mini|hochkant=1.3|Das heutige Botschaftsviertel als Areal im Berliner Ortsteil Tiergarten (orange eingefärbt)

Das Botschaftsviertel (auch: Diplomatenviertel) ist ein Quartier im Berliner Ortsteil Tiergarten. Das Botschaftsviertel bildet den westlichen (und größeren) Teil des Tiergartenviertels, die Bezeichnung wird daher teilweise synonym zum Tiergartenviertel verwendet. Die namensbildende Nutzung des Gebiets durch Botschaften begann 1878 durch die Gesandtschaft des kaiserlichen China. Heute befinden sich dort knapp 30 Botschaften.

Abgrenzung und Lage Das Botschaftsviertel bildet den westlichen Teil des Tiergartenviertels. Im Norden ist das Quartier vom Großen Tiergarten beziehungsweise der Tiergartenstraße begrenzt. Die Tiergartenstraße ist nur auf der Südseite bebaut. Im Süden ist das Quartier vom Landwehrkanal beziehungsweise dem ihm folgenden Reichpietschufer begrenzt. Östlich begrenzt die Stauffenbergstraße das Quartier, daran schließen dort Kulturforum und Potsdamer Platz an. Westlich läuft das Botschaftsviertel spitz aus, dort bildet das Erweiterungsgelände des Berliner Zoos die Grenze des Quartiers.

Folgende größere Straßen liegen neben den bereits genannten Straßen im Botschaftsviertel oder begrenzen dieses:Angaben zu Benennung und vorherigen Namen nach Kauperts Straßenverzeichnis Die Stülerstraße bildet die Verlängerung der Tiergartenstraße in westlicher Richtung, sie zweigt nach Süden ab und wird nach Überqueren des Landwehrkanals zur Budapester Straße. Die Klingelhöferstraße durchquert das Botschaftsviertel von Norden nach Süden und wird südlich des Landwehrkanals zum Budapester Platz. Die Von-der-Heydt-Straße bildet die Verlängerung des Reichpietschufers zur Klingelhöferstraße.

Folgende kleinere Straßen verlaufen in ost-westlicher Richtung: Corneliusstraße und westlich anschließend Drakestraße folgen dem Lauf des Landwehrkanals und bilden dessen Ufer. Die Köbisstraße zweigt vom Reichpietschufer ab und wird nach Überqueren der Klingelhöferstraße zur Rauchstraße. Die Thomas-Dehler-Straße bildet am westlichen Endes des Botschaftsviertels die Grenze zum Tiergarten.

In nord-südlicher Richtung verlaufen folgende kleinere Straßen, aufgezählt von Westen nach Osten: Die Lichtensteinallee ist nur noch als Sackgasse erhalten, der südliche Teil ist heute Gelände des Berliner Zoos. Die Drakestraße winkelt vom Landwehrkanal nach Norden ab und muss deshalb auch unter den Nord-Süd-Straßen aufgeführt werden. Ebenso winkelt die Thomas-Dehler-Straße vom Tiergarten nach Süden ab. Die Clara-Wieck-Straße ist eine neugeschaffene Verbindung zwischen Tiergartenstraße und Köbisstraße. Hiroshimastraße und Hildebrandstraße verlaufen parallel und verbinden Tiergartenstraße und Reichpietschufer. Der Abstand zwischen Hiroshimastraße und Hildebrandstraße ist mit etwa 65 m im Vergleich zur restlichen Parzellierung des Viertels gering, sodass die dazwischen gelegenen Grundstücke nicht geteilt sind, und nur von einer Seite einen Zugang haben.

Geschichte

Vom Albrechtshof zum Villenviertel (1861–1933) mini|Villa Hainauer, eines der repräsentativen Wohngebäude auf dem ehemaligen Albrechtshof mini|Das Palais Staudt diente ab 1899 als Wohnhaus und ab 1936 als Residenz der Argentinischen Botschaft.

Das Gebiet des Botschaftsviertels lag außerhalb der Berliner Zollmauer und wurde erst 1861 nach Berlin eingemeindet. Seit 1884 trug der neue Bezirk den Namen Tiergarten.Uebersicht der neuen Eintheilung der Stadt Berlin in Stadtteile und Bezirke. Grunert, Berlin 1884. Heute ist Tiergarten ein Ortsteil des Bezirks Mitte.

Der westliche Teil des Botschaftsviertels – auf der Nordseite des Landwehrgrabens (ab der Eröffnung des Kanals 1850 der heutige Landwehrkanal) zwischen der heutigen Klingelhöferstraße und Lichtensteinallee – trug ab 1835 den Namen Albrechtshof nach der Grundeigentümerin, einer Witwe Albrecht. Die nördliche Uferstraße am Landwehrkanal hieß entsprechend ab 1849 Albrechtshof-Ufer, bevor sie 1867 den heute noch gültigen Namen Corneliusstraße bekam. Der Albrechtshof wurde vor 1865 parzelliert; den Bebauungsplan legte 1863 Friedrich Hitzig vor.

Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts wurden im Gebiet eine Reihe prächtiger Villen errichtet, die mit Ausnahme der Villa von der Heydt sämtlich im Zweiten Weltkrieg zerstört wurden oder vorher Umbauplänen zum Opfer fielen. Zu diesen repräsentativen Wohnbauten gehörten zum Beispiel:

1855: Einzelwohnhaus Stülerstraße 1, Entwurf Friedrich Hitzig 1860–1863: Villa von der Heydt in der heutigen Von-der-Heydt-Straße 16–18, Entwurf Hermann Ende 1865–1867: Villa August Kabrun in der Rauchstraße 17/18 Ecke Drakestraße, Entwurf Architekturbüro Ende & Böckmann (Siehe auch dort.) 1874: Wohnhaus des Baumeisters Hennicke in der Rauchstraße 19, Entwurf Hude & Hennicke 1877: Villa für den Bankier Oscar Hainauer in der Rauchstraße 23, Entwurf Hude & HennickeArchitektonisches Skizzenbuch, Jg. 1877, Heft 4, Blatt 4 1885: Villa des Geheimen Kommerzienrats Stephan in der Rauchstraße 16 Ecke Corneliusstraße, Entwurf Ludwig Heim 1892–1893: Wohnhaus Paul Meyerheim in der Hildebrandstraße 22, Entwurf Alfred Messel, 1897–1899: Palais Staudt in der Tiergartenstraße 9 Ecke Regentenstraße 1, Entwurf Otto Rieth

Das Botschaftsviertel Berlins im ausgehenden 19. Jahrhundert war das Alsenviertel, nahe dem Regierungsviertel. Die erste Botschaft mit Sitz zwischen Landwehrkanal und Tiergarten war 1878 die Gesandtschaft des kaiserlichen China. Bis 1933 siedelten sich ein gutes Dutzend weitere diplomatische Gesandtschaften dort an. In der Rauchstraße befanden sich die Missionen der Niederlande (Nr. 10, im Zweiten Weltkrieg zerstört, heute Freigelände des Zoos), des Heiligen Stuhls (Nr. 21, im Krieg zerstört, auf dem Grundstück befindet sich heute das Ökohaus Rauchstraße), Rumäniens (Nr. 26, im Krieg zerstört, heute Wirtschaftsprüferhaus) und der Tschechoslowakei (Nr. 27, im Krieg zerstört, auf dem Grundstück heute der Neubau der Mexikanischen Botschaft). In der Tiergartenstraße residierten 1933 die Gesandtschaften Ägyptens (Nr. 18b, im Krieg zerstört, auf dem Grundstück heute Neubau der Südafrikanischen Botschaft), der Türkei (Nr. 19, im Krieg zerstört, heute Neubau ebenjener Botschaft), Persiens (Nr. 33, im Krieg zerstört, heute Neubau der Saudi-arabische Botschaft) und Schwedens (Nr. 36, 1943 zerstört, dort heute der Neubau der Konrad-Adenauer-Stiftung). Ab 1936 residierte die Botschaft Argentiniens im Palais Staudt, 1943 zerstört, in der Tiergartenstraße 9 Ecke Regentenstraße 1. Weitere Missionen im Viertel befanden sich 1933 in der Corneliusstraße 8 (Ungarn, im Krieg zerstört, dort stehen heute die Ökohäuser Corneliusstraße), in der Hildebrandstraße 5 (Estland, unzerstört, seit 2001 wieder Botschaft), in der Hiroshimastraße 22, damals Hohenzollernstraße (Griechenland, Gebäude besteht noch, derzeit Bauruine) und in der Stülerstraße Nr. 9, damals Hitzigstraße (Peru, im Krieg zerstört, dort heute der Neubau eines Wohnhauses).Berliner Adreßbuch, Ausgabe 1933. Scherl, Berlin 1933, , Teil III, Ziffer 122, S. 11–12.

Umbau in Folge der „Germania“-Pläne (1933–1941) mini|hochkant=2|Karte der zwölf geplanten Gebäude im Botschaftsviertel Berlin-Tiergarten

Das Botschaftsviertel wurde im Rahmen des Bebauungsplans für die „Welthauptstadt Germania“Hans J. Reichhardt, Wolfgang Schäche: Von Berlin nach Germania: über die Zerstörungen der Reichshauptstadt durch Albert Speers Neugestaltungsplanungen. Katalog zu einer Ausstellung des Landesarchivs Berlin, 7. November 1984 bis 30. April 1985. Landesarchiv, Berlin 1985. durch den nationalsozialistischen Chefarchitekten Albert Speer und dessen Behörde Generalbauinspektion (GBI) am südlichen Rand des Berliner Tiergartens projektiert.

Das heute als Botschaftsviertel bekannte Gebiet im Ortsteil Tiergarten wurde zum neuen Diplomatenviertel erklärt. Dort sollten zwölf Botschaftsgebäude errichtet werden, um im Regierungsviertel nahe dem Brandenburger Tor durch den Wegzug der Botschaften Platz für die Ausführung der Pläne von Speer zu schaffen, die alle bis dahin bekannten städtebaulichen Maßstäbe sprengen sollten.Wolfgang Schäche: Architektur und Städtebau in Berlin zwischen 1933 und 1945 – Planen und Bauen unter der Ägide der Stadtverwaltung. Gebrüder Mann, Berlin 1992, ISBN 3-7861-1178-2. (Zugleich Dissertation an der TU Berlin, zitiert nach 2. Auflage)

Für die folgenden Vertretungen wurden entsprechend dieser Pläne Neubauten errichtet: Dänische Gesandtschaft an der Westseite der Drakestraße (), heute ein Hotel Italienische Botschaft an der Südseite der Tiergartenstraße (), heute wieder Botschaft Japanische Botschaft an der Südseite der Tiergartenstraße (), heute wieder Botschaft Jugoslawische Gesandtschaft an der Rauchstraße Ecke Drakestraße (), heute Sitz der DGAP Norwegische Gesandtschaft Rauchstraße Ecke Drakestraße (), heute ein Bürogebäude, teils von der Georgischen Botschaft genutzt Spanische Botschaft Lichtensteinallee Ecke Thomas-Dehler-Straße (), heute wieder Botschaft

Für folgende diplomatische Vertretungen wurden Neubauten errichtet bzw. Bestandsgebäude umgebaut. Diese Gebäude wurden im Krieg zerstört: Finnische Gesandtschaft, Nordseite der Rauchstraße Französisches Generalkonsulat, südwestliche Tiergarten- Ecke Hiroshimastraße Schweizerische Gesandtschaft, Lichtensteinallee Ecke Landwehrkanal, das bestehende Botschaftsgebäude im Alsenviertel wurde nicht wie geplant abgerissen, heute gehört das für den Neubau vorgesehene Grundstück an der Lichtensteinallee zum Zoo

Für die folgenden diplomatischen Vertretungen plante der Baustab Speer einen Neubau, der aber nach Kriegsbeginn nicht zur Ausführung kam: Argentinische Botschaft, Südseite der Thomas-Dehler-Straße Haus des „Fascio“ am südlichen Ende der Hiroshimastraße Tschechoslowakische Gesandtschaft auf der Nordseite der Rauchstraße, nach Zerschlagung der Tschechoslowakei zog die Slowakische Gesandtschaft in die ehemals Tschechoslowakische Gesandtschaft in der Rauchstraße 27 ein, der Neubau entfiel

Zwischen 1939 und 1944 wurden im Botschaftsviertel eine Reihe von Luftschutzbunkern für die diplomatischen Vertretungen errichtet. Diese Sonderbunker (auch Missionsbunker genannt) sind im Vergleich zu Typenbauten eher klein. Teils wurden die Bunker in den Bau integriert, so wie beim Tiefbunker unter der Gartenterrasse der Jugoslawischen Gesandtschaft. Andere der Missionsbunker waren von den Botschaftsgebäuden abgesetzt, so wie der Flachbunker hinter der Nuntiatur (Rauchstraße 21) oder die beiden Flachbunker der Dänischen und Spanischen Gesandtschaft, die über die Lichtensteinallee hinweg erreichbar waren.Dietmar Arnold, Reiner Janick: Sirenen und gepackte Koffer: Bunkeralltag in Berlin Ch. Links Verlag, Berlin 2017, ISBN 978-3-86153-953-7, S. 44. Diese vier Bunker existieren heute noch.

Zerstörung und Nachkriegszeit (1942–1976)