mini|hochkant|Stabkirche von Borgund

Stabkirchen oder Mastenkirchen sind hölzerne Kirchen, die als Stabbau konstruiert wurden. Der Stabbau ist ein Tragwerk aus senkrecht stehenden Masten, den sogenannten Stäben, auf denen die gesamte Dachkonstruktion ruht. Stabkirchen kommen hauptsächlich in Skandinavien vor. Ihre Datierung erweist sich als schwierig, da viele Kirchen aufgrund ihrer anfänglich primitiven Konstruktion verloren gingen. Andere wurden durch Brände zerstört, oder sie wurden durch Steinkirchen ersetzt. In Skandinavien wurden Stabkirchen während der Übergangszeit von der heidnischen Religion zum Christentum vor allem im 12. und 13. Jahrhundert erbaut, entstanden aber auch noch im Spätmittelalter.

Ein wichtiges Kennzeichen der Stabkirchen ist – außer der Dachmastenkonstruktion – generell die Vertikalität des Kirchengebäudes: Die Holzteile stehen senkrecht, im Gegensatz zu den Blockbauten, in denen die hölzernen Teile waagerecht liegen.

Heute sind Stabkirchen ein wichtiges Ziel für den Tourismus.

Verbreitung der Stabkirchen In Norwegen gab es bis zur Reformationszeit etwa 750 Stabkirchen und diese waren somit die Mehrzahl der ca. 1200 Kirchen im Land. Anfang des 19. Jahrhunderts waren noch rund hundert Stabkirchen vorhanden.Erich Burger: Norwegische Stabkirchen. Geschichte, Bauweise, Schmuck. Erstveröff. DuMont, Köln 1978, ISBN 3-7701-1080-3 (= DuMont-Kunst-Taschenbücher; 69).

Die meisten Stabkirchen stehen heute in Norwegen. 28 der insgesamt 33 Stabkirchen dieses Landes gelten als authentisch, weil ein erheblicher Anteil an Bausubstanz aus dem Mittelalter erhalten geblieben ist. Drei der anderen Stabkirchen wurden in den späteren Jahrhunderten rekonstruiert und grundlegend umgebaut. Die Stabkirche Vågå wurde von 1625 bis 1627 und die Stabkirche Fåvang wurde von 1630 bis 1631 umfassend umgebaut.

1979 wurde die Stabkirche Urnes, die sich am Ostufer des Lustrafjord in der norwegischen Provinz Vestland befindet, als bisher einzige Stabkirche zum UNESCO-Welterbe erklärt.

In Schweden wurden die meisten Stabkirchen während der Pestepidemien des 17. Jahrhunderts verbrannt. Es gibt nur eine authentische mittelalterliche Stabkirche in Hedared (etwa 16 km von Borås). Eine weitere Stabkirche von 1644 Zur Heiligen Magdalene steht auf ehemalig schwedischem Territorium, auf der estnischen Insel Ruhnu.

Von den dänischen Stabkirchen ist keine einzige erhalten. Aber man fand 1960 Pfostenspuren und einen Fußboden unter der Kirche von Hørning bei Randers, die aus dem 12. Jahrhundert stammt. Ein Stück eines Wandrähms, die „Hørningsplanke“ wurde 1887 bei der Renovierung der Steinkirche entdeckt. Dendrochronologisch wurde das konstruktiv sehr aufschlussreiche Holzteil mit den Fragmenten eines Schlangenornamentes auf 1060 datiert.

Die Greensted Church in Essex, England, gilt als die älteste, in Teilen noch erhaltene Holzkirche. Den Ergebnissen der Sheffield University zufolge wird sie auf das 11. Jahrhundert datiert. Die Greensted Church ist eine Palisadenkirche und fällt damit in den ersten Konstruktionstypus der Stabkirchen. Sie wurde mehrfach umgebaut und erweitert. Heute sind von ihr nur noch Teile der Langwände und der westlichen Giebelwand erhalten. Diese wurden im unteren Drittel eingekürzt, auf einer Schwelle aufgeständert und untermauert, um den Kontakt zum feuchten Erdreich zu verhindern.

Als größte bekannte Stabkirche gilt die Domkirche zu Skálholt auf Island. Sie ist nicht erhalten, ließ sich aber durch den Steinsockel und in schriftlichen Quellen angegebene Maße gut rekonstruieren.

Eine von Norwegen translozierte Stabkirche ist die Kirche Wang in Schlesien.

Geschichtliches Umfeld mini|Stabkirche Torpo (gebaut um 1200) Der Typus der Stabkirche wurde in Skandinavien am Anfang des 11. Jahrhunderts übernommen, als das Christentum nach einer zweihundertjährigen Übergangszeit endgültig Fuß gefasst hatte. Er wurde auch in skandinavisch beeinflussten Regionen angewandt (z. B. Island, Grönland und in den von Wikingern beherrschten Regionen). Die Impulse der Mission kamen aus England und Deutschland, wo vor allem Ansgar (796–865), der Erzbischof von Hamburg-Bremen, Anstöße gab. Vorangetrieben wurde die Missionierung durch die norwegischen Könige Haakon I. (920–961), Olav I. (963–1000) und den später heiliggesprochenen Olav II. (995–1030), die sich in England ausbilden und taufen ließen. Die Verbreitung des christlichen Glaubens diente auch zur Unterwerfung konkurrierender skandinavischer Kleinkönige.Anja Rösner: Kirche Wang / Reise einer Stabkirche von Norwegens Fjorden ins Riesengebierge. Heiner Labonde Verlag, Grevenbroich 2006, ISBN 3-937507-09-4, S. 12–14

Obwohl die Stabkirchen fast zwei Jahrhunderte nach dem Beginn der Christianisierung Norwegens errichtet wurden und die Missionare keinen Synkretismus duldeten, finden sich an den Bauwerken viele heidnische Elemente (z. B. Drachenköpfe, Odindarstellungen, heidnische Symbole in Einritzungen). Eine inhaltliche Vermischung beider Glaubensrichtungen gab es in Norwegen jedoch nie. Der alte nordische Glaube und der neue christliche Glaube existierten zweihundert Jahre lang parallel. Die Kirche akzeptierte die ursprünglich heidnischen Elemente wahrscheinlich deshalb, weil ein großer Teil der Symbolik und der Erzählungen christlich umgedeutet werden konnte.Torsten Capelle: Heidenchristen im Norden. Landesmuseum für Natur und Mensch, Oldenburg 2005, ISBN 3-8053-3606-3, S. 22 ff., 70–78

Architektur Stabkirchenfamilien mini|Grundriss einer einfachen Stabkirche (Typ A)

Die Kirchen wurden entweder als einfache Saalkirchen, Mittelmast- oder Mehrmastkirchen gebaut. Die einfachste Form und wohl auch die älteste ist die einfache Saalkirche. Die Mittelmastkirche hat einen einzelnen, freistehenden Mast in der Mitte des Schiffes, in dem sich die Kirchgemeinde während des Gottesdienstes versammelt. Ein kleinerer Chor für die Geistlichkeit und die Apsis wurden angebaut. Solche einfachen Formen mit Mittelmast haben die Kirchen von Nore und Uvdal.

Familie vom Typ A – einfache Saalkirchen und Mittelmastkirchen Stabkirchen vom Typ A sind einschiffig und haben Stäbe nur an den Ecken der Außenwände; mitunter gibt es auch freistehende Mittelstäbe. Diese Kirchen haben ein einfaches Satteldach. Die einschiffigen Kirchen ohne Mittelstab werden dem Haltdalentyp und solche mit Mittelstab dem Numedaltyp zugeordnet.Yasuo Sakuma, Ola Storsletten: Die Stabkirchen Norwegens. Meisterwerke nordischer Baukunst. Genehmigte Lizenzausg., Bechtermünz-Verlag, Augsburg 1997, ISBN 3-86047-239-9. (dt. Übers.)

Haltdalentyp: Sind relativ kleine Kirchen mit einer fast quadratischen einfachen Grundform ohne freistehende Stäbe im Raum. Der Chor ist meistens nicht so breit wie das Schiff. Die am besten erhaltene Kirche mit dieser Bauform ist die Stabkirche Haltdalen, die 1170 errichtet wurde. Die Stabkirche Reinli in Valdres vermutlich aus der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts ist aus dem Haltdalentyp hervorgegangen. Numedaltyp: Diese Stabkirchen haben einen Stab in der Mitte des Raumes, daher nennt man sie auch Einmaststabkirchen oder Mittelmastkirchen. Ursprünglich wurde der Mittelstab in einem Grundstock gefasst und durch horizontale Verbindungsbalken mit den Masten der Wände verbunden. Der Mittelmast diente wahrscheinlich nicht nur der Stabilisierung der Kirche, sondern auch als Stütze für einen Dachreiter mit Glocken. Es gibt insgesamt noch drei erhaltene Stabkirchen des Numedaltypus, zwei davon stehen in der Region Numedal. Zu diesem Bautypus gehören in Numedal die Kirchen Stabkirche Nore und Stabkirche Uvdal. Møretyp: Charakteristisch für diese Kirchen ist die Verwendung von Mittelstäben in den Längswänden. Es gibt genau drei noch erhaltene Kirchen dieses Typus, die alle in der Gegend Møre og Romsdal stehen: Stabkirche Kvernes, Stabkirche Rødven und Stabkirche Grip. Davon sind zwei Hallenkirchen und eine Langkirche.

Familie vom Typ B – Große Mastenkirchen Stabkirchen vom Typ B haben eine komplexere Struktur mit einem das Hauptschiff umgebenden Umgang, der wiederum von einem Svalgang umgeben ist. Die Mittelstäbe ruhen auf einem rechteckigen Rahmen. Die Stäbe sind im unteren Teil freistehend, der obere Teil bildet das Gerüst für den Wandaufbau.

Diese Stabkirchen lassen sich in zwei Gruppen unterteilen:

Kaupangertyp: Bei diesen Stabkirchen bilden die Säulen Arkaden aus. Häufig haben die Säulen ein Kapitell, welches den Steinbau nachahmt. Stabkirchen des Kaupangertyps sind Kaupanger, Urnes, Hopperstad und Lom. Die Kirchen von Hopperstad und Lom haben nachträglich Andreaskreuze eingebaut und ähneln so heute dem Borgundtyp.Gunnar Bugge: Stavkirkene i Norge: Innføring og oversikt. Dreyer, Oslo 1981, ISBN 82-09-01890-6. Borgundtyp: Kirchen des Borgundtyps haben Andreaskreuzverbindungen zwischen den Säulen und der Aufbau ähnelt einem Triforium. Kirchen des Borgundtyps sind Borgund, Fantoft, Gol, Hegge, Høre (Hurum), Lomen, Ringebu und Øye.

Die Stabkirche Torpo ist ein Bauwerk, welches in beide Gruppen gehört.

Grundriss Der Grundriss der Stabkirche Gol als Beispiel des Borgundtyps. Ebenso gleicht die Hochsäulenkonstruktion nun auch den Stabkirchen Hopperstad und Lom.

mini|hochkant=2|links|Grundriss LegendeA: Schwebende Masten der inneren SäulenkonstruktionB: Tragende Masten der inneren SäulenkonstruktionC: Masten in der AußenwandD: Holzrahmen der inneren SäulenkonstruktionF: Querbalken im FußbodenG: Flankierende HolzbänkeH: WestportalJ: SüdportalK: ChorportalL: ChorM: ApsisN: AltarO: LaubengangP: Säulen des Laubengangs

Querschnitt Der Querschnitt der Stabkirche Gol.

mini|hochkant=1.5|links|Querschnitt LegendeA: Schwebende MastenB: Tragende MastenC: Blindes NordportalD: SüdportalE: Masken am Ende der MastenF: GiebelkreuzeG: FirstkammH: SeitenbänkeJ: AndreaskreuzeK: KnaggenL: Arkaden des LaubengangsM: ScherensparrenN: KehlbalkenO: Knaggen im Übergang Schiff zum ChorP: Arkade im Übergang vom Chor zur Apsis

Längsschnitt Der Längsschnitt der Stabkirche Gol.

mini|hochkant=2|links|Querschnitt LegendeA: Schwebende MastenB: Tragende MastenC: WestportalD: Masken am Ende der MastenE: Drachenköpfe auf den SatteldächernF: Giebelkreuze und ApsisturmkreuzG: FirstkammH: SeitenbänkeJ: AndreaskreuzeK: KnaggenL: Arkaden des LaubengangsM: DachsparrenN: Apsis mit ApsistürmchenO: LichtöffnungenP: Laubengang um ApsisQ: ChorportalR: Südportal

Grundbau mini|links|hochkant|Aufbau der Stabkirche Borgund: Masten und horizontale Balken als Grundgerüst in der Mitte. Wände und Pultdächer als äußere Schicht. Dachstock des ersten Giebeldachs auf dem Grundgerüst aufgesetzt. (Zeichnung von G. A. Bull) mini|hochkant|Die Eckmasten stehen auf einem horizontalen Balken. In die Nut des Balkens werden die Wände eingelassen. Die Stabkirchen wurden stets auf einem viereckigen festen Holzrahmen errichtet, der auf einem Steinsockel zum Schutz vor Wasserschäden aufgesetzt wurde. Bei den einfacheren Formen der Stabkirchen befinden sich die Masten in den Wänden des Rahmens und lassen so den Kirchenraum frei. Bei den komplexeren Maststabkirchen sind die Masten das tragende Element im Kirchenschiff und bilden mit horizontalen Balken ein Grundgerüst. Die Masten haben eine Nut und wurden auf horizontalen Balken aufgesetzt, welche auf dem Steinsockel liegen. So sind die einzelnen Masten mit horizontalen Balken miteinander verbunden, was eine solide Grundlage bewirkt. Die Masten werden wiederum oberhalb in die Nut eines horizontalen Balkens unterhalb des Dachstockes aufgesetzt. Dies gibt der Stabkirche das quaderförmige, tragende Grundgerüst.Oddgeir Hoftun, Gérard Franceschi, Asger Jorn: Stabkirchen – und die mittelalterliche Gesellschaft Norwegens. Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln 2002, ISBN 3-88375-526-5