Die Physica (lateinisch auch Liber simplicis medicinae, „Buch der einfachen Arzneimittel“) ist ein naturkundliches Werk der Äbtissin Hildegard von Bingen (1098–1179). Es entstand etwa zwischen 1150 und 1160. Ursprünglich bildete die Naturkunde zusammen mit der Heilkunde Hildegards, den Causae et curae, die Schrift Liber subtilitatum diversarum naturarum creaturarum („Das Buch von den Geheimnissen der verschiedenen Naturen der Geschöpfe“). Eine Auftrennung fand bereits im frühen 13. Jahrhundert statt.Natur- und Heilkunde: Hildegard von Bingen – Werk und Wirken. Abtei St. Hildegard. Aus dieser Zeit stammen auch die ältesten überlieferten Handschriften, die bei gleichem Kapitelumfang einen etwa doppelt so langen Text gegenüber den späteren Zeugen enthalten. Für die Drucke im 16. Jahrhundert mit dem heute geläufigen Titel wurde der Inhalt intensiv bearbeitet. Seit dem Spätmittelalter wurden einzelne Passagen auch auf Deutsch tradiert.

Aufbau Das Werk besteht aus neun Büchern, die nach dem Vorbild anderer Naturenzyklopädien der Zeit strukturiert sind und in der Natur anzutreffende belebte und unbelebte „Geschöpfe“ beschreiben. So enthält die Physica auch zahlreiche Lemmata zu Pflanzen, Tieren oder Mineralien, denen Hildegard keinerlei medizinischen Nutzen zuschreibt und zum Teil sogar von deren Anwendung bei Mensch und Tier abrät. Ein Nachweis der von Hildegard verwendeten Quellen gestaltet sich schwierig, auch wenn seit dem 19. Jahrhundert antike Autoritäten wie Plinius der Ältere und Dioskurides postuliert werden.Alina Graz: Hildegard von Bingens 'Physica'. Untersuchungen zu den mutmaßlichen Quellen am Beispiel der Heilanwendungen exotischer und ausgewählter heimischer Gewürzpflanzen. Dissertation, Julius-Maximilians-Universität Würzburg 2020. Zahlreiche Anwendungen könnten der Volksmedizin entstammen.Hildegard von Bingen. Bayerischer Rundfunk, 16. April 2014. Reiner Hildebrandt konnte nachweisen, dass Hildegard sich hinsichtlich der Stichwörter ihrer Naturkunde am Summarium Heinrici in beiden Fassungen orientierte.Reiner Hildebrandt: Summarium Heinrici: Das Lehrbuch der Hildegard von Bingen. In: Reiner Hildebrandt, Ernst Bremer (Hrsg.): Stand und Aufgaben der deutschen Dialektlexikographie: II. Brüder-Grimm-Symposion zur Historischen Wortforschung. Beiträge zu der Marburger Tagung vom Oktober 1992. De Gruyter, Berlin u. a. 1996, ISBN 3-11-014464-6, S. 89–110.Reiner Hildebrandt: Historische deutsche Wortgeographie und Dialektlexikographie. Eine Fallstudie zum Wortschatz der Hildegrad von Bingen. In: Dialectologia et Geolinguistica. 1998, Heft 6, S. 43–54.

De Plantis („Über die Pflanzen“, auch Liber de herbis), beschreibt in 217 Kapiteln Kräuter und Grundnahrungsmittel. De Elementis („Über die Elemente“), enthält 14 Kapitel und als einziges Buch keine Vorrede. De Arboribus („Über die Bäume“), beschreibt in 58 Kapiteln und 6 vorangestellten Zusätzen Bäume und Sträucher. De Lapidibus („Über die Steine“), enthält 27 Kapitel. De Piscibus („Über die Fische“), enthält 36 Kapitel. De Avibus („Über die Vögel“), enthält 75 Kapitel. De Animalibus („Über die Tiere“), enthält 43 Kapitel zu Landtieren. De Reptilibus („Über die Reptilien“), enthält 18 Kapitel zu Kriechtieren. De Metallis („Über die Metalle“), enthält 9 Kapitel.

Die Pflanzen Die Physica befasst sich vor allem mit den Heilkräften von Pflanzen, aber auch mit denen von Tieren und Edelsteinen. Hildegard beschreibt im ersten Buch erstmals die medizinische Verwendung unter anderem von Ringelblume, MariendistelTobias Niedenthal: Wie die Heilkunst in die Klöster kam. In: Rudolf Walter (Hrsg.): Gesundheit aus Klöstern. Verlag Herder, Freiburg im Breisgau 2013, ISBN 978-3-451-00546-6, S. 7. und Arnika. Die insgesamt 217 Kapitel vereinen sowohl Heilpflanzen als auch Küchenkräuter und Grundnahrungsmittel. Hildegard verwendet neben lateinischen Bezeichnungen zahlreiche rheinfränkische Dialektwörter.Reiner Hildebrandt: Historische deutsche Wortgeographie und Dialektlexikographie. Eine Fallstudie zum Wortschatz der Hildegard von Bingen. In: Dialectologia et Geolinguistica. 6 (1998), S. 43–54; Reiner Hildebrandt, Thomas Gloning (Hrsg.): Physica. Liber subtilitatum diversarum naturarum creaturarum. Bd. 3: Kommentiertes Register der deutschen Wörter. De Gruyter, Berlin/Boston 2014. Die eindeutige botanische Identifizierung der Pflanzen ist daher bis heute nur in Teilen gesichert und Gegenstand laufender Forschung.Irmgard Müller: Die pflanzlichen Heilmittel bei Hildegard von Bingen. Otto Müller Verlag, Salzburg 1982; Irmgard Müller: Die pflanzlichen Heilmittel bei Hildegard von Bingen. Heilwissen aus der Klostermedizin. Herder, Freiburg im Breisgau 2008.Christine Mayer-Nicolai: Arzneipflanzenindikationen gestern und heute: Hildegard von Bingen, Leonhart Fuchs und Hagers Handbuch im Vergleich. Deutscher Wissenschafts-Verlag, Baden-Baden 2010; Alina Graz: Hildegard von Bingens „Physica“. Untersuchungen zu den mutmaßlichen Quellen am Beispiel der Heilanwendungen exotischer und ausgewählter heimischer Gewürzpflanzen. Dissertation, Julius-Maximilians-Universität Würzburg 2020.

Die Mischung aus lateinischen und volkssprachlichen Namen hat in der Überlieferungsgeschichte immer wieder zu Missverständnissen geführt. So wurde im Mittelalter mit Solidago nicht die Goldrute, sondern der Beinwell bezeichnet; entsprechend lassen sich „Goldrutentees nach Hildegard“ aus ihrem Werk nicht belegen.Klostermedizin: Altes Heilwissen erforscht. Informationsdienst Wissenschaft, 20. Oktober 2009. Auch die Hildegard teils zugesprochene Beschreibung der Melisse in Kapitel 59 des ersten Buches beruht auf einem Irrtum: Die bei ihr Binsuga (von „Biene“ und „Saugen“) genannte Pflanze wurde bereits im 19. Jahrhundert als Weiße Taubnessel identifiziert.Julius Berendes: Die Physica der heiligen Hildegard. Sonderdruck der Pharmazeutischen Post, Wien 1897, S. 28. Hintergrund ist wahrscheinlich die ähnliche Bedeutung der Namen Binsuga und des Immenblatts (Imme = Biene), dessen lateinische Bezeichnung Melittis melissophyllum der Melisse (Melissa officinalis) ähnelt. Nachweisbar ist die Melisse in Europa erstmals im Circa instans, das nahezu zeitgleich mit Hildegards Physica in der Schule von Salerno entstand; auch im Kanon der Medizin (um 1170 ins Lateinische übersetzt) kommt sie vor. Als Urheber der späteren Vermischung von Binsuga und Melisse gilt Vinzenz von Beauvais, der Mitte des 13. Jahrhunderts in seinem Speculum naturale ein Kapitel De Melissa et Melissophillo überschreibt.Thomas Richter: Melissa officinalis L. – Ein Leitmotiv für 2000 Jahre Wissenschaftsgeschichte. Königshausen & Neumann, Würzburg 1998, ISBN 3-8260-1645-9.

Der Umgang der modernen Ratgeberliteratur mit Hildegards Pflanzen weicht oft deutlich von den Ergebnissen dieser quellenkritischen Arbeiten ab. In der esoterisch geprägten „Hildegard-Medizin“ werden Hildegard pauschal zahlreiche Teerezepte, Kuren und Diäten zugeschrieben, die sich in der Physica nicht nachweisen lassen; einzelne Pflanzen wie Goldrute oder Dinkel werden dabei zu Symbolträgern stilisiert. Evangelische Kirche in Deutschland, 29. Juli 2011.Johannes Gottfried Mayer, Tobias Niedenthal: Hildegard – ein Mythos? In: Deutsche Heilpraktiker-Zeitschrift. 13 (2018), Heft 4, S. 60–63.Tobias Niedenthal: Klostermedizin – Von Monte Cassino nach Bingen. In: Spektrum der Wissenschaft. 7 (2019), S. 72–78.Tobias Niedenthal: Ein mittelalterliches Multitalent – Hildegard von Bingen (1098–1179). In: Jana Jünger u. a. (Hrsg.): Heilkunst Reloaded. Medizingeschichten von Entdeckergeist, Mut und Gestaltungskraft. MWV Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, Berlin 2023, S. 58–61. Teerezepte sind für Hildegard und andere Autoren der Zeit vielmehr untypisch; überwiegend nennt sie Weine, Pulver, Salben oder Bäder. Selbst der stark mit Hildegard verknüpfte Dinkel spielt in der Physica nur eine untergeordnete Rolle: Die Äbtissin lobt ihn zwar als „bestes Getreide“, überliefert jedoch lediglich ein einziges, einfaches Rezept für eine Dinkelsuppe für Schwerkranke.Tobias Niedenthal: Klostermedizin: Von Monte Cassino nach Bingen. Gewidmet Johannes Gottfried Mayer. In: Medizin im Mittelalter. Zwischen Erfahrungswissen, Magie und Religion. (= Spektrum der Wissenschaft. Spezial: Archäologie Geschichte Kultur. Bd. 2.19), 2019, S. 34–40, hier S. 36. Demgegenüber ist der Weizen deutlich prominenter: Der Umfang des Weizenkapitels ist im Vergleich zum Dinkelkapitel etwa drei- bis viermal so groß, und wo Hildegard ein Mehl näher bestimmt, meint sie durchgehend Weizenmehl.Ernährungslehre Hildegards: Der Weizen. Forschergruppe Klostermedizin.

Seit 1982 liegt mit Irmgard Müllers Monographie Die pflanzlichen Heilmittel bei Hildegard von Bingen eine systematische, immer wieder aufgelegte Darstellung von 101 bei Hildegard genannten Pflanzen und ihrer Anwendungen vor. Auf dieser Grundlage und mit Hilfe der textkritischen Edition durch Reiner Hildebrandt und Thomas Gloning 2010 wurden die Pflanzenkapitel seither sowohl hinsichtlich ihrer historischen Indikationen als auch in Beziehung zu modernen Arzneibüchern und Monografien untersucht, etwa im Vergleich mit Leonhart Fuchs und Hagers HandbuchChristine Mayer-Nicolai: Arzneipflanzenindikationen gestern und heute: Hildegard von Bingen, Leonhart Fuchs und Hagers Handbuch im Vergleich. Deutscher Wissenschafts-Verlag, Baden-Baden 2010. sowie im Hinblick auf mutmaßliche antike und hochmittelalterliche Quellen, insbesondere bei exotischen Gewürzen.Alina Graz: Hildegard von Bingens „Physica“. Untersuchungen zu den mutmaßlichen Quellen am Beispiel der Heilanwendungen exotischer und ausgewählter heimischer Gewürzpflanzen. Dissertation, Julius-Maximilians-Universität Würzburg 2020. Neuere Arbeiten knüpfen hier an und diskutieren zugleich kritisch die Rezept- und Pflanzenbilder der modernen Hildegard-Rezeption.

Nachwirkung Physica und Causae et curae sind nicht in der Gesamtausgabe der Werke Hildegards enthalten, die noch zu ihren Lebzeiten bzw. kurz nach ihrem Tod erarbeitet wurde („Rupertsberger Riesenkodex“). Die Schriften werden jedoch in ihrer Vita in im Zusammenhang mit ihrer Heiligsprechung im 13. Jahrhundert erstellten AktenBernhard Schnell: Der deutsche „Macer“: Vulgatfassung. Mit einem Abdruck des lateinischen Macer floridus ‘De viribus herbarum’ kritisch herausgegeben (= Texte und Textgeschichte. Würzburger Forschungen. Band 50). Niemeyer, Tübingen 2003, ISBN 3-484-36050-X, S. 46. erwähnt. Mehrere Abschriften sind überliefert, wobei die erste aus dem 13. Jahrhundert, die letzte aus dem 15. Jahrhundert stammt.Mayer-Nicolai 2010. Der älteste bekannte Textzeuge ist ein 2014 entdecktes Fragment mit zwei Sequenzen (Kapitel 82 bis 84 sowie 86 bis 96) aus dem ersten Buch über die Pflanzen (Signatur: Fragment aus E II 55 8°, Trier). Michael Embach datierte es 2016 „in der ersten Hälfte oder im ersten Viertel des 13. Jahrhunderts“.Michael Embach: Ein neuentdeckter Textzeuge der Physica Hildegards von Bingen. Das Trierer Fragment aus E II 55 8°. In: Hanns Peter Neuheuser, Ralf M. W. Stammberger, Matthias M. Tischler (Hrsg.): Diligens Scrutator Sacri Eloquii: Beiträge zur Exegese- und Theologiegeschichte des Mittelalters. Festgabe für Rainer Berndt SJ zum 65. Geburtstag. Aschendorff, 2016, S. 489–506.

Das Buch zu den Pflanzen wurde noch im Mittelalter ins Mittelhochdeutsche übersetzt und mit weiteren Inhalten (Macer floridus, Circa instans) zu einem Kräuterbuch kompiliert, das heute als Speyrer Kräuterbuch bekannt und in drei Handschriften erhalten ist. Johann Wonnecke von Kaub verwendete es für seinen Gart der Gesundheit (Mainz, 1485).Peter Riethe: Hildegards von Bingen „Liber simplicis medicinae“ im Mainzer Gart der Gesundheit. In: Sudhoffs Archiv 89 (2005) S. 98–119.