mini|hochkant=1.6|Romanische Landkirchen mit profanem Obergeschoss in Altbayern und Niederösterreich. Blaue Kreise = Kirchenstandorte. Rote Kreise = nachgewiesenes Besitztum der Pabonen mini|hochkant=1.3|Exemplarische Aufrisse der Burgkapelle von Hof am Regen. Gut erkennbar die beiden profanen Obergeschosse, die Westempore mit erhöhtem Außeneingang und Zugang über Holzbrücke sowie der schmale Aufgang in die Obergeschosse innerhalb der Mauerstärke

Romanische Landkirchen mit profanem Obergeschoss, meist errichtet in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts, finden sich regional gehäuft in bestimmten Regionen Altbayerns. Es handelt sich um einen seltenen Kirchentypus, der sich durch ein zusätzliches Geschoss für profane Zwecke über einem romanischen Kirchenraum auszeichnet. Die Kirchen sind vermutlich Teil eines Landerschließungsplanes der Burggrafen von Regensburg und der Landgrafen von Stefling, aus der Familie der Pabonen.

Nicht verwechselt werden dürfen diese Kirchen mit romanischen Doppelkapellen oder Doppelkirchen, wie sie sich nicht selten als Burgkapellen oder Beinhäuser und gehäuft auch im Alpenraum nachweisen lassen.

Bautypus Es handelt sich meist um kleine, aber oft sehr hohe, einschiffige Saalkirchen mit Westempore und eingezogener Rundapsis im Osten, seltener mit einem Rechteckchor bzw. einem Chorturm. Letztere Variante findet sich vor allem im westlichen Verbreitungsgebiet. Die oft sehr dicken Mauern dieser Kirchen sind meist in sorgfältiger Technik aus Großquadern errichtet, welche das Niveau sonstiger Landkirchen und auch profaner Gebäude der Romanik bei weitem überschreitet,Besonders deutlich an der Kirche St. Ägidius in Schönfeld. Die mörtellose Reibungsmauerei stammte aus der Zeit der Römer, sie wurde schon von dem Zeitgenossen Bischof Otto von Freising ausdrücklich bewundert: Siehe Otto von Freising: Gesta Friderici, z. B. Edition F.-J. Schmale, Darmstadt 1974, S. 487f. dagegen finden sich an ihnen nur vereinzelt romanische Zierelemente. Als Baumaterial diente das Gestein der näheren Umgebung, d. h. je nach Region Granit, Sandstein, Dolomit oder Kalkstein. Dort, wo kein entsprechendes Naturgestein zur Verfügung stand, wurde auch Ziegelstein verwendet.

Als konstruktive, typenbestimmende Gemeinsamkeit besitzen die Kirchen über dem romanischen Kirchenraum ein profanes Obergeschoss, welches zum Teil über einen schmalen Innenaufgang innerhalb der Mauer, zum größeren Teil über einen Außenzugang in mehreren Metern Höhe (ohne Treppenkonstruktion) erreicht werden kann. Dieser Außeneingang, der heute meistens zugesetzt ist, erschließt zunächst die Westempore und gestattet den weiteren Aufgang zum Obergeschoss, welches mitunter nur einen Kniestock, oft aber auch komplette Geschosswände aufweist und dem Gesamtbau zu eindrucksvoller Höhe verhilft. Später wurde diese Höhe oft wieder aufgegeben oder durch neuere Dachkonstruktionen ersetzt, vereinzelt wurde auch nachträglich ein weiteres Obergeschoss aufgesetzt. Wenige Kirchen wurden zu Doppelkapellen umgewandelt.z. B. in Breitenstein, Gasseltshausen.

In kleineren Kirchen der genannten Bauart finden sich auch profane Obergeschosse im Chorturm, selten auch in einem westlichen Querbau oder Westturm.z. B. in Bernstein, hier eine Art Westwerk mit nachträglich aufgesetztem Turm, in Rinkam und Urschalling mit einem Westturm.

Bauzeit Über die Entstehungszeitpunkte und -umstände gibt es nur sehr selten urkundliche Informationen.Errichtung von St. Jakob in Schondorf 1150, Weihe von St. Oswald in Niederösterreich im Jahr 1160. Aufgrund der in Süddeutschland gerade eingeführten Quadertechnik und stilistischer Merkmale werden mit wenigen Ausnahmen alle Kirchen in die 2. Hälfte des 12. Jahrhunderts datiert.

Ortslage Die Kirchen liegen meistens in Einzellage oder sind von einem sehr kleinen Dorfensemble umringt, sie finden sich nie in Städten oder bei Klöstern. Die meisten Kirchen sind heute Filialkirchen. Nur wenige sind heute Zentrum eines größeren Dorfensembles oder dienen als Pfarrkirchen.

Neben ausgesprochenen Tallagenz. B. Piesenkofen, Türkenfeld. kommen des Öfteren auch Hanglagen,z. B. Schönfeld, Aicholding, Wilchenreuth. Geländeterrassen,z. B. Rannertshofen, Obertrübenbach, Rinkam, Hof bei Oberviechtach, Haugenried. sehr selten auch Gipfellagenz. B. Breitenstein, Tiefenthal. vor. Ein Teil der Kirchen war einst von einer ringförmigen Wall-Graben-Anlage umgeben,z. B. Schönkirch, Türkenfeld, Ainau. wovon sich heute oft nur noch geringe oder gar keine Spuren finden. Häufig lagen die Kirchen im Mittelalter an einem Gutshof, der später nicht selten in mehrere Hofstellen geteilt wurde.z. B. Schönfeld, Piesenkofen, Gasseltshausen.

Die allermeisten Kirchen finden sich in Sichtweite einer größeren Burganlage, deren Ursprung in dieselbe Zeit zurückdatiert,So haben z. B. die bei Schönfeld gelegene Burg Siegenstein oder die bei Türkenfeld gelegene Burg Altenburg eigene Burgkapellen. ganz wenige sind in eine solche nachträglich integriert worden.Dass die Integration nicht zum Erbauungszeitpunkt geschah, erkennt man an Mauernähten oder nachträglichen Bodenabsenkungen, zur Bildung eines Burghofes, weshalb die Eingänge der Kapellen mit einer Freitreppe ergänzt werden mussten. Häufig ist ein unmittelbar an der Kirche gelegener Edelsitz nachweisbar, allerdings meistens nur indirekt erschlossen aus der späteren, urkundlichen Nennung von Aftervasallen, die zu dem Kapellenort gehörten. In wenigen Fällen wurde eine Kirche mit Aufsatz von zwei Obergeschossen zu einer förmlichen Turmburg erweitert.

Geographische Verbreitung Die Kirchen finden sich überwiegend in Altbayern. In auffallender Häufung trifft man sie im Hügelland der östlichen Oberpfalz und des bayerischen Vorwaldes an, z. T. in der Nähe alter Heer- und Handelsstraßen. Weitere Schwerpunkte sind das mittlere Altmühltal, die Donauniederungen östlich und südwestlich von Regensburg und die Hallertau. Vereinzelt finden sich die Kirchen auch in der westlichen Oberpfalz, im Alpenvorland, in der ehemaligen Ostmark (im heutigen Niederösterreich), singulär auch in Oberfranken, bei Bamberg.

Beispiele

Die Kirchengebäude im Einzelnen St. Ägidius im Kreuzhof bei Regensburg: Hoher Saalbau mit Rundapsis. Einst Ausgangsort der Kreuzzüge, erst kürzlich vor dem Verfall gerettet. Zugang ins Obergeschoss durch einen Mauergang, erreichbar über die einst von außen durch eine Tür in der Westwand betretbare Westempore. St. Johann Baptist in Rinkam bei Straubing: Kirche mit Rechteckchor und eingezogenem Westturm, hier mit Zugang zum Obergeschoss. Edelsitz neben der Kirche nicht sicher nachgewiesen. St. Ulrich in Wilchenreuth bei Weiden: Hohe Saalkirche mit romanischer Rundapsis, letztere mit seltener Darstellung des Christus Pantokrator. Lage an einem Edelsitz angenommen, aber nicht sicher. Verputztes Obergeschoss, Zugang durch einen heute vermauerten Einstieg in der Westwand. St. Nikolaus in Bernstein bei Erbendorf: Durch spätere Umbauten stark verändert. Die einzige Kirche mit Westwerk, darin ein Profanraum ohne Bezug zum Kirchenraum. St. Michael in Schönkirch bei Plößberg: Sehr hohe, im oberen Teil verputzte Saalkirche aus Granitgroßquadern, mit profanem Obergeschoss, hergerichtet zu Wohnzwecken (Sitzbänke an Schlitzfenstern, Innenverputz). Weiteres Obergeschoss über Balkenlage. Ein drittes OG mündlich überliefert. Lage an einem Edelsitz, heute abgegangen, auf dem Urkataster noch Ringgraben erkennbar. St. Martin in Aicholding bei Riedenburg: Einschiffiger Saalbau mit eingezogenem Chor im Chorturm. Profanraum vormals vom benachbarten Herrenhaus über eine Holzbrücke zu erreichen (Pfostenlöcher), heutiger Schlossbau wesentlich jünger. Bauliche Bezüge zu Deising und Baiersdorf (Kragstein mit Stab). St. Peter in Deising bei Riedenburg: Romanische Chorturmanlage. Unter dem Verputz sorgfältiges Kalksteinquadermauerwerk. An der Südseite des Turmes Einstiegsöffnung in ein profanes Obergeschoss. Gehörte als Filialkirche zu Altmühlmünster. Bauliche Bezüge zu Aicholding und Baiersdorf (Kragstein mit Stab). St. Johann Baptist in Baiersdorf bei Riedenburg: Romanische Chorturmanlage, verputzter Quaderbau. Einstiegsöffnung zu einem profanen Turmraum. Bauliche Bezüge zu Deising und Aicholding (Kragstein mit Stab). St. Nikolaus in Unteremmendorf bei Kinding: Romanische Chorturmanlage, profanes Obergeschoss über dem Langhaus. Barocke Umbauten. St. Gallus in Sandharlanden bei Abensberg: Hohe Saalkirche aus sorgfältig behauenen Quadern, Chorturm, profanes Obergeschoss, einstiger Aufgang an der Westwand (inzwischen umgebaut). Romanisches Rundbogenportal an der Südseite zugesetzt. St. Georg in Neukirchen bei Train: Kleine romanische Chorturmkirche auf einer Terrasse, durch Ringwassergraben der vorbeifließenden Abens umgeben (heute trockengelegt). Im Turm Einstiegsöffnung in profanes Obergeschoss mit erhaltener Holzklapptür und Möglichkeit zur Barrikade. Romanisches Fresko an der linken Chorseite. St. Ägidius in Türkenfeld bei Hohenthann: Romanische Saalkirche mit hoher Rundapsis aus dem 12. Jh., teilweise barockisiert. Mögliche Verbindung mit einem nicht erhaltenen Edelsitz. Aufgang zum Obergeschoss über dem Langhaus und zu diesem Raum durch in der Mauerstärke ausgeführte Treppen. St. Jakobus in Schondorf am Ammersee: Bestens erhaltene Saalkirche mit Rundapsis und profanem Obergeschoss, über die Empore in einer Mauertreppe erreichbar, sorgfältige Quadertechnik aus Tuffstein. St. Georg in Thal bei Tuntenhausen: Tuffquaderbau vor 1200, einst von einem Wassergraben umgeben, beide Geschosse flachgedeckt. Das Obergeschoss nur von außen zu zugänglich. Burgkapelle in Hof am Regen bei Stefling: Hoher rechteckiger Turmbau aus Granitquadern, vor 1200, auf einer Anhöhe über dem Regen. Im Untergeschoss romanische Kapelle mit schmalem Langhaus und enger, eingezogener Apsis. Obereingang in die Westempore von außen, hier Balkenlöcher für Herrenbrücke nachträglich eingebrochen. Von dort Aufgang in der Mauerstärke in zwei profane Obergeschosse, z. T. aus späterer Zeit. Durchgang zu einem über der Apsis liegenden, zusätzlich verriegelbaren Raum. Stammsitz der Hofer. In Sichtweite des Stammsitzes der Pabonen, Burg Stefling (siehe unten). St. Peter und Paul in Obertrübenbach: Vormals mit einer Ringmauer umgeben und wohl einst zum Edelsitz der „Trübenbecker“ gehörig. Gotischer Choranbau. Vermutlich zwei profane Obergeschosse, eines inzwischen abgegangen, beide von einer gefassten Einstiegsöffnung in der Westempore aus erreichbar. Unsere Liebe Frau in Gasseltshausen: Dreigeschossiger Turmbau aus Backstein (vereinzelt mit Ornamentprägung), von beeindruckender Höhe. Eingangsbau aus jüngerer Zeit. Über der hohen Obergeschosskapelle weiteres Profangeschoss, nur über sehr schmale Mauerschächte neben der Apsis zu erreichen. St. Johann Baptist in Piesenkofen: Turmartiger Backstein-Kirchenbau mit sehr hoher Rundapsis. Gelegen an drei Bauernhöfen, an einem alten Salweg von Salzburg nach Regensburg. Einstiger Edelsitz vermutet, nicht sicher nachgewiesen. Vermauerter Obereingang in zwei profane Obergeschosse, erreichbar über schmale Mauertreppe, einst getrennt durch eine Balkendecke. Ebenmäßige Ausführung des harten Backsteinmauerwerks. Tiefe Fundamentierung. St. Ägidius in Schönfeld bei Wald: Aus sorgfältig behauenen Granitblöcken errichtete Saalkirche mit zwei überwölbten Jochen und einer Rundapsis. Zahlreiche Steinmetzzeichen. In der Mauerstärke aufgeführter Aufgang in ein vormaliges profanes Obergeschoss, in Emporenhöhe zusätzlich durch einen westlichen Außenaufgang erreichbar. Niedriges, durch Mauerschlitze belüftetes Kellergeschoss unter dem Kirchenraum, von diesem durch eine eichene Balkendecke getrennt. Einsame Lage an 3 Bauernhöfen. Früherer Edelsitz nicht sicher nachweisbar.