Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland ist eine essayistische Abhandlung von Heinrich Heine. Sie entstand 1833/1834 in Heines Pariser Exil wurde zunächst auf Französisch unter dem Titel De l'Allemagne 1834 veröffentlicht.Zuerst in der Pariser Revue des deux Mondes in drei Teilen unter den Titeln: De l'Allemagne jusqu’à Luther, de Luther jusqu’à Kant und de Kant jusqu’à Hegel (Première Partie: März, Deuxième Partie: November, Troisième Partie: Dezember 1834) Heine wollte dabei das von Madame de Staël in Frankreich in ihrem Buch Über Deutschland verbreitete Bild korrigieren und die geistesgeschichtlichen Grundlagen der idealistisch-romantischen Erneuerungsbewegung in Deutschland aufzeigen, die dazu beitrug, Napoleons Marsch durch Europa aufzuhalten. Die deutsche Erstausgabe erfolgte in Der Salon. Zweiter Band (1834). Ursprünglich sollte sie gemeinsam mit der zuvor schon teilweise in Frankreich und Deutschland abgedruckten Studie Die romantische Schule veröffentlicht werden, die jedoch erst 1836 als Buch erschien.
Allgemeines zum Text Heine konstruiert in diesem Essay keine homogene nationale Tradition, sondern fokussiert „transnationale und -linguale Einflüsse [...] [S]tatt einer Abgrenzung verschiedener Textgattungen voneinander werden literarische und philosophische Texte, Dokumente heidnischer Bräuche und christlicher Praktiken miteinander in Zusammenhang gebracht. Nicht zuletzt wird stilistisch der Erstellung von Eindeutigkeit mit Mitteln des Zitates und der Ironie durchgängig entgegengearbeitet.“ Esther Kilchmann: Grundsätzlich uneinheitlich: Zum literaturtheoretischenPotential von Heinrich Heines De l’Allemagne. In: Markus Winkler (Hg.): Heinrich Heine und die Romantik. Tübingen 1997, S. 82.
Der Inhalt folgt einigen wiederkehrenden Motiven. Zum einen entwickelt Heine eine teleologische Geschichtskonzeption, nach der in der deutschen Geschichte eine religiöse Revolution zu einer philosophischen und schließlich zu einer politischen Revolution führt. Dies ist vor allem vor dem Eindruck der Französischen Revolution von 1789 zu verstehen, die in Deutschland bis zur Zeit der 1. Auflage ausgeblieben war. Zum anderen ist Heine „Dialektiker“,Höhn 2004, 347 indem er im Wesentlichen mit Gegensätzen arbeitet. Zentral ist das Begriffspaar Körper/Geist bzw. Sensualismus/Spiritualismus (letzteres in einem heute nicht mehr geläufigen Sinn, nämlich als Konflikt zwischen Empirismus und Idealismus, analog auch zum Gegensatz von Aristotelismus und Platonismus).
Heine schmeichelt seinen französischen Lesern, indem viele Vergleiche zwischen Deutschland und Frankreich zugunsten Frankreichs ausfallen. So kritisiert er das Wissenschaftsverständnis der idealistischen Philosophie. Deren Werke seien gründlich und tiefsinnig, aber ebenso unverständlich. Er verfolgt mit seiner Arbeit an einer populär geschriebenen Geistesgeschichte hingegen das praktische Ziel der Emanzipation: Daher sind auch häufig zeitkritische Kommentare eingefügt wie z. B. über die staatliche Zensur,HSA, Bd. 8, 153 f. die Heines Schriften immer wieder verstümmelt hat, oder die Angst der deutschen Gelehrten vor einer Verkündigung ihrer Ideen im Volk, was Heine als seine Aufgabe, ja als kosmopolitische Mission ansieht.N. Bodenheimer: Die Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland. In: Heinrich Heine und der Saint-Simonismus (1830–1835). Heine-Studien. J.B. Metzler, Stuttgart 2014.
Auch bei diesem Werk führte Heines These, dass die philosophische Revolution mit Hegel abgeschlossen sei und nun eine politische Revolution zu folgen habe, zu massiven Eingriffen der Zensur in den Text.
In der Vorrede zur zweiten Auflage 1853 erwähnt er – in halbironischer Form und als Reaktion auf die Verbote der ersten Auflage –, dass sich in seinem eigenen Geiste eine Umwandlung in religiösen Dingen vollzogen habe, und zitiert das Buch Ben Sira, wonach aus dem Buch des Bundes (und für Heine auch aus den anderen Schriften der Bibel) große Weisheit geflossen sei.
Erstes Buch
Heine postuliert, dass sich im Christentum sowohl altorientalisch-manichäistische als auch indisch-gnostische Elemente erhalten und Einfluss auf Symbolik und Dogmatik erlangt haben, obwohl beide Lehren später als häretisch verdammt wurden. Während die Manichäer überall in der Welt einen Dualismus von Gut und Böse, von Licht und Finsternis erkennen, nehmen die Gnostiker an, dass die Schöpfung und der Mensch grundsätzlich das Prinzip der ursprünglichen vollkommenen Gottheit (den Logos) in sich tragen, von dem sie nicht zu trennen sind. Das Böse sei demnach erst durch die Emanationen der obersten, aber unerkennbaren Gottheit entstanden, die sich immer weiter von ihr entfernt haben. Beide Weltsichten habe in der frühen christliche Lehre ihren Niederschlag gefunden, wonach Christus die Welt des Geistes bzw. die Seele, Satan aber die Materie bzw. den Leib repräsentiert. Anders als im Judentum gab es also im Christentum eine Verkörperung des Bösen. Dadurch sei auch die antike Einheit von Leib und Seele aufgespalten worden. Während aber über das gute Prinzip, das Reich Christi, in ganz Europa Einigkeit herrschte, habe man über das Reich Satans im germanischen Norden andere Vorstellungen entwickelt als im romanischen Süden und Westen, wobei diese an die jeweils unterschiedliche vorchristliche, im germanischen Bereich eher dämonisch-hässliche, im keltischen Bereich eher märchenhaft-hellfarbige pantheistische Welt anknüpften. In Nordeuropa wurde die Natur in der Folge verteufelt und dämonisiert, in Süd- und Westeuropa erschien sie meist feen- und elfenhaft verzaubert. Hier dominieren nicht die Erd-, sondern die Luftgeister.
mini|hochkant|Historische Darstellung der Hinrichtung der Täufer auf dem Prinzipalmarkt in Münster. Im Hintergrund die Lambertikirche mit dem alten Kirchturm und den Körben, in denen die Leichen zur Schau gestellt wurden. Heine widmet sich den Auswüchsen des deutschen Dämonen- und Hexenglaubens, in dem er ein Fortleben der pantheistischen Weltsicht der Germanen erkennt, die in eine pandämonische umgedeutet worden sei. Auch die Naturphilosophie des Paracelsus zeuge davon. Nach der Reformation sei der Glaube an Zauber und Hexerei lange erhalten geblieben. Mit der Reformation wurde das katholische Christentum in Deutschland entmachtet. Für Heine hatte es zwar die Körperlichkeit des Menschen unterdrückt, aber es ließ Schlupflöcher zu: Die Alleinherrschaft des Geistes galt nur in der Theorie, in der Praxis übte die Materie (der Leib) aber weiterhin seiner Rechte aus. Ein System von Zugeständnissen an die Sinnlichkeit, zu dem auch der Ablasshandel gehörte, war wohltätig für die Menschen und nützlich für die Finanzierung des Baus des Petersdoms. Die Reformation in Deutschland sieht Heine als einen Krieg an, den der Spiritualismus – verkörpert durch Martin Luther, der zunächst ein aketischer. lustfeindlicher Mönch war – begann, als er erkannte, dass er nur in der Theorie herrschte, während der Sensualismus (die krude Sinnlichkeit) die wirkliche Herrschaft ausübte. Der spätere Luther verkörpere in seiner Person aber sowohl die Spiritualität bis hin zur Mystik als auch die irdische Praxis, die brutale Tat, die Liebe zu Wein, Weib und Gesang. Nach dem Sieg der Reformation wurden jedoch die tumultuarischen Auswüchse des Sensualismus – etwa im Täuferreich von Münster – gewaltsam unterdrückt. In Frankreich hingegen wurde der Kampf gegen den Katholizismus im 17. und 18. Jahrhundert vom Sensualismus (vertreten etwa durch Voltaire) eröffnet, der kritisierte, dass ihm ein scheinheiliger Spiritualismus in Form der kirchlichen Autoritäten die Legitimität absprach.
Das Denken und Handeln des „kompletten Menschen“HSA, Bd. 8, 150 Luther markieren einen entscheidenden Wendepunkt in der Geschichte, da er erstens die Verteufelung des Körpers, also z. B. das Prinzip des Zölibats, aufhebt und zweitens durch die deutsche Bibelübersetzung die Heilige Schrift für jeden zugänglich macht:
Bedeutung habe Luther für Deutschland aber ebenso, weil er die deutsche Sprache entscheidend mitgeprägt hat:
Luthers Kampf gegen den römischen Papst basierte nach Heine allerdings auf dem wechselseitigen Missverstehen beider Parteien. Luther erkennt im Ablass nicht den Kompromiss des überfordernden spirituellen Anspruchs des Christentums mit der Sinnenlust des Menschen. Der Bergmannssohn hatte auch keinerlei Bezug zum Herrschaftsbewusstsein eines Leo X., des Renaissancefürsten aus dem Hause Medici. Dieser wiederum nahm den kleinen Mönch nicht als ernsthafte Gefahr für die römische Kirche wahr. Aber gerade in Deutschland trugen viele Nutznießer der Reformation zu ihrem Erfolg bei, nicht zuletzt die Fürsten, die sich den Klosterbesitz aneigneten.
Heine sieht im Sieg der Reformation in Deutschland einen ersten Schritt auf dem Weg zur philosophischen und politischen Revolution, der das gnostische Element ausschaltet, an dessen Stelle das jüdisch-deistische Evangelium setzt, die Ansprüche des Leibes legitimiert, die Geistes- oder Denkfreiheit eingeführt und zum Sieg der Subjektivität, des Individualismus und der Skepsis geführt. Aber dieser Sieg ist nicht frei von Ambivalenzen und Rückschlägen. Die protestantische Kirche habe sich nach der französischen Invasion mit dem Ultramontanismus verständigt und nutze wie dieser die Zensur. Insbesondere mache sie sich gemein mit der staatlichen Zensur an den Universitäten, dabei nicht bedenkend, dass die ganze protestantische Kirchengeschichte des 18. Jahrhunderts nur aus dem (produktiven) Streit zwischen den Fakultäten in Wittenberg, Leipzig, Tübingen und Halle bestand. Heine hält in Bezug auf die Freiheitsbewegungen seiner Zeit jedoch diesen Zustand für nützlich, in dem die Spiritualität in Form einer verbrauchten Religion weiterhin durch eine diskreditierte Priesterschaft repräsentiert und nicht völlig vertilgt werde; sie könne ansonsten mit neuem Leib auferstehen.
Zweites Buch
Die „philosophische Revolution“ ist nach Heine nicht das Produkt eines Mannes wie die religiöse, sondern das Ergebnis der Philosophiegeschichte von René Descartes über Immanuel Kant bis Georg Wilhelm Friedrich Hegel. Die beschriebenen Philosophen, u. a. Locke, Leibniz, Spinoza und Lessing, einen geistige ‚Familienbande’;z. B. HSA, Bd. 8, 169, 178 alle arbeiten, teils widersprüchlich, an der Vervollkommnung der Philosophie. Allerdings musste Descartes nach Holland gehen, um seine Philosophie zu lehren, die die Scholastik zerstörte und damit radikal mit der Vergangenheit brach. Seine Nachfolger ordnet Heine entweder der materialistischen (wie John Locke) oder der idealistischen Richtung zu (wie Gottfried Wilhelm Leibniz und Christian Wolff).
Das Begriffspaar (objektiver) Idealismus/Materialismus reicht nach Heine jedoch nicht zur Charakterisierung der philosophischen Schulen aus; es beschreibe nur zwei Arten unserer Erkenntnis. Heine bezeichnet „mit dem ersteren die Lehre von den angeborenen Ideen, von den Ideen a priori, und mit dem anderen Namen [...] die Lehre von der Geisteserkenntniß durch die Erfahrung, durch die Sinne, die Lehre von den Ideen a posteriori“.HSA, Bd. 8, 164 Er ergänzt sie durch die Begriffe Spiritualismus (oder auch Rationalismus)/Sensualismus und nutzt diese als wertende Kampfbegriffe:
Der Sensualismus war in Frankreich immer ein Bündnispartner der politischen Revolution, der Spiritualismus hingegen ihr Feind. Die Verbindung zwischen Sensualismus und dem „kalten“ Materialismus in Frankreich war zwar nicht zwingend, diese Konstellation hat aber die Revolution gefördert. Auch in England förderte das Bündnis von Sensualismus (in Form des letztlich auf Aristoteles gründenden Empirismus John Lockes, der gänzlich auf die platonische Vorstellung eingeborener Ideen verzichtet) und Materialismus (in Form von Jeremy Benthams Utilitarismus) den Ruf nach sozialen und politischen Reformen. Die deutschen politischen Reformer, die „Partei der Blumen und Nachtigallen“, verschrieben sich hingegen dem Idealismus.