mini|hochkant=1.2|Karte von Heringsdorf mit den Ortsteilen Ahlbeck und Bansin und dem benachbarten Swinemünde/Świnoujście in Polen

Das Ostseebad Heringsdorf ist eine amtsfreie Gemeinde und ein Seebad auf der Insel Usedom im Landkreis Vorpommern-Greifswald (Mecklenburg-Vorpommern). Es entstand 2005 durch die Fusion der Gemeinden Ahlbeck, Heringsdorf und BansinOffizielle Website Heringsdorf, Abschnitt Wissenswertes: „Im Jahr 2005 fusionierten die Kaiserbäder Ahlbeck, Bansin und Heringsdorf mit ihren Ortsteilen Gothen, Bansin-Dorf, Alt- und Neu-Sallenthin sowie Sellin und sind damit die größte Ostseebad-Gemeinde in Mecklenburg-Vorpommern.“ und bildet mit dem polnischen Świnoujście (Swinemünde) den Schwerpunkt des Tourismus im Osten Usedoms.

Die benachbarten Seebäder Ahlbeck, Heringsdorf und Bansin wuchsen im Laufe der Zeit derart zusammen, dass sie im 20. Jahrhundert auch als „Die drei Schwestern“ bezeichnet wurdenBernd Wurlitzer: Mecklenburg-Vorpommern. Von der Ostseeküste mit ihren Hansestädten und den Inseln Rügen und Usedom bis zur Seenplatte. DuMont Reiseverlag, Ostfildern 1996 (8. Auflage 2011), ISBN 978-3-7701-3849-4, S. 305.. Sie sind mit Swinemünde über eine zwölf Kilometer lange Strandpromenade verbunden.

Der feine, durchschnittlich 40 m breite Sandstrand zieht sich insgesamt 42 km von Swinemünde über das Ostseebad Heringsdorf mit seinen Ortsteilen Ahlbeck, Heringsdorf und Bansin, bis nach Peenemünde.Online

Die „Kaiserbäder“ sind geprägt durch sehenswerte Ensembles der Bäderarchitektur, die oftmals Hotels und Ferienwohnungen beherbergen. In den Dorfkernen der Ortsteile und häufig etwas abseits der Ostseeküste, sind alte und neue traditionelle Reetdachhäuser verbreitet.

2015 wurde mit dem Kur- und Heilwald Heringsdorf der erste Kur- und Heilwald Europas eingeweiht. (abgerufen am 17. September 2018).

Geographie Lage Die Gemeinde Ostseebad Heringsdorf liegt im Osten der Insel Usedom an der Grenze zum polnischen Inselteil, zwischen der Ostsee im Nordosten, dem Schmollensee und Gothensee im Südwesten und dem Wolgastsee im Süden. Die Geografie der drei Orte wird von ihrer Lage zwischen der Ostsee und den Seen bestimmt. Die bebauten Ortsteile liegen auf einer Höhe von etwa .

Heringsdorf bildet für seine Umgebung ein Grundzentrum. - zentralörtliche Gliederung mit Ober-, Mittel- und Grundzentren, abgerufen am 12. Juli 2015 Die Ausstattung der benachbarten Stadt Swinemünde kommt einem Mittelzentrum gleich.

Nördlich von Bansin erstreckt sich ein 600 Hektar großes Mischwaldgebiet mit den drei Erhebungen Langer Berg und Platter Berg mit jeweils und dem Schäferberg mit . Südwestlich von Heringsdorf erhebt sich der Präsidentenberg in einem etwa 225 Hektar großen Mischwald. Zwischen der südlichen Gemeindegrenze am Wolgastsee, der Staatsgrenze zu Polen und der Ostsee befindet sich ein weiteres Misch- und Nadelwaldgebiet von 550 Hektar mit der höchsten Erhebung der Gemeinde, dem Zirowberg mit . Direkt südlich des Ortes Ahlbeck erstreckt sich ein 110 Hektar großes Feuchtwiesengebiet mit einer Höhe von , das von der Beek in den Gothensee entwässert wird.

Gemeindegliederung Zur Gemeinde gehören folgende OrtsteileHauptsatzung der Gemeinde Ostseebad Heringsdorf (PDF; 1,4 MB). und Wohnplätze:

Geschichte Heringsdorf Gründungsphase

Mit dem Westfälischen Frieden von 1648 geriet Vorpommern und somit auch die Gemeindegegend unter schwedische Herrschaft, nachdem sie vorher zum Herzogtum Pommern gehört hatte. Nach dem Frieden von Stockholm vom 1. Februar 1720 wurde die Insel Usedom preußischer Besitz. Nach den Verwaltungsreformen von 1815 bis 1817 kam die Umgebung zum Regierungsbezirk Stettin der preußischen Provinz Pommern und gehörte von 1817 bis 1945 zum Landkreis Usedom-WollinGrundriß zur deutschen Verwaltungsgeschichte 1818–1945. Reihe A: Preußen, Bd. 3: Pommern, Marburg/Lahn 1975, S. 9, 26, 47..

Georg Bernhard von Bülow (1768–1854) hatte 1817 zusammen mit seinem Bruder Ernst Gottfried das Rittergut Gothen, dessen Ländereien sich bis an die Ostsee erstreckten, aus der Konkursmasse des Mellenthiner Gutes erworben. Ab 1818 ließ er zwischen Ahlbeck und Neukrug eine kleine Siedlung mit einer Heringspackerei anlegen. 1820 besuchte König Friedrich Wilhelm III. auf seiner Antrittsreise in das seit 1815 zu Preußen gehörende Neu-Vorpommern am 6. Juni Swinemünde und auf der Weiterreise nach Stralsund am 7. Juni die Heringspackerei des Herrn von Bülow. Hier hatten zwei Tage zuvor schon seine Söhne Wilhelm (der spätere Kaiser Wilhelm I) und Carl Station gemacht und Herr von Bülow stellte in ihrem Beisein „eine Tafel mit diesem Namen“ (Heringsdorff) vor dem Packhaus auf. Als König Friedrich Wilhelm III zwei Tage später die neue Kolonie mit Heringspackerei besuchte, äußerte er „… und finde den Nahmen, welchen meine Prinzen gegeben haben, sehr angemessen“.Karin Buchholz, Brigitte Fürhoff: „...und finde den Namen sehr angemessen“, sagte der König in Heringsdorf, 2024, ISBN 978-3-00-079315-8, S. 28–33 Am 12. Juni 1820 beantragte Georg von Bülow den Namen für die neue Kolonie beim Innenministerium in Berlin, schon am 31. Juli wurde der Name im Amtsblatt öffentlich gemacht.Amtsblatt der Königlichen Regierung zu Stettin, No 30 vom 31. Juli 1820

Durch Ausholzung des küstennahen Waldbestandes hatte sich ein reizvoller Blick auf die Ostsee eröffnet. Bülow hatte ab 1818 etwa 50 Morgen seiner Ländereien parzellieren lassen. Außer für die Fischerkolonie wurden Grundstücke für den Bau von repräsentativen Villen verkauft, vornehmlich an wohlhabende Berliner. Georg Bernhard von Bülow selbst ließ drei Logierhäuser, ein Gesellschaftshaus und ein Warmbad errichten. 1825 begann der Badebetrieb mit der Eröffnung des heute Weißes Schloss genannten Logierhauses als erstem Gästequartier auf dem Kulm, einer sandigen Erhebung oberhalb der Küste. Bülow ließ auch die Seebadeanstalt anlegen.Berghaus, Heinrich: Landbuch des Herzogtums Pommern und des Fürstentums Rügen. Teil II, Band 1, Anklam 1865, S. 473 (Online)Dirk Schleinert: Die Geschichte der Insel Usedom. Hinstorff Verlag, Rostock 2005, S. 130. ISBN 3-356-01081-6.

Blüte als Seebad

Zu den prominenten Hausbesitzern in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gehörten der Schriftsteller Willibald Alexis, der Schauspieler Eduard Devrient und der Rechtshistoriker Clemens Klenze.Wilhelm Ferdinand Gadebusch: Chronik der Insel Usedom. W. Dietze, Anklam 1863, S. 211. (Online). Heinrich Laube schrieb 1837 in seinen Neuen Reisenovellen: Heinrich Laube: Neue Reisenovellen. Bd. 1, Heinrich Hoff, Mannheim 1837, S. 78–79. (Online). Im Jahr 1846 gab die Zeichnerin Wilhelmine Auguste von Schack ein Album mit Zwölf Ansichten von Heringsdorf nach der Natur gezeichnet heraus, die vom Wilhelm-Schirmer-Schüler Carl Julius Henning lithographiert wurden und recht weite Verbreitung fanden.Stefan Pochanke: Das Seebad Heringsdorf zur Biedermeierzeit in den Zeichnungen der Wilhelmine von Schack, Bad Oldesloe 2020, ISBN 978-3-9818526-8-4. 1848 erhielt der Ort eine eigene Kirche. mini|Nauen’sche Villa (Lithographie nach Wilhelmine von Schack)

1851 verkaufte Georg Bernhard von Bülow seinen insgesamt 800 Hektar umfassenden Besitz an Louis von Treskow (1799–1865). Nachdem dieser in die Infrastruktur und Vergrößerung der Badeanstalt investiert hatte, verkaufte er bereits 1856 an Hermann Weichbrodt, der 1860 Konkurs anmelden musste.Ostsee-Zeitung und Börsen-Nachrichten der Ostsee, 27. April 1860 1861 ersteigerte die Reichsgräfin Charlotte zu Stolberg-Wernigerode aus dem Hause PeterswaldauNeue Stettiner Zeitung, 24. Dezember 1861 Gothen mit Heringsdorf.

Ein Höhepunkt des Fremdenverkehrs war 1866 der Aufenthalt der preußischen Kronprinzessin Victoria mit ihren vier Kindern in der Villa Stolberg (dem späteren Weißen Schloss) vom 2. Juli bis 10. August 1866, dem sich ihr Gatte, der Kronprinz Friedrich für die letzten sechs Tage anschloss.Die Korrespondenz des preußischen Kronprinzenpaares Friedrich Wilhelm und Victoria in Kriegszeiten 1866, 2025, ISBN 978-3-7319-1453-2, S. 161–309 Da im folgenden Jahr die verwitwete Reichsgräfin Stolberg-Wernigerode ihr Haus selbst nutzen wollte, wandte sich die königliche Familie für fast drei Jahrzehnte von Heringsdorf ab.Eckhard Oberdörfer: Vorpommern-Greifswald. Ein Reise- und Lesebuch. Edition Temmen, Bremen 2013, S. 208. ISBN 978-3-8378-3002-6.

1868 erhielt die Heringsdorfer Badedirektion die Erlaubnis zur Erhebung einer Kurtaxe.Albert Weiß: Die Ostsee-Badeorte des Regierungsbezirks Stettin. Mitzlaff, Rudolstadt 1881, S. 70f. 1871 erwarben die Brüder Hugo und Adelbert Delbrück knapp 800 Morgen Wald und Dünengelände am Strand sowie mehrere Häuser von der Reichsgräfin zu Stolberg-Wernigerode. 1872 gründeten sie die Aktiengesellschaft Seebad Heringsdorf, die in den folgenden Jahren für die Wandlung und den Aufschwung Heringsdorfs zum exklusiven Badeort sorgte. Kamen die Badegäste bis dahin vor allem aus der bürgerlichen Mittelschicht, entwickelte sich der Ort jetzt zu einem Anziehungspunkt der politischen und gesellschaftlichen Spitzen, unter denen sich viele jüdische Familien befanden. Als Dominante des Seebades wurde von 1871 bis 1903 in verschiedenen Bauabschnitten das Hotel „Atlantic“ errichtet, das in den 1920er Jahren unter dem Namen „Kaiserhof Atlantic“ u. a. vom Berliner Unternehmen Kempinski geführt werden und den Status eines offiziellen Kurhauses erhalten sollte. Neben zahlreichen weiteren Pensionen und Hotels und einem Spielcasino wurden auch je eine Damen-, Herren- und Familienbadeanstalt erbaut. Es entstanden aber auch kommunale Bauten, wie die Wasserversorgung des gesamten Ortes und später ein eigenes Elektrizitätswerk.Gunther Heinickel: Berlin am Meer. Der historische Ostseetourismus zwischen Berlin und Usedom. In: Michael Hascher: Unterwegs und mobil. Verkehrswelten im Museum. Campus, Frankfurt/Main 2005, ISBN 3-593-37251-7, S. 180.Eckhard Oberdörfer: Vorpommern-Greifswald. Ein Reise- und Lesebuch. Edition Temmen, Bremen 2013, S. 205. ISBN 978-3-8378-3002-6.Fritz Spalink: Heringsdorfer Geschichten. Geschichten und Geschichte rund um das Seebad Heringsdorf auf der Insel Usedom. Werner Molik (Hrsg.), Heringsdorf 2011, S. 36 (, PDF).

Bis zur Einführung der „Kreisordnung für die sechs östlichen preußischen Provinzen“ übte der jeweilige Gutsherr von Gothen die Polizeigewalt über Heringsdorf aus. Bei der bis 1874 erfolgten Neueinteilung des Landkreises Usedom-Wollin wurde der Amtsbezirk Heringsdorf gebildet.Robert Burkhardt: Chronik der Insel Usedom. 3. Abschnitt: Seit der Reformation. Fritzsche, Stettin 1912, S. 208.

Die Seebad Heringsdorf AG ließ von 1891 bis 1893 die Kaiser-Wilhelm-Brücke mit zunächst 400 m langem Seesteg bauen, der 1903 auf fast 500 m verlängert wurde.Fritz Spalink: Heringsdorfer Geschichten. Geschichten und Geschichte rund um das Seebad Heringsdorf auf der Insel Usedom. Hrsg. Werner Molik, Heringsdorf 2011, S. 41–46 (, PDF). 1894 wurde die Bahnstrecke Ducherow–Swinemünde bis nach Heringsdorf verlängert. Werner Delbrück, der 1899 für seinen Vater Hugo in den Vorstand der Heringsdorf AG einzog, begründete das Erscheinungsbild des Seebades als Treffpunkt der „Hautevolee“ und als nobles Szenebad. So wurden 15 Tennisplätze gebaut, auf denen auch internationale Turniere stattfanden. Ab 1906 wurden sogar Pferderennen auf einer eigenen Rennbahn durchgeführt. Mit dem 41 m hohen Bismarckturm auf dem Präsidentenberg erhielt der Ort 1905 ein weiteres Wahrzeichen. Mit Delbrücks Tod 1910 und durch den Ersten Weltkrieg ging die erfolgreiche Zeit der Heringsdorf AG ihrem Ende entgegen. 1921 wurden die Immobilien der AG an die Gemeinde Heringsdorf verkauft.Fritz Spalink: Heringsdorfer Geschichten. Geschichten und Geschichte rund um das Seebad Heringsdorf auf der Insel Usedom. Werner Molik (Hrsg.), Heringsdorf 2011, S. 50–51 (, PDF).

Zwischenkriegszeit (1918–1939)