mini|Yachthafen in den St Katharine Docks, Juni 2004: Symbol für die abgeschlossene Gentrifizierung der Londoner Docklands Als Gentrifizierung (von „niederer Adel“) wird die Verdrängung einkommensschwacher Haushalte durch einkommensstarke Haushalte in innerstädtischen Quartieren bezeichnet. Sie geht häufig mit einer immobilienwirtschaftlichen und funktionellen Aufwertung einher. Dabei werden sozialräumliche Polarisierungsprozesse verstärkt (Segregation).
Für die Betroffenen ist die Verdrängung meist mit erheblichen finanziellen und emotionalen Belastungen verbunden.
Entstehung und Umfeld des Begriffs Der bereits für das Jahr 1888 nachweisbare Begriff gentrificationManchester Literary and Philosophical Society: Memoirs and Proceedings of the Manchester Literary & Philosophical Society, 1888. wurde 1964 von der britischen Stadtsoziologin Ruth Glass aufgenommen. Sie nutzte ihn für das Phänomen des Zuzugs von Mittelschichtfamilien in den ursprünglich vor allem von Arbeitern bewohnten Londoner Stadtteil Islington. Dies hatte den Stadtteil in seiner sozialen Struktur signifikant verändert. Glass sah dabei eine Analogie zu Vorgängen im 18. Jahrhundert, als Teile des niederen Adels (Gentry) vom Rand der Städte zurück in die Zentren zogen. mini|„DIE YUPPIES“ (deutsch: Sterbt Yuppies), Graffito in Cambridge (Massachusetts) Der Begriff und die Erscheinung umfassen vielfältige, multidimensionale Aspekte der Stadtentwicklung und der Stadtökonomik. Häufig stehen sie im Zusammenhang mit der Metropolisierung und der Reurbanisierung von Städten. Daher ist die Gentrifizierung seit Jahrzehnten ein zentrales Konfliktfeld der Stadtgeographie und der Stadtsoziologie. Nach dem Soziologen Chris Hamnett können einzelne der gängigen Theorien zur Gentrifizierung nicht schlüssig erklären, wieso ein Viertel gentrifiziert wird und das andere nicht. Auch bleibt laut Hamnett im Dunkeln, warum – global betrachtet – die Gentrifizierung sich im Wesentlichen auf einige wenige Großstädte konzentriert, die bereits zu Zeiten der Industrialisierung Bedeutung hatten.
Eine Gentrifizierung im engeren Sinne zeichnet sich nach Jürgen Friedrichs durch den Austausch einer statusniedrigeren durch eine statushöhere Bevölkerung aus. Nach Andrej Holm gehören dazu wesentliche Änderungen des Nachbarschaftsmilieus und der nachbarschaftlichen Beziehungen. Dabei geht es um die soziokulturellen und immobilienwirtschaftlichen Veränderungen in ursprünglich preisgünstigen Stadtvierteln, in denen Immobilien zunehmend von wohlhabenderen Eigentümern und Mietern belegt und baulich aufgewertet werden. Bewohner mit einem niedrigeren Sozialstatus werden ersetzt oder verdrängt. Zumeist sind innenstadtnahe Stadtteile von Metropolen von derartigen Vorgängen betroffen. Weiter sind Gebiete betroffen, in denen Industrieanlagen des 19. Jahrhunderts zu Loftwohnungen umgebaut werden können.
Als wichtig gelten ebenso die Unterschiede im Habitus, im Geschmack, in den sozialen und kulturellen Ausdrucksweisen und symbolhaft inszenierten Konsumgewohnheiten von Neuankömmlingen und der bestehenden Einwohnerschaft im öffentlichen Raum.
Die Gentrifizierung wirkt unter anderem der in den 1950er und 1960er Jahren konstatierten Landflucht und dem Ausbau der Vorstädte entgegen und ist Ausdruck der seitdem höheren Attraktivität von einigen Innenstadtbereichen insbesondere für neue Mittelschichten. Sie ist besonders stark in Städten mit bereits im 19. Jahrhundert (vgl. Gründerzeit) erstellter Wohnbebauung in Innenstadtlagen. Ein zentraler Aspekt der neueren Forschung bezieht über den Wohnungsmarkt hinaus die Konsumgewohnheiten und den Wandel des lokalen Handels mit ein., Anne Haeming, in taz am Wochenende, 18./19. Januar 2014 Die vorigen empirischen Untersuchungen hatten die kommerzielle Gentrifizierung, die Rolle von Handel, Boutiquen und Gastronomie, gegenüber der residenziellen Gentrifizierung, dem Wandel der Wohnbevölkerung, vernachlässigt.Miriam Stock, Der Geschmack der Gentrifizierung S. 13, mit Bezug auf Sharon Zukin 2009
Als Gegenmaßnahme wird das Stadtrecht im Sinne des Zugangs zur Stadt, des Rechts auf Stadt als Lebensraum auch für Gruppen eingefordert, die entsprechenden Anforderungen (etwa der neuen Mittelschichten) nicht genügen.Sharon Zukin: Naked City: The Death and Life of Authentic Urban Places. New York: Oxford University Press, 2010. S. 244, mit Bezug zu Henri Lefebvre und David Harvey Ebenso wird angestrebt, mit Planungsvorgaben und Regulierung wie mit regionalen Initiativen Gentrifizierungsprozessen und deren Auswüchsen entgegenzutreten.
Verwendung als Schlagwort Der Soziologe Andrej Holm kritisiert, dass der Begriff in öffentlichen Auseinandersetzungen als inflationäre Universalmetapher gebraucht werde. Laut dem Soziologen Hartmut Häußermann ist der Begriff zu einem „politische[n] Kampfbegriff“ geworden, der ohne fundierte Belege eingesetzt werde.
Gerhard Hard ordnet den Begriff unter den neuen Urbanisierungsdiskurs der 1970er Jahre ein.Gerhard Hard: Dimensionen geographischen Denkens. In: Osnabrücker Studien zur Geographie. V&R unipress, 2003, ISBN 3-89971-105-X. (Bd. 2 der Aufsätze zur Theorie der Geographie) Dabei werde der Begriff erheblich überhöht. Die tatsächliche Gentrifizierung sei oft auf nur wenige Häuserblöcke und symbolträchtige Plätze begrenzt. Genauso bleibt Hard zufolge das Wohnungsangebot im Umfeld der Kernstädte nach wie vor sehr gering, die wesentlichen Wanderungsbewegungen gingen ins Umland. Wichtiger sei die Bedeutung in einer von wenigen eloquenten Trendsettern geführten Diskussion zur Stadtentwicklung.
Forschungs- und Erklärungsansätze Gentrifizierung ist Forschungsgegenstand verschiedener Disziplinen, unter anderem der Raumforschung und der Stadtplanung, der Geographie, der Stadtforschung, der Stadtbaugeschichte und der Stadtmorphologie, der Volkskunde, der Soziologie, der Wirtschaftswissenschaften und der allgemeinen Kulturwissenschaften.
Die Erforschung des Phänomens begann in Nordamerika. Bekannte Beispiele sind SoHo oder der Meatpacking District, das Schlachterviertel in Manhattan. Hier befanden sich bis in die 1980er und 1990er Jahre durch belastendes Gewerbe geprägte Stadtviertel. Dies wird von der Wiederaufwertung ehemals wohlhabender und zwischenzeitlich verelendeter Viertel unterschieden. In den USA ist der Prozess schneller und gravierender als in den deutschsprachigen Ländern, weil dort die der Grundsteuer und Vermögensteuer vergleichbaren Abgaben nach den tatsächlichen Bodenwerten und nicht nach niedrigen Einheitswerten berechnet werden. Die USA und Großbritannien haben einen höheren Anteil von Wohneigentum bei Geringverdienern. Bei einer anstehenden Gentrifizierung können diese erhebliche Spekulationsgewinne realisieren und sich an anderer Stelle eine andere Immobilie kaufen. Die angelsächsische Gentrifizierung verläuft aufgrund allgemein liberalerer Voraussetzungen im Steuer- und Mietrecht, einer stärkeren Bedeutung der Immobilien als Investition und Anlageklasse sowie einer zurückhaltenderen Rolle der Kommunen und des Staates in Fragen des Sozialwesens und der Stadtplanung gravierender und schneller.Nicole Gatz: Aktuelle Segregationsprozesse in Berlin: Eine qualitative Fallstudie zum Prenzlauer Berg. GRIN Verlag, 2010, ISBN 978-3-640-63840-6. (Akademische Schriftenreihe) In den USA ist zudem die Zuwanderung oder der Ausschluss von ethnischen Minderheiten von Bedeutung. Gleichzeitig verläuft Gentrifizierung in einem von Eigentümern und der Privatwirtschaft geprägten Wohnungsmarkt anders als in (etwa mitteleuropäischen) Städten mit höherem Mietanteil und einer stärkeren Rolle der Kommunen bei Planungsvorgaben und Wohnungswirtschaft.
Ertragslückenmodell Der Geograph Neil SmithNeil Smith: Toward a Theory of Gentrification A Back to the City Movement by Capital, not People. In: Journal of the American Planning Association. 45:4, 1979, S. 538–448. doi:10.1080/01944367908977002 sieht in seiner 1979 entwickelten rent-gap-Theorie rein ökonomische Erklärungsansätze für die Gentrifizierung. Danach suchen Immobilieneigentümer immer nach der maximalen Rendite aus ihrem Anwesen. Immobilien stünden damit in Konkurrenz zu anderen Anlageformen. Bei der Gentrifizierung handele es sich weniger um eine Bewegung von Menschen in die Städte, als vielmehr um eine Bewegung von Kapital. Allerdings erklärt diese Theorie nicht, wieso es zu unterschiedlichen und zeitlich wechselnden Vorlieben und damit zu Mietpreisunterschieden für das eine oder andere Stadtviertel kommt.Inga Jensen, Sebastian Schipper: Jenseits von schwäbischen Spätzlemanufakturen und kiezigen Kneipen – polit-ökonomische Perspektiven auf Gentrifizierung. In: PROKLA. Verlag Westfälisches Dampfboot, Heft 191, 48. Jg. 2018, Nr. 2, 317–324, hier S. 319–320 f. (frei zugängliche PDF).
Ein wesentlicher Erklärungsansatz für eine seit 2010 intensivierte Gentrifizierung im Euroraum wird darin gesehen, dass infolge der Weltfinanzkrise die Europäische Zentralbank eine Niedrigzinspolitik eingeleitet hat, die dazu führte, dass anlagesuchendes Kapital seither verstärkt in den Immobiliensektor fließt, weil dort zu erzielende Renditen höher sind als in anderen Anlageklassen, etwa Staatsanleihen, Aktien oder Sparkonten.Inga Jensen, Sebastian Schipper: Jenseits von schwäbischen Spätzlemanufakturen und kiezigen Kneipen – polit-ökonomische Perspektiven auf Gentrifizierung. In: PROKLA. Verlag Westfälisches Dampfboot, Heft 191, 48. Jg. 2018, Nr. 2, 317–324, hier S. 320 f. (frei zugängliche PDF).
Als Beispiel für Gentrifizierung durch Profitmaximierung kann auch die Vermietung über Airbnb in Metropolen gelten. Die Städte wehren sich zwar durch Satzungen gegen die Zweckentfremdung von Wohnraum, aber die Vermietung erfolgt oft auch illegal.
Doppelter Invasions-Sukzessions-Zyklus mini|Die von alternativer Subkultur geprägte Mainzer Straße in Berlin-Friedrichshain im Juni 1990 mini|Die Mainzer Straße nach der vollständigen Sanierung im Jahr 2006
Die Stadtsoziologen Jens Dangschat, Jürgen Friedrich und Jörg Blasius proklamierten Anfang der 1990er Jahre dieses Modell der Gentrifizierung. Danach laufen die Gentrifizierungsprozesse nach typischen Mustern ab: Wegen niedriger Mietpreise sowie zunehmend attraktiver Lage werden einzelne Stadtteile für „Pioniere“ (Studenten, Künstler, Subkultur) attraktiv. Diese werten die Stadtteile durch kulturelle Aktivitäten auf und setzen einen Segregationsprozess in Gang. Künstler und Gastronomen etablieren sich und bringen weitere Interessenten in die Stadtteile. Studenten steigen ins Berufsleben ein, verdienen mehr Geld als zuvor und gründen Familien, womit ihr Wohnflächenbedarf steigt; damit hängt die Gentrifizierung also nicht immer vom Zuzug neuer Bewohner ab. Investoren sehen Chancen zur Wertsteigerung, Häuser und Wohnungen werden aufgekauft und restauriert, Szene-Clubs und Lokale entstehen. Die Mieten steigen und finanziell Schwache wandern ab. Die Bevölkerungsstruktur und der Charakter der Viertel wandeln sich. Die Gentrifizierung geht einher mit einem allgemeinen Segregationsprozess. Nach der Theorie vom „doppelten“ Invasions-Sukzessions-ZyklusGeraffte Darstellung in: Michael Windzio: (PDF; 2,4 MB), Arbeitspapier vom 27. November 2006, abgerufen am 3. Juli 2011. stellen bereits die Studenten und Künstler die ersten „Invasoren“ dar. Sie verdrängen andere soziale Gruppen und schaffen ein neuartiges soziales Milieu, das besser in Wert gesetzt werden kann (Sanierungen) und damit das Umfeld zur zweiten „Invasorenwelle“, den sogenannten „Gentrifiers“, schafft. Die vorherigen Gruppen werden immer stärker verdrängt, und es erfolgt eine Aufwertung von innenstadtnahen, ehemals marginalen Wohnvierteln (ein Prozess von Reurbanisierung).