bezeichnet (dieser Begriff hat als Germanismus in zahlreiche andere Sprachen Eingang gefunden, z. B. das Englische, Französische und Spanische). Es ist aber keine Taktik in sich, sondern eine Methode der Führung. Im Unterschied zum angelsächsischen und teilweise auch frankofonen Raum, wo nach wie vor die Befehlstaktik bevorzugt wird, hat sich innerhalb des deutschen und auch des israelischen Militärs seit langem die Auftragstaktik durchgesetzt. So steht sie in der Bundeswehr in direkter Beziehung zur Inneren Führung und ist hiervon ein wesentlicher Baustein.

Allgemeines Das Führen mit Auftrag beschreibt eine Art und Weise, Soldaten zu führen. Dabei gibt der militärische Führer den Soldaten das Ziel, meist noch den Zeitansatz und die benötigten Kräfte vor. Auf Basis dieser Rahmenbedingungen verfolgt und erreicht die mit dem Auftrag beauftragte Führungskraft (militärischer Führer) das Ziel selbstständig. Dies bedeutet, dass der Ausführende in der Durchführung des Auftrages weitgehend frei in der Entscheidung über die Art der Durchführung ist. Dies sichert eine große Flexibilität in der Auftragsdurchführung insbesondere in Bezug auf Einzelheiten bei der Durchführung und trägt wesentlich zur Entlastung höherer Führungsebenen bei.Vgl. Wolf Graf Baudissin: Soldat für den Frieden. Verlag Piper, München 1969, S. 59 f. Wesentlich ist dabei, dass der Beauftragte den militärischen Führer über seine Absichten, die Durchführung und Fortschritte vorher informiert sowie bei Lageänderungen, und dem übergeordneten (militärischen) Führer damit die Gelegenheit gibt, abstimmende und korrigierende Maßnahmen im Sinne seiner Absicht zu ergreifen.

Von besonderer Bedeutung für den Erfolg des Führens mit Auftrag ist, dass die unterstellten Führer die Absicht der übergeordneten Führung kennen und so ausgebildet sind, dass sie hieraus für sich im Rahmen der Auswertung des Auftrages eigenes Handeln im Sinne der übergeordneten Führung ableiten können. Daher brauchen nachgeordnete Führungskräfte eigene Urteils- und Entschlusskraft, und sie müssen bereit sein, selbstständig und verantwortungsbewusst zu handeln. Für deren Vorgesetzte kommt es indes vor allem darauf an, die Absicht hinter dem Auftrag zu vermitteln und die wesentliche Leistung herauszustellen, aber auch die Fähigkeiten und Möglichkeiten der Nachgeordneten genau zu kennen.

Um die positive Wirkung des Führens mit Auftrag nicht zu konterkarieren, ist es wichtig, Aufträge und Befehle nicht über Hierarchien hinweg zu erteilen, da hierdurch schnell Missmut oder Motivationsverluste entstehen können. Zusätzlich besteht die große Gefahr, wichtige Details oder Spezialistenwissen unberücksichtigt zu lassen, was zu erheblichen Problemen, bis hin zu Risiken für Leib und Leben, führen kann.Vgl. Marc Habenicht: Die Führungsphilosophie der Bundeswehr (Innere Führung) – Eine Idee zur Menschenführung auch für andere Organisationen?...! Verlag Dr. Kovac, Hamburg 2012, S. 38.

Begriffsklärung Um zu klären, was „Führen mit Auftrag“ bedeutet, muss zunächst geklärt werden, was ein Auftrag im militärischen Sinn ist: Ein Auftrag ist eine Willensäußerung mit dem Anspruch auf Befolgung. Willensäußerungen gibt es im militärischen Bereich in den Ausprägungen als „Kommando“, „Befehl“, „Auftrag“ oder „Weisung“. Das Kommando ist die strikteste, die Weisung die schwächste Handlungsanweisung. Der Auftrag stellt eine Kompromisslösung zwischen den Varianten bei der Wahl der Mittel, der Einflussnahme und der Art der Durchführung dar.

Verkürzt dargestellt kann die Unterscheidung wie folgt formuliert werden: Das Kommando erlaubt nur eine schon vorher definierte Ausführung. Der Befehl beschreibt den Weg zum Ziel. Der Auftrag nennt das Ziel und gibt gewisse Freiheiten bei der Wahl des Weges.

Die Grenzen zwischen Befehl und Auftrag sind hierbei fließend, denn Aufträge können Einschränkungen bezüglich des „Wann“ und des „Wo“ enthalten. Das wesentliche Element des Führens mit Auftrag ist aber das Ziel, also das „Was“. Wird auch das „Wie“ noch festgelegt, handelt es sich tendenziell eher um eine konkrete Anweisung und damit eher um einen Befehl.

Das Führen mit Auftrag wurde zunächst ohne bestimmte Bezeichnung im preußischen Heer, beginnend auf der höchsten Kommandoebene, seit den deutschen Einigungskriegen angewandt, im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 in größerem Umfang, seit 1888 nach Festlegung in den Dienstvorschriften auf allen Ebenen, seit 1906 unter der Bezeichnung Auftragstaktik. Der Begriff war ursprünglich von den Gegnern des neuen Konzepts im Unterschied zur Normaltaktik (Befehlstaktik) geprägt worden.

Der Begriff „Auftragstaktik“ ist nicht gleichbedeutend mit „Taktik“, was anhand der Definition von Taktik deutlich wird:

Taktik ist der Gebrauch der Mittel ‚in ihrer Gesamtheit‘ zum Zwecke des Gefechts, z. B. wie sich diese Mittel beeinflussen, ergänzen oder wie sie eingeschränkt sind.

Mit einem einzigen Mittel (hier: dem Auftrag) kann man daher per definitionem keine Taktik betreiben. Daher sind Begriffe wie „Auftragstaktik“, „Befehlstaktik“ oder „Munitionstaktik“ streng genommen nicht korrekt, weil sie die Definition von Taktik unzulässig verkürzen. Andererseits hat sich der Ausdruck aufgrund seiner Griffigkeit im allgemeinen Sprachgebrauch weitgehend durchgesetzt; dies gilt erst recht für Fremdsprachen, in denen er inzwischen als Lehnwort oder Lehnübersetzung etabliert ist.

Helmuth von Moltke der Ältere begriff Strategie als ein System von Aushilfen. Wegen der vielen Unwägbarkeiten im Krieg hielt er nur den Beginn eines Feldzuges für planbar: „Kein Operationsplan reicht mit einiger Sicherheit über das erste Zusammentreffen mit der feindlichen Hauptmacht hinaus.“ Daher sah er seine Aufgabe vor allem in der umfassenden Planung der militärischen Auseinandersetzung unter Ausnutzung aller technischen Möglichkeiten. Den nachfolgenden Führungsebenen gewährte er weitgehende Handlungsfreiheit in der Durchführung des Kampfauftrages. Mit diesen Prinzipien wurde Moltke in seiner Zeit zum Vorbild in der Führung moderner Massenheere.

Siehe in diesem Zusammenhang auch Strategie – Operation – Taktik

Verhalten bei der Durchführung des Auftrags Der Soldat wird mit einem Auftrag betraut, dessen Ziele und Effekte er kennen muss. Dadurch ist der Soldat nicht nur berechtigt, sondern sogar verpflichtet, bei einer wesentlichen Lageänderung die Auftragsausführung so zu verändern, dass sie seiner Meinung nach bestem Wissen und Gewissen das wesentliche Ziel des ursprünglichen Auftrags erfüllen kann. Damit obliegt der eigentliche Auftrag keineswegs seiner freien Disposition, vielmehr hat er sich die Frage zu stellen: „Wie würde ich an Stelle meines Vorgesetzten bei gleicher Intention unter diesen veränderten Umständen entscheiden?“, der Soldat handelt also auf den Vorgesetzten zu. Er befolgt also den Befehl dem Sinn nach und nicht dem Buchstaben nach.

Dieses Abweichen vom ursprünglichen Auftrag setzt voraus, dass sich die Lage wesentlich geändert hat, der auftragserteilende Vorgesetzte zurzeit nicht erreichbar ist und ein sofortiges Handeln unumgänglich ist.

Sonstige Hinweise zur Führung

Führung von vorne

Es wird häufig argumentiert, dass das „Führen mit Auftrag“ den Einsatz von Offizieren nahe an der Front voraussetze, um über die Geschehnisse an der vordersten Front ohne Verzögerung informiert zu sein. Diese Argumentation widerspricht jedoch dem Auftragsgedanken, da sie impliziert, dass man seinen Untergebenen nicht zutraut, die gestellten Aufträge zu erfüllen. Unbestreitbar bietet das Führen nahe an der Front große Vorteile, beispielsweise wird die Motivation und der Kampfesmut der untergebenen Soldaten durch die unmittelbare Anwesenheit des Vorgesetzten gefördert und die manchmal schwierige Beurteilung der Lage kann vor Ort vorgenommen werden, wodurch ein schnelles Lagebild und gegebenenfalls eine Anpassung der Aufträge ermöglicht wird. So ist bekannt, dass deutsche Generäle und Feldmarschälle im Zweiten Weltkrieg, wie zum Beispiel Erwin Rommel, teilweise in vorderster Front mit vorrückten, um sich ein Bild vom Gefecht und vor allem vom Gegner machen zu können. Diese Informationen können dann in der Planung des weiteren Vorgehens verwendet werden. Daraus resultieren eine effizientere und schnellere Führung der Soldaten, aber auch überdurchschnittlich hohe Verluste an Offizieren verglichen mit Armeen, die die Führung mit Befehl anwenden. Die deutsche Wehrmacht hatte im Zweiten Weltkrieg deswegen überproportional hohe Verluste in kommandierenden Positionen: Mehr als 50 % der Offiziere wurden verwundet oder sind gefallen. Daher kamen oft Untergebene in Führungsverantwortung, die sie formal nicht ausfüllen konnten (Unteroffiziere als Zugführer oder Kompaniechefs und Hauptleute als Bataillonskommandeure waren keine Seltenheit). Aufgrund der „Führerausbildung“ der Wehrmacht, zwei Ebenen höher auszubilden als es dem Dienstgrad entsprach, konnten diese „Führerverluste“ jedoch bedingt ausgeglichen werden.

Rolle der Kommunikationsmittel Auch ist die kommunikative Ausrüstung von Soldaten und Fahrzeugen ausschlaggebend. So waren im Zweiten Weltkrieg auf deutscher Seite alle Panzer mit Funkgeräten ausgestattet, während es bei den Alliierten nur ein Panzer pro Zug war. Auch die Infanterie war mit verhältnismäßig vielen Funkgeräten ausgestattet, wodurch eine schnellere und gezieltere Führung möglich wurde. So konnten an Feuerkraft überlegene Feindkräfte nicht selten durch schnelles und geschicktes Vorgehen umgangen und besiegt werden. Gegen Ende des Krieges führten auch die Westalliierten und die Rote Armee Funkgeräte auf jedem Panzer ein. Informationen sind mittlerweile genauso wichtig wie Kräfte, Raum und Zeit. Eine Informationsüberlegenheit kann Vorsprünge schaffen in Bezug auf die anderen drei Kriterien. Durch Neue Medien und Kommunikationsmittel wird die Menschenführung signifikant beeinflusst. Warten auf fehlende Informationen oder Informationsüberlastung dürfen die Führung aber nicht blockieren oder behindern. Es wird immer schwieriger weitreichende und detaillierte Befehle bei schnell wechselnden Lagen zu erteilen. Schon Moltke d. Ä. stellte dazu fest, dass kein Plan die erste Feindberührung überlebt. Es wird damit immer wichtiger werden, Aufträge zu erteilen, die im Rahmen der gegebenen Kompetenzen selbstständig zu erfüllen sind. Das Führen mit Auftrag wird auch unter der Veränderung der Kommunikations- und Informationstechnik mit der vernetzten Operationsführung ein entscheidendes Werkzeug der Führung bleiben. Moderne Kommunikationsmedien können nur Hilfestellungen geben; Entscheider und Ausführender bleibt aber der Mensch bzw. Soldat.Vgl. Marc Habenicht: Die Führungsphilosophie der Bundeswehr (Innere Führung) – Eine Idee zur Menschenführung auch für andere Organisationen?...! Verlag Dr. Kovač, Hamburg 2012, S. 41 f.

Führen mit Befehl Der Gegensatz zum Führen mit Auftrag heißt „Führen mit Befehl“ und wird oft fälschlich als Befehlstaktik bezeichnet. Führen mit Befehl wird insbesondere von angloamerikanischen oder russischen Streitkräften praktiziert. Die Grenzen zwischen beiden Führungsstilen sind oft fließend. Je höher eine Führungsebene angesiedelt und je spezialisierter ein Truppenteil ist, umso mehr wird mit dem Führungsinstrument „Führen mit Auftrag“ gearbeitet. Wesentlicher Unterschied ist, dass beim Führen mit Befehl, der sich aus dem Entschluss wer macht was, wann, wo, wie und warum ergibt, der Befehl die Anweisung zur Durchführung einschließlich des wie als die Art der Durchführung enthält, während beim Führen mit Auftrag die Anweisung nur das wer macht was und, falls notwendig, wenn es sich nicht aus der Situation ergibt, auch das wann und wo mit einem warum, jedoch nicht das wie enthält.

Übergang zwischen Führen mit Auftrag und Führen mit Befehl