Deutscher Grenzkolonialismus ist die im 19. Jahrhundert ins Auge gefasste Form der Grenzkolonisation, die unter imperialistisch-kolonialistischen Vorzeichen an die Europäische Expansion in Gestalt der mittelalterlichen deutschen Ostsiedlung anschließen sollte. Diese Ostsiedlung wurde seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts als „Ostkolonisation“ bezeichnet und in ihrer Ausrichtung nach Ost- und Südosteuropa von deutschen Imperialtheoretikern im Wettbewerb mit den bereits existierenden europäischen Kolonialmächten noch vor der Gründung des ersten deutschen Nationalstaates als imitierenswertes Vorbild für den Erwerb deutschen Kolonialgebietes propagiert. Von „Kolonialismus“ anstatt von „Kolonisation“ ist zu sprechen, weil die Landeroberung gegen die benachbarten Slawen zunächst unter Missachtung ihrer Nationalstaatsbestrebungen und dann gegen die nach dem Ende des Ersten Weltkrieges gegründeten neuen Nationalstaaten vonstattengehen sollte, also von vornherein die Slawen als selbstverständlichen Bestandteil aus den europäischen Völkern ausschloss. Ihnen war ein Schicksal bestimmt, wie es die indigenen Völker in Übersee vonseiten der europäischen Kolonialmächte getroffen hatte (vgl. hierzu Fremdvölkische und Code de l’indigénat).

Perspektivierung deutscher Grenzkolonisation seit dem 19. Jahrhundert Die Diskussion um die Ostgrenze des künftigen deutschen Nationalstaates mini|hochkant=1.6|Polen-Litauen in den Grenzen von 1771 und die drei Teilungen Polens 1772, 1793 und 1795 Im 19. Jahrhundert führten mit preußischer Perspektive Historiker, Philosophen, Politiker und Publizisten zunächst in Zusammenhang mit der Zielsetzung, einen ersten deutschen Nationalstaat zu schaffen, die Diskussion um dessen Verfassung, Gestaltung, Grenzen und Positionierung gegenüber den osteuropäischen Nachbarn, wo Preußen nach den Teilungen Polens seine Grenzen nach Osten verschoben hatte.Wolfgang Wippermann: Der ‚Deutsche Drang nach Osten‘. Ideologie und Wirklichkeit eines politischen Schlagwortes. Darmstadt 1981, S. 32–46. Es ging darum, aus der Geschichte und ihrer entsprechenden Deutung die legitimierende nationale Ahnenschaft ableiten zu können. Dabei spielte von Anfang an die Kritik am habsburgischen Kaisertum eine Rolle, wonach den mittelalterlichen Kaisern mit ihrer durch den Papst erfolgenden Krönung im Unterschied zu dem König und Rom ferngebliebenen Sachsen Heinrich I. (919–936) ‚nationaler‘ Verrat und Versäumnisse gegenüber dem für Preußen verheißungsvolleren Osten vorgeworfen wurde. Dieser Vorwurf konnte bereits Karl den Großen treffen. So forderte 1860 nach vielen anderen der wichtigste Heinrich-Forscher des 19. Jahrhunderts, der Ranke-Schüler Georg Waitz, „deutsche Cultur, deutsche Bevölkerung [habe] den Beruf, sich gegen den Osten hin auszubreiten“.Wippermann (1981), S. 44. Das war auch vom ostpreußischen Abgeordneten Carl Friedrich Wilhelm Jordan 1848 in der Paulskirche so vorgetragen worden (vgl. Drang nach Osten) und wurde im ersten deutschen Historikerstreit über die ‚nationale‘ Bewertung der mittelalterlichen Kaiserpolitik, dem Sybel-Ficker-Streit, ab 1859 zu einem Dauerthema, dessen Erörterung sich mit den letzten Ausläufern bis in die 1950er Jahre erstreckte.

Begleitet wurde die Favorisierung der Ostausrichtung, indem die Slawen im Sinne der Kulturträgertheorie als kulturell niedrig stehende Menschen charakterisiert wurden und der Abgeordnete Jordan in der Paulskirche bereits von einem „Völkermord“ sprach, der an den Polen zu Recht begangen wurde, so dass es nach den Teilungen Polens nur mehr um „die Bestattung einer längst in Auflösung befindlichen Leiche“ gehe.Zitiert bei Michael Imhof, Polen 1772 bis 1945, S. 183. In: Wochenschau Nr. 5 (Sept/Okt.), Frankfurt/M. 1996, S. 177–193. Slawen wurden auch mit den Indianern Nordamerikas und ihrer Vertreibung und Vernichtung verglichen. Bereits Friedrich der Große hatte bei der Kolonisierung des Warthebruchs das neuerworbene polnische Westpreußen mit Kanada und „das liederliche polnische Zeug“ mit „Irokesen“ verglichen. „Nachdem die slawischen Fischer den deutschen Bauern gewichen und an die Stelle der Kietz-Siedlungen die geometrisierten deutschen Dörfer getreten waren, erhielten die neuen Siedlungen Namen wie Florida, Philadelphia oder Saratoga.“David Blackbourn, Die Eroberung der Natur. Eine Geschichte der deutschen Landschaft, München (Pantheon) 2008, S. 369; Genaueres dazu siehe unter Warthebruch. Der preußische Historiker Johann Friedrich Reitemeier verglich in seiner Geschichte Preußens (1801–1805) die mittelalterliche Ostsiedlung mit der „Colonisation und Einwanderung der Europäer nach Nordamerika“. M. W. Heffter setzte 1847 den Slawen mit dem nordamerikanischen Indianer gleich und sagte von ihm, er habe kaum verstanden, „die einfachsten, offen daliegenden Hilfsquellen seines Landes auszubeuten“.Wippermann (1981), S. 27 (Reitemeier), S. 39 (Heffter). Aus dieser Beobachtung hatte Alexis de Tocqueville bezüglich der Indianer geschlossen, dass sie „nicht nur zurückgedrängt worden“ seien, „sie sind vernichtet worden“.Zitiert bei Domenico Losurdo, Kampf um die Geschichte. Der historische Revisionismus und seine Mythen, Köln 2007, S. 233. Der Vergleich mit den USA diente in preußischer Perspektive auch der Betonung, dass die Neue Welt wie Preußen „protestantisch und germanisch“ sei.

Der Streit um Grenz- oder Überseekolonisation im deutschen Kaiserreich Nachdem es unter preußischen Vorzeichen zur so genannten kleindeutschen ersten Nationalstaatsgründung gekommen war (vgl. Deutsches Kaiserreich), wurde von dem neuen Staat der Anschluss an die europäischen Kolonialmächte England und Frankreich verlangt, so dass es in den 1880er Jahren zu erstem Kolonialerwerb in Übersee kam (siehe Deutsche Kolonien). Einflussreiche Publizisten wie Paul de Lagarde sprachen sich jedoch unter Wiederaufnahme von Vorstellungen des amerikaerfahrenen Imperialtheoretikers Friedrich ListVgl. Ulrich Eisele-Staib, England und die industrielle Entwicklung in Deutschland. In: Stadt Reutlingen (Hrsg.): Friedrich List und seine Zeit. Nationalökonom, Eisenbahnpionier, Politiker, Publizist. 1789–1846, Reutlingen 1989, S. 184–197. für eine kontinentale Expansion nach Ost- und Südosteuropa aus, wobei Lagarde sich auf die sächsischen und salischen Herrscher und sein idealisiertes Bild eines zünftigen Mittelalters berief.Ulrich Sieg, Deutschlands Prophet. Paul de Lagarde und die Ursprünge des modernen Antisemitismus, München (Hanser) 2007, S. 57, 64. Als der Alldeutsche Verband 1891 gegründet wurde, hieß es sogleich in seinem Verbandsorgan: „Der alte Drang nach dem Osten soll wiederbelebt werden.“Wippermann (1981), S. 87. Hintergrund für diese Forderungen war die ununterbrochene deutsche Auswanderung vor allem in die USA, die Friedrich List schon beunruhigt hatte, weil er wichtige Arbeitskraft für die deutsche Wirtschaft verloren gehen sah. Spezifischer auf Polen ausgerichtet verfolgte der 1894 gegründete Deutsche Ostmarkenverein seine grenzkolonisatorischen Ansprüche.

Constantin Frantz trat als politischer Schriftsteller in heftigem Gegensatz zur kleindeutsch „verstümmelnden“ Bismarck’schen Nationalstaatsbildung in Erscheinung. Er strebte ähnlich wie Friedrich List eine sich in den Donauraum bis zum Schwarzen Meer erstreckende mitteleuropäische Staatenföderation unter deutscher Führung an. Für Lagarde hätte sich „Groß-Deutschland“ „von der Ems- zur Donaumündung, von Memel bis Triest, von Metz bis etwa zum Bug“ erstreckt.Ulrich Sieg (2007), S. 174. Wie für Friedrich List war Frantz’ Ziel, Europa mit Deutschland als Führungsmacht im Zusammenwirken mit Großbritannien gegenüber den Vereinigten Staaten und mit feindlicher Ausrichtung gegen Russland zu einer ebenbürtigen Wirtschaftsmacht zu gestalten. Andere „großdeutsche“ Vertreter argumentierten ähnlich: So hatte Johann Karl Rodbertus 1861 in einer von Berg und Lothar Bucher herausgegebenen Flugschrift Seid deutsch! die Deutschen einschließlich der Österreicher als „kolonisierendes Volk“ beschrieben. Victor Aimé Huber folgte dieser Sicht, indem er 1866 die Hohenzollern neben den Habsburgern als Anführer deutscher Kolonisation darstellte, wie das 1870 Eugen Trautwein von Belle, Redakteur der Allgemeinen Preußischen (Stern-) Zeitung, in der Deutschen Vierteljahrsschrift 1870, Heft 1, ebenfalls tat.Zitiert bei Ottomar Schuchardt, Die deutsche Politik der Zukunft, Bd. 1, Celle 1899, S. 61–63 (Rodbertus); S. 296 f. (Huber); Bd. 2, Celle 1900, S. 289 f. (Trautwein von Belle). – Für den späteren NS-Propagandisten Wilhelm Ziegler sind dann in seiner 1929 erschienenen Einführung in die Politik Preußen und Österreich „Kolonialmächte“ (S. 274 f.)

„Grenzkolonisation“ war 1895 der Begriff, mit dem ein Ausgriff des Reiches über die Nationalstaatsgrenzen propagiert wurde, weil „nach Südosten und Osten […] der Entwicklung des Deutschtums natürliche Grenzen nicht gesteckt“ seien, und zwar sah sie der Vorsitzende des Alldeutschen Verbandes, Ernst Hasse, voraus, der unter der Überschrift Großdeutschland und Mitteleuropa um das Jahr 1950 davon schrieb, dass das deutsche Volk mit „Grenzkolonisation seine Grenzpfähle“ dorthin stecken werde.Zitiert bei Klaus Thörner: „Der ganze Südosten ist unser Hinterland“. S. 179. Mit Ernst Hasse und der Rolle des kontinentalen Imperialismus für Pangermanismus und Panslawismus, der von der Geschichtswissenschaft auf Kosten der „außerordentlichen Erfolge des überseeischen Imperialismus“ vernachlässigt worden sei, beschäftigt sich Hannah Arendt ausführlich in Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. Antisemitismus, Imperialismus, totale Herrschaft. Piper, München-Zürich 1986, 8. Aufl. 2001; ISBN 3-492-21032-5, S. 472–477.

Mit Friedrich Ratzel bekamen diese Forderungen ein geographiewissenschaftliches Fundament. Für ihn war es falsch, zu denken, Kolonien müssten in Übersee liegen. Auch Grenzkolonisation sei Kolonisation mit dem Vorteil, dass je näher das eroberte Land liege, es sich desto leichter an die eigenen Lebensumstände anpassen und verteidigen lasse. Dafür gebe die russische Ausbreitung nach Sibirien und Zentralasien ein wichtiges Beispiel.Friedrich Ratzel, Politische Geographie, 3. Aufl. Durchgesehen und ergänzt von Eugen Oberhummer (zuerst 1897), München-Berlin 1923, S. 28. – Vgl. auch Sven Lindquist, Durch das Herz der Finsternis. Ein Afrikareisender auf den Spuren des europäischen Völkermords. Mit einem Vorwort von Urs Widmer, Frankfurt/M.-New York (Campus) 1999, S. 194.