mini|Anatomisches Theater (Rekonstruktion) im Museum Boerhaave (2010) Anatomisches Theater (; von griechisch theatron, ‚Schaubühne‘) bezeichnet einen Raum oder Hörsaal mit tribünenartiger Anordnung der Zuschauerplätze und freier Sicht auf einen Tisch, auf dem anatomische Demonstrationen bzw. Sektionen (Zergliederungen) stattfanden.Christoph Schweikardt: Anatomisches Theater. In: Werner E. Gerabek u. a. (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin / New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 61. Der im 16. und 17. Jahrhundert auch als Buchtitel (vgl. Caspar Bauhin) verwendete Begriff war als Terminus im 18. und 19. Jahrhundert gebräuchlich.Im Meyers 1905 noch lemmatisiert, als „… bühnenartig gebauter Hörsaal für anatomische Vorlesungen (siehe Anatomie)“. Die Namensgebung nimmt Bezug auf die mit dem Sektionstisch versehene „Bühne“, von der sich ringsherum, ähnlich einem Amphitheater, die Sitzreihen für die Zuschauer erheben.

Herkunft Bereits Anfang des 14. Jahrhunderts fanden öffentliche Obduktionen statt. Diese für Fakultätsmitglieder, Studenten und Mitglieder der Obrigkeit theatralisch inszenierten Schaustellungen fanden aber meist einfach unter freiem Himmel beispielsweise auf Friedhöfen statt. Um 1484 verlagerte man diese Sektionen jedoch häufig in Universitätsgebäude, um die Zuschauer nicht der Witterung auszusetzen.Luke Wilson: William Harvey’s Prelectiones: the Performance of the Body in the Renaissance Theatre of Anatomy, Representations, n°17, University of California Press, 1987. 1540 entstand für eine Obduktion unter der Leitung von Andreas Vesalius ein „temporäres theatrum anatomicum“. Erst gegen Ende des 16. Jahrhunderts jedoch werden Ideen des Anatomen und Medizinprofessors Alexander (oder Alessandro) Benedetti (* um 1450; † 31. Oktober 1512)Sigrid Oehler-Klein: Benedetti, Alessandro. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin / New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 163 f. umgesetzt und anatomische „Schaubühnen“ fest in den Universitäten installiert. Allerdings dauerte es noch bis ins 18. Jahrhundert, bis diese auch mit zufriedenstellenden Belüftungs- und Heizsystemen sowie effektiver Beleuchtung ausgestattet wurden.Robert Jütte: Die Entdeckung des „inneren“ Menschen 1500–1800. In: Richard van Dülmen (Hrsg.): Erfindung des Menschen. Schöpfungsträume und Körperbilder 1500–2000. Böhlau Verlag, Wien 1998, ISBN 3-205-98873-6, S. 247f.

Die Dauer einer Sektion schwankt zwischen Aufzeichnungen, in denen von drei Tagen erzählt wird, bis hin zu Zeugnissen, die von mehreren Wochen berichten. Hierbei gab es sowohl Obduktionen menschlicher Körper als auch von Tierkörpern.Rafael Mandressi: Le Regard de l’anatomiste. Dissection et invention du corps en Occident, in: Éditions du Seuil, Paris 2003, o. S., ISBN 978-2-02-054099-5

Architektur Entscheidende Kriterien bei der Architektur und dem Bau des anatomischen Theaters waren die Perspektive, Rahmung und die Sicht. Ebenso von Bedeutung waren die Anordnung des Raumes sowie die Raumbedingungen.

Der Anatomieraum des Mittelalters Im Mittelalter existierte noch keine feste Theaterarchitektur.Gottfried Richter: Das Anatomische Theater. (Dr. Emil) Ebering Verlag, Berlin, 1936. Es gibt eine enge Verbindung zwischen den anatomischen Theatern und der Geschichte der Anatomie bzw. der Lehranatomie als Teil der medizinischen Lehre. Seit dem Hochmittelalter war der anatomische Lehrunterricht fest an den Universitäten des Abendlandes verankert, allerdings zunächst als reine „Buchwissenschaft“ basierend auf den Schriften antiker Gelehrter und einer rein theoretischen Lehrweise, die keine besonderen Anforderungen an den Raum stellte.Gottfried Richter: Das Anatomische Theater. (Dr. Emil) Ebering Verlag, Berlin, 1936; Marion Mücke, Thomas Schnalke: Anatomisches Theater. In: Europäische Geschichte Online. Hrsg. vom Institut für Europäische Geschichte (Mainz), 2018 (Online), abgerufen am 8. März 2021 (pdf), Abschnitt 2.

Man verwendete deshalb zufällig verfügbare Räume und richtete sie je nach dem Zweck um. Manchmal fanden die Sektionen aber auch im Freien und unter improvisierten Bedingungen statt. Um die Sektion vollrichten zu können, genügten ein Pult für den vortragenden Magister und ein langer Tisch für den Leichnam. Die Anatomia publica wurde in der Regel im Winter durchgeführt, da die tiefen Temperaturen eine längere Haltbarkeit der Leichen ermöglichten.Gottfried Richter: Das Anatomische Theater. (Dr. Emil) Ebering Verlag, Berlin, 1936. Marion Mücke, Thomas Schnalke: Anatomisches Theater. In: Europäische Geschichte Online. Hrsg. vom Institut für Europäische Geschichte (Mainz), 2018 (Online), abgerufen am 8. März 2021, Abschnitt 4.

Der Leichnam diente dabei nicht der eigenen Untersuchung durch den Sezierenden, sondern der Veranschaulichung der vorgetragenen Lehrtexte.

Die oft geltende Annahme, dass Sektionen durch die katholische Kirche verboten wurden, lässt sich nicht bestätigen. Es kann jedoch von einer Zurückhaltung gegenüber der praktischen Ausübung von Anatomie ausgegangen werden, die beispielsweise durch kritische Äußerungen des Kirchenvaters Augustinus gefördert wurde, sodass Sektionen nur sehr selten stattfanden.Gottfried Richter: Das Anatomische Theater. (Dr. Emil) Ebering Verlag, Berlin, 1936; Marion Mücke, Thomas Schnalke: Anatomisches Theater. In: Europäische Geschichte Online. Hrsg. vom Institut für Europäische Geschichte (Mainz), 2018 (Online), abgerufen am 8. März 2021, Abschnitt 2. Der Ablauf der Lehranatomien folgte einem festen Rahmen, die Veranstaltung wurde durch die Obrigkeit geregelt. Bei den verwendeten Leichnamen handelte es sich meist um zum Tode verurteilte Personen, die aus einer anderen Stadt stammten. Anschließend wurde für eine würdevolle Beerdigung gesorgt und es wurden Messen für die Verstorbenen gelesen.Marion Mücke, Thomas Schnalke: Anatomisches Theater. In: Europäische Geschichte Online. Hrsg. vom Institut für Europäische Geschichte (Mainz), 2018 (Online), abgerufen am 8. März 2021, Abschnitt 4.

Der Anatomieraum der Frühen Neuzeit Für die öffentliche Zurschaustellung und die öffentliche Präsentation von medizinischen und wissenschaftlichen Erkenntnissen wurden die Räumlichkeiten mit Beginn des 14. Jahrhunderts immer wichtiger. Ein in Basel vom Rat der Stadt für Caspar Bauhin eingerichtetes Theatrum anatomicum war ein Demonstrationssaal für den anatomischen Unterricht.Gustav Steiner: Aerzte und Wundaerzte, Chirurgenzunft und medizinische Fakultät in Basel. In: Basler Jahrbuch. 1954, S. 179–209, hier: S. 192–193. Wichtige Veränderungen (unter Einfluss der Philosophie, Religion usw.) wurden vorangetrieben und führten schließlich im 16. Jahrhundert zu einem grundlegenden Wandel für die Anatomie und den Anspruch an die Räumlichkeiten.Norm Friesen u. a.: The Anatomy Lecture Then and Now. Educational Philosophy and Theory, Taylor & Francis Online, 2013.

Die ersten Vorschläge zu einem anatomischen Theater stammten von Alessandro Benedetti, einem Chirurgen, der 1502Alessandro Benedetti: Historia corporis humani sive anatomice. Venedig 1502, insbesondere Blatt aII–aIII (datiert 1497). über den paradigmatischen Entwurf eines Anatomieraumes schrieb. Er war vermutlich Professor der Anatomie in Venedig, wo bereits seit 1368 jährlich Sektionen durchgeführt wurden. Benedetti betonte den Nutzen der eigenen Beobachtungen gegenüber dem Studium der Schriften und begründete den medizinischen Sinn der Sektionen mit dem möglichen Erkenntnisgewinn zu Ursachen von Krankheiten. Bei der architektonischen Gestaltung orientierte er sich an den ovalen Grundrissen antiker Bauten wie des Colosseums in Rom oder der Arena in Verona. Wichtig waren ihm ein gut gelüfteter Raum und eine kreisrund angeordnete Sitzordnung, durch die möglichst viele Zuschauer untergebracht werden konnten. Ein Aufseher sollte verhindern, dass die Vortragenden gestört wurden. Für eine bessere Sicht auf den Leichnam schlug Benedetti einen erhöhten Tisch vor. Die Zeit für den Beginn und das Ende der Sektion musste festgelegt werden, damit die Aufgabe beendet war, bevor die Leiche verweste. Eine bestimmte Anordnung, also Dramaturgie, hing vom Zustand der Leiche ab.Cynthia Klestinec: Theaters of Anatomy. Students, Teachers, and Traditions of Dissection in Renaissance Venice, Baltimore: The Johns Hopkins University Press 2011; Marion Mücke, Thomas Schnalke: Anatomisches Theater. In: Europäische Geschichte Online. Hrsg. vom Institut für Europäische Geschichte (Mainz), 2018 (Online), abgerufen am 8. März 2021 (pdf), Abschnitt 6–8.

Der französische Anatom und Buchdrucker Charles Estienne verfolgte ähnliche Vorstellungen wie Benedetti, baute aber auf einen halbrunden Zuschauerraum. Er schlug einen drehbaren Tisch vor, um dem ganzen Publikum Sicht auf den Leichnam zu ermöglichen. Er strebte gute optische und akustische Verhältnisse für jeden Anwesenden im Saal an. Um das zu erreichen, erarbeitete er für Theater im Freien das Aufspannen von Wachstüchern und schlug vor, einzelne Körperteile durch den Saal tragen zu lassen.Marion Mücke, Thomas Schnalke: Anatomisches Theater. In: Europäische Geschichte Online. Hrsg. vom Institut für Europäische Geschichte (Mainz), 2018 (Online), abgerufen am 8. März 2021 (pdf), Abschnitt 9. Ein Vorsteher des Anatomischen Theaters in Paris war Jacques Jean Bruhier, der 1742 Jacob Winslows Dissertation in französischer Übersetzung (Dissertation sur l’incertitude des signes de la mort et abus des Enterremens et Embaumemens précipité) herausgab.Tankred Koch: Lebendig begraben. Geschichte und Geschichten vom Scheintod. Edition Leipzig, 1990, ISBN 3-361-00299-0; Neudruck (Lizenzausgabe mit dem Titel Scheitod. Lebendig begraben) Tosa Verlag, Wien 2002, S. 97–98. mini|Theatrum anatomicum der Universität Padua heute, konstruiert auf Initiative von Girolamo Fabrizio

Beispiele berühmter anatomischer Theater Die beiden berühmtesten Anatomieräume befinden sich in Padua (1594) und Bologna (1637). In den Universitäten dieser Städte wurden bereits im 15. Jahrhundert provisorische Anatomische Theater aus Holz verwendet.Christoph Schweikardt: Anatomisches Theater. (2005), S. 61.G. Ferrari: Public anatomy lessons and the carnival: the anatomy theatre of Bologna. In: Past and Present. Band 117, 1987, S. 50–106. Für die Anatomie-Theater wurde das römische Verständnis von griechischer Theaterarchitektur (römisch-antikes Amphitheater) herangezogen. Die amphitheatralische Form des Benedictus ist das räumliche Leitmotiv dieses Raumtypus. Ein wichtiger Grund für die Errichtung von Anatomietheatern war der Wunsch danach, dem Akt der Sektion eine würdige Umgebung zu schaffen.Helmar Schramm (Hrsg.): Spuren der Avantgarde. Theatrum anatomicum. Frühe Neuzeit und Moderne im Kulturvergleich. De Gruyter, Berlin 2011, ISBN 978-3-11-024578-3. Zunächst wurden nur ephemere Holzkonstruktionen in schon bestehenden Universitäten gebaut. Dass die Räumlichkeiten aus Holz konstruiert worden, lag unter anderem daran, dass ein anderer Baustoff für solche Arten der Bauweise nicht zur Verfügung standen. Zum anderen hatte das Holz den Vorteil, dass es den Geruch absorbierte.

Die meisten Autoren verstehen unter dem Anatomischen Theater einen „Raum mit steigendem Gestühl, um den Zuschauern einen zu demonstrierenden Vorgang deutlich vor Augen führen zu können.“Rückbrod Konrad: Das Anatomische Theater – Archetypus des modernen Hörsaals. In: Medizinischer Monatsspiegel Merck. 1973, S. 48.

mini|hochkant|Anatomisches Theater in Padua nach einer Gravur von 1654 Padua (1594)