Die 295. Infanterie-Division (295. ID) war ein Großverband des Heeres der deutschen Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg. Sie kam unter anderem an der Ostfront in der Schlacht um Stalingrad zum Einsatz. Sie war inoffiziell auch als „Doppelkopf-Division“ bzw. als „Pferdedivision“ bekannt.
Geschichte Einsatzgebiete Deutschland: Februar bis Mai 1940 Westfront: Belgien und Frankreich Mai 1940 bis Juni 1941 Ostfront: Südabschnitt Juni 1941 bis August 1942 Ostfront: Stalingrad September 1942 bis Januar 1943 Norwegen März 1943 bis Mai 1945
Aufstellung Aufgestellt wurde die Division am 10. Februar 1940 als Division der 8. Aufstellungswelle durch den Wehrkreis XI im Raum Magdeburg, später dann auf dem Truppenübungsplatz Bergen. Die Division gab am 15. November 1940 ein Drittel ihrer Verbände an die 321. Infanterie-Division ab. (Stab 517, III./516, III./517, III./518, III./AR 295). Die 295. ID war eine von insgesamt drei Niedersachsen-Divisionen (71. und 216. Infanterie-Division).
Unternehmen Barbarossa Die 295. Division war eine sogenannte „Spitzen-Division“, das heißt sie war eine der am weitesten nach Osten vorgeschobenen Divisionen. Der Verband hatte von Herbst 1941 bis Sommer 1942 bei der 17. Armee die höchste Verlustrate.
Stalingrad Die 295. Infanterie-Division gelangte mit der 6. Armee nach Stalingrad. Als erster Verband brach die Division am 14. September 1942 um 15:00 Uhr im Zentrum von Stalingrad bis zur Wolga durch. Die 295. Infanterie-Division kämpfte im September 1942 u. a. am Mamajew-Hügel, ab Oktober 1942 schwerpunktmäßig am „Tennisschläger“ und der chemischen Fabrik „Lazur“. Über ihren letzten Divisions-Kommandeur in Stalingrad wurde während der Kesselschlacht auch im Führerhauptquartier zwischen Goebbels und Hitler heftig diskutiert. Die Division hatte vergleichbar sehr hohe Verluste sowie einen hohen Anteil an Ordensverleihungen während der Stalingradschlacht.
Vernichtung Die Division wurde im Januar 1943 in Stalingrad vollkommen vernichtet.
Wiederaufstellung 1943–1945 Neu aufgestellt wurde die 295. Infanterie-Division auf Befehl vom 12. Februar 1943 zunächst als Kampfgruppe. Sie war die einzige von über 20 Stalingrad-Divisionen, die in Deutschland neu aufgestellt wurde, unter anderem in Goslar am Harz. Als kleine Kampfgruppe sollte sie nach der Aufstellung schnellstmöglich wieder in den Kampfeinsatz. Ab dem 31. März 1943 erfolgte die weitere Aufstellung als bodenständige Festungs-Division in Norwegen. In Norwegen eingesetzt, war sie dann die einzige Stalingrad-Division, die nicht wieder zum Einsatz kam. Die Aufstellung wurde erst im April 1945 abgeschlossen.
Kapitulation Die 295. Infanterie-Division geriet in Norwegen in britische Gefangenschaft.
+ Eingliederung und Unterstellung der 295. ID während des Zweiten Weltkriegs Datum Armeekorps Armee Heeresgruppe Schauplatz Mai 1940 Reserve OKH – Belgien Juni 1940 IX 2. A Juli 1940 XXXXIII 16. Lille, Frankreich August 1940 bis April 1941 XXXII 9. Rouen, Frankreich Mai 1941 IV 17. Süd-Polen Juni bis Juli 1941 Süd Przemyśl, Winniza, Ukraine August 1941 XXXXIX Uman, Ukraine September 1941 Reserve Dnepr, Ukraine Oktober 1941 IV Poltawa, Ukraine November 1941 bis Januar 1942 XXXXIV Artemowsk, Donezk, Ukraine Februar bis Juli 1942 IV Artemowsk August 1942 LI 6. B Rossosch September 1942 XIV Stalingrad Oktober bis November 1942 LI Dezember 1942 bis Februar 1943 Don April bis Juli 1943 Wiederaufstellung BdE – – August 1943 LXX Norwegen Norwegen September 1943 bis Dezember 1944 XXXIII Molde, Norwegen Januar bis April 1945 20. Gebirgs-Armee
Kriegsverbrechen
Massaker von Zloczow im Juli 1941 Die Wehrmacht war an Pogromen an der Zivilbevölkerung in Zloczow, Galizien im Juli 1941 beteiligt, darunter auch Angehörige der 295. ID.
Der damalige Oberst Otto Korfes war mit der Wiederherstellung der Ordnung beauftragt und entsandte seinen Bataillonskommandeur Oberstleutnant Patzwahl nach Zloczow zur konsequenten Durchführung, notfalls auch mit Waffengebrauch. Es gelang teilweise, Zivilisten vor der Erschießung durch die Waffen-SS-Division „Wiking“ zu retten. Da das Eingreifen von Oberstleutnant Patzwahl nicht entschlossen genug war, setzte die SS ihre Tötungen am 4. Juli 1941 fort.
Massaker in Bila Zerkwa im August 1941 Siehe Massaker in Bila Zerkwa. Die 295. Infanterie-Division war zu diesem Zeitpunkt in Bila Zerkwa stationiert.
Schlacht um Stalingrad Bei der Großoffensive auf die Stalingrader Innenstadt am 13. September 1942 rückte die 295. Infanterie-Division zusammen mit der 71. Infanterie-Division auf den Stadtkern vor.S. 109. Dabei gerieten sie in eine sowjetische Gegenoffensive nordwestlich vom Mamajew-Hügel, welche jedoch abgewiesen werden konnte. Die niedersächsischen Divisionen 295. und 71. bildete einen weit vorgeschobenen Stoßkeil in das Stalingrader Geschäftsviertel.S. 116–117. Die Gefechte um den Mamajew-Hügel und die Industriekomplexe leiteten den Beginn der sowjetischen Scharfschützenbewegung ein, welche in diesem Frontabschnitt besonders aktiv war.Janusz Piekałkiewicz: Stalingrad. Anatomie einer Schlacht. Heyne, München 1993, S. 302.
Durch die ungewohnt harten Straßenkämpfe in der Stalingrader Innenstadt und an den Hängen des Mamajew waren am 14. September nur noch 7 der 9 Infanterie-Bataillone (insgesamt 7 Infanterie-Bataillone und ein Pionier-Bataillon) einsatzfähig. 2 davon in mittlerer Stärke (500–700 Mann), 3 durchschnittlich (400–500) und 2 schwach (300–400).S. 135, 137.
mini|hochkant=1.5|Nördlicher Gefechtsabschnitt der 295. ID am Mamajew-Hügel mini|hochkant=1.5|Südlicher Gefechtsabschnitt der 295. ID zwischen Krutaja und Dolgaja Balka Am 15. September 1942 nahm sie die taktisch bedeutsamen Hügel über der Arbeitersiedlung „Roter Oktober“ und traf mit IR 518 am Mamajew-Hügel auf Teile der 10. NKWD-Division.S. 124.
Zeitweise konzentrierten sich die Gefechte um eine taktisch bedeutsame Höhe, die als das Douaumont Stalingrads bezeichnet wurde:
Am 16. September 1942 kämpften IR 516 und 517 auf dem linken Divisionsflügel gegen einen zusammengesetzten Verband der Roten Armee um die Zugänge zu der Arbeitersiedlung „Roter Oktober“, während IR 518 mit Teilen des 39. Gardeschützen-Regimentes und der 112. Schützen-Division um die Kontrolle des Mamajew-Hügels im Einsatz war. In den frühen Morgenstunden wurde der Hügel von 4 sowjetischen Infanterie-Bataillonen gestürmt und am Nachmittag in einem chaotischen, völlig unübersichtlichen und sehr verlustreichen Gefecht von der 295. ID zurückerobert. Der Mamajew-Hügel ist mit 102 m („Höhe 102“) die höchste Erhöhung in der StadtUrsula Richter-Nentwig; Erzählen ist Erinnern; Mein Vater und ich; Erinnerungen, Feldpostbriefe; Band 86. Formag GmbH Publishing, Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V. Arbeit für den Frieden, Selbstverlag, 2013, S. 127. und gibt den Blick auf die Stadt und Wolga frei. Seine Besetzung war gleichbedeutend mit der besten Ausgangssituation für Artillerieangriffe auf das östliche Wolgaufer und die Zugänge sowohl zur Innenstadt als auch zum Stalingrader Zentrum. Zeitgleich war ein Bataillon von IR 518 zusammen mit Teilen der 71. ID abgestellt, um sowjetische Verteidigungsstellungen in den Dolgaja und Krutaja Balkasukrainische Lößschluchten, Erosionsrinnen. niederzukämpfen.S. 139–140, 147.
Panzergrenadiere der 24. Panzer-Division wurden am 20. September 1942 in das Gefecht um den Mamajew-Hügel entsandt, um die stark abgenutzten Infanteristen der 295. ID zu entlasten, auf dem Westabhang erzielten sie Teilerfolge bei der Einnahme des Flugfeldes und der Pilotenschule. An der rechten Flanke behauptete sich IR 518 zwischen Dolgaja Balka und dem Südabhang, IR 516 befand sich in den Schützengräben an der Mitte der Hügelkuppe und IR 517 zusammen mit der Kampfgruppe Sälzer (24. PD) versuchte vergeblich in der Bannaja Balka einen Vorstoß auf die Arbeitersiedlung „Roter Oktober“ zu starten. Einen Tag später stürmten Rotarmisten der 95. SD verlorengegangenes Terrain auf dem Ostabhang, als die 284. SD unter Oberst Batjuk am westlichen Wolgaufer landete und die für die 62. Armee kritische Situation retten konnte. Am 22. September 1942 erreichte das Gefecht um den Hügel seinen Höhepunkt, wobei IR 516 und 518 schwerste Verluste200 Ausfälle: 46 Gefallene, 7 verwundete Offiziere und 164 Mannschaften, 4 Soldaten im Einsatz vermisst; Jason Mark: Death of the Leaping Horseman. S. 202–203. in: David M. Glantz: Armageddon in Stalingrad: September–November 1942 (The Stalingrad Trilogy, Volume 2). University of Kansas Press, Lawrence 2009, S. 753. erlitten.S. 192–193, 198–201.
Am 26. September 1942 waren bereits 2 Bataillone durchschnittlich (400–500), 4 schwach (300–400) und 1 (weniger als 300) völlig erschöpft, abgekämpft und nicht mehr einsatzfähig. In den Tagen der Stalingradschlacht zwischen dem 14. und dem 26. September 1942 fielen 1000 Soldaten der 71. und 295. ID, 3000 Verwundete und 100 Vermisste. Die 295. ID wurde von der 100. Jäger-Division am Mamajew-Hügel abgelöst, durch Teile der 24. PD verstärkt und der rechten Flanke der 389. ID in den Industriekomplexen Stalingrads abgestellt. Paulus entschied am 27. September 1942, dass die enormen Verluste nicht die Einnahme der gesamten Innenstadt rechtfertigten, da die 71., 94. und 295. ID nicht mehr die Kraft für den finalen Angriff hatten. Durch Verstärkung der 295.ID, 389. ID, 100. JD und 24. PD wurden die Kräfte für die Offensive auf die Industrieanlagen gebündelt. IR 516, 517 und 518 zusammen mit IR 194 der 71. ID bekamen den Angriffsabschnitt zwischen Mamajew-Hügel und der Dolgaja Balka zugewiesen. Der Schwerpunkt der mit Sturmgeschützen verstärkten 295. ID lag in der Einnahme der schwer befestigten Eisenbahnschleife „Tennisschläger“ mit dem von der 95. und 284 SD zur Festung ausgebautem Fleischkombinat und der chemischen Fabrik „Lazur“. An einem der bislang blutigsten Kampftage der Stalingradschlacht am 27. September wurde der gewaltsame Versuch der 295. ID über die Dolgaja und Krutaja Balka an das Wolgaufer zu gelangen und die 62. Armee an dieser Stelle in zwei Teile zu spalten, von dem außerordentlich erbittertem Widerstand der sibirischen Schützen der 284. SD mit aller Kraft verhindert. Trotz verbundener Kräfte mit dem kroatischen IR 369 gelang es IR 516 nicht, das Fleischkombinat vollständig zu erobern.S. 210–212, 233–235, 238, 242, 254–255, 264.
Am 30. September 1942 unternahmen IR 516 und IR 369 einen weiteren vergeblichen Versuch die Abwehrstellungen der 95. und 284. SD zu durchdringen und sowohl Hügelspitze als auch die nordöstlichen Abhänge des Mamajew zu nehmen, weiter südlich blieb der Angriff von IR 517 und IR 518 in Kooperation mit IR 194 (71. ID) in den Verteidigungsanlagen der 284. SD in den Dolgii und Krutoi Balka stecken. Eine 300 Mann starke Kampfgruppe aus IR 517 infiltrierte die Krutoischlucht in der Nacht vom 30. September auf den 1. Oktober 1942 und gelang in den Rücken des 34. Gardeschützen-Regiments, wurde jedoch nach einem intensiven Feuergefecht abgeschlagen. In der Zeit vom 26. bis zum 30. September 1942 wurden die Verluste von 16.174 Mann (3767 gefallen, 10217 verwundet und 878 vermisst) an der Stalingradfront verzeichnet.S. 284–285. Die Kampfstärke der 295. ID vom 25. September bis zum 5. Oktober verschlechterte sich in der Relation auf 4 schwache und 3 völlig abgekämpfte Infanterie-Bataillone.S. 302.
Während des Großangriffs auf die Arbeitersiedlungen, welcher am 3. Oktober 1942 begann, wurde der 295. ID zusammen mit dem 100. JD der Auftrag erteilt die rechte Flanke des LI. Armeekorps zu sichern und den Druck auf die Arbeitersiedlung „Roter Oktober“ durch Bewegungen am Mamajew Kurgan und vom Süden her über den „Tennisschläger“ zu erhöhen. Während die Nordseite des Hügels vorübergehend erobert werden konnte, gab es an den verhärteten Fronten weder im „Tennisschläger“ noch in den beiden Balkas nennenswerte Fortschritte.S. 304–305, 322–323.