mini|Das Nikolsburger Abc (1483), heute im Ungarischen Nationalmuseum Die ungarische Literatur des Mittelalters beginnt in der Zeit der Árpáden im 10. Jahrhundert und geht in die Renaissance über, deren Beginn in Ungarn mit dem Namen des Königs Matthias Corvinus eng verknüpft ist. Da der Großteil, etwa 99 %, der mittelalterlichen ungarischen Kodizes nicht erhalten sind, kann der Reichtum der Literatur dieser Zeit nur aus vereinzelten Werken rekonstruiert werden. Im Mittelalter war die vorherrschende Schriftsprache Latein. Die ersten ungarischsprachigen Texte gehen auf das 12. und 13. Jahrhundert zurück.
Anfänge zur Zeit der Árpáden 150px|mini|Stein aus der Kirche in Vargyas mit ungarischen Runen. Vermutlich ein Taufbecken Erhaltene Exemplare altungarischer Schrift zeugen davon, dass die Magyaren schon vor der Landnahme über eine Schrift verfügten. Daher wird vermutet, dass es auch literarische Formen gab. Die lateinische Schrift wurde erst unter der Herrschaft von König Stephan I. eingeführt. Die älteste erhaltene Darstellung der Runen mit lateinischer Entsprechung ist das Nikolsburger Abc (siehe Nikolsburg) aus dem 15. Jahrhundert. Die ungarische Literaturgeschichte beginnt im 11. Jahrhundert. Aus früherer Zeit gibt es keine erhaltenen literarischen Werke.
Rechts- und staatswissenschaftliche Literatur In der Zeit nach der Gründung des Königreichs Ungarn war das literarische Schaffen auf den Kreis der Lateinkundigen beschränkt und eng mit der Entwicklung der katholischen Kirche verbunden. Die mittelalterlichen Autoren waren meist Priester oder gehörten christlichen Ordensgemeinschaften an.
Die ungarische Literatur spielte zu Beginn des 12. Jahrhunderts auch an den ersten Universitäten Westeuropas eine Rolle. Diese wurden regelmäßig von Ungarn besucht, beispielsweise die Universitäten Padua und Bologna. Sie studierten Rechtswissenschaften, Theologie und Philosophie, hauptsächlich unter Anwendung der scholastischen Methode. Manche, wie Paulus de Hungaria unterrichteten auch selbst. Paulus gehörte zu Beginn des 13. Jahrhunderts zum Kanon der Professoren in Bologna. Alexander de Hungaria lehrte um 1300 an der Sorbonne in Paris.
Neben Priestern und Mönchen gab es eine produktive Gruppe von Schriftgelehrten, die keine klerikale Laufbahn einschlugen. Diese sogenannten deákok (Deaken) verfassten rechts- und staatswissenschaftliche Dokumente, Gesetze, und Urkunden. Diese zeichnen sich durch ebenso sorgfältige, mit rhetorischen Mitteln ausgestattete Arbeit aus wie literarische Werke derselben Zeit.
Gesetze und Regelwerke: Die nachweisbare ungarische Literatur beginnt mit dem Libellus de institutione morum ad Emericum, einem um 1015 von einem unbekannten Autor im Namen Stephans I. verfassten Regelwerk für Herzog Emmerich. Einige wichtige Namen im Zusammenhang mit Urkunden und Briefen sind: Jean de Limoges und János Uzsai, ein ungarischer Rechtsgelehrter Urkunden im Auftrag von: Ladislaus IV., Bela IV., Bela III. und Stephan V. Bekannte Briefe: De facto Ungariae Magnae von Bruder Julian enthält zwei Berichte über die Reisen von Dominikanermönchen zu dem sogenannten Land Magna Hungaria an der Wolga, der vermuteten Urheimat des Volkes. Zweck der Reise war es, dort sesshafte Magyaren aufzusuchen. Die damals noch hauptsächlich von Wolgabulgaren bewohnte Region gehört heute zu Tatarstan. Die Geschichte über die erste Reise im Jahr 1235 schrieb Ricardus, ein ungarischer Dominikaner, der am päpstlichen Hof arbeitete. Die zweite Reise beschrieb Julian selbst in Briefen an die Bischöfe von Perugia. Bela IV.: Brief an den Papst vom 11. November 1250 Erzbischof Lodomerius (Ladomér): Ladomérs Schreiben vom 8. Mai 1288, eine Erinnerungsschrift, die Anklagen gegen Ladislaus IV. enthält
Anfänge der Geschichtsschreibung mini|Die Sage von Lehel in der Ungarischen Bilderchronik Vorherrschende Gattung dieser Zeit waren die Gesta. Im 11. Jahrhundert gab es womöglich Überlieferungen der ungarischen Frühgeschichte in dieser Form. Zum vermuteten Inhalt gehörten die Herkunftssage des Hauses Árpád, die Geschichte vom Wunderhirschen und die Sage vom weißen Pferd aus der Zeit der Landnahme. Das älteste erhaltene ungarische Geschichtswerk sind die Gesta Hungarorum eines unbekannten Verfassers. Der Autor war Notar am Hof Belas III. oder Belas IV. Seine Studien schloss er wahrscheinlich in Paris ab. Dort lernte er die Gattung der erzählenden Gesta kennen, die ihm als Muster für seine Schriften diente. Die Gesta Hungarorum wurde wohl mit Hilfe früherer Aufzeichnungen angefertigt. Mit ihr wurde die Geschichte des ungarischen Adels und der Nemzetség, einer einflussreichen, auf Verwandtschaftsbeziehungen basierenden gesellschaftlichen Gruppe, bewahrt. Sie ist weiterhin eine Quelle für Volksdichtung und für die sogenannten regösénekek („Weihnachtszauberlieder“), PDF. Simon Kézai ist für eine weitere, um 1280 entstandene Chronik mit dem Titel Gesta Hungarorum bekannt, die ein zweites bedeutendes Werk der Geschichtsschreibung dieser Zeit darstellt. Kézai stützte sich auf ausländische historische Aufzeichnungen sowie auf frühere ungarische Quellen. Es beginnt mit der Geschichte von Hunor und Magor, einem Gesang über die gemeinsame Herkunft der Hunnen und Magyaren. Im ersten Buch befasst er sich mit der Geschichte der Hunnen bis zum Tod Attilas und dem Zusammenbruch seines Reichs, das zweite Buch handelt von den Magyaren vom Eintreffen im Karpatenbecken bis zum Jahr 1280. Als historisches Werk ist auch Carmen miserabile von Meister Rogerius aus den 1240er Jahren zu nennen. Dabei handelt es sich um eine rhythmische prosaische Erzählung vom Mongolensturm.
Weltliche Literatur Ein berühmtes Beispiel lateinischer Dichtung aus der Zeit der Árpáden ist Planctus destructionis Regni Ungarie per Tartaros eines unbekannten Verfassers. Das Werk ist um 1242 entstanden und stammt wahrscheinlich aus dem Umkreis von Bela IV. während dessen Flucht nach Dalmatien. Die Überfälle der tatarischen Horden werden darin als Strafe Gottes interpretiert. Gedanken aus diesem Werk blieben bis zur Zeit Nikolaus Zrinskis häufiger Bestandteil der ungarischen Dichtung.
Religiöse Literatur Hagiographie
mini|hochkant|Universitätsvorlesung in einer Darstellung aus dem 13. Jahrhundert Das Leben und die Taten von Heiligen wurden meist in Form von Legenden festgehalten. Die bekanntesten Werke stammen von den Bischöfen Hartvik und Mór. Die Legenden vom Heiligen König Stephan: Die Legende über Stephan I. liegt in drei Versionen vor: „Die kleine Legende von König Stephan, dem Heiligen“, die „Die große Legende von König Stephan, dem Heiligen“ und „Die Legende von König Stephan, dem Heiligen von Bischof Hartvik“. Es ist nur der Autor der dritten Variante bekannt. Hartvik schrieb die Legende auf ein Gesuch von Koloman nieder. Er verarbeitete die beiden bereits bestehenden Texte, die zur Heiligsprechung des Königs im Jahr 1083 geschrieben wurden. Die große Legende von 1077 enthält die Heiligsprechung noch nicht. Die kleine Legende ist im Entstehungszeitpunkt hingegen erst nach 1083 anzusiedeln. Die Legende vom Heiligen Emmerich: Die Schrift ist nach 1083 entstanden, wie es auch dem Text zu entnehmen ist. Der Verfasser tritt in der Legende als der Deak Fulko auf. Fulko zieht im Jahr 1108 oder 1116 zusammen mit Herzog Álmos nach Konstantinopel. Es gibt einen Abschnitt, der darauf hinweist, dass Bischof Hartvik Emmerich kannte. Im Zentrum stehen Emmerich und der Sohn des Heiligen Stephan. Die Legende vom Heiligen Bischof Gellért Die Legende vom Heiligen König Ladislaus Die Legende von der Seligen Ilona Die Legende vom Heiligen Andreas und Benedikt
Theologische Werke Paulus de Hungaria, der Professor aus Bologna, wurde Anhänger der Dominikaner und kehrte nach Ungarn zurück, wo sich eines der ersten dominikanischen Ausbreitungszentren befand. Im Auftrag des Ordensgründers schrieb er im Jahr 1221 die Summa de penitentia, ein Beicht-Handbuch.
Liturgie Von den liturgischen Gesängen ungarischer Verfasser zählen die meisten zu den Gattungen der Sequenz und der Hymne. Es sind Hymnen über die Heiligen Stephan, Emmerich und Ladislaus erhalten, aber auch über viele andere, wie die Heilige Elisabeth von Thüringen sowie die Heilige Margareta von Ungarn, die beide aus dem Haus Árpád stammten.
In der ungarischen Hymnendichtung spielt eine eigene Gattung eine besondere Rolle, die Historia rythmica. Diese Form ist mit sogenannten zsolozsma-Messen verbunden, die außerhalb von Kirchen abgehalten wurden. Das Wort zsolozsma (sprich: scholoschma) ist slawischen Ursprungs und bedeutet „Dienst“. Die im Rahmen dieser Messen gesungenen Texte, darunter Hymnen, Antiphonen und Responsorien wurden mit dem übergreifenden Namen Historia rythmica bezeichnet. Sie sind keine echten epischen Dichtungen, enthalten aber typischerweise erzählerische Elemente und sind durch den Bezug auf ein gemeinsames Thema inhaltlich verbunden. Auf ähnliche Weise entstanden Zusammenstellungen von größerem Umfang über einige ungarische Heilige, die meist auf schablonenhafte Weise heilige und heldenhafte Passagen aus deren Leben betonten. Vereinzelte Elemente wurden im Lauf der gregorianischen Welle in die neuen Formen übertragen. Die Hymnendichtung wuchs in Ungarn weit über den Bereich kirchlicher Liturgie hinaus und bot Form und Rahmen für weitere Dichtungen.
mini|hochkant|Originaltext der Grabrede aus dem Codex Pray (12. Jahrhundert, andere bereits aus dem frühen 13. Jahrhundert), heute im Ungarischen Nationalmuseum rechts|200px|Klagelied der Maria im Kodex von Löwen Ein wichtiges liturgisches Werk stellt auch das Corde, voce, mente pura, die Geschichte Stephans in Versform dar. Vermutlich entstand es unter der Feder eines Augustinermönchs im Auftrag des Bischofs Lodomerius. Es erzählt von den menschlichen Zügen des Königs, betont aber insbesondere den Sieg über die Heiden und stellt Stephan als mächtige heilige Persönlichkeit dar.
Anfänge religiöser Literatur in ungarischer Sprache
Die kurz als Grabrede bezeichnete Halotti beszéd és könyörgés („Grabrede und Predigt“) ist das älteste erhaltene literarische Werk in ungarischer Sprache. Sie ist im Codex Pray festgehalten, ein zwischen 1192 und 1195 entstandener Sakramentar in ungarischer und lateinischer Sprache. Der Text der Rede besteht aus zwei Teilen. Beim ersten Teil handelt es sich um eine freie Übersetzung aus dem Lateinischen, die aus 26 Zeilen aufgebaut ist. Im Buch befindet sich die Übersetzung auf der dem Original folgenden Seite. Die aus sechs Zeilen bestehende Predigt ist dagegen genau übersetzt und steht einige Seiten vor dem lateinischen Text. Insgesamt sind 190 ungarische Wörter aus dieser Zeit erhalten. Beide Texte sind Kopien einer bereits zuvor existierenden Schriftversion unbekannten Ursprungs. Die Grabrede wird heute in der Széchényi-Nationalbibliothek aufbewahrt. Die älteste erhaltene Dichtung in ungarischer Sprache ist das um 1300 entstandene Ómagyar Mária-siralom („Altungarisches Klagelied der Maria“). Dabei handelt es sich um eine Übersetzung einer lateinischen Hymne aus Frankreich. Die kunstvolle Sprache und die dichterischen Mittel weisen darauf hin, dass es sich nicht um ein alleinstehendes Werk handelt, sondern dass es im Kontext weiterer lyrischer Werke stand. Ein vergleichbares dichterisches Niveau findet sich in Ungarn erst im Kreis der Renaissance-Dichtung des 16. Jahrhunderts wieder. Der Text befindet sich im Kodex von Leuven (bzw. Kodex von Löwen). Nach einem Austausch mittelalterlicher Schriftstücke zwischen der Katholischen Universität Leuven befindet sich das Original heute ebenfalls in der Ungarischen Nationalbibliothek.
Die Blüte der mittelalterlichen Literatur (Anjou-Epoche) Seit dem 14. Jahrhundert verbreiteten sich Bücher (Kodizes) zusehends. An die Stelle des Pergaments trat nun das billigere Papier. Außerdem wurde die gotische Schrift gebräuchlich.