mini|Stadtkirche Bad Wimpfen, Ansicht von Osten mit Sakristei (links) und dem Chor zwischen den beiden Türmen Die Stadtkirche steht in Bad Wimpfen im Landkreis Heilbronn im nördlichen Baden-Württemberg. Ihre Kirchengemeinde gehörte bis Ende 2024 zum ehemaligen Kirchenbezirk Heilbronn und gehört seit 2025 zum fusionierten neuen Kirchenbezirks Heilbronn-Brackenheim. Die Ortskirche ist eine evangelische Pfarrkirche, deren älteste Teile, die Sockel der beiden schlanken Osttürme, aus dem frühen 13. Jahrhundert stammen und die ihr heutiges Äußeres im Wesentlichen durch Umbauten um 1500 erhielt. Zu ihren bedeutenden Kunstschätzen zählen zwei historische Flügelaltäre. Sie gehört der Kirchengemeinde Bad Wimpfen innerhalb der Evangelischen Landeskirche in Württemberg.
Lage Die Kirche steht auf dem vom Neckar zum Kraichgau hin ansteigenden Eulenberg, am höchsten Punkt der Altstadt des Hauptorts Wimpfen am Berg neben dem Marktplatz. Südöstlich der Kirche erstreckt sich die Pfalz Wimpfen, während die bürgerliche Siedlung vor allem im Südwesten der Kirche liegt. Nördlich der Kirche befindet sich der Wormser Hof, ursprünglich Verwaltungssitz des Bistums und Pfarrerwohnung, dessen Nordwand zum steilen Neckarufer hin mit der Stadtmauer verbaut ist.
Geschichte mini|hochkant|Die Stadtkirche im Jahr 1939 Westlich oberhalb der älteren Wimpfener Talsiedlung entstand auf dem Eulenberg im hohen Mittelalter die Pfalz Wimpfen, eine staufische Königspfalz. Der Baugrund und das umliegende Gebiet gehörten ursprünglich dem Bistum Worms. Die Kirche wurde unmittelbar westlich der Pfalz errichtet; das heute mit dem Wimpfener Rathaus überbaute Areal zwischen der Kirche und dem Blauen Turm war einst der Halsgraben der Pfalz und wurde später verfüllt.
Auf die frühe Geschichte der Kirche vor ihrer ersten urkundlichen Erwähnung 1234 kann nur aufgrund architektonischer Befunde geschlossen werden. Bodenfunden zufolge stand an der Stelle der Kirche einst ein einschiffiges Kirchengebäude, das sich in etwa vom Chor bis zum Kanzelpfeiler der heutigen Kirche erstreckte und ungefähr die Breite des jetzigem Mittelschiffs hatte. Die Kirche war wohl bereits dreischiffig ausgebaut und nach Westen verlängert, als sie um 1210 in der Zeit des Baus der benachbarten Pfalz ihre zwei Osttürme erhielt. Im Südturm wurde ein römischer Viergötterstein vermauert; der Nordturm könnte aufgrund eines hochgelagerten Außenzugangs einst ein Wehrturm gewesen sein. Gleichzeitig mit dem Bau der Pfalz und der Kirche entstand als Verwaltungssitz des Bistums Worms der benachbarte Wormser Hof, in dem auch der jeweilige Pfarrer seinen Sitz hatte.Fritz Arens, Reinhold Bührlen: Wimpfen – Geschichte und Kunstdenkmäler. Verein Alt Wimpfen, Bad Wimpfen 1991, S. 40 f.
mini|hochkant|Gotisches Fenster
Gegen Ende des 13. Jahrhunderts wurde der zwischen den Türmen liegende Chor im Stil der Gotik erneuert. 1468 wurde südlich an Chor und Südturm eine Sakristei angebaut, danach das dreischiffige Langhaus zu seiner heutigen Gestalt vergrößert. 1489 entstand die Empore, 1491 bis 1493 die Westfassade, 1510 wurden die Umfassungsmauern vollendet, die Wölbung des Daches wurde 1512 begonnen. Schließlich wurden 1521 bis 1523 beide Türme um jeweils ein Stockwerk erhöht, um sie in der Proportion dem vergrößerten Langhaus anzupassen. Als Baumeister der Kirche gelten um 1500 der über Steinmetzzeichen hergeleitete Anton Pilgram oder einer seiner Lehrer beziehungsweise Schüler sowie der ab 1510 urkundlich als Baumeister belegte Bernhard Sporer.Fritz Arens, Reinhold Bührlen: Wimpfen – Geschichte und Kunstdenkmäler. Verein Alt Wimpfen, Bad Wimpfen 1991, S. 41–47.
Die Kirche war ursprünglich der Jungfrau Maria geweiht. Obwohl hier in der Reformationszeit bereits 1523 die erste evangelische Predigt gehalten wurde, blieb sie zunächst noch eine katholische Kirche, bevor sie 1588 der inzwischen die überwiegende Bevölkerungsmehrheit in Wimpfen bildenden evangelischen Gemeinde als Stadtkirche anstelle der kleineren, in der Talsiedlung gelegenen Cornelienkirche zugesprochen wurde. Die Katholiken klagten vergeblich vor dem Reichskammergericht gegen diese Entscheidung.Rudolf Kautzsch: Die Kunstdenkmäler in Wimpfen am Neckar. Bad Wimpfen 1923, S. 22.
Um die Kirche befand sich ursprünglich der Friedhof der Stadt, bis dieser um 1600 vor die Stadtmauern verlegt wurde. Bei der Kirche verblieb das später ebenfalls aufgegebene Erbbegräbnis einiger Wimpfener Patrizierfamilien.Fritz Arens, Reinhold Bührlen: Wimpfen – Geschichte und Kunstdenkmäler. Verein Alt Wimpfen, Bad Wimpfen 1991, S. 53 ff.
Nach dem Ende der reichsstädtischen Blüte zu Beginn des 17. Jahrhunderts und vor allem nach dem Dreißigjährigen Krieg wurde Wimpfen zu einer Ackerbürgerstadt. Größere Baumaßnahmen am Gebäude fanden daraufhin nicht mehr statt. Die Kirchengemeinde war vielmehr aus wirtschaftlichen Gründen gezwungen, Teile ihres Besitzes zu verkaufen. 1648 wurde die mittlere Glocke der Kirche und der 44 Messgewänder umfassende Kirchenornat verkauft. Ein Verkauf der großen Glocke im Jahr 1649 konnte nur äußerst kurzfristig durch anderweitig aufgebrachte Geldmittel abgewendet werden, so dass der bereits erschienene Käufer einen Reuetaler als Entschädigungszahlung erhielt.
Um 1870 setzte durch die inzwischen erschlossene Saline und den Eisenbahnanschluss des Ortes ein wirtschaftlicher Aufschwung in Wimpfen ein. Zahlreiche Wandmalereien in der Kirche wurden renoviert. Von 1969 bis 1972 fand eine umfassende Innen- und Außenrenovierung statt.Fritz Arens, Reinhold Bührlen: Wimpfen – Geschichte und Kunstdenkmäler. Verein Alt Wimpfen, Bad Wimpfen 1991, S. 40 und 50.
Beschreibung Türme Die eng beieinander stehenden, schlanken Osttürme, die ursprünglich für einen viel kleineren Bau errichtet wurden, geben der Kirche ihr architektonisch markantes Äußeres. Die unteren beiden Geschosse der Türme aus dem frühen 13. Jahrhundert sind aus Kalkstein. Sie sind die ältesten Teile der Kirche. Der Nordturm wurde gemäß einer Bauinschrift 1521 um ein Geschoss erhöht, der Südturm gemäß einer Inschrift am obersten Gesims im Jahr 1523. Die Grundfläche der Türme beträgt jeweils 4,25 × 4,25 Meter, ihre Höhe mit Dachaufbauten 44,50 Meter.Fritz Arens, Reinhold Bührlen: Wimpfen – Geschichte und Kunstdenkmäler. Verein Alt Wimpfen, Bad Wimpfen 1991, S. 41.
Das Glockengeläut der Stadtkirche besteht aus drei Kirchenglocken, die zu unterschiedlichen Zeiten von der Glockengießerei Bachert in Kochendorf gegossen wurden. Die große Glocke hängt im Nordturm, die beiden anderen Glocken im Südturm.https://www.youtube.com/watch?v=PvsuJNJ-w7w Glocken der evangelischen Stadtkirche Bad Wimpfen auf youtube.com Glocke 1, die Reichsstadtglocke, gegossen 1953, hat bei einem Durchmesser von 1450 mm ein Gewicht von 1940 kg und klingt mit dem Schlagton c′. Die Inschrift lautet: REICHSSTADTGLOCKE HEISS, GOTTES WALTEN PREIS ICH, SCHIRME GNAEDIG GOTTES HAND, VNSER DEVTSCHES VATERLAND Glocke 2, die Apostelglocke, gegossen 1955, hat bei einem Durchmesser von 1210 mm ein Gewicht von 1138 kg und klingt mit dem Schlagton f′. Die Inschrift lautet: APOSTELGLOCKE SOLL MEIN NAME SEIN, ICH RVFE CHRISTVS IST DAS HEIL ALLEIN." und "GEGOSSEN VON GEBRVEDER BACHERT IN KOCHENDORF 1955 Glocke 3, die Lutherglocke, gegossen 1905, hat bei einem Durchmesser von 940 mm ein Gewicht von 900 kg und klingt mit dem Schlagton c′. Die Inschrift lautet: LUTHERGLOCKE HEISS ICH KÜND IN JEDER NOT EIN FESTE BURG IST UNSER GOTT." und "GEGOSSEN VON GEBRÜDER BACHERT IN KOCHENDORF 1905
Langhaus mini|hochkant|Blick ins Innere der Stadtkirche mini|hochkant|Netzgewölbe im Mittelschiff
Das Langhaus ist als dreischiffige Hallenkirche aus Heilbronner Sandstein gebaut; die drei Schiffe haben dieselbe Höhe unter einem gemeinsamen Satteldach. Die Maße des Langhauses betragen 37,35 × 19 Meter. Die Raumhöhe beträgt 11,50 Meter, der Dachaufbau ist 13,75 Meter hoch. Im östlichen Teil der Längswände sind kleine Seitenkapellen angebaut. Der Hauptzugang erfolgt durch das Hauptportal an der westlichen Giebelseite; ihm ist eine schmale, überwölbte Vorhalle vorgelagert, in der zwei Eisenbänder vermutlich das Wimpfener Normalmaß markieren. Die Seitenportale an den Längsseiten hatten ebenfalls kleine Vorhallen, allerdings ist nur die auf der Südseite erhalten. Nach Osten öffnet sich das Langhaus zwischen den Türmen zum schmalen Chor.Fritz Arens, Reinhold Bührlen: Wimpfen – Geschichte und Kunstdenkmäler. Verein Alt Wimpfen, Bad Wimpfen 1991, S. 42 ff.
Die Schiffe des Langhauses sind jeweils in sechs Joche untergliedert, die mit gotischem Netzgewölbe überspannt sind. Die östliche Jochreihe am Ostgiebel ist sehr schmal, während die restlichen Joche annähernd die gleiche Spannweite haben. Das Netzgewölbe des Mittelschiffs ist aus Kreisen konstruiert, die Joche der Seitenschiffe sind von rautenförmigem Netzgewölbe überspannt. Die Schlusssteine zeigen Maria, den Reichsadler, das Stadtwappen sowie verschiedene Familien- und Handwerkerzeichen. Die Schiffe sind durch zwei unregelmäßige Reihen aus schmalen Rundsäulen, die das Gewölbe tragen, voneinander getrennt. Diese Säulen haben nur wenig ausgeprägte Kapitelle, ebenso wurde am Wandabschluss des Gewölbes auf Konsolen verzichtet, wodurch die Weite des Raumes betont wird, die mit dem schmalen, hohen Chor kontrastiert. Seitlich des Triumphbogens zum Chor führen Türen in der östlichen Giebelwand des Langhauses in die Turmuntergeschosse.Fritz Arens, Reinhold Bührlen: Wimpfen – Geschichte und Kunstdenkmäler. Verein Alt Wimpfen, Bad Wimpfen 1991, S. 40 ff.Rudolf Kautzsch: Die Kunstdenkmäler in Wimpfen am Neckar. Bad Wimpfen 1923, S. 44 ff.
Das längs auf den Chor ausgerichtete heutige Gestühl im Langhaus stammt aus neuerer Zeit. Es ist der Ersatz für ein älteres Gestühl und dessen Anordnung, das mindestens im Mittelteil auf die Kanzel am mittleren nördlichen Pfeiler ausgerichtet und die Kirche somit bis dahin eine Querkirche war.Ulrich Zimmermann: Die Predigtkirche und die Querkirche – Protestantischer Kirchenbau in Württemberg. Eine Studie zur Geschichte und Theologie des Kirchenraums und zur Entstehung zweier Kirchenbautypen. Ubstadt 2025, ISBN 978-3-95505-592-9, S. 239 und 269. Diese Richtungsänderung zum Chor erfolgte spätestens bei der Innenrenovierung ab 1969.
Im Westen des Langhauses ist eine steinerne Empore eingezogen, deren zwei steinerne Rundtreppen eine konstruktive Meisterleistung sind, da sie ohne die üblicherweise benötigte Bogenunterstützung nach oben führen.Fritz Arens, Reinhold Bührlen: Wimpfen – Geschichte und Kunstdenkmäler. Verein Alt Wimpfen, Bad Wimpfen 1991, S. 47.
Chor und Sakristei Der Chor hat eine Tiefe von etwa zehn und eine Breite von etwa fünf Metern. Er entstand in seiner heutigen Form im späten 13. Jahrhundert und weist außen am Maßwerk noch romanische Charakteristika auf, während die gleichen Bauteile im Inneren bereits in der Formensprache der Gotik gestaltet sind. Der Chor wurde aus Heilbronner Sandstein erbaut. Der direkt an den Nordturm angebaute Teil des Chores könnte möglicherweise noch ein Überrest des älteren romanischen Chores sein, da sich dieser Teil architektonisch vom restlichen Chorraum unterscheidet. Der nach Osten mit 5/8-Schluss ausgestaltete Chor ist von einem gotischen Kreuzgewölbe mit gekehlten Rippen überspannt. Die Kapitelle und Schlusssteine sind teilweise mit Blattwerk verziert.
Die südlich an den Chor und den Südturm angebaute Sakristei entspricht in Länge, Breite und Grundriss des 5/8-Schlusses fast exakt dem Chor; sie ist jedoch niedriger und ihre Innenfläche ist gegenüber dem Chor um die Grundfläche des südlichen Turmes reduziert. Die Decke der Sakristei ist als Netzgewölbe ausgeführt.Fritz Arens, Reinhold Bührlen: Wimpfen – Geschichte und Kunstdenkmäler. Verein Alt Wimpfen, Bad Wimpfen 1991, S. 41 ff.
Ausstattung Altäre Hochaltar mini|Hochaltar im Chor