mini|Schauspielhaus Bochum 2019 Das Schauspielhaus Bochum an der Königsallee in Bochum, Ortsteil Ehrenfeld, gehört zu den großen und renommierten Theatern in Deutschland.Schauspielhaus Bochum: Bestes Theater der Saison Artikel vom 30. Juni 2019. Abgerufen am 23. Juli 2019.

Geschichte Vorgeschichte von 1907 bis 1919 Das unter Bauherrschaft von Clemens Erlemann, dem Entwickler des Bochumer Stadtviertels Ehrenfeld, nach den Plänen des Architekten Paul Engler 1907–1908 erbaute Varietétheater wurde zunächst bis Juni 1908 unter dem Namen Orpheum-Theater geplant, und wurde dann am 10. Oktober 1908 als Apollo-Theater eröffnet. Es war bei seiner Eröffnung im Oktober 1908 die größte Bühne des Ruhrgebiets.Dietmar Bleidick: Das Schauspielhaus Bochum (1907/08, 1914/15, 1951/53), auf: 44789.net, abgerufen am 13. November 2017. Das Haus litt aber wegen mangelnder Auslastung anhaltend unter wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Es zeigte sich, dass das von Erlemann aus nicht bekannten Gründen favorisierte Konzept eines Varietétheaters mit unterhaltsam-volkstümlichen Stücken am Publikumsgeschmack vorbeilief, wobei die mangelnde Resonanz in der Bevölkerung auch auf die miserable Akustik des Gebäudes und die schlechte Sicht auf die Bühne zurückzuführen war. Da schon nach kurzer Zeit eine zunehmende Anzahl der 2.000 Plätze freiblieb, musste Erlemann das Theater 1909 schließen und begann im Juni 1912 auf eigene Kosten mit den Arbeiten zum Umbau in eine Theaterbühne. Erlemanns finanzielle Basis erwies sich jedoch als unzureichend, sodass er wenig später Konkurs anmelden musste.

Das Theater wurde schließlich von der Stadt Bochum übernommen und 1914/1915 durch den als Theater-Spezialisten geltenden Kölner Architekten Carl Moritz vollständig umgebaut. Durch den Umbau wurden die Fassaden mit ihren Jugendstilelementen verändert und im Stil des Neoklassizismus umgestaltet.Uwe-K. Ketelsen: Ein Theater und seine Stadt. Die Geschichte des Bochumer Schauspielhauses. Köln 1999, S. 57 ff. Am 30. Dezember 1915 wurde es als Stadttheater mit einer Aufführung von Don Carlos wiedereröffnet, mit einem Gastspiel des Düsseldorfer Schauspielhaus. Da noch kein eigenes Ensemble existierte, gastierten während des Ersten Weltkriegs die städtischen Bühnen aus Düsseldorf und Essen in Bochum.

Ära Saladin Schmitt, 1919 bis 1949 mini|Das Stadttheater Bochum (ca. 1920) vor seiner Zerstörung im Zweiten Weltkriegmini|Das Stadttheater im Ehrenfeld, um 1926 Ein eigenes Schauspielensemble wurde erst mit der Berufung von Saladin Schmitt als Intendant gegründet. Die erste Aufführung mit Bochumer Schauspielern war am 15. April 1919 das Trauerstück von Grillparzer Des Meeres und der Liebe Wellen. Im gleichen Jahr wurden auch gleichzeitig die Bochumer Symphoniker gegründet.

Nach Gründung der Duisburger Oper am 25. September 1921 schloss die Stadt Bochum mit der Stadt Duisburg einen Vertrag, wonach die Schauspielaufführungen vom Schauspielhaus Bochum nach Duisburg und gleichzeitig musikalische Aufführungen der Duisburger Oper nach Bochum übernommen wurden. Der gemeinsame Generalintendant beider Häuser war Saladin Schmitt.

Unter ihm machte sich das Theater schon bald überregional als Shakespeare-Bühne einen Namen, die sich auch konsequent mit den deutschen Klassikern auseinandersetzte. Schmitt prägte mit der weitgehend werkgetreuen Inszenierung deutscher Klassiker den „Bochumer Stil“. Die Spielplangestaltung geschah auch durch Zyklen dieser Schriftsteller. So gab es 1927 und 1937 vermehrt Shakespeare, 1928 Goethe, 1932 Gerhart Hauptmann, 1936 Heinrich von Kleist, 1939 Christian Friedrich Hebbel, 1941 Christian Dietrich Grabbe und 1942 Franz Grillparzer als künstlerische Schwerpunkte.

Zu den Stars des Bochumer Ensembles dieser Zeit gehörten Gisela Uhlen und Horst Caspar. Zum Ende der Spielzeit 1934/1935 wurde die Theatergemeinschaft mit Duisburg beendet.

Die Innenräume wurden 1938 von dem Stadtbaurat Heinrich Timmermann noch einmal umgebaut. In der Zeit wurde auch eine „Führerloge“ eingebaut.

Saladin Schmitt sorgte auch für die Gründung der Bochumer Schauspielschule. Sie wurde am 26. April 1939 während einer Friedrich-Hebbel-Woche unter der Anwesenheit des Präsidenten der Reichstheaterkammer, Ludwig Körner, eröffnet. Schmitt als Intendant war auch nominell der Leiter, übertrug diese Aufgabe aber dem Ensemblemitglied Willi Busch.

Anfang September 1944 wurden aufgrund einer Anordnung Görings alle Schauspieler, Musiker und weitere Beschäftigte von Kultureinrichtungen dazu verpflichtet, sich „für eine kriegswichtige Beschäftigung zur Verfügung“ zu stellen, das Schauspielhaus musste seinen Betrieb einstellen. Das Gebäude selbst wurde bei einem Luftangriff der Royal Air Force auf Bochum am 4. November 1944 bis auf die Grundmauern zerstört, wobei auch das Magazin, die Bibliothek und die Werkstätten vernichtet wurden.Verwaltungsbericht der Stadt Bochum 1938–1948, S. 8, 191.

Schon am 17. Dezember 1945 wurde im Stadtpark-Restaurant, dem sogenannten „Parkhaus“, im Stadtpark Bochum, das erste Theaterstück gespielt. Es war Grillparzers Weh dem, der lügt!. An dem Ort fanden bis zum Wiederaufbau des Theaters 1953 der Spielbetrieb statt.

Ära Hans Schalla, 1949 bis 1972 mini|Schauspielhaus Bochum 2007Zwischen Sommer 1951 und Herbst 1953 entstand auf den alten Fundamenten das heutige Bochumer Schauspielhaus nach den Entwürfen des Architekten Gerhard Graubner. Das unter Denkmalschutz stehende heutige Theatergebäude erhielt die Plakette „Als vorbildliches Bauwerk seiner Zeit ausgezeichnet. (1945–1957)“, die an der Fassade zur Königsallee hängt. Den Zuschauerraum des Schauspielhauses konzipierte Graubner nach dem Vorbild des antiken griechischen Theaters mit stark ansteigenden halbrunden Zuschauerreihen, einem ebenfalls halbrunden Rang und einigen wenigen Logen. Ferner rückte das Spiel näher an den Zuschauer heran, da der Eiserne Vorhang erstmals in einem deutschen Theater halbrund und vor der Vorderbühne angelegt wurde. Bühnenbilder können so bis zur Bühnenrampe gestaltet werden. Nierenförmig angelegte Rauchersalons, Bar- und Garderobenbereiche, aber auch Balkone sind ebenso stilprägend wie die berühmten Bochumer „Tulpenlampen“ der Bochumer Lampenfirma Schumacher (Wand- und Deckenleuchten in floraler Form), Kronleuchter, Nierentische und geschwungene Sofas als typisches Interieur der 1950er-Jahre. Der Neubau ist herausragendes Zeugnis deutscher Nachkriegsarchitektur und eines der Wahrzeichen der Stadt.

Die vielbeachtete Eröffnung des Neubaus erfolgte am 23. September 1953. In der Tradition des Hauses wurde als erstes Stück Richard III. von Shakespeare gespielt, mit Hanns Ernst Jäger in der Hauptrolle.Westfälische Rundschau, 24. September 1953 Seit der Eröffnung wird das Haus als Schauspielhaus Bochum bezeichnet.

Nach Graubners Plänen entstanden rund ein Jahrzehnt später in direkter Nachbarschaft des Schauspielhauses auf dem Gelände des im Krieg zerstörten Adelssitzes Haus Rechen aus dem 15. Jahrhundert auch die Kammerspiele Bochum, die im Oktober 1966 eröffnet wurden, mit einer Zuschauerkapazität von 410 Plätzen gebaut.

Intendant Hans Schalla vermehrte ab 1949 den Ruhm der Shakespeare-Bühne durch zahlreiche Shakespeare-Inszenierungen. Gleichzeitig etablierte er in den 1950er- und 1960er-Jahren Stücke moderner Autoren durch stilistisch ausgefeilte Inszenierungen. Schwerpunkte waren u. a. Festwochen mit amerikanischer, französischer und englischer Gegenwartsdramatik (z. B. von Arthur Miller, Thornton Wilder, Tennessee Williams, Robert E. Sherwood, Samuel Beckett, Jean Paul Sartre, Henry de Montherlant, Jean Anouilh, Eugène Ionesco, Georges Schehadé, …). Hans Schalla und sein über mehr als zwei Jahrzehnte am Schauspielhaus wirkender Bühnen- und Kostümbildner, Ausstattungsleiter, Regisseur und stellvertretender Intendant Max Fritzsche entwickelten gemeinsam den „Bochumer Stil“.Sinn und Sinne, Max Fritzsche wird achtzig. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 19. Juli 1986. Dieser machte das Schauspielhaus über Deutschlands Grenzen hinweg berühmt.Andreas Rossmann: Der Stilpartner. Bochumer Höhe: Zum Tode des Bühnenbildners Max Fritzsche. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 26. Oktober 1999. Charakteristisch für den „Bochumer Stil“ ist eine verknappte, nachexpressionistische Spielweise in Räumen von analytischer Klarheit, welche die geistige Dimension sinnlich fassbar machten.Schauspielhaus Bochum, Germanistisches Institut der Ruhr-Universität, Theatersammlung Kurt Dörnemann: Max Fritzsche – Regisseur, Bühnen- und Kostümbildner, Arbeiten von 1929–1977 (Einführungstext zur am 28. März 1992 eröffneten Ausstellung).

Zahlreiche Einladungen zu Gastspielen ins In- und Ausland, u. a. nach Paris, Venedig und Berlin, zeugen vom Ruf dieses Theaters. Die Aufführung von Sartres Der Teufel und der liebe Gott beim III. Festival de Paris 1956 wurde zu einem triumphalen internationalen Erfolg.Le Temps de Paris 1956, Le Parisien Libéré 1956. In: Broschüre Schauspielhaus Bochum – III. Festival de Paris 1956. Stars wie Bernhard Minetti, Hannes Messemer, Rolf Boysen, Eva Katharina Schultz, Rosl Schäfer, Rolf Henniger, Claus Clausen, Manfred Heidmann, Rolf Schult und viele andere waren am Schauspielhaus engagiert.

1972 bis 2000 Auf Hans Schalla folgte Peter Zadek, der seine erste Spielzeit als Intendant mit der großen Revue Kleiner Mann – was nun? von Hans Fallada eröffnete. Bei Zadek inszenierte Rainer Werner Fassbinder Liliom von Ferenc Molnár, Rosa von Praunheim Menschen im Hotel von Vicki Baum, und Werner Schroeter brachte eine Salomé von Oscar Wilde fast opernartig auf die Theaterbühne. Zadek selbst inszenierte 1972 Der Kaufmann von Venedig von Shakespeare, 1973 Die Möwe von Anton P. Tschechow, 1974 Eiszeit (Tankred Dorst), 1974 König Lear von Shakespeare, 1976 Frühlings Erwachen von Frank Wedekind (mit Herbert Grönemayer). Schauspieler waren u. a. Hannelore Hoger, Rosel Zech, Ulrich Wildgruber, Hermann Lause, Fritz Schediwy und Herbert Grönemeyer. 1972 eröffnete Peter Zadek unter dem Zuschauerraum des großen Hauses eine dritte, kleinere Spielstätte für Studioproduktionen, das „Theater Unten“.

Von 1972 bis 1975 war Zadek alleiniger Generalintendant. Danach wurde auf sein Drängen ein Dreier-Direktorium mit Lew Bogdan (Schauspieldirektor) und Rolf Paulin (Verwaltungsdirektor) eingerichtet. Ende 1976 verkündete Zadek, dass er zum 1. Februar 1977 auf eigenen Wunsch das Direktorium verlasse, aber noch seinen Regieverpflichtungen für 1977 nachkommen wolle. Nach seinem Abgang leiteten Bogdan und Paulin die nächsten zwei Jahre das Theater alleine. Zum Abschied brachte Zadek 1977 noch zwei seiner beeindruckendsten Arbeiten auf die Bühne: Hedda Gabler von Henrik Ibsen (mit Rosel Zech) und Hamlet von Shakespeare (mit Ulrich Wildgruber). Die viel beachtete Inszenierung von Hamlet fand in einer ehemaligen Fabrikhalle in Bochum-Hamme statt.

mini|Kammerspiele BochumEine weitere Blütezeit erreichte das Schauspielhaus unter der Intendanz von Claus Peymann ab 1979. Sein Bochumer Ensemble mit Schauspielern wie Gert Voss, Kirsten Dene, Martin Schwab oder Traugott Buhre galt als innovativstes Theater der Bundesrepublik. In der leer stehenden Fabrik Heintzmann wurde im Dezember 1979 Die Heilige Johanna der Schlachthöfe aufgeführt. Anfang des Jahres 1982 war die Halle Schaupunkt einer der größten Hausbesetzungen in der Bochumer Geschichte. In die Ereignisse um die Hausbesetzer mischte sich Peymann auch ein. Im November 1982 inszenierte er Kleists Hermannsschlacht in einer neuen Interpretation. Die Aufführung fand in ganz Deutschland und bei europäischen Theaterfestivals große Beachtung. Weiterhin gab es zahlreiche Ur- und Erstaufführungen, so von Thomas Bernhard, Heiner Müller und Herbert Achternbusch.