Als Ersttagsbrief (englisch First Day Cover, kurz FDC) wird in der Philatelie ein postalischer Beleg bezeichnet, auf dem ein neu ausgegebenes Postwertzeichen am Ersttag der Ausgabe entwertet wurde. Meist handelt es sich um einen Briefumschlag mit einer oder mehreren Briefmarken. In der philatelistischen Fachsprache wird der Begriff FDC jedoch auch auf entsprechende Ganzsachen angewandt; die American First Day Cover Society definiert einen FDC als Beleg mit neuen Briefmarken oder einem postalischen Wertzeicheneindruck (postal indicia), der am Ersttag entwertet wurde.
Bei einer Ganzsache ist das vorausbezahlte Porto bereits durch einen amtlich vorgedruckten Wertstempel, einen Frankaturvermerk oder ein vergleichbares Wertzeichen verkörpert. Zu den Formen von Ganzsachen gehören unter anderem Ganzsachenumschläge, Postkarten, Streifbänder und Aerogramme. Auch die Ausstellungsrichtlinien der American Philatelic Society rechnen Ganzsachen (postal stationery) ausdrücklich zu den postalischen Ausgaben, deren Verwendung am Ersttag Gegenstand eines FDC sein kann.
Die Bezeichnung Ersttagsbrief sagt für sich allein nicht aus, ob ein Beleg gezielt für Sammler vorbereitet oder tatsächlich aus postalischem Bedarf versandt wurde. Die philatelistische Fachsystematik berücksichtigt sowohl eigens vorbereitete Ersttagsbelege als auch tatsächlich durch die Post beförderte und kommerziell verwendete Sendungen vom Ersttag. Ein aus tatsächlichem postalischem Bedarf am Ersttag versandter Brief kann daher zugleich Bedarfsbrief und Ersttagsbrief sein. Ebenso kann ein eigens als Sammlerobjekt gestalteter FDC anschließend tatsächlich postalisch befördert werden.
Vom Ersttagsbrief zu unterscheiden ist der Ersttagsstempel. Der Ersttagsbrief bezeichnet den gesamten Beleg, der Ersttagsstempel dagegen den zu dessen Entwertung verwendeten Poststempel. Ein besonderer Ersttagsstempel ist nicht zwingend erforderlich: Die Fachterminologie kennt auch FDC mit dem korrekten Ersttagsdatum, die nicht mit dem offiziell vorgesehenen Ersttagsstempel entwertet wurden.
Ebenfalls zu unterscheiden ist das Ersttagsblatt (ETB). Dabei handelt es sich um ein eigens für Sammler herausgegebenes Blatt mit einer am Ersttag entwerteten Briefmarke und zusätzlichen Informationen zur jeweiligen Ausgabe. Die Deutsche Bundespost versah ihre Ersttagsblätter beispielsweise mit Angaben zum Ausgabeanlass, zum Motiv, zum Grafiker und zu produktionstechnischen Einzelheiten. Ersttagsbrief, Ersttagsstempel und Ersttagsblatt bezeichnen damit unterschiedliche philatelistische Gegenstände.
Geschichte mini|Mit einer Penny Black frankierter Brief vom 6. Mai 1840, dem offiziellen Ersttag der Marke
Ein einzelner „erster Ersttagsbrief“ lässt sich nur unter rückwirkender Anwendung des später entstandenen philatelistischen Begriffs bestimmen. Zu den frühesten Ersttagsbelegen im heutigen Sinn gehören jedoch die am 6. Mai 1840 in Großbritannien verwendeten Postwertzeichen. Für die Penny Black war dies der offizielle Ersttag. Die Royal Philatelic Society London dokumentiert 71 als echt angesehene Briefe mit einer Penny Black und dem Datum des 6. Mai 1840.
Am selben Tag wurden auch die nach William Mulready benannten Mulready-Ganzsachen erstmals offiziell verwendet. Dabei handelte es sich um vorausbezahlte Briefumschläge und Briefbögen. Eine Ausstellung der Royal Philatelic Society London dokumentiert Ersttagsverwendungen vom 6. Mai sowohl der Mulready-Ganzsachen als auch der Penny Black. Damit gehören sowohl mit aufgeklebten Briefmarken frankierte Briefe als auch Ganzsachen vom 6. Mai 1840 zu den frühesten Belegen, auf die der heutige Begriff des Ersttagsbelegs angewandt werden kann.
Der amtliche Ersttag und die früheste tatsächliche Verwendung müssen allerdings nicht identisch sein. Für die Penny Black verzeichnet die Royal Philatelic Society London auch zehn Briefe mit Datierungen vor dem offiziellen Ersttag. Die Erforschung solcher frühen oder vorzeitigen Verwendungen wurde später zu einem eigenen Teilgebiet der Postgeschichte.
Diese frühen Belege entstanden noch nicht als einheitliches, eigens für Sammler hergestelltes Produkt. Bei zahlreichen älteren Briefmarkenausgaben waren genaue erste Verkaufs- oder Verwendungstage zudem nicht systematisch bekanntgegeben. Philatelisten begannen daher, die jeweils frühesten nachweisbaren Verwendungen einzelner Ausgaben zu erfassen. Für die Vereinigten Staaten ist beispielsweise seit 1913 eine systematische Zusammenstellung früher Verwendungsdaten durch den Philatelisten Carroll Chase dokumentiert.
Das moderne, gezielte Sammeln und Anfertigen von Ersttagsbriefen entwickelte sich vor allem im frühen 20. Jahrhundert. Besonders gut dokumentiert ist diese Entwicklung für die Vereinigten Staaten. Dort wurde am 1. Dezember 1921 die Philatelic Sales Agency des US-Postministeriums eingerichtet. Sie informierte Sammler über bevorstehende Briefmarkenausgaben, vorgesehene Erstausgabeorte und Ersttagsveranstaltungen. Händler und Sammler konnten dadurch ab 1922 Ersttagsbriefe gezielt in größeren Mengen vorbereiten.
Ab 1923 verbreiteten sich eigens auf die jeweilige Briefmarkenausgabe bezogene Zudrucke auf Ersttagsbriefen. Ein bekanntes frühes Beispiel ist der vom Philatelisten und Verleger George W. Linn anlässlich der 1923 erschienenen Gedenkmarke für den verstorbenen US-Präsidenten Warren G. Harding vorbereitete Ersttagsbrief. Der United States Postal Service erinnerte 2023 in Marion (Ohio) an das hundertjährige Jubiläum dieses Ereignisses. Die Bezeichnung First Day of Issue wurde in den Vereinigten Staaten ab 1937 Bestandteil besonderer Ersttagsstempel.
Dokumentation frühester Verwendungen Für ältere Ausgaben unterscheidet die US-amerikanische philatelistische Forschung mehrere Arten von Erst- und Frühdaten. Ein Designated First Day (DFD) bezeichnet einen von der Postverwaltung ausdrücklich festgelegten Ersttag. Als First Day of Sale (FDS) wird der früheste tatsächliche Verkaufstag einer Ausgabe bezeichnet. Bei Ausgaben, für die kein amtlicher Ersttag festgelegt wurde, bezeichnet Earliest Documented Use (EDU) die jeweils früheste dokumentierte postalische Verwendung.
Ein solches frühestes Verwendungsdatum stellt immer nur den jeweiligen Forschungsstand dar und kann durch die Entdeckung eines älteren authentischen Belegs verändert werden. Der Philatelist Edward J. Siskin stellte entsprechende Daten zusammen und entwickelte hierfür eine differenzierte Terminologie. Seine Zusammenstellung erschien 1990 unter dem Titel A Checklist of First Days and Earliest Documented Covers 1847–1931.
Mit der Verbreitung des Sammelgebiets entstanden spezialisierte Organisationen und Fachpublikationen. Die 1955 gegründete American First Day Cover Society (AFDCS) unterhält ein historisches Archiv und veröffentlicht seit ihrer Gründung die Fachzeitschrift First Days. Das digitale Archiv der Zeitschrift umfasst die Ausgaben von 1955 bis 2022.
Formen und Sammelpraxis mini|Philatelistisch gestalteter Ersttagsbrief von 1998 zur zehnjährigen Patenschaft der Artillerieschule der Bundeswehr mit der Stadt Idar-Oberstein
Ersttagsbriefe können von Postverwaltungen, privaten philatelistischen Anbietern oder von Sammlern selbst vorbereitet werden. Häufig werden besonders gestaltete Schmuckumschläge verwendet. Ein auf dem Umschlag angebrachter grafischer oder textlicher Zudruck wird in der englischsprachigen Philatelie als cachet bezeichnet. Er kann beispielsweise gedruckt, gestempelt oder von Hand gezeichnet sein und steht bei einem Ersttagsbrief üblicherweise in einem thematischen Zusammenhang mit der verwendeten Briefmarke. Ein solcher Zudruck ist jedoch kein notwendiges Merkmal eines FDC.
Auch die Art des verwendeten Postwertzeichens ist unterschiedlich. Neben einzelnen Briefmarken können mehrere Werte einer Briefmarkenserie oder vollständige Serien auf Ersttagsbelegen verwendet werden. Ebenso können Ersttagsbelege als Ganzsache auftreten. Bei diesen ist der vorausbezahlte Portowert bereits in Form eines Wertstempels oder eines vergleichbaren amtlichen Frankaturvermerks Bestandteil des postalischen Gegenstands.
Die Abstempelung am Ersttag bedeutet nicht zwangsläufig, dass der Beleg anschließend den normalen Postweg durchlaufen hat. Postverwaltungen können Sammlern ermöglichen, vorbereitete Belege lediglich zur Entwertung einzusenden. Die Österreichische Post sieht beispielsweise vor, eingesandte Postwertzeichen und Belege zu Sammlerzwecken zu stempeln und sie anschließend in einem gesonderten, vom Kunden frankierten Umschlag zurückzusenden.
Umgekehrt kann ein eigens als Sammlerprodukt gestalteter Ersttagsbrief tatsächlich postalisch befördert werden. Die Deutsche Post AG bietet beispielsweise eine Ersttagsbriefsammlung an, bei der jeder thematisch gestaltete Brief an den jeweiligen Sammler adressiert und unmittelbar nach Erscheinen der Marken verschickt wird. Die Deutsche Post bezeichnet diese Belege ausdrücklich als echt gelaufen. Reichen die verwendeten Postwertzeichen nicht für eine portogerechte Frankatur aus, wird diese durch Automatenmarken ergänzt.
Daneben existieren Ersttagsbriefe, die ohne vorherige philatelistische Absicht als gewöhnliche Privat- oder Geschäftspost entstanden. Die Richtlinien der American Philatelic Society führen solche tatsächlich am Ersttag postalisch verwendeten kommerziellen Belege ausdrücklich neben philatelistisch vorbereiteten FDC auf. Gerade bei älteren Ausgaben können solche Belege zugleich für die Erforschung der frühesten nachgewiesenen Verwendung einer Marke von Bedeutung sein.
Wie Briefmarkenserien auf Ersttagsbriefen dokumentiert werden, kann unterschiedlich sein. Die Schweizerische Post bietet beispielsweise Ersttagsumschläge mit vollständigen Serien sowie Varianten an, bei denen einzelne Marken oder Viererblöcke auf eigenen Umschlägen angebracht werden. Die Marken werden dabei am ersten Gültigkeitstag mit einem Ersttagsstempel entwertet.
Praxis einzelner Postverwaltungen
Deutschland mini|Ersttagsbrief eines privaten Anbieters von 1992 mit dem Bonner Ersttagssonderstempel der Deutschen Bundespost
In der Bundesrepublik Deutschland wurden Ersttagsbriefe lange Zeit vor allem von privaten philatelistischen Anbietern hergestellt. Die Deutsche Bundespost gab dagegen seit Januar 1975 zu jeder Briefmarkenneuausgabe ein amtliches Ersttagsblatt heraus. Nach einer Antwort der Bundesregierung aus dem Jahr 1989 wurden Ersttagsbriefe zu diesem Zeitpunkt nicht von der Bundespost selbst, sondern vom spezialisierten philatelistischen Fachhandel hergestellt und vertrieben. Die Bundesregierung beschrieb ihren Zweck als philatelistische Dokumentation der Beförderung am Erstverkaufstag der Marken.
Die heutige Deutsche Post AG bietet neben Ersttagsblättern auch eigene Ersttagsbriefe an. Die Briefe ihrer Ersttagsbriefsammlung werden mit den jeweiligen nassklebenden Sonder- und Dauermarken sowie dem Ersttagsstempel Bonn versehen, an den Sammler adressiert und postalisch versandt.
Auch Ersttagsblätter werden weiterhin angeboten. Nach Angaben der Deutschen Post hält jedes ETB den offiziellen Ausgabetag einer nassklebenden Briefmarke fest; diese wird mit dem Ersttagsstempel Bonn versehen. Die Ersttagsstempel Berlin und Bonn sind zusätzlich auf dem Blatt abgedruckt. Auf der Rückseite befinden sich Druckdaten und Erläuterungen zur jeweiligen Briefmarkenausgabe.
Deutsche Demokratische Republik mini|Ersttagsbrief der Deutschen Post der DDR von 1961 mit Tages- und Zusatzstempel
Auch für die Deutsche Post der DDR sind von der Post herausgegebene Ersttagsbriefe dokumentiert. Das Deutsche Historische Museum besitzt beispielsweise einen Ersttagsbrief vom 29. Oktober 1977 zum 60. Jahrestag der Oktoberrevolution. In der Objektdokumentation werden die Deutsche Post als Herausgeber und Hersteller sowie Berlin als Herstellungsort genannt.
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