mini|Gertrud die GroßeBildnis Gertruds, aus einem Salzburger Druck vom Jahr 1662. Die Inschrift auf dem Spruchband, das von Jesus im Herzen Gertruds ausgeht, lautet:

Die heilige Gertrud von Helfta, auch Gertrud die Große, (* 6. Januar 1256; † 17. November 1301 oder 1302) war eine Zisterzienserin und Mystikerin im Kloster Helfta bei Eisleben. Die hl. Gertrud gehört zu den herausragendsten Frauen des Mittelalters; als einzige deutsche Heilige trägt sie den Beinamen die Große. Durch Gertrud von Helfta, ihre Lehrerin Mechthild von Hackeborn und ihre Mitschwester Mechthild von Magdeburg galt Helfta als „Krone der deutschen Frauenklöster“.Dietlind Langner, Marco A. Sorace, Peter Zimmerling (Hrsg.): Gottesfreundschaft. Christliche Mystik im Zeitgespräch. Academic Press Fribourg, Kohlhammer, Stuttgart 2008, S. 165. Siehe auch: Diözese Magdeburg (Hrsg.): Kloster Helfta: Helfta – Krone der deutschen Frauenklöster – wir bauen sie wieder auf / Bistum Magdeburg. Lutherstadt Eisleben 1999 http://gso.gbv.de/DB=2.1/PPNSET?PPN=348485271 In der katholischen Kirche wird Gertrud von Helfta als Heilige verehrt.

Leben mini|Statue (1760) der Gertrud von Helfta, Stiftskirche Engelszell, Oberösterreich

Gertrud von Helfta wurde am 6. Januar 1256 geboren und stammte wahrscheinlich aus Thüringen. Sie wurde schon als Fünfjährige von ihrer Familie als Schülerin ins Kloster Helfta gegeben und trat, als sie das kanonische Alter erreicht hatte, ins Noviziat ein.Zur Herkunft Gertruds, zu der nur „Mutmaßungen“ möglich seien, siehe Michael Bangert: Die sozio-kulturelle Situation des Klosters St. Maria in Helfta. In: Bangert / Keul 1998, S. 29–47, hier S. 36f. Sie erhielt eine außerordentlich gründliche theologische und humanwissenschaftliche Ausbildung, besonders auch in den Artes liberales.Siehe Gertrud 2014, Legatus I,1,1f., S. 68–71, mit Anm. 17. Die exzellente Ausstattung der Klosterbibliothek von Helfta war ein wesentliches Anliegen der Äbtissin Gertrud von Hakeborn; s. dazu und zum Helftaer Schul- und Bildungsweg bes. auch Spitzlei (s. o.: Literatur) S. 50–61. Dabei tat sie sich ebenso durch Lerneifer wie durch intellektuelle Begabung hervor,Siehe Gertrud 2014, Legatus I,1,1, S. 68f.: „avida liberalium artium delectatione; sensuum velocitate et intellectus ingenio: mit wissbegieriger Freude an den Freien Künsten; mit Schnelligkeit in der sinnlichen Wahrnehmung und mit intellektueller Begabung.“ Der Text ist hier und im Folgenden so spezifisch, dass trotz aller hagiographischen Überhöhung der reale Aussagegehalt greifbar ist. gefördert von der Äbtissin Gertrud von Hackeborn, der älteren Schwester der Mechthild von Hackeborn. In der Begegnung mit der früheren Begine und Mystikerin Mechthild von Magdeburg, die in Helfta Zuflucht vor Anfeindungen gefunden hatte und dort ihr Werk Das fließende Licht der Gottheit zu Ende schrieb, gewann Gertrud dann Zugang zu deren Spiritualität und damit auch zur Spiritualität der Frauenbewegung des 13. Jahrhunderts.Siehe Hildegund Keul: Verschwiegene Gottesrede. Die Mystik der Begine Mechthild von Magdeburg. Tyrolia, Innsbruck / Wien 2004, S. 130–190.

Nach einer schweren Lebens- und GlaubenskriseSiehe Gertrud 2014, Legatus II,1,1, S. 164–167. hatte Gertrud im Alter von 25 Jahren, am 27. Januar 1281, im Dormitorium des Klosters ihr religiöses Schlüsselerlebnis, das ihr Leben änderte. An diesem Tag überkommt sie eine Christusvision und veranlasst eine Neuorientierung.Vgl. Siegfried Ringler: Geistliche Übungen . Humberg 2001, S. 13.

In einer Vision sah sie einen jungen, schönen Mann, der zu ihr sagte: „Bald wird dein Heil kommen. Warum verzehrst du dich in Trauer? Hast du nicht einen Ratgeber, da der Schmerz dich verändert hat?“ (, Responsorium des 2. AdventssonntagesGertrud 1989, Gesandter der göttlichen Liebe II, 1, S. 14; Gertrud 2014, S. 166–169.). In einer entschiedenen Neuausrichtung ihres Lebens (im Sinne einer „conversio“)Siehe Gertrud 2014, Legatus I,1,2, S. 70–73: „ubi exuens eam veterem hominem … induens eam novum hominem“, nach Kol 3,9f.: „wo er (sc. der Herr) ihr den alten Menschen auszog … und sie mit dem neuen Menschen bekleidete“; s. dazu auch Else Marie Wiberg Pedersen: Gottesbild – Frauenbild – Selbstbild. Die Theologie Mechthilds von Hackeborn und Gertruds von Helfta. In: Bangert / Keul 1998, S. 48–66, hier S. 55; Michael Bangert: Ersehenen, Erleiden und Genießen des Heiligen. Grundelemente des mystischen Erlebens bei Gertrud von Helfta. In: Bangert 2004, S. 130–144, hier S. 136f. wurde Gertrud aus einer „grammatica“, einer Buchgelehrten, zur „theologa“, zu einer GottesgelehrtenGertrud 2014, Legatus I,1,2, S. 70f.: „de grammatica facta theologa“. und widmete sich nun entschieden den Studien geistlicher Art und der Betrachtung („contemplatio“) des Göttlichen, im Streben nach der „wahren Weisheit“.Gertrud 2014, Legatus I,1,2, S. 70–73: „studia spiritualia … divina contemplatio … vera sapientia“. Ob damit auch eine Abwendung von den bisherigen Wissenschaften, oder nur deren Relativierung gemeint ist, bleibt fragwürdig. Jedenfalls entspricht Gertruds Wendung dem dreistufigen Ausbildungsmodell Hugos von St. Viktor, das auch der Helftaer Ausbildung zugrunde lag und keineswegs zu einer Ablehnung der profanen Wissenschaften führen sollte (mit den Stufen Artes liberales; theologische Wissenschaften, Kontemplation): s. Else Marie Wiberg Pedersen (s. o.), in: Bangert / Keul 1998, S. 54f.; s. bes. auch Spitzlei (s. o.: Literatur) S. 55–61. Siehe auch Pia Luislampe (s. o.: Literatur) S. 35f. und Irene Leicht: Zu frauenbezogenem Denken inspiriert: Aspekte der Schrift-Rezeption in Gertruds “Legatus”. In: Bangert 2004, 93–113, hier S. 96, Anm. 6: „Verbindung von lectio, meditatio und oratio“, entsprechend Legatus V,36.

Von da an entwickelte Gertrud, als Mittelpunkt des Helftaer Theologinnenkreises,Begriff von Sabine B. Spitzlei (s. o.: Literatur) S. 46–48; s. auch Else Marie Wiberg Pedersen (s. o.), in: Bangert / Keul 1998, S. 51–56. eine lebhafte literarische Tätigkeit: Sie übersetzte Teile der Bibel, schrieb Erbauungsbücher, in denen sie Aussprüche von Heiligen kompilierte (wohl in Art von Florilegien), verfasste zahlreiche Gebete und „viele andere aufbauende Schriften“,Siehe Gertrud 2014, Legatus I,7,1, S. 100f.; I,1,2, S. 70–73. Von keiner anderen Frau ihrer Zeit ist in Deutschland eine vergleichbar umfangreiche literarische Tätigkeit bekannt. Siehe auch Spitzlei (s. o.: Literatur) S. 52. sowie ihre beiden Hauptwerke, die Exercitia spiritualia („Geistliche Übungen“) und – mit Unterstützung durch Mitschwestern – den Legatus divinae pietatis („Gesandter der göttlichen Liebe“, oder: „Botschaft von Gottes Güte“, ab 1289). Später schrieb sie zusammen mit einer nicht namentlich bekannten Mitschwester im Liber specialis gratiae („Buch der besonderen Gnade“) auch die Offenbarungen der Mechthild von Hackeborn nieder.Siehe Ruh 1993 (s. Literatur), S. 296; 314–319 Auch in den folgenden Jahren hatte sie mystische Erlebnisse. Die Erkenntnisse ihrer Gottesschau setzte Gertrud als Ratgeberin und SeelsorgerinSiehe Gertrud 2014, Legatus I,1,2f., S. 70–75; I,7,1f., S. 99–103; I,16,1f., S. 150–155; s. weiter Hildegund Keul: Das Sakrament des Wortes. Mystik und Seelsorge in den Brüchen der Zeit. In: Ringler, Aufbruch 2008 (s. o.: Literatur), S. 167–181, hier S. 168. Siehe auch Spitzlei (s. o.: Literatur) S. 53, mit Anm. 184: „spirituelle Wegführung“. in die Tat um. Dabei nahm sie in der „Freiheit des lebendigen Geistes“Die „libertas spiritus“ ist sowohl für Gertrud selbst wie auch für ihre Biographinnen ein wesentlicher Begriff: s. Ringler, Exercitia spiritualia (s. Werke) S. 351; Gertrud 2014, Legatus I,11,7, S. 124f.; s. auch ebd.: „gratia libertatis: Gnade der Freiheit“. auch prophetische und priesterliche AufgabenSiehe Gertrud 2014, Legatus I,14,1–6, S. 140–147; I,16,2, S. 154f. Siehe weiter Bangert 1997, S. 16: „Anspruch auf prophetische, priesterliche und geistliche Kompetenz“; Pia Luislampe (s. o.: Literatur) S. 23. Vgl. auch Else Marie Wiberg Pedersen (s. o.), in: Bangert / Keul 1998, S. 52f. (zu Gertrud von Hackeborn); Irene Leicht (s. o.), in: Bangert 2004, S. 94 (mit Hinweis auf Legatus IV,32) und S. 108, Anm. 41 (mit Hinweis auch auf Kritik an Priestern). wahr.

Gegen Ende ihres Lebens litt Gertrud über Wochen hinweg an den Folgen eines Schlaganfalls. Sie starb im Alter von höchstens 46 Jahren Mitte November 1301 oder 1302.

Werk Grundlagen und Intention In ihrem schriftstellerischen Werk entwickelte Gertrud mit hoher Sprachkunst eine Theologie ganz eigener Prägung, die sie in einer groß angelegten Zusammenführung biblischen, mystischen und scholastischen Denkens zur Darstellung brachte. Charakteristisch für Gertruds Schriften ist die enge „Verknüpfung der mystischen Erfahrung mit traditionellen Elementen wie Liturgie, Dogma, Katechismus, Bibel, theologischen Schriften und Benediktinerregel“.Maren Ankermann: Der “Legatus divinae pietatis” – Gestaltete Mystik?, in: Bangert 2004, S. 36–56, hier S. 53. Grundlegend dabei ist eine umfassende Kenntnis der Bibel,Die Texte der Bibel gelten bei Gertrud für wertvoller als alle Reliquien: s. Irene Leicht (s. o.), in: Bangert 2004, S. 97, zu Legatus IV,52 (in der Ausgabe 1875: S. 462). deren Inhalte nicht nur zitiert, sondern in geradezu „spielerischem Umgang“ kreativ verarbeitet werden.Siehe Irene Leicht (s. o.), in: Bangert 2004, S. 112f. Vgl. dazu etwa Exercitia spiritualia 2006, S. 244, VII,590–594 mit Kommentar S. 356, oder S. 153, V,398f., mit Kommentar S. 301 (Verbindung mit Motiven des Ritterromans). Siehe bes. auch Sabine B. Marquardt-Spitzlei: O Gott meines Herzens – Das Herz als Erfahrungsraum Gottes in den „Exercitia spiritualia“. In: Ringler 2008, S. 46–60, hier S. 51: Gertrud „denkt nicht nur biblisch, sie spricht auch wie die Bibel, noch genauer: sie spricht Bibel“. Engstens damit verbunden sind Texte der Liturgie und die Benediktusregel,Siehe z. B. Laura M. Grimes: Bedeutung der Liturgie im Werk Gertruds von Helfta. In: Bangert/Keul 1998, S. 68–80.; Irene Leicht (s. o.), in: Bangert 2004, S. 98; s. auch Maren Ankermann (s. o.), in: Bangert 2004, S. 53f. (s. ebd. S. 53, Anm. 59: Literaturhinweis auf Pia Schindele: Elemente der Benediktinerregel in den Offenbarungen der heiligen Gertrud von Helfta). so sehr, dass geradezu von einer „liturgischen Mystik“Siehe Spitzlei (s. o.: Literatur) S. 62–78, bes. S. 77. gesprochen werden kann. Dazu verfügte Gertrud über eine umfassende Kenntnis der theologischen Literatur ihrer Zeit; als literarische Quellen nachweisbar sind u. a. Augustinus von Hippo, Gregor der Große, Beda Venerabilis, Bernhard von Clairvaux, Hugo von St. Viktor, Albertus Magnus, Thomas von AquinSiehe Spitzlei (s. o.: Literatur) S. 55 f. sowie auch Pseudo-Dionysius Areopagita, Richard von St. Viktor und Wilhelm von Saint-Thierry.