mini|Oriana Fallaci (1987) Oriana Fallaci (* 29. Juni 1929 in Florenz; † 15. September 2006 ebenda) war eine italienische Journalistin und Schriftstellerin.
Leben Oriana Fallaci war zehn Jahre alt, als Italien in den Zweiten Weltkrieg eintrat. Sie half ihrem für den antifaschistischen Widerstand arbeitenden Vater, indem sie Waffen zu Partisanen schmuggelte und Gefangenen bei der Flucht aus deutschen Konzentrationslagern in Italien half.Christopher Stolzenberg: Leben an vorderster Front. In: Süddeutsche Zeitung, 15. September 2006. Bei der Besetzung von Florenz wurde ihr Vater verhaftet und gefoltert, einige Zeit später jedoch freigelassen. Nach dem Zweiten Weltkrieg machte sich Fallaci als Journalistin und Schriftstellerin einen Namen. Sie wurde zur Vertreterin eines extrem konfrontativen Interviewstils, der seit den 1970er Jahren populär wurde.
1956 berichtete Fallaci vom Ungarn-Aufstand in Budapest. 1963 zog sie nach New York. 1968 wurde sie beim Massaker von Tlatelolco durch drei Schüsse verletzt.Dirk Schümer: Die Rebellin: Zum Tod von Oriana Fallaci. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15. September 2006.
Fallacis Bücher wurden in 20 Sprachen übersetzt und in 31 Ländern veröffentlicht. Ihr erstes Werk, mit dem sie international bekannt wurde, war Wenn die Sonne stirbt, in dem sie die von ihr geführten Interviews mit den ersten Astronauten verarbeitete. Das in Form eines Tagebuches 1969 veröffentlichte Werk mit dem Titel Wir, Engel und Bestien schildert ihre Erlebnisse als Kriegsreporterin in den Jahren 1967 und 1968 in Südvietnam während des Vietnamkriegs, wo sie bei Kampfeinsätzen mit der US-Armee flog und ein Gespräch mit dem legendären nordvietnamesischen General Giap führte.Oriana Fallaci ist tot. In: Focus, 15. September 2006. 1972 interviewte sie den äthiopischen Kaiser Haile Selassie. Ein internationales Echo fand sie in den 1970er und 1980er Jahren mit ihren Büchern Brief an ein nie geborenes Kind (das Buch erschien auf der Höhe der weltweiten Abtreibungsdebatte), Ein Mann (über ihre Liebe zum 1976 unter ungeklärten Umständen zu Tode gekommenen griechischen Widerstandskämpfer Alekos Panagoulis) und Inschallah (über den Bürgerkrieg in Beirut).
Als Journalistin arbeitete Fallaci auch für renommierte internationale Zeitungen, darunter die Londoner Times, Life und die New York Times. Als sie 1975 im italienischen Wochenmagazin L’Europeo schrieb, Pier Paolo Pasolini sei von einer rechtsradikalen Schlägertruppe umgebracht worden,Pasolini ucciso da due motociclisti? 14. November 1975, books.google; E' stato un massacro 21. November 1975, books.google trug ihr ihre Weigerung, ihren Zeugen zu nennen, 1978 eine Verurteilung zu vier Monaten Haft ein.Fallaci: Condannata per reticenza durante processo Pasolini, adnkronos.com; Fallaci stützte ihre Aussageverweigerung auf das journalistische Berufsgeheimnis nach Art. 2 des Gesetzes No. 69 vom 3. Februar 1963 Ordinamento della professione di giornalista, La Giustizia Penale, Band 87 (1982) S. 2597 books.google Vor der Strafverbüßung blieb sie durch eine spätere Amnestie verschont.Oriana Fallaci: la mia veritá negata sulla morte di Pasolini., La Stampa vom 12. März 2005 (italienisch, Flash Player erforderlich, abgerufen am 3. Juli 2015) Fallaci interviewte zahlreiche bekannte Persönlichkeiten, wie Jassir Arafat, Willy Brandt, Muammar al-Gaddafi und Deng Xiaoping. 1968 interviewte sie den Polizeichef von Saigon, General Nguyễn Ngọc Loan, der durch ein Foto weltweit bekannt geworden war, auf dem er einen gefangen genommenen Vietcongkämpfer auf offener Straße mit seiner Pistole erschießt.Die Zeit vom 16. August 1968, Nachdruck 2011: online Henry Kissinger bezeichnete sein Interview mit ihr als „das katastrophalste Gespräch, das ich je mit einem Mitglied der Presse hatte“.Daniel Pipes: Eine Würdigung Oriana Fallacis. In: danielpipes.org, 18. September 2006. Fallaci brachte ihn dazu einzugestehen, dass der Vietnamkrieg „nutzlos“ gewesen sei und dass er als Politiker ein „Cowboy“ sei, der den „Kutschentreck“ anführt, indem er alleine voranreitet.
Als erste Frau aus dem Westen durfte sie 1979 mit Ajatollah Chomeini sprechen. In: Der Spiegel vom 1. Oktober 1979, abgerufen am 27. September 2018 1991 berichtete sie über den Beginn des Zweiten Golfkriegs aus dem Irak.
Sie lebte zuletzt überwiegend in New York City, wo sie auch die Terroranschläge am 11. September 2001 miterlebte. Papst Benedikt XVI. empfing die Atheistin Fallaci am 27. August 2005 zu einem Privatgespräch.Warum Oriana Fallaci beim Papst war. In: kath.net, 9. September 2005. Die meisten ihrer Bücher und Manuskripte hat Fallaci der päpstlichen Lateran-Universität überlassen.Fallaci vermachte ihre Bücher der Lateran-Universität. In: kath.net, 24. Oktober 2006. Am 15. September 2006 erlag sie einem langjährigen Krebsleiden.
Zum Alleinerben Fallacis wurde nach einem Rechtsstreit über die Echtheit ihres Testaments im Juli 2015 Edoardo Perazzi, Sohn von Fallacis Schwester, bestimmt. Perazzi kündigte an, Fallacis „Ansehen zu schützen und seinen Beitrag zu ihrem geistigen Erbe zu leisten“.Testamento di Oriana Fallaci caso archiviato: nipote unico erede, ilgiornale.it, abgerufen am 23. Dezember 2018.
Werke
Briefe an ein nie geborenes Kind 1975 in Italien erschienen und vier Jahre später auf Deutsch, traf Fallaci mit dem Buch den Nerv der Zeit. In Form von Briefen an einen Fötus führt die Erzählerin einen Monolog und fragt sich, ob sie das Kind wirklich haben möchte, ob sie ihr eigenes Leben und ihre Karriere aufgeben muss. Entgegen dem Rat der Ärzte legt sich die Erzählerin nicht für den Rest der Schwangerschaft ins Bett, sondern tritt eine strapaziöse Reise an – und verliert das Ungeborene. Das Buch schlug hohe Wellen in einer Zeit, als Frauen für Selbstbestimmung kämpften. Besonders in den katholischen Medien Italiens wurde das Buch verurteilt.
Die Wut und der Stolz Weltweites Aufsehen erregte Oriana Fallaci mit ihren (mittlerweile in Buchform herausgegebenen) Essays zu den Anschlägen des 11. September 2001. Unter dem Titel La rabbia e l’orgoglio (Die Wut und der Stolz) konfrontiert die Autorin die westliche Welt mit dem Islam und beschreibt diesen als aggressive und expansive Religion. Sie stellt dabei die These auf, dass der dekadente, in seiner Sucht nach Frieden blind gewordene Westen durch sein liberales und nachsichtiges Verhalten gegenüber dem Islam (Appeasement) den Islamismus erst hervorgerufen habe. Aber nicht der Islamismus sei das eigentliche Problem, sondern der Islam als intolerante Religion an sich. Letztlich strebe der Islam nach der religiösen Weltherrschaft. Daraus ergibt sich für Fallaci folgerichtig, dass der Islam dort, wo er bereits selbst dominiert, keine andere Religion mehr als ebenbürtig und gleichberechtigt neben sich duldet.
Sie vergleicht Osama bin Laden in seinem totalitären Anspruch mit Hitler und Mussolini und wirft der islamischen Welt vor, sich im Krieg gegen die westliche Zivilisation – und damit gegen die durch das Christentum geprägte abendländische Kultur – zu befinden. Dieser Krieg werde offen – durch Terrorismus, zum Beispiel durch religiös motivierte Selbstmordattentate –, aber vor allem verdeckt geführt, indem durch muslimische Masseneinwanderung besonders die christlichen europäischen Länder unterwandert werden sollen. Diese latente Migrationspolitik bediene sich gezielt des besonders von Gunnar Heinsohn beschriebenen Phänomens des Youth Bulge. Ziel dieser langfristig angelegten Strategie sei es, den muslimischen Bevölkerungsanteil stetig zu erhöhen – wenn nötig über einen Zeitraum von etlichen Generationen –, bis in den einzelnen Ländern die Bevölkerungsmehrheit erreicht ist; wodurch politisch legal auf demokratischem Wege „das Kreuz durch den Halbmond abgelöst werden kann“. Was durch die kriegerischen Eroberungszüge des Osmanischen Reiches nicht gelungen war – nämlich die Eroberung Westeuropas und damit die Unterwerfung des Christentums –, solle nun durch die subtile Methode der „demographischen Eroberung“ nachgeholt werden. Stück für Stück werde die Scharia in einem „Marsch durch die Institutionen“ eingeführt.
Das Buch verkaufte sich in Italien ungewöhnlich schnell: Innerhalb von zwei Wochen nach der Veröffentlichung wurden über 700.000 Exemplare des italienischen Originals verkauft. Das Werk erhielt gemischte Kritiken. Der Journalist Marco Belpoliti empfand es als stilistisch gelungen, da es den Leser mitreiße und ihn an die volkstümlichen Predigten des Bernhardin von Siena erinnere; inhaltlich appelliere die Streitschrift an die „Instinkte“ von Nationalismus, Xenophobie und Chauvinismus. Lennart Laberenz hingegen kritisierte in Literaturkritik.de den Stil als „schmerzbefreite(s) Gestammel“ und urteilte: „Die distanzlos niedergeschriebenen Attacken gegen den Islam und die Verherrlichung des Patriotismus in den USA sind denn auch fühlbar aus selbstgewählter Emigration in die intellektuelle Dumpfheit geprägt.“
Die Kraft der Vernunft Die Kernaussage von Fallacis 2004 erschienenem Buch Die Kraft der Vernunft ist, dass die Gefahr einer allmählichen, schleichenden „Islamisierung“ Europas durch den „demographischen Faktor“ – der ständigen Zunahme des muslimischen Bevölkerungsanteils in den christlichen europäischen Ländern – real besteht. Ihrer Meinung nach gibt es aber trotzdem „Hoffnung“, und zwar aufgrund der „Überlegenheit“ des abendländischen Denkens: der Kraft der Vernunft. In diesem Buch wird der Islam als rückwärtsgewandt, „irrational“, demokratie- und frauenfeindlich bezeichnet und beschrieben. Fallaci erhielt, wie bereits nach ihrem vorhergehenden Werk, mehrere Morddrohungen von islamistischen Organisationen. Das Buch wurde mehrfach von Vertretern der islamischen Gemeinschaft und verschiedenen Medien wegen anti-islamischer Tendenzen kritisiert.
In Italien wurde sie schließlich von Adel Smith verklagt, dem Gründer der „Union der Muslime Italiens“. Smith rief zu Gewalt gegen Fallaci auf und wollte sie „dem Gesetz Allahs“ zugeführt sehen. Der Schwerkranken drohte eine mehrmonatige Haftstrafe wegen Verunglimpfung einer Religion. Dazu sagte sie in einem Interview: „Ich werde die Richter nicht mit meiner Präsenz beehren, das hier ist eine inakzeptable, unzulässige, unverzeihliche Causa. Schämt euch!“ (Die Kraft der Vernunft). mini|hochkant|Oriana Fallaci (1980)
Rezeption Das journalistische Wirken Fallacis hat geteiltes Echo hervorgerufen. So wurde sie als Vorkämpferin für die europäische Kultur gefeiert, von anderen als „Hasspredigerin“ bezeichnet.
Kurz nach ihrem Tod gründete sich in der Stadt Imola die Bürgerinitiative „Eine Straße für Oriana Fallaci“. Später begann die Organisation, jährlich den Oriana-Fallaci-Preis zu verleihen. Zu den Ausgezeichneten gehören Filip Dewinter (2008), Geert Wilders (2009), Tommy Robinson (2012), Vittorio Feltri (2015), Marine Le Pen und Donald Trump (2016),Marion Le Pen: “Uniamoci contro l’invasione”. A sua zia Marine il Premio Oriana Fallaci, thankyouoriana.it, abgerufen am 23. Dezember 2018. sowie zuletzt Marcello Foa (2018).Memorial Oriana Fallaci, premiato Marcello Foa. In: il Giornale vom 16. September 2018, abgerufen am 27. September 2018 (italienisch)