Die Industrial Workers of the World (IWW, deren Mitglieder oft auch als Wobblies bezeichnet werden) sind eine weltweite Gewerkschaft, deren Einfluss sich auf Nordamerika, Großbritannien, den deutschsprachigen Raum und Australien konzentriert. Weltweit zählt die IWW rund 9300 Mitglieder, 6570 in den USA 2020; Großbritannien verzeichnete 2020 mit rund 2400 Mitgliedern die größte Regionalstruktur in Europa. Im deutschsprachigen Raum (Deutschland, Österreich, Schweiz, Luxemburg) existiert eine eigenständige Sektion der IWW, die im Dezember 2006 in Köln gegründet wurde und etwa 500 Mitglieder hat (IWW-GLAMROC – German Language Area Membership Regional Organizing Committee). Die Abkürzung GLAMROC ist ein Wortspiel, dass sich auf die Musikrichtung Glam Rock bezieht. Sie hat (Stand: März 2023) allgemeine Ortsgruppen (General Membership Branches) u. a. in Bern, Bochum/Ruhrgebiet, Genf, Hamburg, Innsbruck, Leipzig, München, Salzburg, Solothurn, Vorarlberg, Wien und Zürich.
Die IWW propagiert das Konzept der „One Big Union“ und vertritt die Ansicht, dass alle Arbeiter als soziale Klasse vereint werden sollten, um Kapitalismus und Lohnarbeit durch industrielle Demokratie zu verdrängen.
Die IWW ist außerdem bekannt für das Wobbly-Shop-Modell der Arbeitsplatzdemokratie, in dem Arbeiter ihre eigenen Manager wählen und andere Formen der Basisdemokratie und Arbeiterselbstverwaltung umgesetzt werden. Die IWW verlangen von ihren Mitgliedern nicht, dass sie in einem von ihr vertretenen Betrieb arbeiten, und schließt auch die Mitgliedschaft in einer anderen Gewerkschaft nicht aus.
Die Gewerkschaft ist Mitglied der International Confederation of Labor (ICL) und von Mutual Aid Disaster Relief.
Etymologie
Die genaue Herkunft der Bezeichnung Wobbly ist unbekannt, es gibt mehrere Theorien.
Die historische IWW (1905–2000)
Gründung und Abgrenzung Die Gewerkschaft blickt auf „eine lange, angriffslustige Geschichte“ (Wall Street Journal) zurück. Gegründet auf einem Kongress am 27. Juni 1905 in Chicago von Delegierten verschiedener Einzelgewerkschaften, Sozialisten, Anarchisten und militanten Arbeiterführern, in Anwesenheit bekannter Aktivisten wie Mary Harris „Mother“ Jones und William Dudley „Big Bill“ Haywood,Howard Zinn: A People’s History of the United States. Harper Perennial, New York 2005, ISBN 0-06-083865-5, S. 329–330. unterschied sich diese Gewerkschaft in zwei Punkten wesentlich von den bis dahin verbreiteten Organisationen:
Zum einen organisierte sie insbesondere die von der traditionellen Arbeiterbewegung vernachlässigten gesellschaftlichen Gruppen: Frauen, ungelernte Arbeiter, Wanderarbeiter, asiatischstämmige Amerikaner und Afroamerikaner. Zudem wurde die IWW als Industriegewerkschaft gegründet und war damit grundsätzlich von der AFL zu unterscheiden, die sich damals noch hauptsächlich in Fachgewerkschaften organisierte. Eine Stärke der IWW war und ist die Organisation der Arbeiter als Klasse, anstatt in rivalisierenden Berufsgruppen. Des Weiteren sah die IWW Direkte Aktionen stets als wichtiges, wenn auch nicht unumstrittenes, Mittel im Arbeitskampf.
Historische Höhepunkte und Methoden Die Gewerkschaft spielte in den USA Anfang des 20. Jahrhunderts eine einflussreiche bis maßgebliche Rolle bei zahlreichen spektakulären Streiks. Der erste, der sie bekannt machte, war ein Streik der Minenarbeiter in Goldfield (Nevada). Dort arbeitete sie mit der Western Federation of Miners zusammen. Es gelang ihr, über die Minenarbeiter hinaus weite Teile der Arbeiterschaft in der damals boomenden Goldgräberstadt zu organisieren. Auch die Stadtverwaltung sympathisierte mit der Gewerkschaft. Ihr Einfluss konnte erst durch den Einsatz von Bundestruppen, die John Sparks, der damalige Gouverneur Nevadas, zu Hilfe rief, gebrochen werden. In Regionen mit hohem Organisationsgrad wie um den Lake Superior gab die IWW Tageszeitungen und Mitgliedermagazine wie den Industrial Worker heraus, betrieb Genossenschaftsläden und Lokale. Zugleich kam es bei den Streiks zu heftigen Auseinandersetzungen, teils mit Toten, so zum Beispiel dem Everett-Massaker.
Zunehmende Repression während und nach dem Ersten Weltkrieg sowie ein wachsender Einfluss der Kommunistischen Partei der USA ließen sie ab Mitte der 1920er nach mehreren Spaltungen zu einer Randerscheinung werden. Mit der Berufung des Autodidakten Howard Scott zum Forschungsdirektor und Mitglied des Technischen Komitees 1920 näherte sich die IWW aufgrund der geteilten Ziele der Arbeitszeitreduktion und Währungsalternativen zögerlich der Technokratischen Bewegung an, verwarf dieses Verhältnis nach wenigen Beiträgen Scotts jedoch weitgehend. Auf ihrem organisatorischen Höhepunkt 1923 hatte die IWW 100.000 Mitglieder, Ende der 1950er Jahre weniger als hundert.
mini|IWW-Mitglieder 1981 in Sydney
Reorganisation und Überschneidungen Einen erneuten, zunächst bescheidenen Aufschwung nahm die IWW in den USA durch die Bürgerrechtsbewegung sowie die Jugend- und Studentenrevolten der 1960er Jahre. Eine nächste Welle folgte ab 1986, als die Linke die soziale Frage wiederentdeckte, nachdem die Politik der Reagan-Regierung die rechtliche Situation der erwerbstätigen Bevölkerung verschlechtert hatte. Seit Mitte der 2000er Jahre steigen die Mitgliederzahlen nach eigenen Angaben langsam an.
Als eine verwandte Organisation im deutschsprachigen Raum können die rätekommunistische Allgemeine Arbeiter-Union Deutschlands der 1920er Jahre gelten sowie ihre Abspaltung, die Allgemeine Arbeiter-Union – Einheitsorganisation.
mini|Demonstration der IWW am 11. April 1914 in New YorkTexte und Aktionen wie legendäre Streiks aus der Blütephase der Wobblies Anfang des 20. Jahrhunderts wurden zudem ab den 1970er Jahren durch Publikationen einiger vom Operaismus inspirierter Zeitschriften wie der Karlsruher Stadtzeitung und Wildcat innerhalb der undogmatischen Linken verbreitet, allerdings ohne die organisatorischen Vorstellungen der IWW dabei besonders zu beachten.
Historische IWW-Gruppen in Deutschland – Der Internationale Seemanns-Bund Wenngleich vereinzelt und auf wenige Hafenstädte beschränkt, gab es in der Weimarer Zeit IWW-Gruppen in (damals) deutschen Küstenstädten. Dabei ragte der „Internationale Seemanns-Bund“ (eine Mitgliedsorganisation der IWW Industrial Union 510) in Danzig und Stettin heraus.
Schon vor dem Ersten Weltkrieg gab es rege Kontakte zwischen den Hamburger Linkskommunisten Fritz Wolffheim und Heinrich Laufenberg zur IWW. Der Schriftsteller und Redakteur Wolffheim hatte bereits 1912/13 in San Francisco das IWW-Organ „Vorwärts der Pacific-Küste“ herausgegeben.
Nach dem Ersten Weltkrieg kam es zu regen Propaganda-Tätigkeiten der IWW in Hafenstädten der Nord- und Ostsee. So existiert ein deutschsprachiges IWW-Flugblatt aus dem Jahre 1919,. Nachgedruckt in: Marburger Abhandlungen zur Politischen Wissenschaft, Herausgegeben von Wolfgang Abendroth Band 13, Hans Manfred Bock: Syndikalismus und Linkskommunismus von 1918–1923, Zur Geschichte und Soziologie der Freien Arbeiter-Union Deutschlands (Syndikalisten), der Allgemeinen Arbeiter-Union Deutschlands und der Kommunistischen Arbeiter-Partei Deutschlands, Meisenheim 1969, S. 355 f. das zur Mitarbeit in den neu entstehenden „Allgemeinen Arbeiter-Unionen“ aufruft. Das Wochenblatt „Der Klassenkampf“ (Redaktion: John Alexander, Chicago) wird um 1919/1920 in Hafenstädten Norddeutschlands vertrieben. Polizeiakten der Zeit erwähnen Verteilungen von IWW-Druckwerken in Bremerhaven, Hamburg, Cuxhaven und Bremen sowie Kontakte nach Hannover und Braunschweig. IWW-Mitglieder versuchten durch ihre Propaganda in den deutschen Hafenstädten sowohl Auswanderer in die USA für sich zu gewinnen – sie verteilten neben deutschem auch englisches, polnisches und russisches Agitationsmaterial –, als auch in umgekehrter Richtung eine Expansion der IWW nach Deutschland zu forcieren.
Ab 1922 gibt es Bestrebungen, eigene IWW-Ortsgruppen in deutschen Hafenstädten aufzubauen, die vor allem in Danzig und Stettin erfolgreich waren. Dort entstanden erstmals relativ stabile Gruppen, die eigene Vereinslokale unterhielten. In Hamburg existierte kurzzeitig eine IWW-Gruppe um den Bootsmann August Lemke. Organisator der pommerschen See- und Hafenarbeiter war der Maschinist und erklärte Anarchist Otto Rieger, der zuvor Vorsitzender und internationaler Sekretär der syndikalistisch orientierten Gewerkschaft Deutscher Seemansbund (DSB, später umbenannt in Deutscher Schiffahrtsbund) gewesen war.
Der Historiker Hartmut Rübner berichtet, dass Rieger im Herbst 1923 im Namen von 1000 Seeleuten den Beitritt der neu gegründeten „Internationalen Seemanns-Union“ zur IWW erklärte. Bereits im Juli 1922 hatte die „Seemanns-Union“ einen Streik von 400 Maschinisten und Schauerleuten im Stettiner Hafen durchgeführt, durch den es – mit Verstärkung der Gewerkschaften AAU und AAU-E – gelungen war, etwa 100 Schiffe mehrere Tage im Hafen festzuhalten. Um die Jahreswende 1923/24 fand ein weiterer Streik statt, bei dem – nach Angaben Riegers – bis zum 8. Februar 1924 genau 124 Schiffe mit einer Mannschaftsstärke von insgesamt 2000 Seeleuten festgesetzt werden konnten.
Die deutsche Sektion der IWW in Stettin bestand bis zu ihrer Auflösung 1933 durch den Nationalsozialismus. In den Jahren 1930–1932 erschien dort die Zeitung Der Marine-Arbeiter – Organ der deutschen Sektion der IWW.
Die aktuelle IWW (seit 2000) Grundsätze Die Präambel der IWW-Statuten ist seit 1905 verschiedentlich verändert und ergänzt worden.
Philosophie mini|hochkant|Mitgliedsausweis der IWW
Die IWW repräsentiert einen eigenständigen Strang in der Ideen- und Organisationsgeschichte der Arbeiterbewegung, der als Unionismus bezeichnet wird. Sie sieht sich als die „One Big Union“, ein Zusammenschluss der gesamten arbeitenden Klasse auf betrieblich/ökonomischer Basis. Wenngleich der Unionismus Elemente sowohl des Anarchismus, des revolutionären Syndikalismus sowie undogmatische Lesarten des Marxismus in sich aufgenommen hat, zählten zu den Mitgliedern der IWW stets Arbeiter mit verschiedensten Weltanschauungen.
Die IWW lehnt sowohl die Führungsrolle einer Partei über die Arbeiterklasse und ihre Gewerkschaften ab, wie sie von Lenin und dessen Nachfolgern propagiert und praktiziert wurde, als auch eine betrieblich/parlamentarische Arbeitsteilung zwischen Gewerkschaften und Arbeiterparteien, wie sie die sozialdemokratisch geprägte deutschsprachige Arbeiterbewegung schon vor dem Ersten Weltkrieg zur Regel machte. Nach Meinung der IWW tragen Parteien und ihre Ideologien eher zur Spaltung der arbeitenden Bevölkerung bei, als dass sie dieser irgendeinen Vorteil erbrächten. Gleichwohl ist es IWW-Mitgliedern freigestellt einer Partei anzugehören, solange sie in dieser keine Funktionärsposition einnehmen.
Von anarcho-syndikalistischen Organisationen unterscheidet sich die IWW sowohl durch eine größere weltanschauliche Offenheit als auch im organisatorischen Aufbau durch eine weitaus weniger föderalistische, also zentralere Organisationsstruktur.
Sabotage mini|hochkant|Australisches Plakat gegen die Einberufungen und freiwillige Meldungen von Arbeitern zum Militärdienst (1916)