Die Zaza-Sprache, auch Zazaisch oder Zazaki, ist die Sprache der Zaza in der östlichen Türkei und findet sich im oberen Talabschnitt des Euphrat. Die Sprache wird auch Dımlī und Kirmānčkī genannt.Ludwig Paul: Zaza(ki) – Dialekt, Sprache, Nation? In: Bärbel Köhler (Hrsg.): Religion und Wahrheit. Religionsgeschichtliche Studien. Festschrift für Gernot Wießner zum 65. Geburtstag. Harrassowitz Verlag, Wiesbaden 1998, S. 385 (). Die Anzahl ihrer Sprecher wird auf zwei bis drei Millionen geschätzt. Sie wird vor allem in Ostanatolien gesprochen, durch Migrationsprozesse der letzten Jahrzehnte ist sie auch in West-, Mittel- und Nordeuropa verbreitet. Das Zazaki gehört zum westiranischen Zweig der indogermanischen Sprachen.
Zur Bezeichnungsfrage und zum historischen Hintergrund der Zaza siehe den Artikel Zaza.
Sprachliche Einordnung des Zazaischen Zazaisch als eigenständige nordwestiranische Sprache Die Zaza-Sprache wird auch heute noch aus politischen und kulturellen Gründen oft als ein kurdischer Dialekt betrachtet (zum politischen Hintergrund dieser Einschätzung siehe den Artikel Zaza). Dagegen stellt die Iranistik (die Wissenschaft der Erforschung der iranischen Sprachen) eindeutig fest: Zazaki ist eine eigenständige Sprache des nordwestlichen Zweigs der iranischen Sprachen. Innerhalb dieses nordwestlichen Zweiges bilden die kurdischen Sprachen – zusammen mit zentraliranischen Dialekten – eine genetische Untergruppe, das Zaza bildet demgegenüber zusammen mit dem Gorani eine selbstständige Untereinheit Zaza-Gorani, die möglicherweise engere Beziehungen zum Belutschi aufweist (siehe unten die Klassifikation der nordwestiranischen Sprachen).
Schon Sprachforscher des 19. Jahrhunderts (zum Beispiel Peter Lerch) belegten, dass das Zazaki kein Dialekt des Kurdischen, sondern eine eigenständige Sprache innerhalb der iranischen Sprachfamilie ist. Dies bekräftigten die deutschen Iranisten Oskar Mann und Karl Hadank mit ihren vielfältigen Untersuchungen, aus denen 1932 die erste umfangreiche wissenschaftliche Grammatik des Zazaki unter dem Titel Mundarten der Zaza hervorging.
Die Zaza-Sprache weist auffällige Gemeinsamkeiten mit der ausgestorbenen mitteliranischen Sprache Parthisch auf, die das südwestiranische Persische und seine Vorgängersprachen nicht teilen. Allerdings kann man nicht nachweisen, dass das Parthische eine unmittelbare Vorgängersprache des Zaza gewesen ist. Zur Herkunftsfrage der Zaza und ihrer Sprache siehe den Artikel Zaza.
Klassifikation der nordwestiranischen Sprachen Die folgende Klassifikation beschreibt genauer die genetische Stellung des Zaza und der kurdischen Sprachen innerhalb der Gruppe der nordwestiranischen Sprachen. Einen Gesamtüberblick über die iranischen Sprachen und ihre Klassifikation bietet der Artikel Iranische Sprachen.
Nordwestiranisch (24 Sprachen, 31 Millionen Sprecher): Medisch † (altiranisch) Parthisch † (mitteliranisch) Kaspisch: Gilaki-Mazenderani: Gilaki (1,3 Mio.), Mazandaranisch (2,2 Mio.), Gurgani † Semnani: Semnani, Sangisari, Sorchei, Lasgerdi (zusammen 50.000) Talisch: Talisch (eine Million) Azari: Iranisch-Azari („Süd-Tati“; 220.000) Kurdisch-Zentraliranisch: Kurdisch: Kurmandschi (Nordwest-Kurdisch; 15–20 Mio.), Sorani (Zentral-Kurdisch, Kurdi; vier Mio.), Südkurdisch (drei Mio.) Zentraliranisch: Tafreshi, Mahallati-Chunsari, Kashani-Natanzi, Gazi, Yazdi-Kermani-Nayini, Kaviri, Sivandi Zaza-Gorani: Zaza (Zazaki, Kirmanjki, Kirdki, Dimli, „So-Bê“; 1,5 Mio.), Gorani (auch Hawrami; 400.000–500.000), Schabaki (130.000–150.000), Bajalani (auch Chichamachu; etwa 20.000), Sarli (auch Sarliya; weniger als 20.000) Belutschi: Belutschi (Baloči; sechs Mio.)
Möglicherweise bilden Zaza-Gorani und Belutschi eine eigene genetische Einheit, diese Ansicht wird aber nicht von allen Forschern geteilt.
Forschungsgeschichte Bereits 1650 berichtete der türkische Reisende Evliya Çelebi darüber, dass die Sprache der Zaza sich deutlich von den „anderen kurdischen Arten“ abhebe und eine wechselseitige Verständigung zwischen dem Zaza und anderen „kurdischen Dialekten“ nicht möglich sei. Der russische Linguist Peter Lerch rechnete in einem Bericht von 1856 über die Völker Ostanatoliens die Zaza ohne genauere Untersuchung generalisierend zu den Kurden. F. Müller 1864 betrachtete das Zaza wie das Kurdische als Dialekte des Neupersischen (!), F. Spiegel 1871 und W. Tomaschek 1887 bemerkten dagegen die großen Unterschiede zwischen dem Zaza und Kurdisch.
Als Erster untersuchte Oskar Mann (seit 1906) die grammatische Struktur des Zaza in aller Gründlichkeit, das er dabei als eigenständige Sprache, nicht als Dialekt des Kurdischen erkannte. Er sah das Zaza in einem engeren Zusammenhang mit dem Gorani. Seine Klassifikation des Westiranischen hat in der Iranistik im Wesentlichen bis heute Bestand.
Ein entscheidender Schritt in der Forschungsgeschichte war die Veröffentlichung der ersten Zaza-Grammatik von K. Hadank auf Basis des Materials von O. Mann im Jahre 1932. Diese erschien unter dem Titel Mundarten der Zaza als 10. Band der Serie der Kurdisch-Persischen Forschungen der Preußischen Akademie der Wissenschaften und behandelt vor allem den Süddialekt des Zaza. Als Resultat dieser Forschungsarbeit war nun völlig klar, dass das Zaza phonologisch, morphologisch, syntaktisch und lexikologisch eine eigenständige Sprache innerhalb des Nordwest-Iranischen darstellt. Hadank sah – wie Mann – eine besondere Nähe des Zaza zum Gorani, die Unterschiede zu Kurdisch werden deutlich herausgearbeitet.
Jost Gippert wies 1996 auf die Gemeinsamkeiten des Zaza mit dem mitteliranischen Parthischen hin, die sich deutlich vom Persischen abheben. Damit ist auch die Einordnung des Zaza als nordwestiranische Sprache endgültig bestätigt worden (Persisch ist demgegenüber eine südwestiranische Sprache).
Einen detaillierten Überblick über die Forschungsgeschichte – insbesondere über sämtliche Belege der Eigenständigkeit des Zaza gegenüber dem Kurdischen und den Versuch mancher kurdischer Wissenschaftler, das Zaza als einen Dialekt des Kurdischen darzustellen – gibt Z. Selcan in seiner umfangreichen Zaza-GrammatikZülfü Selcan: Grammatik der Zaza-Sprache. Wissenschaft & Technik Verlag, 1998, ISBN 3-928943-96-0. von 1998, die den Norddialekt (Dersim-Dialekt) zugrunde legt.
Zazaisch als Schriftsprache Obwohl das Zazaki schon seit Jahrhunderten im Osmanischen Reich gesprochen wurde, hat man es lange nicht schriftlich fixiert. Das älteste literarische Werk ist die religiöse Schrift Mewlid von Ehmedê Xasi aus dem Jahre 1898. Dieses Werk wurde 1899 in arabischer Schrift und (erst) 1984 in lateinischer Schrift veröffentlicht. Ein weiteres bedeutsames Zaza-Werk ist Biyîşê Pêxemberî (Mewlûda Nebî) aus dem Jahre 1903 von Usman Efendiyo Babıc, es wurde erst 1933 in Damaskus in arabischer Schrift veröffentlicht.
In lateinischer Schrift wurden Zazaki-Texte seit Anfang der 1980er Jahre in Deutschland, Schweden und Frankreich in mehreren Kulturzeitschriften publiziert. Wichtige Autoren sind Malmîsanij, Ebubekir Pamukçu und Koyo Berz.
Zur Dokumentation der zazaischen Sprache wurden in den Jahren 2001 und 2002 in einem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Projekt wichtige Quellen für ein zazaisch-deutsches Textkorpus zusammengetragen. Dies enthält längere Tonbandaufzeichnungen, handschriftlich festgehaltene Sprüche und Sprichwörter und spezielle lexikalische Listen. 2004 wurde unter anderem von J. Gippert und Zelemele das Zaza-Sprachinstitut in Frankfurt (Main) gegründet.
Alphabete Das zazaische Alphabet lehnt sich an das lateinische Alphabet an. Von einem Teil der Autoren wird das Zazaki-Alphabet, das von Zaza-Intellektuellen mit Hilfe von Sprachwissenschaftlern wie C. M. Jacobson entworfen wurde, von einem anderen Teil das kurdisch-lateinische Alphabet, das von Celadet Ali Bedirxan entworfen wurde, als Basis genommen.Ludwig Paul: The Position of Zazaki Among West Iranian Languages. In: azargoshnasp.net. S. 163–177 (PDF-Datei). Ein wichtiger Unterschied ergibt sich bei der Schreibung der Kopula („bin“, „ist“ etc.). In der Zaza-Schreibweise wird die Kopula wie in Persisch direkt an das vorhergehende Wort angehängt, bei der Bedirxan-Schreibung wird sie getrennt, obwohl das Wort mit der Kopula zusammen als Einheit gelesen wird. Ein Beispiel:
Deutsche Bedeutung: „Mein Name ist Munzur, ich bin 20 Jahre alt und komme aus Dersim.“ Zazaki in Zaza-Schreibweise: Namey mı Munzuro, ez vist serriyan u Dêrsımi rawan. Zazaki in der Bedirxan-Orthographie: Nameyê mi Munzur o, ez vîst serrî ya û Dêrsimî ra ya. Zazaki aus Dersim (Kirmancki): Namê mı Munzuro, ez vist serrio u Dêrsımi rao.
Dialekte mini|Dialekte der Zaza-Sprache Es lassen sich mehrere Dialekte bzw. Dialektgruppen des Zazaki unterscheiden. Ludwig Paul (1998) führt folgende auf:
Norddialekte (Alevi-Dialekte): Dersim, Erzincan, Gümüşhane, Varto, Hınıs (Kirmancki, Zonê ma) Zentraldialekte: Palu, Bingöl (Kirdki) Süddialekte: Çermik, Siverek, Çüngüş, Gerger (Zazaki, Dimili) Randdialekte: Mutki, Aksaray, Sarız (Zazaki) Übergangsdialekte: Kulp, Lice, Ergani, Maden (Zazaki, Kirdki)
Zazaisch und andere indogermanische Sprachen Deutsch Zazaisch Persisch Russisch Neugriechisch Italienisch Spanisch Französisch Irisch Englisch eins (1) yew/jew/jû yek один ένας/μία/ένα uno uno un aon onezwei (2) dı do два δύο due dos deux dó two drei (3) hirê se три τρείς/τρία tre tres trois trí three vier (4) çar čahâr четыре τέσσερις/τέσσερα quattro cuatro quatre ceathair four fünf (5) panc panj пять πέντε cinque cinco cinq cúig five sechs (6) şeş/ses šeš шесть έξι sei seis six sé six sieben (7) hewt haft семь εφτά sette siete sept seacht seven acht (8) heşt hašt восемь οχτώ otto ocho huit ocht eight neun (9) new noh девять εννέα nove nueve neuf naoi nine zehn (10) des dah десять δέκα dieci diez dix deich ten zwanzig (20) vist bist двадцать είκοσι venti veinte vingt fiche twenty
Die sprachliche Struktur der Zaza-Sprache Die Beispiele der folgenden Darstellung sind zu einem großen Teil der unten zitierten Grammatik von Zülfü Selcan (1998) entnommen, sie gelten damit also vor allem für den nördlichen Zaza-Dialekt (Dersim-Dialekt).
Phonemsystem Die Konsonanten des Zaza sind in der folgenden Tabelle nach Bildungsart und -ort dargestellt:
Artikulationsortstimmhaft/-loslabialdentalalveol.alv-palat.velaruvularlaryng.Verschlusslautestimmlospt.tʃh (ç)kq.stimmhaftbd.dʒ (c)g..Reibelautestimmlosf.sʃ (ş)x.hstimmhaftv.zʒ (j)ʁ (ğ)..Halbvokalestimmhaftw..j (y)...Nasalestimmhaftmn.....Lateralstimmhaft.l.....Vibrantenstimmhaft.ɾ (r) / r (rr, R).....
In Klammern die übliche Darstellung der Phoneme in heutigen Zaza-Texten, die auf dem türkischen Alphabet basiert. Der Laut /tʃh/ wird durch [ç] und der Laut /dʒ/ durch [c] wiedergegeben.
Das stimmlose /x/ entspricht dem deutschen /ch/ in „ach“. Das stimmhafte /ʁ/ dem deutschen Zäpfchen-r.
Es gibt im Zaza zwei /r/-Laute, die hier mit [ɾ] und [r] wiedergegeben werden. Beides sind stimmhafte Vibranten (Zungen-r). /r/ wird intensiver als /ɾ/ artikuliert. Die Unterscheidung hat Phonemcharakter, wie folgende Beispiele zeigen:
pere „Geld“, aber perre „Flügel“ tore „Brauch“, aber torre „Fangnetz“ bırak „Liebhaber“, aber bırrak (auch bırrek) „Säge“
Die Vokale des Zaza sind /i, e (ê), ε (e), a, o, u, ü, ɨ (ı)/, es gibt keine phonemische Unterscheidung von Lang- und Kurzvokalen. (In Klammern die in heutigen Zaza-Texten verwendeten Zeichen.)
Das phonologische System des Zaza weist einige typische nordwestiranische Merkmale auf, dazu gehören: Zaza /z/ (< proto-iran. /*dz/) (zum Beispiel Zaza zan-, pers. dān- „wissen“) und Zaza /b/ (< proto-iran. /*dw/) (zum Beispiel Zaza ber, pers. dar „Tür“).
Nominalmorphologie Nominale Kategorien Das Nomen (Substantiv, Adjektiv, Pronomen) des Zaza besitzt folgende Kategorien: