Ghom oder deutsch auch KumDiercke Weltatlas. Georg Westermann Verlag, 1957, S. 96. (auch Qum, früher Com; ) ist die Hauptstadt der iranischen Provinz Ghom. Ghom hat über 1.292.000 Einwohner, ist mit dem Schrein der Fātima Maʿsūma ein wichtiger schiitischer Wallfahrtsort und mit der Hauza von Ghom eines der wichtigsten Zentren der schiitischen Gelehrsamkeit. In keiner anderen iranischen Stadt sind so viele schiitische ʿUlamā' und Persönlichkeiten begraben wie in Ghom, und die Friedhöfe erstrecken sich über ein ausgedehntes Areal.Calmard: Ḳum. 1980, S. 371a.

Lage Ghom liegt in Zentraliran am gleichnamigen Fluss Ghom, 132 km südlich der Hauptstadt Teheran an der alten Route und neuen Autobahn nach Isfahan, 928 m über dem Meeresspiegel.

Wirtschaft und Verkehr Hier werden Tonwaren, Glas und Baumwolltextilien produziert; wichtige landwirtschaftliche Güter aus der Umgebung sind Getreide, Baumwolle, Obst, Nüsse und Mohn. In der Nähe befinden sich Erdgas- und Erdölfelder.

Die Stadt besitzt einen bedeutenden Bahnhof, der mit dem Bau der Transiranischen Eisenbahn errichtet wurde. Dieser entwickelte sich durch den Bau der Bahnstrecke Qom–Zahedan und das benachbarte Gleisdreieck von Mohammadije, wo die Bahnstrecke Teheran–Isfahan an die Strecke Qom–Zahedan anschließt, zu einem der wichtigsten Eisenbahnknoten des Landes.

Herkunft des Namens Über den genaueren etymologischen Ursprung des Namens Qoms gibt es in der Forschung keine exakte Antwort. Nach Andreas DrechslerAndreas Drechsler: Geschichte der Stadt Qom im Mittelalter (650–1350). 1999, S. 33–34. bestehen vier Haupttheorien: Der Name Qom leitet sich von dem Wort kūma (persisch für ‚Strohhütte‘) ab. Dies ist die älteste Theorie zur Namensherkunft, die schon im 11. Jahrhundert von Hasan al-Qommī (gestorben 1013) in seinem Werk Taʾrīḫ-i Qom erwähnt wird. Der Name Qom ist aus dem Wort Kumīdān entstanden, dem Namen eines Ortsteils der Stadt im 8. Jahrhundert. Der Name Qom ist von dem persischen Wort kunb abzuleiten, das auf Deutsch ‚Kuppel‘ bedeutet. Diese Theorie wurde im 17. Jahrhundert in dem persischsprachigen Lexikon Burhān-i QāṭiʿSiehe dazu Behrooz Mahmoodi-Bakhtiari: Burhān-i qāṭiʿ. In: Encyclopaedia of Islam, THREE. vertreten. Anhand von sassanidischen Inschriften stellte Richard Nelson Frye die Theorie auf, dass Qom aus dem Wort Godmān entstanden ist, das als „Gomān“ ausgesprochen und verkürzt zu „Gom“ wird und deswegen als Qom arabisiert wurde.

Geschichte Vorislamische Zeit, die Ruinen von Chorhe Die Stadt Qom geht auf die Antike zurück. Die Geschichte dieser Stadt in der vorislamischen Zeit kann nur phasenweise beleuchtet werden. Die Ausgrabungen in Tappe Sialk haben gezeigt, dass in dieser Region seit der Antike Menschen angesiedelt waren, und Ausgrabungen in Dschamkarān und Chourabad 10 bzw. 18 Kilometer südlich von Qom haben Spuren von beachtlichen Verteidigungsanlagen aus dem 4. bzw. 1. Jahrhundert zu Tage gefördert.Drechsler: Geschichte der Stadt Qom im Mittelalter (650-1350). 1999, S. 36. Aus der elamitischen, medischen und achämenidischen Zeit sind keine archäologischen Zeugnisse bekannt, die auf Siedlungsaktivitäten in dieser Region hinweisen würden.Drechsler: Geschichte der Stadt Qom im Mittelalter (650-1350). 1999, S. 37.

mini|hochkant|Die Ruinen von Chorheh Allerdings findet man in den Ruinen von Chorheh, die 70 km südwestlich von Ghom bei Delidschan liegen, archäologische Überreste aus der seleukidischen und parthischen Epochen, die bis heute wichtige und bedeutende geschichtliche Informationen dieser Region liefern. Über die Ruinen von Chorheh gibt es seither lange und kontroverse Debatte in der Forschung. Entweder sind die Ruinen von Chorhe Überreste eines sasanidischen Tempels oder eines seleukidischen dionysischen Tempels. Auch werden sie auf einen parthischen Komplex hin gedeutet. Die tatsächliche Funktion dieses Komplexes ist in der heutigen Forschung aber umstritten. Die wissenschaftlichen Beiträge von dem deutschen Bauforscher und Archäologen Wolfram Kleiss deuten darauf hin, dass die Ruinen von Churha ein ehemaliger parthischer Palast sein könnten. Laut Kleiss diente dieser Palast als eine Station, die an einer nahegelegenen Fernstraße lag und bis in die sasanidischen Zeit genutzt wurde. Iranische Archäologen vertraten dagegen die These, dass die Ruinen von Chorheh auf einen seleukidischen Sakralbau hinweisen könnten.Drechsler: Geschichte der Stadt Qom im Mittelalter (650-1350). 1999, S. 37–38.

Im Jahr 1942 wurden ca. 24 Kilometer südwestlich von Ghom vier Männerköpfe ausgegraben, die heute im Nationalmuseum von Teheran stehen und von Roman Ghirshman in die parthische Zeit eingeordnet wurden.Drechsler: Geschichte der Stadt Qom im Mittelalter (650-1350). 1999, S. 39. Außerdem berichtet Hasan al-Qommī (gestorben 1013) in seinem Werk Taʾrīḫ-i Qom davon, dass das drei Kilometer nordwestlich vom Stadtzentrum gelegene Dorf Abaraschtīdschān von dem parthischen Herrscher Artabanos IV. (reg. 213–224) gegründet worden sei.Qomi, S. 65, 82 und 84-86. Eine früher vermutete Erwähnung der Stadt Ghom in der Tabula Peutingeriana und in der Geographike Hyphegesis von Claudius Ptolemäus wird aber heute verworfen.Drechsler: Geschichte der Stadt Qom im Mittelalter (650-1350). 1999, S. 40–43.

Eroberung und Besiedlung der Stadt durch die Araber Der exakte Verlauf der arabischen Eroberung der Region von Ghom ist schwer zu rekonstruieren. Eine erste flüchtige Einnahme des Gebietes erfolgte durch die Truppen des Abū Mūsā al-Aschʿarī im Jahr 644.Drechsler: Geschichte der Stadt Qom im Mittelalter (650-1350). 1999, S. 69. Der arabische Geschichtsschreiber al-Balādhurī (9. Jahrhundert) überliefert einen Bericht, wonach Abū Mūsā, der Gouverneur der Stadt Basra war, die Stadt mit seinen Truppen nach einigen Tagen des Kampfes eroberte.Drechsler: Geschichte der Stadt Qom im Mittelalter (650-1350). 1999, S. 70. Unklar ist, wer die Verteidiger von Qom waren. Drechsler vermutet, dass es sich bei denjenigen, die den Widerstand gegen die Araber leisteten, um einheimische und auf der Flucht befindliche sassanidische Adlige und Soldaten gehandelt hat.Drechsler: Geschichte der Stadt Qom im Mittelalter (650-1350). 1999, S. 71. Die Region mit der Stadt Qom blieb nach der ersten Eroberung von den sonstigen historischen Ereignissen weitgehend unberührt und wurde wahrscheinlich von Isfahan aus verwaltet.Drechsler: Geschichte der Stadt Qom im Mittelalter (650-1350). 1999, S. 71. Eine dauerhafte Niederlassung von arabischen Siedlern scheint aber erst im Rahmen des Aufstands von al-Muchtār ibn Abī ʿUbaid (685–687) stattgefunden zu haben.Drechsler: Geschichte der Stadt Qom im Mittelalter (650-1350). 1999, S. 75.

Nach dieser ersten permanenten Ansiedlung von Arabern, die wohl nur auf zahlenmäßig geringem Niveau erfolgt ist, kam der für die urbane Entwicklung entscheidende Impuls durch den Zuzug einer Gruppe von Arabern aus dem jemenitischen Stamm der Banū Aschʿar, dem auch Abū Mūsā al-Aschʿarī angehörte. Die Gründe, weshalb sie ihre irakische Heimat verlassen haben, sind unklar. Es wird davon ausgegangen, dass sie wegen der allgemeinen Opposition gegen die Umayyaden-Dynastie und der Teilnahme an der gescheiterten Revolte des Ibn al-Aschʿath im Jahr 702 nach Ghom geflohen sind.Drechsler: Geschichte der Stadt Qom im Mittelalter (650-1350). 1999, S. 81–83. Mit der Auswanderung brachten die Araber große Viehherden mit sich, die viel Weideland brauchten. Die ausgewanderten Araber, die ihren Grundbesitz im Irak verkauft hatten, waren deutlich wohlhabender als die lokalen Perser. Sie fingen an, Ländereien aufzukaufen und unter anderem auch Dörfer zu übernehmen.Drechsler: Geschichte der Stadt Qom im Mittelalter (650-1350). 1999, S. 97–98. Nach dem Tod Yazdānfādhārs, des letzten Herrschers von Abaraschtīdschān,Drechsler: Geschichte der Stadt Qom im Mittelalter (650-1350). 1999, S. 59. im Jahr 733 nahm die Kontrolle der lokalen persischen Adelsschicht über diese Region ab, so dass ein sozialer und wirtschaftlicher Konflikt zwischen den arabischen Siedler und den Persern entstand.Drechsler: Geschichte der Stadt Qom im Mittelalter (650-1350). 1999, S. 99–100. Immer mehr arabische Siedler wurden in diesem Gebiet ansässig, sodass die Versorgung mit Wasser aus den Quellen des Ghom-Flusses durch einen Vertrag zwischen den Ethnien gesichert werden musste.Drechsler: Geschichte der Stadt Qom im Mittelalter (650-1350). 1999, S. 109. Im 9. Jahrhundert entwickelt sich Qom rasch zu einer wachsenden Stadt und es wurden verbesserte Bewässerungskanälen, Festungsanlagen, eine Freitagsmoschee und ein Basar errichtet. Daraus folgend wurde die Stadt von abbasidischen Behörden zu einer eigenständigen Provinz erklärt und unabhängig von der isfahanischen Verwaltungsprovinz gemacht. Der abbasidische Kalif Hārūn ar-Raschīd führte die Trennung der Stadt und der Region von Isfahan im Jahr 189 der Hidschra (= 804/805 n. Chr.) selbst durch.Drechsler: Geschichte der Stadt Qom im Mittelalter (650-1350). 1999, S. 122–125.

Von der arabischen Besiedlung an hatten schiitische Gruppen die Vorherrschaft in Ghom und schöpften aus der Stadt die Kraft für die Verbreitung ihrer religiösen Strömung. Allerdings war die Stadt Ghom keine homogen schiitische Stadt, sondern bestand aus einem vielfältigen Gemisch von verschiedenen islamischen Gruppierungen und anderen Religionsgemeinschaften. Der sunnitische Gelehrte Muhammad ibn Saʿd (gestorben 845) erwähnt in seinem großen biographischen Lexikon mit dem Titel Kitāb aṭ-Ṭabaqāt al-kabīr verschiedene sunnitische Gelehrte, die in der Stadt Ghom gelebt und Hadithe tradiert haben.Drechsler: Geschichte der Stadt Qom im Mittelalter (650–1350). 1999, S. 27–30. Der persische Gelehrte asch-Schahrastānī (gestorben 1153) berichtet in seinem Werk Kitāb al–Milal wa n-niḥal („Buch der Religionsgemeinschaften und philosophischen Sekten“) von einer jüdischen Sekte namens al-Muschkānīya, deren Anhänger in der Gegend von Qom getötet wurden.Theodor Haarbrücker: Abu-'l-Fath' Muhammad asch-Schahrastani’s Religionspartheien und Philosophenschulen. C. A. Schwetschke und Sohn, Halle 1850–1851. Band 1, S. 256. Digitalisat

Situation unter den frühen Abbasiden Als Reaktion auf eine Steuerfestsetzung des Kalifen im Jahr 825/26 brach in Qom ein großer Aufstand aus. Die Aufständischen verlangten vom Kalifen al-Ma'mūn, die jährliche Steuerveranlagung wie in der Stadt Rey zu senken. Die Aufstände wurden von Yahyā ibn ʿImrān, der zu den Aschʿar-Arabern gehörte, angeführt. Daraufhin sandte der Kalif eine Truppe von Soldaten, die Yahyā tötete und die Bürger hart bestrafte. Die von der Stadt zu erbringende Steuer wurde dennoch von zwei auf sieben Millionen Dirham erhöht.Drechsler: Geschichte der Stadt Qom im Mittelalter (650-1350). 1999, S. 132–133. Zwei Jahre später wurde die Steuer durch den Steuerbeamten ʿAlī ibn ʿĪsā, der selbst aus Ghom stammte, um weitere 700.000 Dirham erhöht. Aufgrund des Widerstands der Bevölkerung wurde er abgesetzt.Drechsler: Geschichte der Stadt Qom im Mittelalter (650-1350). 1999, S. 135. Im Jahre 832/33 konnte sich ʿAlī ibn ʿĪsā allerdings bei einem innerarabischen und innerstädtischen Konflikt durchsetzen und seine Wiedereinsetzung, dieses Mal als Wālī, bewirken.Drechsler: Geschichte der Stadt Qom im Mittelalter (650-1350). 1999, S. 136.