mini|Winnetou auf einer Briefmarke (1987) der Deutschen Bundespost. Die Abbildung entspricht der aktuellen Darstellung auf dem Buch Winnetou I (Karl May’s Gesammelte Werke, Band 7)
Winnetou ist eine Figur aus dem gleichnamigen Roman und anderen Werken des deutschen Autors Karl May (1842–1912), die im sogenannten Wilden Westen spielen. Er ist ein fiktiver Häuptling der Mescalero-Apachen. Winnetou verkörpert den edlen, guten Indianer und kämpft mit seinem Gewehr „Silberbüchse“ auf seinem Pferd Iltschi für Gerechtigkeit und Frieden. Dabei wird er meistens von seinem weißen Freund und Blutsbruder Old Shatterhand begleitet, aus dessen Sicht als Ich-Erzähler die Geschichten um Winnetou oft verfasst sind.
Name mini|Blackfeet-Häuptling Wun-nes-tou auf einem Gemälde von George Catlin (1832) Zur Herkunft des Namens Winnetou gibt es verschiedene Erklärungen. Karl May erklärte die Bedeutung mit „brennendes Wasser“. Dagegen spricht, dass das Wort ‚brennen‘ in der Apache-Sprache nicht ‚winne‘, sondern ‚tondli‘ heißt. Adalbert Stütz vermutet einen Zusammenhang mit dem Shoshonen-Wort ‚vintou‘ für ‚der Indianer‘, der sich in den Verzeichnissen des Schweizer Ethnologen Albert Samuel Gatschet findet. Werner Poppe geht dagegen davon aus, dass als Vorbild der vom amerikanischen Maler George Catlin erwähnte Blackfeet-Häuptling Wun-nes-tou gedient habe.Werner Poppe: „,Winnetou‘. Ein Name und seine Quellen“, in: Sudhoff/Vollmer 2007, S. 29–34. Zur Aussprache des Namens Winnetou schrieb May: „Sein Name wird ausgesprochen Winneto-u, das o-u sehr schnell hintereinander als Diphthong.“Karl May: Brief an einen jungen Leser in Montabaur, 2. November 1894, in: Karl May. Leben und Werk von Heinrich Pleticha und Siegfried Augustin, ungekürzte Lizenzausgabe für die Bertelsmann Club GmbH, Gütersloh …, Copyright 1992 Edition Stuttgart, Buch-Nr. 032/087478, S. 39
Persönlichkeit
mini|Winnetou (links) und Ribanna auf der ersten Winnetou-Darstellung aus dem Jahr 1879. Illustration zur Erzählung Im fernen Westen. Winnetou machte von den ersten Auftritten bis zum Spätwerk einen großen Wandel durch. Während er anfangs noch ein älterer Wilder war, der seine Feinde skalpierte und auch mal einen Zigarrenstummel aß, wurde er immer mehr idealisiert, bis er schließlich zur Symbolfigur des edlen Wilden wurde, der allein schon moralisch allen Weißen überlegen ist.
Winnetou ist von Grund auf tapfer, ehrlich und gerecht, im Vergleich zu Old Shatterhand recht schweigsam. Den weitgehenden Verzicht sowohl auf Rache als auch auf das Töten von Feinden hat er jedoch erst von Klekih-petra und von Old Shatterhand übernommen. Allgemein neigt Winnetou zu Kollektivbeschuldigungen und zu Vorurteilen (Überfall auf das Vermessungslager einschließlich Zweikampf mit Old Shatterhand; „Falsche Männer des Südens“, gemeint sind Mexikaner; usw.).
Winnetou ist ein perfekter Reiter und Schütze. Außerdem ist er auch in allen anderen indianischen Waffen und Kampftechniken bestens geübt. Er beherrscht neben Apache auch mehrere andere Indianersprachen sowie Englisch und bekräftigt seine kurzen Sätze des Öfteren mit einem kurzen „Howgh“. Er besuchte Old Shatterhand in Dresden und begleitete diesen nach Nordafrika („Satan und Ischariot“-Trilogie).
Winnetou nennt Gefährten von Old Shatterhand bzw. andere gute Westmänner gerne „Bruder“, sondert sich in der Gruppe aber von diesen ab und lässt gelegentlich seine oder Old Shatterhands Überlegenheit gegenüber ihnen durchblicken. Hier ist Old Shatterhand Vermittler zwischen seinen weißen Begleitern und Winnetou. Winnetou ist nie länger ohne Old Shatterhand mit anderen weißen Westmännern „zweiten Ranges“ zusammen. Wohl aber mit Old Firehand und Old Surehand, die jedoch klar zur „ersten Kategorie“ zählen. Das innige Verhältnis wurde auch als latent homosexuell beschrieben, so in Arno Schmidts Studie Sitara und der Weg dorthin, was auch Einfluss bei einigen filmischen Adaptionen hatte.
Erscheinungsbild
mini|hochkant|Buchdeckel der klassischen Ausgaben (ab 1893) von Winnetou I bis III
mini|hochkant|Buchdeckel der klassischen Ausgaben (ab 1898) von Winnetou I bis III
mini|hochkant|Silberbüchse, Bärentöter und Henrystutzen (von links) im Karl-May-Museum Radebeul
Beschreibung Winnetous bei der ersten Erwähnung bei Karl May überhaupt:
Bei seinem – innerhalb der May-Chronologie – ersten Auftreten wird Winnetou so beschrieben:
In „Weihnacht!“ war die Beschreibung schon viel verklärter:
Historische Vorbilder
Für Karl Mays Winnetou gab es einige literarische und vielleicht auch historische Vorbilder.
Karl May selbst äußerte sich nicht zu etwaigen Vorbildern für Winnetou. Bis etwa 1899 behauptete er, Winnetou habe tatsächlich gelebt (und habe als historische Persönlichkeit natürlich keine literarischen Vorbilder), danach wollte May Winnetou als – von Anfang an als solche geplante – Allegorie auf den „roten Mann an sich“ verstanden wissen.
Texte mit Winnetou In den folgenden Tabellen sind neben den Originaltiteln die aktuellen Nummern des Bandes und der Erzählung aus Karl May’s Gesammelten Werken (Titel können hier abweichen), der Titel des entsprechenden Reprints der Karl-May-Gesellschaft sowie Abteilung und Bandnummer der historisch-kritischen Ausgabe Karl Mays Werke (sofern bereits erschienen) angegeben.
Reiseerzählungen TitelJahrAnmerkungenKarl May’sGesammelte WerkeReprints derKarl-May-GesellschaftHistorisch-kritischeAusgabeOld Firehand 1875 71,02Old FirehandI.8Winnetou1878Überarbeitung von Inn-nu-woh, der Indianerhäuptling (1875)80,03Der KrumirI.8Im fernen Westen1879Bearbeitung von Old Firehand, später bearbeitet in Winnetou II89,01 (I.8 per Variantenverzeichnis)Deadly dust1880 später bearbeitet in Winnetou III88,01Der Scout – Deadly Dust –Ave Maria(IV.14)Die Both Shatters1881ergänzt Winnetous Rollenbiografie, er selbst tritt nicht als handelnde Figur auf71,05Old FirehandI.9Im »wilden Westen« Nordamerika's1882/83später bearbeitet in Winnetou III88,02(Der Scout – Deadly Dust –Ave Maria)Ave Maria ist ein leicht abweichender Nachdruck von Im »wilden Westen« Nordamerika's.IV.27Ein Oelbrand1882/83 80,04Jahrbuch der Karl-May-Gesellschaft 1970IV.27Der Scout1888/89später bearbeitet in Winnetou II Der Scout – Deadly Dust –Ave MariaIV.27Winnetou I1893zeitweilig auchWinnetou der Rote Gentleman I7 IV.12Winnetou II1893zeitweilig auchWinnetou der Rote Gentleman II8 IV.13Winnetou III1893zeitweilig auchWinnetou der Rote Gentleman III9 IV.14Old Surehand I1894 14 Old Surehand II1895 19 und 15, Kapitel 1 Old Surehand III1896 15, Kapitel 2–10 Satan und Ischariot I1896 20Die FelsenburgSatan und Ischariot II1897 21Krüger Bei –Die Jagd auf den MillionendiebSatan und Ischariot III1897 22Krüger Bei –Die Jagd auf den MillionendiebAuf fremden Pfaden1897 • Gott läßt sich nicht spottenursprünglicher Titel Old Cursing-Dry 23,07Christus oder MuhammedIV.26 • Ein Blizzardursprünglicher Titel Ein amerikanisches Doppelduell23,08Christus oder MuhammedIV.26Mutterliebe1897/98 48,06Christus oder MuhammedIV.27„Weihnacht!“1897 24 IV.21Winnetou IV1910 33Winnetou Band IV
Jugenderzählungen TitelJahrAnmerkungenKarl May’sGesammelte WerkeReprints derKarl-May-GesellschaftHistorisch-kritischeAusgabeIm fernen Westen1879Bearbeitung von Old Firehand, später bearbeitet in Winnetou II89,01 (I.8 per Variantenverzeichnis)Unter der Windhose1886später bearbeitet in Old Surehand II Der KrumirIV.27Der Sohn des Bärenjägers1887 35,01 und 84,07Der Sohn des Bärenjägers –Der Geist der Llano estakataIII.1Der Geist des Llano estacado1888ursprünglicher, fehlerhafter TitelDer Geist der Llano estakata35,02Der Sohn des Bärenjägers –Der Geist der Llano estakataIII.1Der Schatz im Silbersee1890/91 36Der Schatz im SilberseeIII.4Der Oelprinz1893/94Buchausgaben ab 1905 unter dem Titel Der Ölprinz37Der ÖlprinzIII.6Der schwarze Mustang1896/97 38,01Der schwarze MustangIII.7
Lieferungsroman TitelJahrAnmerkungenKarl May’sGesammelte WerkeReprints derKarl-May-GesellschaftHistorisch-kritischeAusgabeAuf der See gefangen1877/78Alternative TitelschreibweiseAuf hoher See gefangen80,01Frohe StundenI.9
Im Rahmen der Gesammelten Werke tritt Winnetou in einem weiteren Band auf: Im Tal des Todes (1934). In dieser Bearbeitung des Kolportageromans Deutsche Herzen – Deutsche Helden (1885–87) wurde nicht nur der dort vorkommende Apachenhäuptling umbenannt, sondern auch noch weitere Personen, um eine Verbindung zu den anderen Bänden der Reihe herzustellen.
Die Winnetou-Trilogie
Die im Jahr 1893 erschienenen drei Bände Winnetou der Rote Gentleman sind die ersten, die im Rahmen der damals zusammen mit dem Verleger Friedrich Ernst Fehsenfeld neu konzipierten Buchreihe der gesammelten Reiseerzählungen im Wilden Westen spielen. Während Band I von Karl May komplett neu geschrieben wurde, verwendete er für die Bände II und III vier ältere Erzählungen, die er in eine neu geschaffene Rahmenhandlung (Verfolgung und Tod des Mörders von Winnetous Vater und Schwester) einfügte. Er musste dabei auch die Handlung und die Personen in diesen Erzählungen an sein neues Konzept anpassen, was ihm aber nicht immer vollständig gelungen ist.
Für Band II verwendete er die 1888/89 erschienene Erzählung Der Scout und die 1879 erschienene Im Fernen Westen; für Band III die 1880 erschienene Erzählung Deadly Dust und die 1882/83 erschienene Im Wilden Westen Nordamerikas (später auch veröffentlicht unter dem Titel Ave Maria).
Winnetou I
mini|hochkant|links|Sascha-Schneider-Ausgabe (1904) von Winnetou I Der Ich-Erzähler Karl (vergleiche: Karl May), später Old Shatterhand genannt, arbeitet als Surveyor, d. h. Feldmesser, für die Eisenbahngesellschaft Atlantic and Pacific Company bei der Vermessung einer der großen Transkontinentalbahnen nach dem Westen der Vereinigten Staaten von Amerika. Die Bahnlinie soll von St. Louis aus durch das Indianerterritorium, Neu-Mexiko, Arizona und Kalifornien zur Pazifikküste verlaufen. Die Sektion (Abschnitt), die ihm und den drei anderen Surveyors Riggs, Marcy und Wheeler unter der Leitung des Oberingenieurs Bancroft zur Erforschung und Ausmessung zugefallen ist, liegt zwischen dem Quellgebiet des Rio Pecos und des südlichen Canadian. Dort werden sie von einer zwölf Mann starken Schutztruppe und deren Anführer Rattler erwartet. Da seine Kollegen sehr träge und trunksüchtig sind und es mit ihren Fachkenntnissen nicht weit her ist, muss er alles allein machen. Zum Glück stehen ihm die Westmänner Sam Hawkens, Dick Stone und Will Parker zur Seite, und so könnte trotzdem der Anschluss an die nächste, westlich liegende Sektion in einer Woche erreicht werden. Deren Oberingenieur White, der seine Arbeit beendet hat, warnt vor den Roten, denn die Eisenbahngesellschaft plant, wie den Indianern aufgrund der Vermessung natürlich klar ist, einen Gleisbau mitten durch das Gebiet der Apachen. Karl May schreibt davon zwar nichts, aber hiermit sind beiderseits solcher Linien staatlicherseits immer riesige Landzuweisungen an die Eisenbahngesellschaften zur Finanzierung der Bahnen verbunden. Intschu tschuna (Gute Sonne), der Häuptling aller Apachen, sein Sohn Winnetou (laut Karl May: Brennendes Wasser) und der aus Deutschland stammende Klekih-petra (Weißer Vater) kommen, um die Eisenbahn-Surveyors friedlich darauf hinzuweisen, dass dies ihr Land sei, und Intschu tschuna verbietet den Eisenbahnern, hier weiter den „Weg für das Feuerroß“ zu vermessen.