Die Schildhornsage (oft auch als „Schildhorn-Legende“ bezeichnet) handelt von dem Slawenfürsten Jaxa von Köpenick, der 1157 im Gründungsjahr der Mark Brandenburg vor Albrecht dem Bären durch die Havel geflohen sein soll. Als Jaxa zu ertrinken drohte, habe er in seiner Not den bisher verhassten „Christengott“ angerufen und aus Dankbarkeit für seine Rettung seinen Schild und sein Horn an einen Baum gehängt und sich zum Christentum bekannt. Seither heiße die Landzunge, auf die er sich gerettet habe, Schildhorn. Das Schildhorn gehört seit 1920 zu Berlin. In der Sage spiegelt sich symbolhaft der Gründungsmythos der Mark Brandenburg, der Übergang von der slawischen zur deutschen Herrschaft.

In ihrer ursprünglichen mündlichen Überlieferung und in ihren ersten Niederschriften drehte sich die Volkssage weder um Jaxa, noch enthielt sie den Bekehrungsaspekt und spielte auch nicht am Schildhorn. Diese Inhalte fanden in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts schrittweise Eingang in die Darstellung. Der Name Schildhorn ist zudem bereits 1590 urkundlich erwähnt und beruht sehr wahrscheinlich auf einem slawischen Gewässernamen. Dennoch führen auch im 21. Jahrhundert viele Darstellungen und Informationstafeln vor Ort die Namensgebung für das Schildhorn auf die Sage zurück und lassen damit diesen Teil der Sage zum modernen Geschichtsmythos werden.

Die seit ungefähr 1850 gängige Schildhorn- oder Jaxa-Version der Sage fand ihren künstlerischen Ausdruck in zahlreichen Gedichten und Gemälden sowie im Schildhorndenkmal auf der Spitze der Landzunge. Die auch Schildhornkreuz genannte Säule geht auf eigenhändige Bleistiftskizzen Friedrich Wilhelms IV. von Preußen zurück und wurde 1845 nach Entwürfen von Friedrich August Stüler errichtet.

mini|hochkant=1.5|Jaczo von Köpenick auf der Flucht durch die Havel. Holzschnitt von O. Vogel nach einer Zeichnung von Adolph Menzel, 1868

Das Schildhorn – Lage und Etymologie

Die Landzunge Schildhorn liegt im Landschaftsschutzgebiet Grunewald im gleichnamigen Berliner Ortsteil Grunewald des Bezirks Charlottenburg-Wilmersdorf am Ostufer der Havel.

mini|Blick über die Jürgenlanke zum Schildhorn

Mit einem auf der Halbinsel befindlichen Waldspielplatz verbindet die verantwortliche Berliner Senatsverwaltung ein Konzept, das Kinder animieren will, „in die Welt des Jaczo ein[zu]tauchen“.Senatsverwaltung, Havelhöhenweg, Wissenspunkt 07, Die Jaczo-Sage Stadtentwicklung.berlin.de, Forsten, Havelhöhenweg, Punkt 07 Die Informationstafel am Spielplatz enthält die verbreitete Fehlinformation zur Namensgebung: „Fürst Jaczo hängte hier sein Schild und sein Horn an einen Baum, und gab so dem Schildhorn seinen heutigen Namen“.Informationstafel vor Ort der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Havelhöhenweg, Spielplatz Schildhorn – Fürst Jaczo auf der Spur, Stand Juli 2008. Auch die Internetseite der Senatsverwaltung, Havelhöhenweg, Wissenspunkt 07, Die Jaczo-Sage, enthält die gleiche Fehlinformation Auch die Informationstafeln am Havelhöhenweg, der die Halbinsel einbezieht, enthalten diese Information.Havelhöhenweg, Wegeabschnitt 1: Stößenseebrücke – Schildhorn „Direkt am Wasser entlang“ Stadtentwicklung.berlin.de, Forsten, Havelhöhenweg, Abschnitt 1 pdf (PDF); Gesamtübersicht Havelhöhenweg Stadtentwicklung.berlin.de, Forsten, Havelhöhenweg

Die Schildhornsage legt zwar nahe, dass der Name Schildhorn auf sie zurückgeht und einige Darstellungen und Gedichte betonen diese Namensgebung ausdrücklich, jedoch ist diese Ableitung nicht belegt. Vielmehr beruht der Namensteil „Schild“ etymologisch sehr wahrscheinlich auf der Übersetzung eines slawischen WortesEberhard Bohm: Die Frühgeschichte des Berliner Raumes (6. Jahrhundert v. Chr. bis zum 12. Jahrhundert n. Chr.). In: Wolfgang Ribbe (Hrsg.), Veröffentlichung der Historischen Kommission zu Berlin: Geschichte Berlins. 1. Band, Verlag C.H. Beck, München 1987, ISBN 3-406-31591-7, S. 134. Als Quelle gibt Bohm u. a. an: Herbert Ludat: Deutsch-slawische Frühzeit und modernes polnisches Geschichtsbewußtsein, Köln, Wien 1969, S. 24–27 und der Begriff Horn geht auf die mittelniederdeutsche geografische Bezeichnung für Landzunge oder Landvorsprung zurück. So enden die Namen fast aller größeren Ufervorsprünge an den Havelseen auf „-horn“, beispielsweise Kuhhorn, Breitehorn oder Weinmeisterhorn. Zudem findet sich eine erste schriftliche Erwähnung der Halbinsel unter dem Namen Schildhorn bereits im Spandauer Erbregister von 1590Kurt Pomplun: Schildhorn – «Lieblingsziel der Berliner …»; siehe ausführlich zu Etymologie und urkundlichen Erwähnungen: Hauptartikel Schildhorn – lange bevor die Sage ihre bekannte Schildhorn-Ausformung erhielt. Der längst bestehende Flurname Schildhorn geht also nicht auf die Sage zurück, sondern war laut Pappenheim eine „ätiologische Erklärung“, die sich erst aus der Deutung des Namens ergeben hat.Hans Eugen Pappenheim: 90 Jahre Säule auf dem Schildhorn …

Die Schildhornsage

Inhalt mini|Jaxa auf der Flucht vor Albrecht dem Bären, Ausschnitt Relief Jaczo-Turm mini|Slawische Gebiete um 1150, Schildhorn und Jaczo-Schlucht

Die seit ungefähr 1850 gängigste Version der Sage fasste unter anderem Theodor Fontane in den Wanderungen durch die Mark Brandenburg zusammen. Danach durchschwamm Jaxa von Köpenick auf der Flucht vor Albrecht dem Bären und zwei weiteren Reitern die Havel, die sich in diesem Raum zu einem der Havelseen verbreitert. Von der Flucht erschöpft, drohte Jaxas Pferd in den Fluten zu versinken. Als die slawische Gottheit Triglaw sein Flehen um Rettung nicht erhörte, hielt er seinen Schild hoch über den Kopf und rief in seiner Not den bislang verhassten Christengott an. Da schien es ihm, als fasste eine Hand den erhobenen Schild und hielte ihn mit sicherer Macht über dem Wasser, neue Kraft durchströmte auch das sinkende Pferd – das Ufer bei Schildhorn war erreicht. Dort schwor er dem Christengott die Treue und hängte aus Dankbarkeit seinen Schild an eine Eiche. Theodor Fontane wörtlich: „Seinen Schild aber, den der Finger Gottes berührt, ließ er dem Ort, wo das Wunder sich vollzogen hatte. Der Schild des Heiden war ihm zum Glaubensschild geworden.“Theodor Fontane: Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Teil 1: Die Grafschaft Ruppin. Anhang Das Schildhorn bei Spandau. Nymphenburger Verlagshandlung, München / Frankfurt am Main / Berlin 1971, ISBN 3-485-00291-7, S. 529–533.

Historischer Hintergrund und Kern der Sage

Historischer Hintergrund der Schildhornsage sind die letzten Kämpfe zwischen Slawen und Deutschen im Jahr 1157. Nach der Vertreibung des Slawenfürsten Jaxa von Köpenick (auch Jacza de Copnic, Jaczo oder Jaxa)Die historische Identität des Jaxa von Köpenick und die Frage, ob der Fürst von Köpenick (Jacza de Copnic) tatsächlich identisch mit dem Jaxa war, der als Albrechts Gegenspieler Geschichte schrieb, sind ungeklärt. Siehe unten. aus der Burg Brandenburg hatte der Askanier Albrecht der Bär die Mark Brandenburg gegründet und die deutsche Besiedlung der Mark angestoßen. Mit ihrem Sieg verschoben die Askanier die Ostgrenze zur Havel/Nuthe-Linie und bereiteten den Übergang zum Teltow vor.

Der Kern der Volkssage bestand darin, dass sich ein Ritter auf seiner Flucht durch die Havel gerettet haben soll. Einen Beleg aus der Gründungszeit der Mark Brandenburg gibt es dafür nicht. Diese angebliche Begebenheit erhielt in der mündlichen Überlieferung die verschiedensten Ausschmückungen und Variationen hinsichtlich Zeit, Ort und Person. Nach Wilhelm Schwartz soll die Sage insbesondere in Pichelsdorf und weiteren Dörfern entlang der Havel sowie in Lietzow als „sich zum Theil widersprechende Volkstradition“ erzählt worden sein.Wilhelm Schwartz: Das Schildhorn bei Spandau … S. 282

In einigen mündlichen Überlieferungen existierten mit dem Dreißigjährigen KriegAdalbert Kuhn: Märkische Sagen und Märchen. …, 1843 oder mit der Franzosenzeit auch völlig andere historische Bezüge. Mal habe es geheißen, der Große Kurfürst, mal der Alte Fritz sei die gerettete Person gewesen.Wilhelm Schwartz: Das Schildhorn bei Spandau … S. 282 f. Die Gründungszeit der Mark blieb jedoch in den gängigsten Versionen Hintergrund der Sage und hinsichtlich der Person konzentrierten sich die Niederschriften auf zwei slawische Fürsten aus dem 12. Jahrhundert.

Genese und Entwicklung

In den ersten Aufzeichnungen stand nicht Jaxa, sondern der Slawenfürst Pribislaw, der in den Quellen auch als König bezeichnet wird, im Mittelpunkt des Geschehens. Pribislaw war bereits spätestens seit 1130 mit Albrecht dem Bären verbündetLutz Partenheimer: Albrecht der Bär. 2. Auflage, Böhlau Verlag, Köln 2003, ISBN 3-412-16302-3, S. 36ff und 1157 bereits verstorben. Daher ist in diesen Darstellungen allgemein von der Zeit der „damaligen Religionskriege“ die Rede.Wilhelm Schwartz: Sagen und alte Geschichten der Mark Brandenburg für Jung und Alt. Hertz Verlag, Berlin 1871, Nr. 43: Das Schildhorn bei den Pichelsbergen. online bei Literaturport Auch hinsichtlich des Ausgangspunkts der Flucht existieren unterschiedliche Darstellungen. So nennt eine Pribislaw-Version Caputh und nicht Spandau als Ausgangspunkt. Als Punkte, an denen Jaxa in das Wasser gestiegen sei, kommen verschiedene Stellen am Havel-Ufer vor, darunter Sacrow, Pichelswerder und schließlich die Jaczo-Schlucht in Wilhelmstadt, in der der kleine Jaczo-Turm aus dem Jahr 1914 an die Flucht erinnert. Die Bekehrung Jaxas lassen alle Schriftsteller am Schildhorn geschehen, einzig Wilhelm Grothe verlegte die Bekehrung in seiner Darstellung von 1864 auf die Müggelberge.Wilhelm Grothe: Schildhorn und Teufelssee. Märk. Sage. Berlin 1864.

Älteste Niederschrift und Pribislaw-Variante mini|Die erste bekannte Niederschrift der Sage durch Jacob Paul von Gundling im Jahr 1730

In der Erzählforschung zur Sage nehmen die Untersuchungen von Martin Friedrich Rabe aus dem Jahr 1856 einen zentralen Stellenwert ein. Laut Rabe nennt die Sage in ihrer ältesten Fassung keinen Namen, sondern „nur den letzten slavischen Beherrscher über Brandenburg“, und Rabe folgert: „darunter kann Jaczo wohl nicht verstanden werden, sondern nur Pribislaw.“Martin Friedrich Rabe: Das Schildhorn an der Havel … In: … Auf welche Fassung Rabe sich bezieht, ist nicht bekannt. Als älteste Niederschrift der Volkssage gilt in der Geschichtswissenschaft die Darstellung von Jacob Paul von Gundling aus dem Jahr 1730, die bereits Pribislaw benennt und noch keinen Hinweis auf das Schildhorn und die Christianisierung enthält: „Man hat Nachricht, daß es unweit Potsdam zwischen Marggraf Albrechten und König Prebislaus zum Treffen gekommen, […] wo der Wendische König Prebislaus durch die Havel die Flucht genommen.“Jacob Paul Freiherr von Gundling: Leben und Thaten des durchlauchtigsten Fürsten und Herrn, Herrn Albrechten des Ersten, Markgrafen zur Brandenburg aus dem Hause Ascharien und Ballenstädt. Berlin 1730, S. 21