mini|Herman Boerhaave, 1735, Gemälde von Cornelis Troost (1697–1750)
Herman Boerhaave ([], * 31. Dezember 1668 in Voorhout; † 23. September 1738 in Leiden) war ein niederländischer Mediziner, Chemiker und Botaniker. Er war Hochschullehrer (Professor) in Leiden. Sein botanisches Autorenkürzel lautet „“.
Leben und Wirken Herkunft mini|Das Geburtshaus Herman Boerhaaves
Herman Boerhaave wurde als Sohn des calvinistischen Dorfpfarrers Jacob Boerhaave (* 16. November 1625 in Leiden; † 12. November 1683 ebenda) und dessen Frau Hagar Daalder (auch: Daelder, getauft am 22. April 1635 in Amsterdam; † 21. März 1673 in Voorhout) unweit der Stadt Leiden geboren. Der Vater hatte die Tochter des Amsterdamer Kaufmannes und Kompassbauers Hermann Daalder und dessen Frau Magdalena du Bois am 15. Juni 1663 in Leiden geheiratet.Genealogiestammbaum der Familie Boerhaven. Herman wurde am Neujahrstag 1669 in seinem Geburtsort getauft; Sara Daalder und Jan Hendrik Brandhout fungierten als Taufzeugen.Tauf- und Trauregister erfgoedleiden (Leidener Archiv), NH Archivnr. 0633A, Inventarnummer 1A, Folio 3v. Sein Großvater Jacob Boerhaave (* 1592 in Leiden; † 17. Dezember 1670 in Voorhout) und sein Urgroßvater Carel Boerhaave (* ± 1570 in Hontschoten; † 10. September 1633 in Leiden),Carel Boerhaave erlangte am 20. Juni 1594 in Leiden das Bürgerrecht, heiratete 1591 Margaretha Geraerdts (* 1571 in Hontschoten; † 30. Oktober 1646). Aus der Ehe stammen vier Kinder: oben genannter Jacob, Joris Boerhaave († 20. März 1638 in Leiden), er hinterließ einen Sohn Jacob; Marcus Boerhaave (* 1599 in Leiden; † 29. Juli 1644 in Medemblik) studierte in Leiden, wurde 1613 Pfarrer in Leiden, 1621 Pfarrer in Oosthuizen verh. mit Christina Bochelingen aus Delft und war ab 1625 Pfarrer in Medemblik; Margriet verh. 18. Juli 1617 in Leiden mit Marcus Balinck. erlangten in Leiden das Bürgerrecht und erwarben ihren Lebensunterhalt als Kaufleute.
Hermans Vater war drei Mal verheiratet. Seine erste Ehe schloss er am 12. Dezember 1652 mit Hester Baille. Aus jener Ehe stammen Hermans Stiefgeschwister Justus (getauft 12. Oktober 1653 in Leiden), Maria I (* 1656) und Margaretha (getauft 17. August 1657 in Leiden). Aus der zweiten Ehe mit Hermans Mutter stammen die Geschwister Maria II (getauft 15. November 1665 in Voorhout), Magdalena Boerhaven (* 21. April 1667 in Voorhout; † 11. Juni 1720 in Leiden), Margariet Boerhaven (getauft 14. September 1670) und Maria III Boerhaave (getauft 28. Februar 1672 in Voorhout; † 18. Dezember 1738 in Hamburg), wobei zwei Töchter jung starben. Wie es zur damaligen Zeit üblich war, erwarb er vom Vater seine ersten Kenntnisse der lateinischen, griechischen und hebräischen Sprachen sowie der klassischen Literatur und Geschichte. Daneben musste Herman sich an der täglichen Gartenarbeit beteiligen, wobei er körperlich ertüchtigt wurde und ihm erste botanische Zusammenhänge vermittelt wurden.
Nach dem Tod seiner Mutter heiratete sein Vater am 12. Juni 1674 in Leiden erneut, eine Frau namens Eva du Bois (* 1640 in De Rijp; † 1702 in Leiden), die Tochter des Pfarrers in Leiden Jacob (Jacques) du Bois und dessen Frau Elandine Geldorp, welche die Aufgabe einer sorgsamen Stiefmutter übernahm. Aus jener Ehe stammen die drei Töchter Eva Boerhaave, Sara Boerhaave (getauft 12. Mai 1675 in Voorhout) und Jacoba Boerhaave, sowie Hermans zwei Stiefbrüder Jacob Boerhaave (19. November 1676 in Leiden; † 28. Januar 1752 ebenda) und Marcus Borhaave (* 13. März 1678 in Leiden; † 31. Januar 1719 in Breda) welche später den Beruf eines Pfarrers ergriffen.
Auch Herman war ursprünglich zum Pfarrberuf bestimmt. Damit dies in den vorgedachten Bahnen verlaufen konnte, brachte ihn sein Vater 1682 an die Lateinschule in Leiden, wo er unter der Leitung des Rektors Wigard van Winschoten (* 29. Juli 1639 in Amsterdam; † 1685) unterrichtet wurde.
Ausbildung Am 10. Juli 1682Album Studiosorum Academiae Lugduno Batavae MDLXXV–MDCCCLXXV, Cudunt nomina Curatorum et Professorum, per Eadem Secula. Martin Nijhoff, Den Haag 1875, Sp. 654 (online). immatrikulierte sich Boerhaave an der Universität Leiden, wo er 1684 ein Studium der theologischen Wissenschaften unter der Leitung von Jacobus Trigland dem Jüngeren, Friedrich Spanheim und Johannes a Marck begann. Nach dem Tod seines Vaters förderte ihn der Leidener Bürgermeister Daniël van Alphen (1651–1733) und ermöglichte ihm seine Studien zu absolvieren. An der Leidener Hochschule vervollkommnete er seine Kenntnisse zur Rhetorik bei Wolferdus Senguerdius, lernte Latein und Griechisch bei Johann Friedrich Gronovius, Geschichte und Geographie bei Theodorus Rijcke sowie bei Karl Schaaf (1646–1729) und Trigland Hebräisch. Besonders entwickelte Boerhaave in jener Zeit eine Vorliebe für die philosophischen Wissenschaften, wobei er in Burchard de Volder einen anregenden Lehrer fand. In jenem Kontext scheint auch seine Beantwortung auf eine Preisfrage entstanden zu sein, welche unter dem Titel Oratio academica qua probatur, bene intellectam a Cicerone et confutatam esse sententiam Epicuri de summo bono 1689 in Leiden erschien und wofür er als Preis eine Goldmedaille erhielt.
Nachdem er am 21. Dezember 1690 mit der Arbeit De distinctione mentis a corpore (Leiden 1690) den philosophischen Magistergrad erworben hatte,P. C. Molhuysen: Album Promotorum Academiae Lugdono Batavae. S. 206. erhielt Boerhaave vom Kuratorsekretär der Leidener Universität Johan van den Bergh (1664–1755) den Auftrag die angekaufte Bibliothek des Isaac Vossius zu katalogisieren.Die Vossische Bibliothek wurde von den Kindern seines Bruders Matthaus, mit Namen Gerard Jan Voss und Aafje Voss, der Universität Leiden für einen Betrag von 3000 Pfund angeboten und im Oktober 1690 gekauft.Laurentius Knappert: Legaat bibliotheek Isaäc Vossius. In: Jaarboekje voor Geschiedenis en Oudheidkunde van Leiden en Rijnland. A. W. Sijthoffs, Leiden 1916, S. 146 f. Während dieser Arbeit vielfältig angeregt, entschloss er sich, die medizinischen Wissenschaften zu studieren. So beschäftigte er sich zunächst autodidaktisch mit den Schriften des Hippokrates von Kos, des Andreas Vesalius bis hin zu denen des Thomas Sydenham. Er empfand zudem Sympathie für die Schriften Spinozas, Boyles, Descartes’ und später auch Newtons. Seine praktischen Lehrer wurde zu jener Zeit de Volder, in Chemie Jacobus le Mort, Charles Drelincourt der Jüngere und der Anatom Anton Nuck.
Am 12. Juli 1693 immatrikulierte sich Boerhaave an der Universität Harderwijk,D. G. van Epen: Album Studiosorum Academiae Gelro-Zutphanicae MDCXLVIII-MDCCCXVIII. Jacobum Hoekstra, Den Haag 1905, S. 48, Sp. b (online). wo er zwei oder drei Tage später bei Theodor van GraeffAuch: Greve, Grewe; * in Attendorn als Sohn des Kaufmanns Franz Grewe, † 18. September 1701 in Harderwijk, 1781/82 Universitäten Duisburg, Heidelberg, Köln, Prof. Duisburg Cartersianer, 1. Januar 1693 Prof. med. Universität Harderwijk und gelderländischer Leibarzt, 1694/95, 1700/01 Rektor Harderwijk. mit einer Untersuchung über die Exkremente von Kranken, unter dem Titel De utilitate explorandorum in aegris excrementorum ut signorum, zum Doktor der Medizin promoviert wurde.Gerrit Arie Lindeboom: Herman Boerhaave. The man and his work. Methuen, London 1968, S. 41–42.Het Album Promotorum van de Academie te Harderwijk. de Walburg Pers, Zutphen 1980, , S. 82. Boerhaave gehörte zu den Pionieren der genauen Beobachtung von Krankheitssymptomen und war ein bedeutender klinischer Lehrer. In seiner Dissertation verweist er auf eine überragende semiotische Bedeutung des Urins, da dieser, bevor er durch die („Siebe“ der) Niere abgeschieden wird, zuvor mit dem Blut den ganzen Körper durchflossen habe und dabei – iatromechanisch gedacht – etwas von dem mit dem Ganzen zu wenig verbundenen Teil mitgenommen hat.Johanna Bleker: Die Geschichte der Nierenkrankheiten. Boehringer Mannheim 1972, S. 60, 71–75 und 78.
Wirken in Leiden mini|Boerhaave während seiner Antrittsvorlesung als Rektor der Universität Leiden (1715) mini|Boerhaave mit Frau und Tochter mini|Schlüssel zur Systematik von Boerhaave in Linnés Classes Plantarum von 1738.
Boerhaave kehrte nach Leiden zurück, wo er zunächst als praktischer Arzt agierte. Während jener Zeit widmete er sich chemischen Forschungen und besserte sich seinen Lebensunterhalt als Mathematiklehrer auf. Am 18. Mai 1701 erhielt er als Lektor und Repetent einen Lehrauftrag für theoretische Medizin an der Medizinischen Fakultät, welchen er am 8. Juni des Jahres mit der Einführungsrede Oratio de commendando studio hippocratico (Leiden 1701) antrat, die sich mit der Wichtigkeit der Studien des Hippokrates und des Thomas Sydenham für die praktische HeilkundeJohanna Bleker: Die Geschichte der Nierenkrankheiten. 1972, S. 74. befasste. Hierfür erhielt er ein Jahressalär von 400 Gulden, welches er sich durch Privatstunden aufbesserte. Als er zwei Jahre später eine Berufung auf den Lehrstuhl der Medizin an der Universität Groningen abgelehnt hatte, verlängerte man seine Anstellung und erhöhte sein Salär auf 600 Gulden, mit der Aussicht auf einen Lehrstuhl in Leiden. In jenem Kontext erschien im selben Jahr seine Dankesrede De usu ratiocinii mechanici in medicina (Leiden 1703), worin er sich über den Nutzwert mechanischer Begriffe für die medizinischen Wissenschaften äußerte und damit auch seine Vorstellung einer iatromechanischen KrankheitstheorieJohanna Bleker: Die Geschichte der Nierenkrankheiten. Boehringer Mannheim, Mannheim 1972, S. 55 (Neue Vorstellungen über die Entstehung der Krankheiten: die Theorie Hermann Boerhaaves). formuliert. In der Zwischenzeit hatte er neben seinen Vorlesungen zur theoretischen Medizin auch Privatkurse über Botanik, Chemie und praktische Medizin gegeben, welche einen breiten Anklang fanden. So beschäftigte er sich 1706 mit der Anlage von Gewächshäusern im Leidener Pflanzengarten und bestimmte, unter welchem Winkel die Glasdächer unter jedem Breitengrad gegen den Horizont geneigt sein müssen, um möglichst viele Sonnenstrahlen aufzufangen.
Nach dem Tod von Peter Hotton wurde Boerhaave am 18. Februar 1709 zum Professor der Medizin und Botanik berufen. Seine Antrittsrede vom 20. März 1709 trug den Titel Oratio, qua repurgatae medicinae facile asseritur simplicitas. Damit war eine finanzielle Gratifikation von 1000 Gulden für die Professur und 300 Gulden für die Arbeit am Hortus Botanicus Leiden verbunden. 1710 erschien unter seiner Obhut ein Verzeichnis (Index plantarum, quae in Horto academico Lugduno-Batavo reperiuntur) aller Pflanzen des Hortus Botanicus. Zehn Jahre später erweiterte er den Index um mehr als 2000 Arten, ergänzte ihn um die Geschichte des botanischen Gartens und fügte einige grafische Darstellungen hinzu. Die nun 5846 Pflanzenarten umfassende Schrift wurde unter dem Titel Index alter plantarum, quae in horto Academico Lugdono-Batavo coluntur veröffentlicht.
Während seiner Lehrphase wurde die medizinische Fakultät der Universität Leiden zum Anziehungspunkt für zahlreiche Medizinstudenten aus dem In- und Ausland. Dies mag die Kuratoren der Leidener Hochschule dazu bewogen haben, ihm 1714 die zweite Professur der praktischen Medizin am Universitätskrankenhaus Collegium Practicum und am 24. Juni 1718 die Professur der Chemie zu übertragen. Hierzu hielt er 1714 die Rede De comparando certo in physicis, die zu den vorzüglichsten seiner Vorträge gezählt wurde und 1718 die Oratio de chemia suos errores expurgante (Leiden 1718). Nach der Emeritierung von Frederik Dekkers übernahm er 1720 zudem die erste praktische Professur und die Aufsicht über das Universitätskrankenhaus. Zudem beteiligte sich Boerhaave auch an den organisatorischen Aufgaben der Leidener Hochschule und war 1714/15 sowie 1730/31 Rektor der Alma Mater geworden. Hierzu hielt er entsprechende Rektoratsreden, 1714 die De comparando certo in physicis und 1731 die Rede de honore medici, servitute.