mini|Allegorische Darstellung des Witzes am Stadttheater Gießen Ein Witz ist eine besonders strukturierte fiktionale Erzählung oder Fragestellung, die den Zuhörer oder Leser durch einen für ihn unerwarteten Ausgang (Pointe) zum Lachen anregen soll.
Etymologie Das Wort Witz hat seinen Ursprung in dem indogermanischen vid, von welchem beispielsweise auch das griechische ἰδέα und das lateinische videre abstammen.Anke Blasius: Der politische Sprachwitz in der DDR. 2003, S. 3. Im Mittelalter hieß „diu wizze“ so viel wie Denkkraft, Klugheit, gesunder Menschenverstand, wobei mehr an eine erworbene als an eine angeborene Eigenschaft gedacht war. Ende des 17. Jahrhunderts verengte sich die Bedeutung unter dem Einfluss des Französischen und beinhaltete etwa dasselbe wie das noch heute geläufige Fremdwort Esprit; witzig hieß so viel wie geistreich und bezeichnete insbesondere die schnelle Gedankenverbindung, die intellektuelle Kombination oder die geistige Beweglichkeit. Von der Wortherkunft her war der Witz ein heller, lebendiger Verstand („Mutterwitz“). Erst im 19. Jahrhundert wurde es üblich, das Wort in erster Linie auf die Produkte witziger Äußerungen zu beziehen und in diesem Sinne von einem Witz zu sprechen.Wolfgang Preisendanz: Über den Witz, 1970, S. 7 f.
Das Wort „Witz“ ist etymologisch verwandt mit dem englischen wit „Gewitztheit, Esprit“, leitet sich jedoch vom althochdeutschen wizzi „Wissen“, „scharfe Beobachtung“ zu wiȥȥan, „verstehen, begreifen, erkennen“ ab (vergl. englisch wit auch: „geistige Wendigkeit“, witness „Zeuge“, „etw. miterleben“). Bis in die Zeit um 1800 meint „Witz“ ein menschliches Vermögen, lateinisch auch ingenium genannt: die Fähigkeit, verblüffende und aufschlussreiche Vergleiche herzustellen sowie Metaphern zu erfinden. Denjenigen, bei dem dieses Vermögen besonders ausgeprägt ist, nennt man einen „witzigen Kopf“.Thomas Hecken: Witz als Metapher. Der Witz-Begriff in der Poetik und Literaturkritik des 18. Jahrhunderts, 2005, ISBN 3-7720-8116-9; Ekkehard Knörer: Entfernte Ähnlichkeiten. Zur Geschichte von Witz und ‚ingenium‘, 2007, ISBN 978-3-7705-4285-7.
Witz und Spaß Erst im 19. Jahrhundert wurde es üblich, das Wort „Witz“ auf die Produkte witziger Veranlagung zu beziehen. Synonyme oder Teilaspekte des heutigen Begriffs Witz sind Jux, Scherz, Ulk als humorvoller Streich, oder Gag (englisch: „witziger Einfall“). Autoren, die für Medien Witze schreiben, werden Gagautoren genannt.
Der Clou Witz an der Sache verwendet man, um auszudrücken, dass es sich bei einem bestimmten Detail eines Themenkomplexes um den Kernpunkt, den wesentlichen Teil handelt. Beispiel: Und deswegen hat er das so gemacht? Ja, das war doch der Witz an der Sache.
Witz im älteren Sprachgebrauch bezeichnet einen raffinierten Gebrauch des Verstandes. Clou in der heutigen Form ist die Gewitztheit, der Esprit (französisch „Geist“) die Fähigkeit zu überraschenden, aber gehaltvollen Assoziationen. Der Clou ist der Kern einer Sache.
Der Bedeutungswandel vollzieht sich infolge der allmählichen Einbürgerung eines verkürzten Ausdrucks, der eigentlich eine „gewitzte Anekdote“ bezeichnen soll. Im 19. Jahrhundert ist die Bedeutungswandlung zum heutigen Verständnis schon abgeschlossen. Das französische Lehnwort bietet sich als Variante: Clou (aus lateinisch clavus wörtlich „Nagel“, vergl. Den Nagel auf den Kopf treffen). Eine auszeichnende Besonderheit, eine herausragende Situation oder ein guter, unerwarteter Einfall, der Kern der Sache sind der Schlüssel zu einer Lösung. Beispiele: „Das war der Clou des Abends!“, „Der Clou des Ganzen“.
Witz und Gewitztheit Der ursprünglichere Inhalt von Witz entspricht der inzwischen leicht veralteten Gewitztheit und hat sich in einigen deutschen Begriffen erhalten (Mutterwitz, Nürnberger Witz). Witz ist in diesem Sinne „Bauernschläue“, „rasche Auffassungsgabe“ (vgl. französisch esprit). Dieser Sinn steckt in der Bedeutung von witzlos als „ohne Zweck“, etwa als Das ist witzlos für „Das bringt nichts“. Weitere Beispiele sind Spielwitz für „Taktik“ oder auch Aberwitz, wobei hier aber- „darüber hinaus“ bedeutet also „über den Verstand hinausgehend“. Weitere Worte, in denen dieser Sinn verwendet ist, sind Irrwitz und Wahnwitz.
Auch der Gebrauch in der Redewendung „Die Sache ist nicht ohne Witz“ gehört zu dieser Gruppe, wobei im aktuellen Sprachgebrauch auch der Anglizismus Cleverness für Witz steht.
Geschichte Platon gilt allgemein als der erste Theoretiker des Humors,Salvatore Attardo: Linguistic theories of Humor. 1994, S. 18. denn für ihn ist Humor die Mischung von Vergnügungen und Schmerz. Humor resultiere aus den ambivalenten Gefühlen gegenüber dem Lächerlichen. Der Lachende fühle sich gegenüber dem Verlachten überlegen. Platons Herabsetzung des Lachens zieht sich durch die Geschichte des Abendlandes.Helga Kotthoff: Scherzkommunkation. 1996, S. 11 f. Aristoteles vertrat in seinem Werk Rhetorica (ca. 330 v. Chr.) die Auffassung, dass der Witz der Argumentation des Redners dienen müsse, wobei unpassende Witze vermieden werden sollten.Rhetorica 1419b; zitiert nach Salvatore Attardo: Linguistic theories of Humor, 1994, S. 19.
Lange Zeit verstand man unter dem Witz die geistige Fertigkeit, „zwischen verschiedenen Dingen Ähnlichkeiten zu bemerken“.Johann Christoph Gottsched: Critische Dichtkunst, 1751, S. 102. Durch eine immer schärfer greifende semantische Verengung wurde mit Witz schließlich nur noch die einzelne kurze Erzählung verstanden.Karin Knop: Comedy in Serie, 2007, S. 77. Der Witzbegriff im heutigen Sinne wurde erstmals am 20. Februar 1809 von Goethe gebraucht. „Der Witz setzt immer ein Publikum voraus. Darum kann man den Witz auch nicht bei sich behalten… Der Witz gehört unter den Spieltrieb“.Woldemar Freiherr von Biedermann: Goethes Gespräche 1805–1810, 1889, S. 240.Goethe, Gespräche 1809, Zeno.org Für Emil Kraepelin war der Witz die willkürliche Verknüpfung zweier „miteinander in irgend einer Weise kontrastierender Vorstellungen“, zumeist durch sprachliche Assoziation.Emil Kraepelin: Compendium der Psychiatrie. 1883.
Mit Immanuel Kant und Arthur Schopenhauer begann in der Forschung über Witz und Humor eine neue Phase. Beide werden als die frühen Vertreter der so genannten „Inkongruenztheorie“ betrachtet,John Morreal: The Philosophy of Laughter and Humor. 1987, S. 45–64. unter welcher Schopenhauer die plötzliche Wahrnehmung einer Inkongruenz zwischen Konzept und realem Objekt als Ursache für das Lachen verstand.Helga Kotthoff: Scherzkommunkation. 1996, S. 10. Sigmund Freud, der wichtigste Vertreter der psychoanalytischen Witzforschung, fand drei Gebiete des Alltagslebens, für dessen Verständnis das Unbewusste den Schlüssel liefere: den Traum, die Fehlhandlungen und den Witz.Robert Waelder: Die Grundlagen der Psychoanalyse. 1971, S. 53 f. Im Gegensatz zu Traum und Fehlleistungen ist der Witz jedoch kein unmittelbares Ergebnis des Unbewussten und besitzt (durch Zuhörer) eine soziale Komponente. Für ihn – und einige seiner Schüler – resultierte die Lust am Witz aus einem plötzlichen Abbau von Hemmungsaufwand. Dieser Hemmungsaufwand, den normalerweise Erziehung und Gesellschaft von uns fordern, den uns der Witz jedoch erspart, entstehe durch das Tabu bestimmter Gedanken, Vorstellungen, Gefühle oder Triebregungen, die nicht ins Bewusstsein treten sollen, sondern die blockiert, ausgesperrt, verdrängt oder umgangen werden sollen.Wolfgang Preisendanz: Über den Witz. 1970, S. 15.
Allgemeines mini|Eleanor Roosevelt erzählte eine witzige Geschichte (englisch, geringe Bild- und Tonqualität)
Der Witz ist heute Untersuchungsobjekt mehrerer Wissenschaften. Sowohl Sprachwissenschaft, Volkskunde als auch Psychoanalyse und Gestaltpsychologie befassen sich – jeweils für ihre Zwecke – mit dem Witz. Keiner dieser Disziplinen ist es bisher gelungen, eine allgemein anerkannte Definition des Witzbegriffs zu entwickeln.Yasunari Ueda: Textsorte Witz und Karikatur als Material zum Sprachlernen, 2013, S. 31. In der Sprachwissenschaft ist der Witz eine Textsorte und eine abgrenzbare literarische Gattung, die Volkskunde befasst sich mit seinen Überlieferungen, die Psychoanalyse mit der Witzanalyse im Hinblick auf seine Abläufe im Unterbewusstsein und die Gestalttheorie mit der Analyse von Witzstrukturen in Hinblick auf den dabei wirksamen Bezugssystem-Wechsel.vgl. dazu vor allem die Arbeiten von Hellmuth Metz-Göckel, darunter Metz-Göckel 1989: Witzstrukturen, Opladen: Westdeutscher Verlag. Allen Disziplinen gemeinsam ist die notwendige Folge des Witzes, dass Rezipienten zum Lachen angeregt werden. Lachen kann verschiedene Ursachen haben, zu denen auch der Witz gehört. Während viele andere neurologischen Ursachen des Lachens verborgen bleiben, öffnet sich der Witz Analysemöglichkeiten.Reiner Foerst: Die Zuordnung des Witzes, 2002, S. 21.
Aufbau des Witzes Angelehnt an die klassische Rhetorik kann der Witz in folgende Bestandteile gegliedert werden.Bettina Euler: Strukturen mündlichen Erzählens, 1991, S. 30. Mit dem Exordium verschafft sich der Erzähler Aufmerksamkeit und kennzeichnet den Text als Witz; die Exposition stellt Situation und Witzfiguren vor und bestimmt den Rahmen der weiteren Handlung; die Complicatio lässt die Witzfiguren handeln und bietet eine Möglichkeit der Interpretation von Handlung oder Rede der Witzfiguren. Sie bietet dabei scheinbar eine einzige Deutungsmöglichkeit an, unmerklich wird jedoch eine weitere Deutungsmöglichkeit geschaffen; die Pointe überrascht den Hörer durch eine weitere Deutungsmöglichkeit und deckt den in der Complicatio verborgenen Doppelsinn auf. Sie vermittelt die Einsicht, dass das Urteil über den Sachverhalt nicht zwingend einer einzigen Auffassung unterworfen ist.
Mit der Ankündigung (Exordium) eines Witzes scheint der Erzähler ein Versprechen abzugeben, dass er die Hörer zum Lachen bringen werde.Bettina Euler: Strukturen mündlichen Erzählens, 1991, S. 32. Expositio, Complicatio und Pointe sind konstitutive Elemente des Witzes, die Pointe ist sein Kern.Bettina Euler: Strukturen mündlichen Erzählens, 1991, S. 55. Die Pointe hat auf einer anderen Ebene Sinn als der Hörer im Voraus aufgrund der Erwartungsebenen annehmen durfte. Die zunächst aufgebaute Beklemmung wegen eines vermeintlichen Problems löst sich in befreiendes Lachen auf. Das Gelächter der Zuhörer zeigt an, dass sie den Positionswechsel erkannt und mit vollzogen haben.Spiegelartikel Mit der Pointe endet der Witz abrupt, jedes weitere Wort wäre zu viel.
Nach André Jolles kann man den Witz als
Möglich sind Bildwitze, bei denen der Betrachter den Plot selbst ergänzt und mit dem Element ergänzt, das die Distanzierung vom gebotenen Ernst erlaubt. Eine groteske Verzerrung, ein offenkundig unwahrscheinliches Bildelement kann die Distanzierung vom andernfalls gebotenen Ernst gestatten. Im mündlichen Vortrag kann das Signal zur Distanzierung allein mit einem Blick oder einer Geste zwischen dem Erzähler und den Zuhörern geschehen – die Regel ist jedoch ein Plot, bei dem der bekannte Ablauf bereits das Signal birgt, an welcher Stelle die Zuhörenden sich vom Ernst der Situation befreien können.
Funktionen des Witzes mini|Die Rudolph’sche Verlagsbuchhandlung ironisierte mit dem Pseudonym des Autors den späteren Nazidiktator (1927). Nach Freud hat der Witz 3 Funktionen: Befriedigung feindlicher und aggressiver Impulse, die aufgrund sozialer Normen ansonsten unterdrückt werden müssen; Befriedigung des Triebs, über verbotene Themen zu sprechen, die aber im Witz angesprochen werden können und Befriedigung eines unschuldigen Spieltriebs.
Im Witz spielt das Skript eine zentrale Rolle. Es beinhaltet semantische Informationen, die mit den Wörtern im Witztext assoziiert sind oder von den Wörtern aufgerufen werden. Der Text ist kompatibel mit zwei verschiedenen Skripten, die gleichzeitig in Opposition zueinander stehen (so genannte Skriptopposition):