Migrationsforschung ist ein interdisziplinäres wissenschaftliches Arbeitsfeld, das sich mit dauerhaften und grenzüberschreitenden Verlagerungen menschlicher Wohnorte befasst. Nach Anfängen im 19. Jahrhundert brachten die großen Bevölkerungsbewegungen des 20. Jahrhunderts der Migrationsforschung wachsendes Interesse ein.
Die Untersuchung solcher Wanderungsvorgänge ist ein Teilbereich der Erforschung räumlicher Mobilität. Unter räumlicher Mobilität verstehen Geographen, Ökonomen, Geschichts- und Sozialwissenschaftler jede Positionsveränderung eines Individuums zwischen verschiedenen Einheiten eines räumlichen Systems. Räumliche Mobilität ist unabhängig von der Reichweite der Bewegung (große oder geringe Distanzen) und ihrer Frequenz (einmalig oder regelmäßig, selten oder häufig). Von einem Wanderungsvorgang oder einer Migration spricht man in der Regel dann, wenn die räumliche Mobilität eines Individuums oder einer Gruppe über eine administrative Grenze hinweg erfolgt und auf Dauer, jedoch zumindest auf einen längeren Zeitraum, angelegt ist.
Historische Migrationsforschung Obwohl Migration als allgemeinmenschliches Phänomen gilt und der Mensch deshalb auch als homo migrans bezeichnet wurde,Barbara Lüthi: Migration and Migration History. In: Docupedia-Zeitgeschichte, 28. September 2010, abgerufen am 30. Juli 2012. werden Wanderungsbewegungen erst seit der Hochindustrialisierung Ende des 19. Jahrhunderts systematisch erforscht.
In der Antike und im Mittelalter waren Grenzen der Territorien relativ durchlässig; ein Resultat von Migration war oft kulturelle Hybridisierung. Ursachen von Wanderungsbewegungen waren häufig wirtschaftliche oder klimatische Gründe, drohende Übervölkerung oder Kriege. Insbesondere Händler (z. B. die Kaufleute der Hanse) waren seit dem Altertum eine hochmobile Gruppe, im Mittelalter kamen die Bildungseliten hinzu. Ob aber aus Mobilität eine dauerhafte Migration resultierte, hing von den Bedingungen in den Aufnahmeländern ab. Das gilt z. B. für die Wanderungen der Wikinger.Michael Borgolt (Hrsg.): Migrationen im Mittelalter: Ein Handbuch. Berlin 2014. Später erfolgten auch Wanderungen wegen religiöser Verfolgung (z. B. die Flucht der Hugenotten aus Frankreich).
Eine Regulierung und Kontrolle von Migration fand erst seit dem Zeitalter der Entstehung der Nationalstaaten und verstärkt seit der Entstehung moderner Wohlfahrtsstaaten statt. Seit dem 19. Jahrhundert entstanden mit einer ersten Welle der Globalisierung größere, meist armutsbedingte transkontinentale Wanderungsbewegungen.Jochen Oltmer: Globale Migration: Geschichte und Gegenwart. München 2017. Mit der Entstehung der Arbeiterbewegung und der revolutionären Bewegungen in Europa nahm auch die Auswanderung aus politischen Gründen zu.
Sowohl die Binnenwanderungen im Zuge der Industrialisierung als auch die internationalen Wanderungsbewegungen wurden seit Ende des 19. Jahrhunderts von Bevölkerungs- und Sozialwissenschaftlern sowie Stadtforschern analysiert, so zuerst in England, den USA und Deutschland.Sylvia Hahn: Historische Migrationsforschung. Frankfurt 2012. Dabei standen Verwaltungsinteressen im Vordergrund.James C. Scott: Seeing like a State. Yale University Press 1998. Binnenwanderungen galten dabei jedoch im Vergleich zur internationalen Migration stets als weniger konsequenzenreich und problematisch.Douglas S. Massey i.a.: Worlds in Motion. Oxford 1988.
Über die monographische Behandlung des Themas hinaus kam es Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts zu ersten Theoretisierungen wie z. B. Georg Simmels Theorie des Fremdseins (u. a. am Beispiel jüdischer Händler), Ernst Ravensteins Theorie der etappenweisen Wanderungen, die später zur Theorie der Kettenmigration („Transmigration“)Sonja Haus: Soziales Kapital und Kettenmigration. Opladen 2000. weiterentwickelt wurde, und Robert E. Parks Theorie der Randständigkeit und Segregation von Migranten.
Im 20. Jahrhundert gehörten die Kriege und die Bevölkerungsverschiebungen im Rahmen der Neuziehung von Grenzen sowie die Entkolonialisierung zu den größten Auslösern von Wanderungen.Franz Nuscheler: Migration als Konfliktquelle und internationales Ordnungsproblem. In: P. Imbusch, R. Zoll (Hrsg.): Friedens- und Konfliktforschung. Wiesbaden 2006. Im Rahmen der Globalisierung und in Zusammenhang mit Individualisierung und der Pluralisierung der Gesellschaft wird heute eine steigende Mobilität der einzelnen Menschen postuliert, die es den Individuen zunehmend ermögliche, territoriale, soziale und kulturelle Grenzen zu überschreiten.Vgl. Beck 1986, S. 125. Doch der Einbruch der Raten (mehr oder weniger) freiwilliger Migration, der bereits vor dem Ersten Weltkrieg erfolgte, spricht gegen den linearen Trend einer immer mobileren Gesellschaft. So wirken auch auf dem „postmodernen vernetzten Weltmarkt“Michael Hardt, Antonio Negri: Empire: Die neue Weltordnung. Frankfurt 2002. nationale Grenzen nach wie vor als Barrieren des Transfers von sozialem und kulturellem Kapital (z. B. Sprache, Zertifikate, übertragbare Fähigkeiten) und bremsen die freiwillige Mobilität.Thomas Faist: Migration und der Transfer sozialen Kapitals oder: Warum gibt es relativ wenige internationale Migranten? In: Ludger Pries (Hrsg.): Transnationale Migration. Soziale Welt Sonderband 12. Baden-Baden, S. 63–83. Hinzu kommt die seit der Zwischenkriegszeit und insbesondere der Weltwirtschaftskrise erheblich verschärfte Regulation der Migration in wichtigen Einwanderungsländern, die allerdings durch illegale Migration umgangen wird. Neben der freiwilligen Rückwanderung nimmt auch die unfreiwillige Rückführung an Bedeutung zu.Serhat Karakayali: Gespenster der Migration: Zur Genealogie illegaler Einwanderung in der Bundesrepublik Deutschland. Bielefeld 2015.
Moderne Arbeiten konzentrieren sich oft auf kulturelle bzw. ethnisch-religiöse Aspekte und damit einhergehende Konfliktzonen der Migration. Auf stadträumlicher Ebene wurden verstärkte Segregationsprozesse und -risiken identifiziert,Für Deutschland vgl. Lena Friedrich: Wohnen und innerstädtische Segregation von Migranten in Deutschland. Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Working Paper, Dezember 2008. deren Entstehung nicht durch Zuzugssperren und Wohnsitzauflagen verhindert werden kann, da diese nicht mit dem Verbot der ethnischen Diskriminierung bzw. mit dem Europarecht vereinbar sind. Ähnliche Segmentationstendenzen zeigen sich bei der Bildungsbeteiligung und beim Berufszugang.Für Deutschland vgl. Arbeitsgruppe Bildungsberichterstattung: Bildung in Deutschland 2016. Teil H, S. 173 ff. Demgegenüber wurde das Risiko der dauerhaften Verfestigung einer verarmten Migrantenschicht (vor allem der gering qualifizierten Zuwanderer) in Deutschland und anderen europäischen Ländern im Unterschied zu den USA noch kaum analysiert.Mit wenigen Ausnahmen wie z. B. Wolfgang Seifert: Migration als Armutsrisiko. In: Eva Barlösius (Hrsg.): Die Armut der Gesellschaft. Berlin, Heidelberg 2001, S. 201 ff.; Eric Seils, Jutta Höhne: Armut und Einwanderung. Armutsrisiken nach Migrationsstatus und Alter. Eine Kurzauswertung aktueller Daten auf Basis des Mikrozensus 2016. WSI Policy Brief 12, 08/2017.
Interdisziplinarität und Internationalität Die Migrationsforschung erfordert aufgrund der Vielfältigkeit ihres Gegenstandes die Zusammenarbeit von Wissenschaftlern unterschiedlicher Disziplinen. In seit der Jahrtausendwende zunehmend entstehenden interdisziplinären Teams können die einzelnen Wissenschaftler durch ihre jeweils fachspezifische Expertise und Sichtweise eine umfassende Darstellung der erforschten Fragestellungen gewährleisten.Vgl. Caroline B. Brettell, James F. Hollifield: Migration Theory. Talking across Disciplines. New York / London 2000.
Mit der Entschlüsselung des menschlichen Genoms und der massiven Beschleunigung der DNA-Sequenzierung Anfang des 21. Jahrhunderts bekam die Archäogenetik Werkzeuge in die Hand, mit der die Migration von Menschen (und anderen Lebewesen) zeitlich und räumlich aufgeklärt werden kann. So konnte sowohl die frühe Migration der Menschen (des Homo sapiens) während der vergangenen 200.000 Jahre über die Erde beginnend in Afrika über den Nahen Osten, über Europa und Asien bis nach Australien und Amerika datenbasiert nachverfolgt werden und auch die Wanderung von Menschen aus dem „Fruchtbaren Halbmond“ (Anatolien), womit der Ackerbau ab etwa 7.000 v. Chr. in das von Jägern und Sammlern bewohnte Europa gebracht wurde. Ferner wurde mittels Archäogenetik entdeckt, dass die Migration um 2.800 v. Chr. von Menschen aus der pontischen Steppe (Jamnaja-Kultur) nach Mitteleuropa die genetische Mixtur heutiger Europäer entscheidend beeinflusst hat.
Die international vergleichende Migrationsforschung steht vor der Herausforderung, repräsentative Aussagen zu einem Forschungsgegenstand zu machen, auch wenn die jeweiligen Datengrundlagen in den einzelnen Ländern sehr stark voneinander abweichen. Nationale interdisziplinäre Teams sollen gewährleisten, dass die jeweils fachspezifischen nationalen Datenquellen gefunden und genutzt werden können. Migrationswissenschaftliche Netzwerke wie IMISCOE (International Migration, Integration and Social Cohesion) ermöglichen eine solche interdisziplinäre und internationale Zusammenarbeit von Wissenschaftlern.Website von IMISCOE
Kennziffern der Migrationstheorie Die Unterschiede zwischen der gleichzeitig stattfindenden Auswanderung und Einwanderung schlagen sich im Wanderungssaldo nieder. Bei positivem Wert überwiegt die Einwanderung die Auswanderung. Zum Beispiel zählte 2017 die Zuwanderungsstatistik insgesamt 1.550.721 Zuzüge aus dem Ausland nach Deutschland und 1.134.641 Fortzüge ins Ausland. Der Wanderungssaldo betrug also + 416.080.
Zur Messung und zum Vergleich von Wanderungsvorgängen werden folgende Einheiten/Kennziffern verwendet: Wanderungsvolumen/Bruttowanderung = Summe aller Wanderungsvorgänge: Zuzüge + Fortzüge Wanderungsbilanz/-saldo = Differenz aus Zu- und Fortzügen Wanderungsrate = Wanderungsvolumen bezogen auf 1.000 Einwohner Mobilitätsziffer(n) = Wanderungsraten bestimmter Bevölkerungsgruppen (z. B. jüngere/ältere Bevölkerungsschichten)
Die auf diese Weise beschriebenen Wanderungsvorgänge lassen sich weiter differenzieren nach Reichweite, Motiven und strukturellen Merkmalen der Wandernden.
Migrationsfaktoren Bereits Adam Smith befasste sich mit Ursachen der Land-Stadt-Wanderung und sah sie in Überbevölkerung und Landknappheit einerseits, im Arbeitskräftemangel der entstehenden Industriestädte andererseits.
Mit dem Einsetzen der großen Überseewanderungen aus Europa ab etwa Mitte des 19. Jahrhunderts entstand auch das wissenschaftliche Interesse an der Erforschung und Erklärung solcher Wanderungsprozesse. Zunächst versuchte man, Wanderungsvorgänge summarisch zu erklären, später kamen Erklärungsansätze hinzu, die von der subjektiven Entscheidung einzelner Individuen ausgehend, Wanderung zu erklären versuchten (verhaltenstheoretische Ansätze). Der Fokus der Migrationsforschung verschob sich im 20. Jahrhundert von einem staatsorientierten Analyserahmen zur Untersuchung individueller Handlungen mit Schwerpunkt auf der Unterscheidung verschiedenen Migrationsverhaltens entsprechend von Kategorien wie Gender, Ethnie, Klasse oder Alter.