mini|Ludwig van Beethoven (Porträt von Willibrord Joseph Mähler, 1804/05)
Die Sinfonie Nr. 6 F-Dur op. 68 von Ludwig van Beethoven mit dem Beinamen „Pastorale“ entstand 1807/1808, gleichzeitig mit der 5. Sinfonie, und ist eines seiner wenigen Werke mit explizit programmatischem Gehalt. Franz Joseph Maximilian von Lobkowitz und Andreas von Rasumowski gewidmet, besteht sie als einzige Sinfonie Beethovens aus fünf Sätzen. Die Uraufführung fand am 22. Dezember 1808 im Theater an der Wien statt. Die Spieldauer beträgt circa 43 Minuten.
Entstehung
Die Pastorale sei eines der am reichhaltigsten dokumentierten Werke Beethovens, überliefert in einem Kaleidoskop von Material sowohl in Gestalt von Skizzen als auch in Form handschriftlicher Quellen des ganzen Werks in seiner endgültigen Gestalt, erläutert Jonathan Del Mar im Vorwort der Bärenreiter Urtext-Ausgabe.
Nach Vorarbeiten ab 1803 – also aus der Zeit während und kurz nach Beethovens Arbeit an der revolutionären 3. Sinfonie – entstand die 6. Sinfonie (op. 68) in den Jahren 1807 und 1808 gleichzeitig mit der 5. Sinfonie (op. 67) angeblich in Nußdorf und Grinzing, damals Vororte von Wien. Zwischen diesen beiden Ortschaften fließt der Schreiberbach: „Hier habe ich die Szene am Bach geschrieben, und die Goldammern da oben, die Wachteln, Nachtigallen und Kuckucke ringsum haben mitkomponiert.“ Dieses von Anton Schindler, Beethovens langjährigem Sekretär überlieferte Zitat ist jedoch zweifelhaft. Die Sinfonie wurde vermutlich in keinem der damaligen Vororte, sondern in Wien selbst begonnen.Barry Cooper: Schindler and the Pastoral Symphony. In: The Beethoven Newsletter, Vol. 8, Nr. 1, 1993.
Diese augenscheinlich unterschiedlichen Sinfonien Nr. 5 und Nr. 6 werden als Werke angesehen, die sich gegenseitig ergänzen und deshalb auch oft als „Schwesterwerke“ bezeichnet. So schrieb zum Beispiel im Jahre 1995 der US-amerikanische Musikwissenschaftler William Kinderman: „Wie die ‚Waldstein‘- und ‚Appassionata‘-Sonate stellen die Fünfte und die Sechste Sinfonie disparate musikalische Werke dar, die […] einander ergänzen“.William Kinderman: Beethoven. Berkeley 1995, S. 123.
mini|Darstellung Beethovens bei der Komposition der Pastorale (Lithographie von Franz Hegi aus dem Zürcher Almanach der Musikgesellschaft, 1834)
Beethoven war ein großer Naturliebhaber und mochte die Spaziergänge im Freien; zu seinen Lieblingsbüchern gehörte Betrachtungen der Werke Gottes im Reiche der Natur und der Vorsehung auf alle Tage des Jahres vom deutschen Theologen Christoph Christian Sturm.Maynard Solomon: The Quest for Faith. In: ders.: Beethoven Essays. Cambridge, Mass., 1988, S. 216–232, besonders S. 220ff. Und so schrieb er beispielsweise im Jahr 1815:
Als Vorläufer späterer Programmmusik hat Beethoven dieser Sinfonie die Eindrücke eines (Stadt-)Menschen in der Natur und pastoraler (= ländlicher) Umgebung zugrunde gelegt. Die fünf Sätze behandeln dabei verschiedene Situationen, die sich zu einem Gesamtwerk zusammenfügen. „Sinfonia caracteristica oder Erinnerung an das Landleben“ und „Sinfonia pastorella“ (mit dem Hinweis „wer auch nur je eine Idee vom Landleben erhalten, kann sich ohne überschriften selbst denken, was der autor [will]“) hieß die 6. Sinfonie in den ersten Skizzen; erst bei der Drucklegung nannte Beethoven sie „Pastoral-Sinfonie oder Erinnerungen an das Landleben“. Da Beethoven der musikalischen Darstellung eines außermusikalischen Inhalts im Sinne der Programmmusik kritisch gegenüberstand und zudem besorgt war, sein Werk könnte vom Publikum und der Kritik missverstanden werden, fügte er dieser Bezeichnung in Klammern den vielzitierten Zusatz „Mehr Ausdruck der Empfindung als Malerei“ hinzu und bestand auch auf wortgetreuer Wiedergabe dieser sorgfältig formulierten Bezeichnung auf dem Titelblatt der gedruckten Partitur, was bei der Erstausgabe im Jahr 1809 allerdings missachtet wurde.Renate Ulm (Hrsg.): Die 9 Sinfonien Beethovens. Bärenreiter, Kassel 1994, S. 182 „Man überlässt es dem Zuhörer, die Situationen auszufinden“, so der Komponist. „Wer auch je nur eine Idee vom Landleben erhalten, kann sich ohne viele Überschriften selbst denken, was der Autor will.“Gustav Nottebohm: Zweite Beethoveniana: Nachgelassene Aufsätze. Leipzig 1887, S. 375, 504. Dennoch ahmt Beethoven hier mit instrumentalen Mitteln Vogelrufe, die Schritte des Wanderers, das Plätschern eines Baches und ein Gewitter nach, wobei er durchaus von Joseph Haydns späten Oratorien Die Schöpfung und Die Jahreszeiten inspiriert worden war.
Anmerkungen zur musikalischen Pastorale – Topos und Stilistik Die Thematik des Pastoralen hat als Gegenstand künstlerischen Ausdrucks eine lange, bis in die Antike zurückreichende Tradition und lässt sich sowohl in der Malerei, als auch in der Literatur und Musik nachweisen. In allen Kunstformen subsumiert sich dabei eine idealisierte Darstellung von Naturidylle und Hirtenleben. Die Bezugnahme auf den Lebensraum und die Traditionen der Hirten spielt auch in der musikalischen Pastorale eine zentrale Rolle, was sich besonders in der Hirtenmusik und ihren typischen Instrumenten wie Flöten, Schalmeien und Dudelsack-Instrumente offenbart. Wichtige stilistische Merkmale sind u. a.:
Rückgriff auf eine begrenzte Art und Anzahl von Instrumenten sowie auffällige Verwendung von „rustikalen“ Instrumenten (meist Holzbläser zwecks Imitation der Hirtenmusik und Streicher als Grundlage) Bordune, bestehend aus reinen Quinten im Bass (um den Klang von Dudelsäcken anzudeuten) sowie mehrtaktige liegende Bässe (Orgelpunkte) Nachahmung von Naturlauten (z. B. Vogelgezwitscher) und sonstige musikalische Lautmalerei Motivwiederholungen anstelle von Ausarbeitungen häufiger Einsatz von Terz- bzw. Sext-Parallelen im Rahmen der Melodieführung (v. a. in den Oberstimmen) harmonische Schlichtheit unter vorzugsweiser Verwendung von Tonika, Subdominante und Dominante sowie einfacher (Dur-)Tonarten gleichmäßige, wiegende Rhythmik mit repetitiven Mustern in eher gemäßigten Tempi
Als charakteristische Tonart für die Pastorale hat sich seit dem 17. Jahrhundert F-Dur etabliert. Dieses Phänomen geht auf Martin Luther zurück, der die lydische Kirchentonart, deren Grundton das f ist, als „freundlich“ beschrieben hatte. Dass zahlreiche Pastoralkompositionen tatsächlich in F-Dur stehen, kann durchaus als Nachwirkung dieser Tradition verstanden werden. Viele der erwähnten stilistischen Merkmale finden sich auch in Beethovens Pastorale (siehe 1. Satz).
Skizzen Eine Skizze aus dem Skizzenbuch von 1803/4 zeigt ein tanzähnliches Thema, das Beethoven schließlich im Trio-Abschnitt des dritten Satzes verwendete; dabei könnte es sich um einen Volkstanz handeln, den er zufällig hörte und niederschrieb. Eine andere Skizze mit der Überschrift „Murmeln des Baches“ zeigt eine Figuration im 12/8-Takt, die eine im zweiten Satz der Sinfonie erklingende Begleitfigur erahnen lässt. Spätere Entwürfe im selben Skizzenbuch spiegeln Beethovens Einfall für den Beginn des Werks. Erst im Jahr 1808 griff er jedoch diese Ideen erneut auf und fertigte detaillierte Skizzen für die Sinfonie an. Wann die einzelnen Sätze der Pastorale genau entstanden sind, ist heute nicht mehr zu ermitteln, doch wurden sie ungefähr im Zeitraum von Februar bis Juli oder August 1808 aufgezeichnet.
Satzüberschriften Wie der Beethoven-Biograph Barry Cooper feststellt, habe Beethoven in seinen Skizzen wiederholt vermerkt, dass er mit der Pastorale weder rein bildliche noch programmatische Musik komponieren wollte, sondern Musik, die Empfindungen über das Landleben ausdrückt. Dementsprechend deute seine Musik die Aspekte des Landlebens nur an, stelle sie aber nicht direkt dar; konkrete Überschriften wie z. B. „Murmeln eines Baches“, „Regen“, „Donner“ o. Ä., die der Komponist noch in den Skizzen einigen Motiven zugeordnet hatte, habe er in der endgültigen Fassung weggelassen. Gleichwohl habe Beethoven jedem Satz eine evokative Überschrift gegeben, auf deren Formulierung er einige Zeit verwendet habe. So trage z. B. der dritte Satz in einer Skizze die Überschrift „Scena festliches Zusammenseyn“, in einer anderen seien dem Finale die Worte „Ausdruks [sic] des Danks: Herr wir danken dir“ vorangestellt. In der Erstausgabe (1809) aber seien die von Beethoven gewählten Formulierungen – höchstwahrscheinlich durch den Verleger Breitkopf & Härtel und ohne Wissen des Komponisten – verändert worden. (siehe Tabelle)
Dem US-amerikanischen Musikwissenschaftler Frank A. D'Accone zufolge könnte Beethoven die Anregung für solch eine mit Überschriften versehene Sinfonie von einem 1784 veröffentlichten Werk des deutschen Komponisten Justin Heinrich Knecht (1752–1817) erhalten haben. Das mit Le portrait musical de la nature überschriebene Orchesterwerk umfasse ebenfalls fünf Sätze, inklusive eines Gewitters sowie eines abschließenden Lobgesangs an den Schöpfer. Ob Beethoven dieses Werk, das im Gegensatz zur Pastorale nicht die übliche sinfonische Form aufweist, gekannt habe, sei allerdings ungewiss. mini|Partiturseite aus Beethovens Manuskript der 6. Sinfonie
Uraufführung / Drucklegung Die 5. und die 6. Sinfonie wurden zusammen mit dem 4. Klavierkonzert, einer Arie, zwei Teilen aus der Messe in C-Dur und obendrein der Chorfantasie in einem Konzert am 22. Dezember 1808 unter der Leitung des Komponisten im Theater an der Wien uraufgeführt. Das Konzert dauerte von 18.30 bis 22.30 Uhr und bestand aus zwei separaten Programmteilen, wobei der erste Teil zunächst mit der 6. Sinfonie und der zweite mit der 5. Sinfonie eröffnet wurde – dies, da Beethoven möglicherweise Bedenken bzgl. der Finalwirkung der Pastorale hatte und dadurch negative Kritiken vermeiden wollte.
„Dass man auch des Guten – und mehr noch – des Starken leicht zu viel haben kann“ war die Erfahrung des Konzertbesuchers Johann Friedrich Reichardt, der es bei diesem Mammutprogramm vier Stunden lang im bitterkalten Theater ausgehalten hatte. Beethoven hatte lange auf die Gelegenheit gewartet, der Öffentlichkeit einen Querschnitt seines Schaffens der vorangegangenen zweieinhalb Jahre zu präsentieren. Das Orchester hatte jedoch unzulänglich geprobt und wurde den musikalischen Anforderungen unter der Leitung des Komponisten nicht gerecht. Beethoven selber saß auch als Solist am Klavier, spielte aber wegen seines fortschreitenden Hörverlusts schlecht – es war sein letzter(?) Auftritt als Pianist. Zudem berichteten Zeitzeugen von deutlichen Schnitzern, die möglicherweise auf das angespannte Verhältnis zwischen Orchester und Dirigent zurückzuführen waren. Die Erfahrung dieses „Akademie-Konzerts“ war für ihn so bitter, dass er sogar daran dachte, Wien zu verlassen und erst durch die Garantie einer kontinuierlichen Förderung durch seine fürstlichen Gönner zurückgehalten werden konnte. Dies blieb die einzige Uraufführung mit Beethovens Werken, in der zwei seiner Sinfonien erklangen.Lewis Lockwood: Beethoven: Seine Musik – Sein Leben. Metzler, 2009; S. 170.
Der Verlag Breitkopf & Härtel Leipzig veröffentlichte das Stimmenmaterial 1809 und die Partitur 1826. Das Autograph befindet sich im Beethoven-Haus in Bonn.
Zur Musik Gesamtform Im Gegensatz zu allen anderen Sinfonien des Komponisten besteht die Sinfonie Nr. 6 aus fünf Sätzen. Dabei gehen die letzten drei ohne Unterbrechung ineinander über und bilden einen zusammenhängenden Satzkomplex, der seinerseits als Gegengewicht zu den ersten beiden Sätzen fungiert. Darüber hinaus notierte Beethoven zu Beginn jedes Satzes einen programmatischen Titel (siehe Satzüberschriften). Im Jahr 1817 präzisierte er – nahezu taub – die Tempobezeichnungen der einzelnen Sätze schließlich noch durch Metronomangaben, welche von der Nachwelt allerdings heftig diskutiert und teilweise sogar angezweifelt wurden. Die Gesamtform der Pastorale stellt sich folgendermaßen dar: