mini|hochkant|Die Hindu-Gottheit Shiva in zweigeschlechtlicher Gestalt als Ardhanarishvara

Hijra oder Hidschra ist in Südasien eine Bezeichnung für trans- oder intergeschlechtliche Personen in Indien, Pakistan und Bangladesch, von denen einige aus eigener Entscheidung Eunuchen sind.Susan M. Shaw, Nancy Staton Barbour u. a. (Hrsg.): Women’s Lives around the World: A Global Encyclopedia. Band 3: Asia and the Pacific. Abc-Clio, Santa Barbara (Cal.) 2018, ISBN 978-1-4408-4766-0, S. 87 (englisch; ).Thomas Köllen: Sexual Orientation and Transgender Issues in Organizations: Global Perspectives on LGBT Workforce Diversity. Springer, 2016, S. 171.Lynelle Seow: CultureShock! India. Marshall Cavendish International Asia, 2017, S. 132 (auf google-books).Misty M. Ginicola, Cheri Smith, Joel M. Filmore: Affirmative Counseling with LGBTQI+ People. Wiley & Sons, 2017, S. 189 (auf google-books). Hijras sind in mehreren südasiatischen Ländern offiziell anerkannt als drittes Geschlecht und werden dort als weder vollständig männlich noch weiblich angesehen.Dana Jennett Bevan, Dallas Denny: Being Transgender. What You Should Know. ABC-CLIO, Santa Barbara (Cal.) 2016, ISBN 978-1-4408-4525-3, S. 70 (auf google-books) .Adil Mahmood: In: Pandeia.eu. 2. Dezember 2013, abgerufen am 22. Januar 2020 (englisch).

Der Ausdruck „hijra“ ist ein Hindi-Urdu-Wort,Hindi: हिजड़ा, Urdu: ہِجڑا, Bengali: হিজড়া, Kannada: ಹಿಜಡಾ, Telugu: హిజ్ర, Panjabi: ਹਿਜੜਾ, Odia: ହିନ୍ଜଡା. Auch bekannt als chhakka (Kannada, Bambaiya Hindi), ਖੁਸਰਾ khusra (Punjabi), kojja (Telugu) und ombodhu (Madras Tamil). abgeleitet von der semitisch-arabischen Wurzel hjr* in der Bedeutung „mit etwas brechen, verlassen, im Stich lassen, verstoßen, auswandern, fliehen“.hjr (main meanings): a) to break with, leave, forsake, renounce, emigrate, flee". Lahzar Zanned: Root formation and polysemic organization. In: Mohammad T. Alhawary, Elabbas Benmamoun (Hrsg.): Perspectives on Arabic linguistics XVII-XVIII: papers from the Seventeenth and Eighteenth Annual Symposia on Arabic Linguistics. John Benjamins, 2005, S. 97. Die indische Verwendung des Wortes hijra wurde traditionell ins Englische übersetzt als eunuch (Eunuch) oder hermaphrodite (Hermaphrodit), wobei „die Unregelmäßigkeit der männlichen Genitalien im Mittelpunkt der Definition steht.“Serena Nanda: Neither Man nor Woman – The Hijras of India. Belmont (CA) 1998, S. ??.

Hijra sind auch bekannt als Aravani, Aruvani oder Jagappa.Preeti Sharma: Historical Background and Legal Status of Third Gender in Indian Society. 2012 (Volltext als PDF). Archiviert von dieser Version am 3. Februar 2014. In vielen Sprachen Indiens, besonders außerhalb von Nordwestindien, werden andere Begriffe wie chhakka verwendet.Amiteshwar Ratra: Marriage and Family: In Diverse and Changing Scenario. Deep and Deep Publications, 2006, S. 61 (auf google-books). Hijras sind seit dem Altertum auf dem indischen Subkontinent historisch belegt, beispielsweise im Kamasutra (ab 200 n. Chr.).

Viele Hijras leben in genau definierten und organisierten Lebens- und Wirtschaftsgemeinschaften, angeführt von einer Guru-Mutter. Die wichtigste Beziehung in der Hijra-Gemeinschaft ist die von Guru (Meisterin, Lehrerin) und Chela (Schülerin)."The most significant relationship in the hijra community is that of the guru (master, teacher) and chela (disciple)." Serena Nanda: The hijras of India: Cultural and Individual Dimensions of an Institutionalized Third Gender Role. In: Journal of Homosexuality. Band 11, 1986, S. 35–54."Hijras are organized into households with a hijra guru as head, into territories delimiting where each household can dance and demand money from merchants". L Cohen: The Pleasures of Castration: the postoperative status of hijras, jankhas and academics. In Paul R. Abramson, Steven D. Pinkerton (Hrsg.): Sexual Nature, Sexual Culture. University of Chicago Press, Chicago 1995 (auf google-books). Eine Guru-Mutter muss für die materiellen und spirituellen Bedürfnisse ihrer Schülerinnen Sorge tragen und hat dafür ein Anrecht auf Loyalität und einen Teil ihrer Einnahmen.Eva Fels, Traude Pillai-Vetschera: Hidschras – das dritte Geschlecht Indiens. In: FrauenSolidarität. Heft Nr. 78 (4/2001), S. 18 f.Between the Lines – Indiens drittes Geschlecht zwischen Mystik, Spiritualität und Prostitution. Film der Fotografin Anita Khemka.

Diese Gemeinschaften haben sich über Generationen hinweg erhalten durch die „Adoption“ von biologisch männlichen Jugendlichen oder Kindern, die von ihrer Herkunftsfamilie und anderen Personen wegen ihres femininen Verhaltens abgelehnt wurden und zu den Hijras fliehen, um ihre weibliche Geschlechtsidentität voll leben zu können, oder die in bitterster Armut leben, manchmal nach einer Periode homosexueller Prostitution."None of the hijra narratives I recorded supports the widespread belief in India that hijras recruit their membership by making successful claims on intersex infants. Instead, it appears that most hijras join the community in their youth, either out of a desire to more fully express their feminine gender identity, under the pressure of poverty, because of ill treatment by parents and peers for feminine behaviour, after a period of homosexual prostitution, or for a combination of these reasons." R. B. Towle, L. M. Morgan: Romancing the Transgender Native: Rethinking the Use of the 'Third Gender' Concept. In: S. Stryker, S. Whittle (eds): Transgender Studies Reader. Routledge, 2006, S. 116. Um zu überleben, arbeiten viele Hijra als Sexarbeiter.

Nur wenige Hijras sind jedoch von Geburt an intergeschlechtlich.Serena Nanda: Deviant careers – the 'hijras' of India. Kapitel 7 In: Morris Freilich, Douglas Raybeck, Joel S. Savishinsky (Hrsg.): Deviance: anthropological perspectives. Greenwood Publishing, 1991, S. ?? (englisch); Zitat: Übersetzt: Die meisten sind physisch männlich geboren, viele haben jedoch eine weibliche Geschlechtsidentität im Sinne der Transgeschlechtlichkeit. Nicht selten unterziehen sie sich einer Nirwaan genannten Totalkastration,Serena Nanda: Hijras: An Alternative Sex and Gender Role in India. In: G. Herdt: Third Sex, Third Gender: Beyond Sexual Dimorphism in Culture and History. Zone Books, 1996, S. ?? (englisch). oft schon in jugendlichem Alter, um eine weitere Vermännlichung ihres Körpers zu verhindern. Sie leben als Frauen und manche Hijras erlangen durch einen solchen Eingriff eine deutliche Verweiblichung.Lynn Conway: Geschichte und Nachweis der Transsexualität in verschiedenen Kulturen. In: umich.edu. 2006, abgerufen am 22. Januar 2020 (übersetzt von Vivian Silver; Transsexualität bei antiken Priesterinnen und indischen Hidschras).

Sprachlich bezeichnen sich Hijras selbst meist als weiblich, als transgender und kleiden sich dementsprechend.Programmankündigung: The Hijras of India: The story of those who describe themselves as “transgender”. In: News.BBC.co.uk. 22. Februar 2007, abgerufen am 22. Januar 2020. Von der konservativen Außenwelt werden sie dennoch häufig als Eunuchen oder als „kastrierte Männer“ bezeichnet.

Seit dem späten 20. Jahrhundert haben einige Hijra-Aktivisten und westliche Nichtregierungsorganisationen (NGOs) Lobbyarbeit geleistet für die offizielle Anerkennung der Hijra als drittes Geschlecht oder dritte Geschlechtsidentität, als weder Mann noch Frau.

In Indien wurden die Hijras 2009 als drittes Geschlecht anerkannt,Meldung: Indian eunuchs given separate IDs. Auf: News.BBC.co.uk. 13. November 2009, abgerufen am 22. Januar 2020 (englisch). 2011 auch in Pakistan, dort regional als Khusra bezeichnet.Jürgen Wasim Frembgen: Das dritte Geschlecht in Pakistan: Tänzer, Sänger und Performer. In: Goethe-Institut (Hrsg.): Fikrun wa Fann. Januar 2011 (übersetzt von Simone Falk: online auf goethe.de). Damit waren die Hijras zu diesem Zeitpunkt weltweit das einzige offiziell anerkannte dritte Geschlecht.Madeleine Eisfeld: Rechte statt Romantik: Indien und Pakistan erkennen ein Drittes Geschlecht an. In: iz3w. Nr. 326, September/Oktober 2011, S. 29. In Bangladesch bekamen Hijras die Anerkennung 2013 zugestanden und genießen seitdem eine Bevorzugung in der Ausbildung.DNA: Gurus of eunuchs can not recommend castration: Govt. Auf: dnaindia.com Version vom 9. März 2012; zuletzt abgerufen am 3. April 2021.Meldung: Bangladesh government makes Hijra an official gender option. In: Wikinews. 11. November 2013, abgerufen am 22. Januar 2020 (englisch). In Indien wurden alle Hijra sowie Transmenschen, Eunuchen und Intergeschlechtliche vom Obersten Gerichtshof im April 2014 als drittes Geschlecht anerkannt.Meldung (APA): India recognises transgender people as third gender. In: The Guardian. 15. April 2014, abgerufen am 22. Januar 2020 (englisch). Nepal erkannte 2015 die rechtliche Existenz eines dritten Geschlechts an und ermöglicht – wie Indien auch – einen entsprechenden Geschlechtseintrag in offiziellen Dokumente; dort gibt es neben einigen Hijras auch Meti und Kothi (siehe auch Divers sowie Länder mit einem dritten Geschlechtseintrag).Julfikar Ali Manik, Ellen Barry: A Transgender Bangladeshi Changes Perceptions After Catching Murder Suspects. In: The New York Times. 3. April 2015 (englisch).

Terminologie mini|hochkant|Hijras aus dem Panscheel Park in Neu-Delhi, 1994

Das Urdu- und Hindi-Wort hijra ([ˈɦɪdʒɽaː]; auch hijira, hijda, hijada, hijara, hijrah) wird in Urdu allgemein als abfällig, geringschätzig, verächtlich verstanden, stattdessen verwendet man die Bezeichnung Khwaja Sara. Ein anderer Terminus ist khasuaa (खसुआ) oder khusaraa (खुसरा). Das Synonym für hijra in Bengali ist হিজড়া, hijra, hijla, hijre, hizra, oder hizre. Eine ganze Reihe von Bezeichnungen auf dem kulturell und linguistisch sehr vielfältigen Indischen Subkontinent bezeichnen ähnliche Gender-Kategorien, die grundsätzlich als Synonyme gelten können, je nach regionalen kulturellen Unterschieden. In Odia bezeichnet man eine Hijra als hinjida, hinjda oder napunsaka, in Telugu als napunsakudu (నపుంసకుడు), kojja (కొజ్జ) oder maada (మాడ), in Tamil Nadu als Thiru nangai („mister woman“), Ali, aravanni, aravani oder aruvani, in Panjabi als khusra und jankha, in Sindhi als khadra, in Gujarati als pavaiyaa (પાવૈયા). In Nordindien wird die Göttin Bahuchara Mata von Pavaiyaa (પાવૈયા) verehrt. In Südindien glaubt man, die Göttin Renuka habe die Macht, das Geschlecht einer Person zu ändern. Männlich geborene Anhänger in weiblicher Kleidung sind bekannt als Jogappa. Sie erfüllen ähnliche soziale Rollen wie Hijra, wie z. B. Tanzen und Singen bei Geburts-Zeremonien und Hochzeiten.Nicholas J. Bradford: Transgenderism and the Cult of Yellamma: Heat, Sex, and Sickness in South Indian Ritual. In: Journal of Anthropological Research. Band 39, Nr. 3, 1983, S. 307–22. Auch das Wort kothi (oder koti) ist geläufig in Indien, ähnlich den Kathoey von Thailand, obwohl kothis oft von hijras unterschieden werden. Kothis werden betrachtet als feminine Männer oder Jungen, die die weibliche Rolle beim Sex mit Männern einnehmen, sie leben aber nicht in der Art von Gemeinschaften wie die Hijras. Außerdem haben nicht alle Kothis Initiationsriten oder geschlechtsverändernde Schritte unternommen, um eine Hijra zu werden.G. Reddy, S. Nanda: Hijras: An ‘Alternative’ Sex/Gender in India. In: C. B. Brettell, C. F. Sargent: Gender in Cross-Cultural Perspective. Pearson – Prentice Hall, Upper Saddle River (New Jersey) 2009, S. 275–282. Lokale Äquivalente sind: durani (Kolkata), menaka (Cochin), meti (Nepal) und zenana (Pakistan).