mini|Recha begrüßt ihren Vater, 1877 von Maurycy Gottlieb mini|Zweite Auflage im Erscheinungsjahr 1779, der Sammlung des Jüdischen Museums der Schweiz Nathan der Weise ist der Titel und die Hauptfigur eines fünfaktigen Ideendramas von Gotthold Ephraim Lessing, das 1779 veröffentlicht und am 14. April 1783 in Berlin uraufgeführt wurde. Das Werk hat als Themenschwerpunkte den Humanitäts- und Toleranzgedanken der Aufklärung. Berühmt wurde die Ringparabel im dritten Aufzug des Dramas.

Nathan der Weise ist Lessings letztes Werk. Hintergrund ist der Fragmentenstreit, eine Auseinandersetzung mit dem Hamburger Hauptpastor Johann Melchior Goeze, die so weit reichte, dass ein Teilpublikationsverbot gegen Lessing verhängt wurde. Infolgedessen integrierte Lessing seine deistischen Vorstellungen in dieses Drama. Unmittelbar vor dessen Fertigstellung hatte der Aufklärer an seinem philosophischen Hauptwerk Die Erziehung des Menschengeschlechts gearbeitet. Seine Beschäftigung mit dem Stoff reicht jedoch nachweislich bis ca. 1750 zurück.

In der Figur Nathan der Weise setzte Lessing seinem Freund Moses Mendelssohn, dem Begründer der jüdischen Aufklärung, ein literarisches Denkmal. Mendelssohn entwickelte ähnliche Gedanken zur Religionsfreiheit und Toleranz in seinem Werk Jerusalem oder über religiöse Macht und Judentum (1783) und nannte seinen im Jahre 1781 geborenen jüngsten Sohn Nathan.

Äußere Form Das Werk orientiert sich am Aufbau eines klassischen Dramas und ist in fünf Akte gegliedert.

Als Metrum hat Lessing den Blankvers gewählt, der in England seinen Ursprung hat und sich erst durch ihn in Deutschland durchsetzen konnte.

Nathan der Weise enthält sowohl tragische als auch komische Elemente, ist aber trotz des versöhnlichen Ausgangs weder eine Komödie noch eine Tragödie. Im Mittelpunkt der Handlung steht die Ringparabel, somit im Kern die Frage nach dem Wahrheitsanspruch von Religionen.

Inhalt mini|Elsa Grube-Deister als Daja, Wolfgang Heinz als Nathan und Christine Schorn als Recha (Deutsches Theater Berlin, 1971) Die Handlung spielt zur Zeit des Dritten Kreuzzugs (1189–1192) während eines Waffenstillstandes in Jerusalem.

Als der Jude Nathan von einer Geschäftsreise zurückkommt, erfährt er, dass seine Pflegetochter Recha von einem jungen christlichen Tempelherrn aus dem Feuer seines brennenden Hauses gerettet worden ist. Der Ordensritter wiederum verdankt sein Leben dem muslimischen Herrscher Jerusalems, Sultan Saladin, der ihn als einzigen von zwanzig Gefangenen begnadigt hat, weil er seinem verstorbenen Bruder Assad ähnlich sieht. Trotz dieser glücklichen Umstände ist der rational denkende Nathan nicht bereit, dahinter ein Wunder zu vermuten, und überzeugt auch Recha davon, dass es schädlich sei, an das Wirken von Schutzengeln zu glauben.

Saladin, in Geldangelegenheiten etwas lax, ja von fast melancholischer Gleichgültigkeit, befindet sich gerade in finanziellen Schwierigkeiten. Deswegen lässt er, auf Rat seiner berechnenderen Schwester Sittah, den vermögenden Nathan zu sich bringen, um dessen in ganz Jerusalem gerühmte Großzügigkeit auf die Probe zu stellen: Anstatt diesen direkt um einen Kredit zu bitten, gibt Saladin vor, zunächst Nathans ebenfalls überall gepriesene Weisheit testen zu wollen, und fragt ihn nach der „wahren Religion“. Nathan, von seinem Freund Al-Hafi bereits über Saladins Geldnöte unterrichtet und vor dessen finanzieller Leichtfertigkeit gewarnt, erkennt die Falle. Er entscheidet sich, Saladins Frage mit einem „Märchen“ zu beantworten, der später so genannten Ringparabel (s. u.). Tief beeindruckt versteht Saladin dieses Gleichnis sofort als Botschaft von der Gleichberechtigung der drei großen monotheistischen Religionen. Von Nathans Humanität gerührt, bittet er diesen, von nun an dessen Freund sein zu dürfen. Nathan willigt gern ein und gewährt Saladin, ohne dass er darum gebeten worden wäre, obendrein ein großzügiges Darlehen.

Der Tempelherr, der Recha zwar aus den Flammen gerettet, aber bisher als bloßes Judenmädchen kaum beachtet hat, wird von Nathan mit ihr zusammengeführt, verliebt sich Hals über Kopf in sie und möchte sie auf der Stelle heiraten. Sein Name jedoch lässt Nathan noch zögern, seine Einwilligung zu geben. Der Tempelritter ist verstimmt. Als er dann von Rechas Gesellschafterin Daja, einer Christin, erfährt, dass Recha nicht Nathans Tochter, sondern von ihm als solche adoptiert worden ist, ihre leiblichen Eltern aber Christen waren, wendet er sich um Rat suchend an den Patriarchen von Jerusalem. Obwohl der Tempelherr seine Anfrage so vorträgt, als handele es sich um einen hypothetischen Fall, errät das fanatische Kirchenoberhaupt, worum es hier geht, und will „diesen Juden“ sofort suchen und wegen Verleitung zur Apostasie auf den Scheiterhaufen bringen lassen. Dessen edle Beweggründe berücksichtigt er nicht; und dass er das Christenkind nicht als Juden, sondern im Gegenteil in keinem Glauben erzogen hat, kommt für den Patriarchen nicht mildernd, sondern erschwerend hinzu: „Tut nichts! Der Jude wird verbrannt; ja, wär allein / schon dieserwegen wert, dreimal verbrannt / zu werden.“

Durch Aufzeichnungen des Klosterbruders, der Recha einst als Kleinkind zu Nathan brachte, stellt sich schließlich heraus, dass die von einem Juden erzogene Recha und der christliche Tempelherr nicht nur Geschwister – daher Nathans Vorbehalte gegen eine Heirat –, sondern auch die Kinder von Saladins Bruder Assad sind, wodurch die enge „Verwandtschaft“ der jüdischen, christlichen und muslimischen Religionsfamilie nochmals verdeutlicht wird: Unter stummer Wiederholung allseitiger Umarmungen fällt der Vorhang.

Einflüsse Lessing stand in seiner Suche nach einem deutschsprachigen bürgerlichen Theater stark unter dem intellektuellen Einfluss des französischen Enzyklopädisten und Philosophen Denis Diderot.Th. C. Van Stockum: Lessing und Diderot. In: Neophilologus. Volume 39, Issue 1, 1955, S. 191–202. So sah er in dessen Le Fils naturel ou les Épreuves de la vertu, comédie suivie des Entretiens sur le Fils naturel (1757), kurz: Fils naturel, den er in die deutsche Sprache übertrug, ein Vorbild für seinen Nathan den Weisen (1779).Das Theater des Herrn Diderot übersetzt von Lessing, 1760, darin u. a.: Le fils naturel (1757) und Le père de famille (1758); Merkwürdiges Beispiel einer weiblichen Rache. Aus einem Manuskript des verstorbenen Diderot gezogen, Thalia, 1, 1785 übersetzt von Schiller (Volltext auf Wikisource) Lessing schätzte die Theaterreform von Diderot, vor allem wegen der Abschaffung der Ständeklausel, der Aufhebung der Heldenhaftigkeit der dramatischen Personen und des Verwendens prosaischer Sprache im Drama.Adam Bžoch: Deutsche Literatur im Zeitalter der Aufklärung. Catholic University in Ružomberok Press, Ružomberok, Verbum 2011, ISBN 978-80-8084-701-2.

Ringparabel mini|Paul Wegener (rechts) als Nathan,Kai Möller als Sultan. Deutsches Theater Berlin 1945 Diese Parabel von den drei Ringen gilt als ein Schlüsseltext der Aufklärung und als pointierte Formulierung der Toleranzidee. Sie findet sich bereits in der 73. Novelle des Il Novellino (13. Jahrhundert) und in der dritten Erzählung des Ersten Tages von Giovanni Boccaccios Decamerone.Lessing verweist in einem Brief vom 6. September 1778 an Elise Reimarus auf die Figur des Melchisedech (Decamerone I.3); Ephraim Lessing: Gesammelte Werke, Band 9: Briefe. Aufbau-Verlag, Berlin/Weimar 1982, S. 798 f. Zu den Vorlagen für Lessing zählen auch Jans des Enikels Erzählung von Saladins Tisch (13. Jahrhundert) und die Erzählung Vom dreifachen Lauf der Welt in den Gesta Romanorum. Bis ins 11. Jahrhundert lässt sich der Stoff von den drei ununterscheidbaren Ringen zurückverfolgen. Erfunden wurde er wahrscheinlich auf der Iberischen Halbinsel von sephardischen Juden.siehe dazu Salomo ibn Verga: Schevet Jehuda. Hrsg. von Sina Rauschenbach (= Jüdische Geistesgeschichte. Band 6). Parerga Verlag, Berlin 2006, S. 106–108.

Bei Boccaccio, Lessings Hauptquelle, geht es um einen Vater, der einen kostbaren Ring, sein wertvollstes Juwel, an denjenigen unter seinen Söhnen weitergibt, den er am meisten liebt und den er damit zum Erben einsetzt. So verfahren auch seine Nachkommen. Als Generationen später jedoch ein Vater seine drei Söhne alle gleich liebt, lässt er ohne deren Wissen zwei weitere Ringe anfertigen, sodass der Vater „kaum“ und die Söhne gar nicht mehr entscheiden können, welcher Ring der ursprüngliche ist.

Diese Handlung findet sich auch, in leicht veränderter Form, in der Schlüsselszene Lessings wieder: Saladin lässt Nathan zu sich rufen und legt ihm die Frage vor, welche der drei monotheistischen Religionen er für die wahre halte. Nathan erkennt sofort die ihm gestellte Falle: Erklärt er seine Religion zur „einzig wahren“, muss Saladin das als Majestätsbeleidigung auffassen, schmeichelt er hingegen dem (muslimischen) Sultan, muss er sich fragen lassen, warum er noch Jude sei. Um einer klaren Antwort auszuweichen („Nicht die Kinder bloß, speist man mit Märchen ab“Nathan der Weise, V. 1889f.), antwortet er mit einem Gleichnis: Ein Mann besitzt ein wertvolles Familienerbstück, einen Ring, der die Eigenschaft hat, seinen Träger „vor Gott und den Menschen angenehm“ zu machen, wenn der Besitzer ihn „in dieser Zuversicht“ trägt. Dieser Ring wurde über viele Generationen vom Vater an jenen Sohn vererbt, den er am meisten liebte. Doch eines Tages tritt der Fall ein, dass ein Vater drei Söhne hat und keinen von ihnen bevorzugen will. Deshalb lässt er sich von einem Künstler exakte Duplikate des Ringes herstellen, vererbt jedem seiner Söhne einen der Ringe und versichert jedem, sein Ring sei der echte.

Nach dem Tode des Vaters ziehen die Söhne vor Gericht, um klären zu lassen, welcher von den drei Ringen der echte sei. Der Richter aber ist außerstande, dies zu ermitteln. So erinnert er die drei Männer daran, dass der echte Ring die Eigenschaft habe, den Träger bei allen anderen Menschen beliebt zu machen; wenn aber dieser Effekt bei keinem der drei eingetreten sei, dann könne das wohl nur heißen, dass der echte Ring verloren gegangen sei. (Auf die Frage, wann dies geschehen sein könnte, geht der Richter nicht explizit ein; auch der Ring des Vaters kann schon unecht gewesen sein.) Der Richter gibt den Söhnen den Rat, jeder von ihnen solle daran glauben, dass sein Ring der echte sei. Ihr Vater habe alle drei gleich gern gehabt und es deshalb nicht ertragen können, einen von ihnen zu begünstigen und die beiden anderen zu kränken, so wie es die Tradition eigentlich erfordert hätte. Wenn einer der Ringe der echte sei, dann werde sich dies in der Zukunft an der ihm nachgesagten Wirkung zeigen. Jeder Ringträger solle sich also bemühen, diese Wirkung für sich herbeizuführen.

Lessings Weiterführung der Boccaccio-Geschichte Im Unterschied zu Boccaccios Erzählung ist der Ring, von dem Nathan berichtet, nicht bloß „wunderschön und kostbar“, sondern er enthält einen Opal, „der die geheime Kraft besaß, vor Gott und Menschen angenehm zu machen, wer in dieser Zuversicht ihn trug“ (Vers 1915 ff.). Der Vater kann die drei Ringe nicht mehr unterscheiden und gibt sich der Hoffnung hin, auf diese Weise alle Söhne zufriedenstellen zu können.

Nach dem Tod des Vaters bricht jedoch Streit zwischen den Söhnen aus, weil jeder sich für den rechtmäßigen Erben hält. Sie ziehen vor Gericht. Der Versuch des Richters, den rechten Ring anhand seiner Fähigkeit, beliebt zu machen, aufzuspüren, misslingt, denn „jeder liebt sich selber nur am meisten?... Oh, so seid ihr alle drei betrogene Betrüger! Eure Ringe sind alle drei nicht echt!“ (Vers 2022 ff.).