mini|Bitterfeld vom Bitterfelder Bogen aus nördlich gesehen (Juli 2009) Bitterfeld ist ein Stadtteil der Stadt Bitterfeld-Wolfen im Landkreis Anhalt-Bitterfeld in Sachsen-Anhalt und ein Zentrum der chemischen Industrie. Bis zum 30. Juni 2007 war Bitterfeld eine eigenständige Stadt und Kreisstadt des Landkreises Bitterfeld. Bitterfeld liegt etwa 25 km nordöstlich von Halle (Saale) und etwa 35 km nördlich von Leipzig. Östlich befindet sich der Muldestausee. Im Norden schließt sich der Ortsteil Wolfen und südöstlich der Stadt die Goitzsche mit dem Großen Goitzschesee an, ein Naturschutzgebiet mit 24 km² Wasserfläche.

Seit der Kommunalwahl am 9. Juni 2024 ist Kay-Uwe Ziegler (AfD) der Ortsbürgermeister von Bitterfeld. Stellvertretender Ortsbürgermeister ist Henning Dornack (AfD).

Klima mini|Klimadiagramm von Bitterfeld Die durchschnittliche Lufttemperatur in Bitterfeld beträgt 10,0 °C, der Jahresniederschlag 516 Millimeter. Er ist damit extrem niedrig, er fällt in das untere Zwanzigstel der in Deutschland erfassten Werte. Der trockenste Monat ist der Februar, die meisten Niederschläge fallen im Juni. Im Juni fällt doppelt so viel Niederschlag wie im Februar. Die Niederschläge variieren kaum und sind gleichmäßig über das Jahr verteilt.

Geschichte Die Herkunft des Namens ist unklar. Eine Annahme besagt, der Name rühre wahrscheinlich von einer zusätzlichen Bedeutung „sumpfig“ des mittelhochdeutschen Adjektivs bitter her und bedeute demnach „sumpfiges Land“.Mitteldeutsche Zeitung: Bitterfeld, ein Name, viele Geschichten

Bitterfeld entwickelte sich aus mehreren Siedlungen, unter ihnen das relativ gut erforschte slawische Dorf Sernitzk, sowie einem Rittergut. Bereits vor der ersten urkundlichen Erwähnung am 28. Juni 1224 ließen sich in diesem Gebiet flämische Siedler und Fernkaufleute nieder, die ein Zusammenwachsen der verschiedenen Ortschaften begünstigten.Otto Kieser: Die Wüstung „Alte Stadt“ bei Bitterfeld – eine Kaufmannssiedlung. In: Wilhelm Berges, Hans Herzfeld, Henryk Skrzypczak (Hrsg.): Jahrbuch für die Geschichte Mittel- und Ostdeutschlands. Berlin, 1980. S. 1–12.

Die Stadt gehörte zunächst zur Grafschaft Brehna, die 1290 an das Herzogtum Sachsen-Wittenberg fiel. 1293 ist der miles (Ritter) Iwan von Schenkenberg nachzuweisen, der die „villa deserta“ Zöckeritz von Herzog Albrecht II. von Sachsen-Wittenberg zu Lehen trug. Das Herzogtum kam wiederum 1423 an die Markgrafschaft Meißen, aus dem sich das Kurfürstentum Sachsen entwickelte. In der Grenzlage zu den anhaltischen Fürstentümern und Brandenburg blieb das verkehrstechnisch schlecht angebundene Bitterfeld über das Mittelalter hinaus eine kleine Stadt, die von Handwerk und Landwirtschaft lebte, hauptsächlich Tuchmacher, Töpfer und Schuster, und von ihren Bierbrauereien.

Im sächsischen Kurfürstentum war Bitterfeld Sitz des gleichnamigen Amts Bitterfeld,Karlheinz Blaschke, Uwe Ulrich Jäschke: Kursächsischer Ämteratlas 1790. Verlag Klaus Gumnior, Chemnitz 2009, ISBN 978-3-937386-14-0, S. 22–23 zu dem neben einigen Dörfern lediglich die Stadt Brehna gehörte.

Im Jahr 1621 hatte Bitterfeld eine Kippermünzstätte, in der unter Münzmeister Barthel Eckardt Interimsmünzen (Kippermünzen) geschlagen wurden. Das waren Kippergroschen- und Kreuzerstücke sowie Kipper-Schreckenberger. Im Dreißigjährigen Krieg wurde der Ort 1637 durch die Schweden geplündert.

Im Zuge des Wiener Kongresses wurde Bitterfeld der neugebildeten preußischen Provinz Sachsen zugeordnet und Sitz des Landratsamtes des Kreises Bitterfeld. Dieser Kreis vereinte die ehemals sächsischen Ämter Bitterfeld, Bad Düben, Gräfenhainichen und Zörbig.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts stagnierte die Wirtschaft, besonders die Tuchmacherei. Die handwerklich erzeugten Produkte konnten in Qualität und Masse nicht mit den bereits maschinell hergestellten Waren aus Großbritannien mithalten. In der Folge sank die Bevölkerung in Bitterfeld. Einen Wandel brachte der Anschluss an das Eisenbahnnetz ab 1857. Bitterfeld entwickelte sich zum Verkehrsknotenpunkt auf den Strecken Berlin – Halle und Magdeburg – Leipzig. Dadurch konnten die Braunkohle aus dem neu erschlossenen Bitterfelder Bergbaurevier sowie auf der Grundlage dieser Energiequelle vor Ort hergestellten Waren überregional vertrieben werden.

Bitterfeld entwickelte sich zu einem bedeutenden Industriestandort im Mitteldeutschen Industriegebiet. Parallel dazu veränderte sich die Landschaft in und um Bitterfeld: Durch die Förderung der Braunkohle im Tagebau entstanden viele „Gruben“. Teilweise wurden diese später mit Hausmüll verfüllt oder durch aufsteigendes Grundwasser als See genutzt. Bekannte Beispiele dafür sind die Goitzsche oder der als „Postgrube“ bezeichnete See bei Zscherndorf. mini|Elektrochemisches Kombinat (EKB), 1959

Vor dem Zweiten Weltkrieg war Bitterfeld ein modernes Industriezentrum, in dem auch kriegswichtige Substanzen hergestellt wurden. Zur Zeit des Nationalsozialismus mussten in Chemie- und Rüstungsbetrieben der Stadt bis 1945 mehrere hundert Kriegsgefangene sowie Frauen und Männer verschiedener Nationalität NS-Zwangsarbeit verrichten. In der Endphase der DDR wurde die Region zu einem Symbol für die marode Ausstattung der Wirtschaft und gefährlicher Umweltverschmutzung, da die Modernisierung der Industrieanlagen vernachlässigt wurde und so die Verschmutzung der Umwelt genauso weiterging wie zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Die Akkumulation von Giften durch umweltzerstörendes Wirtschaften, vor allem auch während der zwei Weltkriege, hatte beträchtliche Schäden an der Umwelt zur Folge. In jenen Jahren trug die Stadt den wenig schmeichelhaften Titel „dreckigste Stadt Europas“.Monika Maron: Flugasche. Roman. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1981, ISBN 978-3-596-23784-5. Ralf Herzig, der die Stadt 1987 besuchte, schrieb: „Wie durch einen speziellen Farbfilter betrachtet, lag eine monochrome, graubraungrünliche Lasur über Häusern, Landschaft und Fabriken.“Ralf Herzig: Bitterfeld – Beschreibung einer Traurigkeit. Ein Foto-Essay. in: Horch und Guck, 18. Jg., Heft 64 (2/2009), S. 12–13.

Bitterfeld gehört zu den wichtigsten Zentren vom Aufstand des 17. Juni.Berichte, Dokumente und Fotos zum Volksaufstand 1953 in Bitterfeld auf jugendopposition.de (Bundeszentrale für politische Bildung / Robert-Havemann-Gesellschaft e. V.), gesichtet am 20. März 2017. Am 17. Juni 1953 demonstrierten auf dem zentralen Platz der Jugend und der Binnengartenwiese bis zu 50.000 Menschen – mehr als Bitterfeld damals Einwohner zählte. Der Lehrer Wilhelm Fiebelkorn verlas ein Telegramm an die Regierung der DDR, in dem der sofortige Rücktritt der Regierung, freie Wahlen und die Freilassung politischer Gefangener gefordert wurden.Telegramm an die Regierung der DDR auf jugendopposition.de (Bundeszentrale für politische Bildung / Robert-Havemann-Gesellschaft e. V.), gesichtet am 20. März 2017. Das Streikkomitee, dem der am 20. Juni als „Rädelsführer“ verhaftete Elektriker Paul Othma angehörte, setzte den Bürgermeister Heinz-Rudolf Strauch ab. Demonstranten besetzten die SED-Kreisleitung sowie das MfS-Gebäude und verlasen die Namen von Spitzeln.Volksaufstand 1953 in Bitterfeld, Fotos und Texte auf jugendopposition.de (Bundeszentrale für politische Bildung / Robert-Havemann-Gesellschaft e. V.), gesichtet am 20. März 2017. mini|Der Kulturpalast Bitterfeld, 1952–54 im Stil des Neoklassizismus erbaut

Am 24. April 1959 fand die später als Bitterfelder Weg bezeichnete erste Autorenkonferenz des Mitteldeutschen Verlages im Kulturpalast des VEB Elektrochemisches Kombinat BitterfeldKulturpalast Bitterfeld (Siehe: Haus mit Tradition 1952–2002) statt, wo geklärt werden sollte, wie Werktätigen ein aktiver Zugang zu Kunst und Kultur ermöglicht werden kann. Die „vorhandene Trennung von Kunst und Leben“ und die „Entfremdung zwischen Künstler und Volk“ sollte überwunden werden. Eine zweite Konferenz folgte 1964.

Am 11. Juli 1968 erschütterte ein großes Explosionsunglück Bitterfeld. In der PVC-Halle im Chemiekombinat starben 42 der 57 Arbeiter sofort, 200 Menschen mussten ärztlich versorgt werden. Weite Teile des Werks waren zerstört. Verantwortliche Betriebs- und Parteigremien waren bestrebt, das Unglück nicht publik werden zu lassen. Wegen der vielen Verletzten und der Zerstörungen auch in der Stadt misslang dies.11. Juli 1968. Der große Knall von Bitterfeld. In: Jan Eik und Klaus Behling: Verschlusssache. Die größten Geheimnisse der DDR. Verlag Das Neue Berlin, Berlin 2008, ISBN 978-3-360-01944-8, S. 116–117 (→ Chemieunfall in Bitterfeld)

Von 1974 bis 1993 wurde in Bitterfeld Bernstein im Tagebau abgebaut, zunächst von Hand und ab 1976 maschinell.

Am 27. September 1988 berichtete das ARD-Magazin Kontraste über die Umweltverschmutzung der Region, vor allem am Beispiel des Silbersees im benachbarten Ort Wolfen (die ORWO-Filmfabrik entsorgte in dieses Restloch des Tagebaus Grube Johannes diverse Abfälle).Der Volksmund sagte, dass man in diesem See Filme entwickeln könne, was aber nicht zutraf, da vor allem Reste der Kunstfaserproduktion eingeleitet wurden. Vgl. Ralf Herzig: Bitterfeld – Beschreibung einer Traurigkeit. Ein Foto-Essay. In: Horch und Guck, 18. Jg., Heft 64 (2/2009), S. 12–13.

Der Beitrag (Titel Bitteres aus Bitterfeld) erregte großes Aufsehen auch in der DDR, wo viele Menschen Westfernsehen empfangen konnten. Nach der Friedlichen Revolution von 1989 wurden viele Industriebetriebe geschlossen und die Luftverschmutzung ging stark zurück. Einerseits führte der Wegfall vieler Arbeitsplätze zu enormer Arbeitslosigkeit, andererseits wurde mit milliardenschweren Rekultivierungsleistungen die Bergbaufolgelandschaft um Bitterfeld in eine Wald- und Seenlandschaft verwandelt, die heute Ziel für Wanderer und Wassersportler ist. Monika Maron porträtierte 1981 in ihrem Roman Flugasche die schwierigen Produktionsbedingungen in Bitterfelder Chemiebetrieben und zeigte 30 Jahre später in ihrem Bericht Bitterfelder Bogen die Weiterentwicklung auf.

Trotz des industriellen und wirtschaftlichen Rückgangs ist Bitterfeld als Teil des Mitteldeutschen Chemiedreiecks um Halle (Saale) und Leipzig mit dem neuen „Chemiepark“ (siehe unten) noch immer ein bedeutender Standort der chemischen Industrie. Im Jahr 2000 war Bitterfeld eine Korrespondenzregion der Expo 2000 in Hannover. Eines der noch heute sichtbaren Expo-Resultate ist das Berufsschulzentrum August von Parseval. Es wurde im Jahr 2000 der Nutzung übergeben.

Städtefusion 2007

Bitterfeld ist am 1. Juli 2007 mit der Nachbarstadt Wolfen und den Gemeinden Greppin, Holzweißig und Thalheim zur neu gegründeten Stadt Bitterfeld-Wolfen zusammengelegt worden.StBA: Änderungen bei den Gemeinden Deutschlands, siehe 2007 Die Stadt Bitterfeld-Wolfen fusionierte planmäßig am 1. September 2009 mit Bobbau (laut Bürgeranhörung waren 54 Prozent der Einwohner Bobbaus gegen die Fusion mit Bitterfeld-Wolfen). Die Stadt Bitterfeld-Wolfen hatte Ende 2010 ca. 45.000 Einwohner und war damit die fünftgrößte Stadt Sachsen-Anhalts. Zudem schlossen sich im Zuge der Kreisreform der Landkreis Bitterfeld und der Landkreis Köthen mit großen Teilen des Landkreises Anhalt-Zerbst zum Landkreis Anhalt-Bitterfeld zusammen.

Bitterfeld-Syndrom