mini|Günter Eich, 1967 Inventur ist ein Gedicht des deutschen Lyrikers Günter Eich. Es entstand, ausgehend von Eichs Erfahrungen in einem Kriegsgefangenenlager, zwischen 1945 und 1946, wurde erstmals 1947 publiziert und 1948 in Eichs erste Gedichtsammlung der Nachkriegszeit Abgelegene Gehöfte aufgenommen. Das Gedicht fängt die Stimmung der unmittelbaren Nachkriegszeit ein. Darin zählt ein Mensch mit einfachen Worten seine geringen Habseligkeiten auf. Alltagsgegenstände werden für ihn zu kostbaren Besitztümern; eine Bleistiftmine, mit der er Gedichte schreibt, ist sein wertvollstes Gut. Der realistische, zeitbezogene Inhalt und die lakonische, karge Sprache machten Inventur zu einem der bekanntesten Beispiele der Lyrik der Kahlschlags- oder Trümmerliteratur. Es gilt als eines der wichtigsten deutschen Nachkriegsgedichte.
Inhalt
miniatur|Heimkehrer aus Kriegsgefangenschaft 1946, Foto von Abraham Pisarek
Das Gedicht beginnt mit den Versen:
„Dies ist meine Mütze, dies ist mein Mantel, hier mein Rasierzeug im Beutel aus Leinen.“
Im weiteren Verlauf zählt das lyrische Ich weitere Gegenstände seiner Habe auf: eine Konservenbüchse, die als Teller wie Becher dient, und in die es mit einem „kostbaren“ Nagel seinen Namen geritzt hat. Im Brotbeutel befinden sich Socken
„und einiges, was ich niemand verrate,“
und was in der Nacht als Kopfkissen verwendet wird. Der am meisten geliebte Besitz ist eine Bleistiftmine.
„Tags schreibt sie mir Verse, die nachts ich erdacht.“
Zum Abschluss werden weitere Gegenstände des Inventars aufgezählt: Notizbuch, Zeltbahn,
„dies ist mein Handtuch, dies ist mein Zwirn.“
Textanalyse
Das Gedicht besteht aus sieben Strophen, die jeweils vier Verse enthalten. Es folgt keinem spezifischen Versmaß und enthält keinen Reim; aufgrund von häufigen Enjambements sind die Verse „offen“. Die Sätze sind in Parataxe gereiht. Die lakonische Sprache verwendet kaum rhetorische Stilmittel, keine Metaphern. Im Fokus stehen Substantive, die selten durch Attribute wie Adjektive näher bestimmt werden. Die einfachen Verben benennen zumeist lediglich die Funktion der Gegenstände. In der kargen Sprache fällt der Superlativ „am meisten“ (V. 22) aus dem Rahmen.
Das lyrische Ich wird in Bezug auf Alter und Herkunft nicht näher spezifiziert. Seine Lebensumstände treten durch die Aufzählung seiner Habe mittelbar zutage. Verstärkt wird der Bezug des Besitzes zur Person durch das Possessivpronomen „mein“ (vgl. V. 1-3). Durch das Demonstrativpronomen „dies“, zum Teil als Anapher gereiht (vgl. V. 25-28), sowie das Adverb „hier“ (V. 9) wird aus der bloßen Aufzählung ein demonstratives Herzeigen der Gegenstände.
Für Hans Helmut Hiebel sind die Verse trotz der fehlenden Metrik nicht prosaisch. Durch die Kürze der Zeilen entstehe ein Rhythmus, jeder Vers bestehe aus zwei Hebungen in einem Trochäus, Jambus oder Daktylus. Die syntaktischen Parallelen sorgen für einen einheitlichen Klang, die gleichförmigen Satzbildungen führen zu einem grammatischen Reim. Hiebel fühlte sich an die Satzmelodien Ernest Hemingways erinnert.Hiebel: Das Spektrum der modernen Poesie. S. 23–24.
Jürgen Zenke sah das Gedicht dreigeteilt. In der klaren Struktur der ersten Strophe werde das Thema der Inventur eingeleitet, in den folgenden fünf Binnenstrophen im fließenden Rhythmus ausgestaltet, während die Schlussstrophe das Thema und die Form der ersten Strophe als Reprise wieder aufgreife. Die vierte Strophe bilde den Kulminationspunkt des symmetrisch gebauten Gedichts. Hier sei statt von explizit hergezeigten Gegenständen von Verborgenem die Rede. Auf dem Weg zu dieser Symmetrieachse verschleife sich die Zeilenstruktur durch Enjambements immer mehr, die betonten Vokale werden immer dunkler, im zweiten Teil festige sich die Struktur wieder, die Vokalfarbe helle auf. In der zweiten und dritten Strophe komme es zu lautmalerischen e-Häufungen bei der blechernen Konservendose, zu i-Häufungen beim quietschenden Eingravieren des Namens. Das Gedicht steigere sich in einem sprach-rhythmischen Crescendo bis zur mittleren Strophe, die den Höhepunkt des lyrischen Ausdrucks bilde, und ebbe anschließend in einem Decrescendo wieder ab. Weiterhin analysierte Zenke, dass von den 28 Versen des Gedichts genau die Hälfte auftaktlos mit einer Hebung beginne. Davon befinde sich wiederum die Hälfte in den beiden Eckstrophen, während die übrigen sieben Verse in den Binnenstrophen eine zentrale Rolle einnehmen. In ihnen werde das Thema des Schreibens gestaltet.Zenke: Günter Eich: Inventur. 1982, S. 75–78.
Interpretation
miniatur|Heimkehrer aus Kriegsgefangenschaft mit seinem Gepäck 1950 in Leipzig, Foto von Roger und Renate Rössing
Jürgen Zenke fasste den Inhalt des Gedichts zusammen im Satz: „Ein Kriegsgefangener benennt seine kostbaren Habseligkeiten“.Zenke: Günter Eich: Inventur. 1982, S. 72. Die Alltagsdinge des Internierten, so Hans-Ulrich Treichel, werden überhöht zu einer existenziellen Bedeutung. Aus ihnen entstehe eine Welt, die nicht nur die Lebenswirklichkeit des Gefangenen sei, sondern auch eine Gegenwelt zu den traumatischen Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs. Aus den erdrückenden Fragen nach Schuld und Unschuld, Tätern und Opfern, der Verquickung in die Geschichte ziehe sich das Individuum in die Besinnung auf das unmittelbar Verfügbare zurück.Hans-Ulrich Treichel: Kein Neuanfang. S. 287–288.
Hans Helmut Hiebel führte weiter aus: die nationalsozialistische Gesellschaft sei am Ende des Zweiten Weltkriegs zerfallen, die sozialen Bande zerstört, der Einzelne vereinzelt und isoliert, zurückgeworfen auf sich und seine verbliebene Habe. Deren Aufzählung rücke erst ihre Geringfügigkeit ins Bewusstsein. Augenscheinlich sei das Fehlen jedes Erinnerungsstücks, Fotos oder sonstigen Überrests einer sozialen Bindung. Der karge Besitz definiere sich über den funktionalen Nutzen und mache den Einzelnen autark. Die zu Kostbarkeiten gewordenen Alltagsgegenstände werden als Schutz gegen Diebstahl namentlich markiert, der Andere mit seinen „begehrlichen Augen“ werde als Bedrohung empfunden. Lebensmittel kommen im Gedicht nur durch ihre Abwesenheit vor: der Brotbeutel werde als Behälter für Socken zweckentfremdet.
Erst in der vorletzten Strophe werde unvermittelt ein Gefühl benannt: die Liebe des lyrischen Ichs zu seiner Bleistiftmine. Erst diese Emotion gestalte das Ich charakteristisch, mit ihr trete aus dem allgemeinen Typus des Heimkehrers, der einer unter Millionen sein könnte, ein Individuum hervor, das durch seinen literarischen Impuls eine Besonderheit erlange. Die Bleistiftmine ermögliche eine Form von Kommunikation, ein Bewusstsein der eigenen Lage, deren Verarbeitung in Literatur. Das Niederschreiben der „Verse“ werde zu einem Moment der Selbstreferenzialität, das Entstehen des Gedichts zu seinem eigenen Thema.Hiebel: Das Spektrum der modernen Poesie. S. 20–23. Ina Hartwig sah in Inventur den Versuch, mit minimalen Möglichkeiten das Eigene aufrechtzuerhalten, und in seiner Konsequenz einen Triumph des Subjekts. In der materiellen und moralischen Niederlage stelle das Ich fest, dass es noch da sei, dass es denke, schreibe und das Schreiben liebe. Das Gedicht handle „[v]on der Rückeroberung einer unverlorenen Subjektivität“.Ina Hartwig: Geliebte Bleistiftmine. In: Frankfurter Rundschau vom 3. Februar 2005.
miniatur|Heimkehrer aus Kriegsgefangenschaft 1946, Foto von Richard Peter
Gerhard Kaiser wies darauf hin, dass das Du im Gedicht fehle. Das Ich ziehe eine Grenze gegen das feindliche Außen, schotte sich in Selbstbehauptung und Stolz ab, das einzige Pronomen außer der ersten Person laute „niemand“. Selbst die Natur werde nur ein einziges Mal benannt und als ungastlich empfunden: „Erde“, gegen die eine Pappunterlage schützen müsse. Im gleichen Maße, wie sich das Ich äußere, verberge es sich auch. Der Inhalt des Brotbeutels bleibe geheimnisvoll. Er werde angesprochen, aber nicht verraten. Das Ich trete soweit hinter die Dinge zurück, dass sein Geheimnis nicht im Herzen, sondern im Beutel liege. In der Einsamkeit des Ichs werde der Sprache eine magische Wirkung zuteil. Die Markierung der Büchse mit dem eigenen Namen, die das Ich von der Welt trennende Pappe, die selbstständig schreibende Bleistiftmine werden zu Bildern der Dichtung als Wortmagie, die Bleistiftmine zur Anima des Mannes. Am Ende trete das Ich wieder hinter die Gegenstände zurück, doch über den Schöpfungsakt des Schreibens habe es eine Orientierung erhalten. „Zwirn“ laute das letzte Wort des Gedichts, und durch das schreibende Zusammennähen der Wirklichkeit werde im Chaos eine Ordnung sichtbar, lasse sich eine zukünftige Welt aufbauen.Kaiser: Günter Eich: Inventur. 2003, S. 271–277.
Für Rolf Selbmann hatte das Ich sich den Gegenständen am Ende eingeschrieben. Es habe sie markiert und ihnen damit eine neue Qualität verliehen. Die Dinge, die anfänglich das Ich bestimmt hatten, werden am Ende durch den schöpferischen Prozess des Schreibens zu den Produkten des Ichs. Der Text demonstriere, dass es in Wahrheit niemals eine Stunde Null in der Literaturgeschichte gegeben habe. Bereits der Titel, der Verweis auf die kaufmännische Inventur, lege nahe, dass es nicht um die Markierung eines leeren Raums gehe, sondern um die Sichtung des noch Bestehenden. Aus den vorhandenen Dingen der eigenen Vergangenheit, den offen zur Schau gestellten wie den verborgenen, entstehe durch den dichterischen Schöpfungsakt ein neuer Selbstentwurf.Selbmann: Günter Eichs „Inventur“ und die Poetik der Stunde Null. S. 204, 206.
Entstehungsgeschichte und Bezug zu anderen Werken
miniatur|Kriegsgefangenenlager PWTE C-3 in Heilbronn 1945
Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs wurde Günter Eich als Soldat der deutschen Wehrmacht von April bis Sommer 1945 im amerikanischen Kriegsgefangenenlager Goldene Meile bei Sinzig und Remagen interniert. Dort liegt der Ursprung einer Reihe von Gedichten, die die Kriegsgefangenschaft und den Lageraufenthalt zum Thema haben, so auch Inventur. Der genaue Entstehungszeitpunkt der Gedichte ist unbekannt. Ursprünglich ging die Forschung davon aus, die Gedichte seien direkt in der Kriegsgefangenschaft entstanden, spätere Angaben sind jedoch zurückhaltender und zeitlich grober. So datierte Axel Vieregg bei der Herausgabe der Gesammelten Werke Günter Eichs 1991 die „Lyrik der Kriegsgefangenschaft“ auf „1945/46“.Kaiser: Günter Eich: Inventur. 2003, S. 269–270. Erstmals publiziert wurde Inventur 1947 in der Anthologie Deine Söhne, Europa. Gedichte deutscher Kriegsgefangener von Hans Werner Richter. 1948 folgte eine Veröffentlichung in Eichs Gedichtband Abgelegene Gehöfte. Nach der Erstpublikation in Richters Anthologie nahm Eich noch eine Änderung am Gedichttext vor. Lautete Vers 17 ursprünglich „so dient er als Kissen“, wurde die Stelle bereits in Abgelegene Gehöfte abgeändert zu „so dient es als Kissen“. Der eindeutige Bezug auf den Brotbeutel als Kopfkissen ist umgewandelt in den vagen Verweis auf „einiges“, den verheimlichten Inhalt des Beutels.Selbmann: Günter Eichs „Inventur“ und die Poetik der Stunde Null. S. 205.
Für Gerhard Kaiser nahm Inventur in Eichs Werk eine herausgehobene Position ein. Sowohl in seinem Tonfall als auch seinem Stil hebe es sich deutlich von den anderen Gefangenschaftsgedichten ab. Während diese Pathos, Ironie, Melancholie oder Anklage beinhalteten, fehlten solche Elemente in der sprachlichen Lakonie von Inventur komplett.Kaiser: Günter Eich: Inventur. 2003, S. 270–271. Dagegen wurde von vielen späteren Untersuchungen auf ein Gedicht des tschechischen Dichters Richard Weiner mit dem Titel Jean Baptiste Chardin verwiesen, das Inventur im Aufbau sehr ähnle. Die 1916 publizierte deutsche Übertragung beginnt mit den Versen:
miniatur|hochkant|Selbstporträt mit Brille von Jean Siméon Chardin, 1775, Louvre, Paris
„Dies ist mein Tisch, Dies meine Hausschuh, Dies ist mein Glas, Dies ist mein Kännchen. […]“Richard Weiner: Jean Baptiste Chardin. Übertragen von J. V. Löwenbach. Auf ngiyaw-ebooks.