mini|Bergbaufolgelandschaft in der Lausitz, 2011

Als Bergbaufolgelandschaft wird im Allgemeinen die in großräumigen Gebieten des Bergbaus während des Abbaus oder nach dessen Ende entstehende oder entwickelte Kulturlandschaft bezeichnet. Begrifflich ist zwischen Bergbaulandschaft und Bergbaufolgelandschaft zu unterscheiden. Gemäß fachlicher Definition ist die Bergbaufolgelandschaft eine aus der Bergaufsicht entlassene Bergbaulandschaft, unabhängig davon, ob und wie viele technische Maßnahmen zur Wiederherstellung von naturnahen Lebensräumen stattgefunden haben.Bergbaufolgelandschaft Spektrum.de, abgerufen am 24. März 2019

In der Vergangenheit wurden Bergbaugebiete der natürlichen Sukzession überlassen, die oft nur Ödland hervorbrachte. Neuere Bergbaufolgelandschaften dienen zumeist Folgenutzungen aus geplanter Rekultivierung zugunsten von Land- und Forstwirtschaft, aber auch als Naherholungs- oder Naturschutzgebiete. Vom Sanierungsbeginn bis zu einem stabilen Endzustand durchlaufen Bergbaufolgelandschaften mehrere Entwicklungsphasen, die sehr lange Zeiträume und sehr hohe finanzielle Mittel in Anspruch nehmen. Die gesellschaftlichen Kosten für Bergbaufolgelandschaften werden oft als Ewigkeitslasten bezeichnet.Gesellschaftliche Kosten der Braunkohle (S. 6 f.) Greenpeace, abgerufen am 25. März 2019Finanzielle Vorsorge im Braunkohlebereich (S. 48 f.) Forum Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft, abgerufen am 25. März 2019Eine Frage der Kohle Die Welt vom 30. September 2016, abgerufen am 25. März 2019

Problemstellung

mini|Haldenbewuchs einer Bergbaufolgelandschaft, Schleenhain, 2018 mini|Sanierung einer Bergbaufolgelandschaft bei Maiberg, 2007 mini|Teersee bei Espenhain nach Beginn der Sanierung (2002)

Die Gewinnung von Rohstoffen wie Erz oder Kohle stellt vor allem im Tagebauverfahren einen der extremsten Eingriffe in die Landschaft dar. Dabei werden Erdschichten belüftet, die zuvor Millionen Jahre lang abgeschottet (anoxisch) waren. Nach Beseitigung der vorhandenen Vegetationsdecke sind die Bodeneigenschaften grundlegend verändert und somit die ursprüngliche Landschaft vollständig zerstört. Das Bundesberggesetz (BBergG) verpflichtet in Deutschland unter anderem Bergbautreibende, aber auch Länder und Kommunen, zerstörte Landflächen durch technische und biologische Maßnahmen zu rekultivieren. Die Begriffsinhalte sind dabei folgende:

Wiedernutzbarmachung ist das ordnungsgemäße Gestalten der vom Bergbau in Anspruch genommenen Oberfläche unter Beachtung des öffentlichen Interesses. Technisches Rekultivieren (Wiederurbarmachung) ist das Herrichten der vom Bergbau nicht mehr genutzten Flächen für die biologische Rekultivierung. Hierzu zählen Oberflächengestaltung devastierter Flächen, Grundmelioration, Böschungssicherung, Vorflutregulierung, Bau von Zufahrtswegen und Tagebaurestlochgestaltung. Biologisches Rekultivieren ist das Herstellen und Fördern der Bodenfruchtbarkeit auf technisch vorgerichteten Flächen. Dies erfolgt durch Bodenbearbeitung, Düngen, Humusanreicherung, Erstbepflanzung und rationelle landwirtschaftliche oder forstwirtschaftliche Folgenutzung.Wolfgang R. Dachroth: Handbuch der Baugeologie und Geotechnik. Springer-Verlag, 2002, S. 625–640. Kippenböden sind junge Böden, die sich innerhalb von Jahrzehnten in Bergbaufolgelandschaften entwickeln: Sie entstehen aus „verkipptem“ Abraum (→ Verklappung) und sind besonders in den großen Braunkohletagebau-Revieren verbreitet. In der deutschen Bodenklassifikation zählen diese Böden zu den „terrestrischen Rohböden“ und zur Klasse der „Ah/C-Böden“, international sind Kippböden den Regosolen zugeordnet, oder, falls stark sandig, den Arenosolen. 2019 wurde der Bodentyp in Deutschland und Österreich zum Boden des Jahres ausgerufen. Umweltbundesamt, abgerufen am 26. April 2019

Im Zuge der Sanierungs- und Rekultivierungsarbeiten wird die Landschaft nochmals stark überformt. Die Beseitigung von Gefahren hat für die Entlassung der Flächen aus der Bergaufsicht dabei höchste Priorität. Zu diesem Zweck werden Maßnahmen zur Böschungssicherung, Bodenverbesserung, Erosionsminderung und Bodenverdichtung ergriffen, zum Beispiel mittels gezielter Sprengung oder Rüttelverdichtung. Grundsätzlich müssen zerstörte Flächen auf die gleiche Art genutzt werden können wie vor Beginn des Abbaus. Gleichfalls ist in den Auflagen, die Bergbautreibende erfüllen müssen, festgelegt, wie viel Fläche wieder für Land- oder Forstwirtschaft nutzbar sein soll. Das Gesetz schränkt allerdings die Umsetzung der Vorgaben durch den Passus „sofern gewünscht und zumutbar“ ein, sodass in der Praxis die Restlöcher oft mit Wasser gefüllt werden, da dies die einfachste Form der Nachnutzung ist.Baden in der Braunkohlegrube Süddeutsche Zeitung vom 7. Juli 2014, abgerufen am 26. März 2019Rekultivierung: Die Probleme liegen unter der Oberfläche Heinrich-Böll-Stiftung Sachsen vom 7. Juli 2017, abgerufen am 26. März 2019.

Dabei stellt sich nicht nur für Bergbaugegner, sondern vor allem für Wissenschaftler zunehmend die Frage, ob angesichts der schwierigen bodengeologischen Bedingungen eine wirtschaftliche Nutzungsfähigkeit überhaupt wiederhergestellt werden kann. So weisen Umweltforscher staatlicher Institute darauf hin, dass Theorie und Praxis weit auseinanderklaffen, weil Sanierungsmaßnahmen kompliziert, langwierig und teuer sind. Unter anderem stellte das Geoforschungszentrum Potsdam (GFZ) fest, dass verschiedene Sanierungsmaßnahmen nicht funktionieren, da die Böden zu nachhaltig geschädigt sind. Vielmehr sei bei den entstehenden Bergbaufolgelandschaften die Frage der Stabilität und der Nachhaltigkeit der Ökosystementwicklung noch vollkommen ungeklärt. Gleichfalls gehen Wissenschaftler, beispielsweise der Georg-August-Universität Göttingen oder der BTU Cottbus-Senftenberg, davon aus, dass die Lösung der Umweltprobleme Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte dauern wird, und im Zusammenhang mit Tagebauen nicht von Altlasten, sondern von Ewigkeitslasten zu sprechen sei.Wildnispotentiale in der Lausitzer Bergbaufolgelandschaft Deutsche Umwelthilfe, abgerufen am 26. März 2019. Klimareporter vom 22. Oktober 2015, abgerufen am 26. März 2019Meike Kirscht: Rekultivierung von Tagebaufolgeflächen mit verschiedenen Bodenhilfsstoffen und Baumarten. Dissertation, 2001, S. 1 f. Georg-August-Universität Göttingen, abgerufen am 26. März 2019

Die größte Herausforderung für Bergbaufolgelandschaften stellen die aus tiefen Lagen an die Oberfläche gelangenden Tertiärsubstrate dar. Grundsätzlich müssen im Bergbau riesige Mengen an Grundwasser abgepumpt werden, um die gewünschten Rohstoffvorkommen überhaupt aus der Erde holen zu können. Dadurch sinkt beispielsweise nicht nur im Tagebau, sondern überall in der Umgebung der Grundwasserspiegel um viele Meter. Das verändert den Wasserhaushalt ganzer Landschaften. Der im Gestein enthaltene Pyrit, das sogenannte Katzengold, kommt dadurch in Kontakt mit Sauerstoff. Es bilden sich Eisenhydroxid und Sulfat. Ist die Förderung irgendwann unrentabel und wird eingestellt, steigt das Wasser wieder an und die Tertiärsubstrate gelangen in die Gewässer. Das führt bei Flüssen und Seen zur Verockerung und zur Sulfatbelastung. Auch bei der Wiederablagerung von Bodenabraum gelangt Pyrit an die Oberfläche, bei dessen Verwitterung Schwefelsäure entsteht. Die pH-Werte des Bodens oder in Tagebauseen des Wassers können dadurch weit unter 3,5 sinken, was die Nährstoffverfügbarkeit stark einschränkt. Zudem sind die sehr sauren und basenarmen Bedingungen der Bodenlösungen nicht selten von einem hohen Gehalt an Schwermetallen begleitet, die toxische Konzentrationen erreichen können.Braunkohleabbau: Grundwasser in Gefahr Frankfurter Rundschau vom 22. Oktober 2015, abgerufen am 26. März 2019

Tagebauseen mini|Teil der Bergbaufolgelandschaft Leipziger Neuseenland (2016); in diesem Gebiet befanden sich früher der jahrtausendealte Urwald Auf der Harth sowie die Dörfer Eythra und Bösdorf mini|Partwitzer See mit deutlicher Verockerung, 2018 mini|Geplante Bergbaufolgelandschaft des Tagebau Garzweiler im Jahr 2100, Detailplanungen bezüglich genauer Abbaugrenzen und Rekultivierung stehen noch aus

Die einfachste Form der Nachnutzung entsteht aus dem Tagebauloch. Im simpelsten Fall handelt es sich um einen Baggersee, der beim Kiesabbau entstanden ist. Sein Volumen entspricht ungefähr dem des entnommenen Rohstoffs. Soll nicht immer weiter das Grundwasser abgepumpt werden, ist eine Flutung unausweichlich. Auf diese Weise entstehen bei größeren Tagebauen bis zu 80 Meter tiefe Seen. Einem Bericht des Umweltbundesamts zufolge existierten seit dem Jahr 2017 in Deutschland mehr als 500 solcher Kohle-Bergbau-Seen. Die Mehrzahl davon befindet sich gegenwärtig noch in der Herstellung. Zu diesen Arbeiten zählen, neben der abschließenden Böschungssicherung und Gestaltung, die aktive Flutung durch Zuführung von Fremdwasser aus der Vorflut oder passive Flutung durch Eigenanstieg des Grundwassers, sowie die Erreichung einer den wasserwirtschaftlichen Anforderungen entsprechenden Gewässergüte.Umweltforschungsplan FKZ 29822240 Umweltbundesamt, abgerufen am 26. März 2019Renaturierung im Tagebau Handelsblatt, 20. Februar 2004, abgerufen am 26. März 2019.

Von ihrer Wasserchemie her ähneln Kohle-Bergbaufolgeseen sauren Vulkanseen. Durch die Verwitterung sulfidischer Mineralien liegen in diesen Gewässern die pH-Werte zwischen 2,5 und 3,5. Nur wenige Spezies können diese extreme Säurehärte vertragen. Fische brauchen einen pH-Wert von mindestens 5,5, um sich fortpflanzen zu können. Bei Muscheln, Krebsen und Schnecken muss der pH-Wert noch höher sein, anderenfalls lösen sich ihre Schalen und Panzer auf. Doppelt schwer haben es Pflanzen. Denn Nährstoffe wie Phosphor werden im sauren Wasser gebunden und sind für die Pflanzen nicht verfügbar. Zudem gibt es in den Tagebauseen wenig anorganischen Kohlenstoff, den die Pflanzen für die Photosynthese brauchen. Weil sich in den Tagebauseen biologische Komponenten und Gewässerzustände (Trophie, Nahrungsketten) abweichend zu normalen Seen verhalten und zahlreiche Nutzungen einschränken, wird dem Problem der Versauerung besondere Aufmerksamkeit gewidmet.Leben erobert saure Gewässer NTV Wissen vom 10. Juli 2017, abgerufen am 27. März 2019.Umweltforschungsplan FKZ 29822240 Umweltbundesamt, 1996, abgerufen am 26. März 2019

Ohne permanente Bearbeitung sind die Restlöcher für mehrere Jahrzehnte weder für Fische noch zum Baden geeignet. Letzteres steht zusätzlich im Gegensatz zu den regionalen Entwicklungsplänen, die für die meisten der Seen eine Badenutzung vorsahen. Diese Nutzung setzt gemäß der EU-Badewasserrichtlinie einen pH-Wert größer als 6 voraus, was in fast allen Fällen ohne „fremde“ Hilfe nicht erreicht werden kann. Um diesen Zuständen zu begegnen, wird dem Wasser mehrere Jahre lang Kalk und Natronlauge zugeführt. Da die wenigsten Baggerseen über einen natürlichen Zu- und Ablauf verfügen, sorgen Pumpen für die Verdünnung und den Sauerstoffaustausch. Durch Tausende Tonnen Kalk, die jährlich ins Wasser gegeben werden, hat sich bei einigen Seen der pH-Wert mittlerweile normalisiert. Dennoch muss die Neutralisierung – je nach Situation mit Kalk oder Wasser aus den umliegenden Flüssen – dauerhaft fortgesetzt werden, da immer wieder Säure aus dem Boden nachströmen kann. Bis diese Gefahr gebannt sei, werden nach Angaben des Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei viele Jahrzehnte vergehen.Leben erobert saure Gewässer NTV Wissen vom 10. Juli 2017, abgerufen am 27. März 2019.Umweltforschungsplan FKZ 29822240 Umweltbundesamt, 1996, abgerufen am 26. März 2019.