mini|hochkant|rechts|Der Prior des Augustinerklosters zählt dem Ritter Owein die Peinigungen auf, die diesen im Fegefeuer des heiligen Patrick erwarten. Holzschnitt zur Übersetzung von Claude Noury: Le voyage du puys sainct Patrix auquel lieu on voit les peines de Purgatoire et aussi les joyes de Paradis, Lyon 1506. Der Tractatus de Purgatorio Sancti Patricii ist eine um 1179–1190Vgl. Eastings Artikel zur Datierung, S. 782, und de Pontfarcys Einführung, S. 18. in mittellateinischer Prosa geschriebene Schilderung der Jenseitserfahrung des Ritters Owein im Purgatorium des heiligen Patrick. Autor des Texts ist ein nur mit der Initiale „H“ benannter Mönch der Zisterzienserabtei Sawtry. Der Text gilt als einer der Bestseller des Mittelalters, da er über drei Jahrhunderte lang kopiert und in zahlreiche Sprachen übersetzt wurde.Vgl. S. xvii bei der Textausgabe von Robert Easting: It has been called 'one of the best-sellers of the Middle Ages. Easting bezieht sich hier auf Shane Leslie: Saint Patrick's Purgatory: A Record from History and Literature, London 1932, S. xvii. Durch den Text wurde das Purgatorium des heiligen Patrick zum wichtigsten Wallfahrtsort Irlands, das auch im Mittelalter zum Ziel von Pilgern aus ganz Europa wurde.

Entstehung des Texts

Der Autor des Texts gibt von seinem eigenen Namen nur die Initiale „H“ preis und folgt damit einer im Mittelalter nicht ungebräuchlichen Praxis der Demut.Vgl. S. 15 in der Einführung von de Pontfarcy zur Textausgabe von Picard. Im 13. Jahrhundert erweiterte Matthäus Paris diese Initiale ratenderweise zu „Henricus“,Vgl. Fußnote 11 auf S. 470 bei Zaleski woraus dann später „Henry of Sawtry“ wurde. Der Mönch widmete das Werk dem Abt „H. abbati de Sartis“. Sartis ist hier einer der alternativen Namen der Zisterzienserabtei Wardon, dem Mutterhaus von Sawtry. Obwohl in der Vergangenheit der Name des Abts zu „Henry de Sartis“ ergänzt wurde, der mindestens im Zeitraum 1213–1215 Abt war,Vgl. S. 146 in David Knowles et al.: The Heads of Religious Houses: England & Wales, I. 940-1216. Zweite Auflage, Cambridge University Press, ISBN 0-521-80452-3. ist aufgrund neuerer Erkenntnisse davon auszugehen, dass es sich beim Abt um Hugh de Sartis handelte, der zumindest im Zeitraum 1173–1181 das Amt innehatte.Vgl. Eastings Artikel zur Datierung. Eastings Ansicht wird von de Pontfarcy übernommen, siehe S. 14.

Wie der Autor ausführt, erfuhr er die Geschichte von dem Zisterziensermönch Gilbert, der bei einer größeren Versammlung die Schilderung des Ritters Owein vortrug.Vgl. Kapitel XXII. Der Abt seines Mutterklosters, so schildert es der Autor im Prolog, bat ihn dann, diese Erzählung aufzuschreiben. Allerdings geht der Text deutlich über das einfache Referat eines Vortrags hinaus, da der Autor die Erzählung des Ritters Owein einbettet in eine theologische Abhandlung des Fegefeuers, die Einführung der Pilgerstätte des heiligen Patrick und einen umfangreichen Epilog.Vgl. S. 16 in der Einführung von de Pontfarcy.

Gilbert wird im Text identifiziert als Mönch des Zisterzienserklosters Basingwerk,Siehe Kapitel XXI. der dort 1155 Abt wurdeVgl. dazu S. 126 bei David Knowles et al.: The Heads of Religious Houses: England & Wales, I. 940-1216. Zweite Auflage, Cambridge University Press, ISBN 0-521-80452-3. und zuvor bei der Gründung eines Tochterhauses in Irland zweieinhalb Jahre lang als Cellerar beteiligt war. Bei dem nicht näher im Text spezifizierten irischen Kloster handelt es sich wohl um Baltinglass. Das lässt sich nachweisen aufgrund einer im Jahre 1202 vor dem Generalkapitel vorgetragenen Beschwerde des Mutterhauses Basingwerk, das sich darüber beklagte, dass die Gründung durch Mellifont torpediert wurde, welches dann in der Nachfolge ein eigenes Tochterhaus an dem Ort gründete.Vgl. S. 15 in der Einführung von de Pontfarcy. Baltinglass wurde 1148 gegründet, so dass Gilbert offenbar um 1148–1151 in Irland war.Zum Gründungsdatum siehe S. 127 bei Aubrey Gwynn und R. Neville Hadcock: Medieval Religious Houses Ireland. Longman, London 1970, ISBN 0-582-11229-X. Siehe auch S. 56 und S. 383 bei Marie Therese Flanagan: Irish Royal Charters, Oxford University Press, ISBN 0-19-926707-3. Nach der Darstellung von Gilbert wurde der Gründer des Klosters und König von Leinster, Diarmait Mac Murchada, um einen Übersetzer gebeten, der die nicht Irisch sprechenden Mönche aus Wales unterstützen sollte. Hier sei Gilbert der Ritter Owein zur Seite gestellt worden, mit dem er über die zweieinhalb Jahre verbunden blieb und der ihm in dieser Zeit seine Schilderungen vermittelte.

Der Ritter Owein lässt sich nicht identifizieren. Einer der Stifter, die die Gründung von Basingwerk förderten, hieß jedoch Owen Gwynedd.Vgl. Fußnote 2 auf S. 346 bei David Knowles: The Monastic Order in England. Cambridge University Press, 1950. Dabei handelte es sich um einen walisischen Prinzen, der sich hoher Beliebtheit erfreute, jedoch wegen der Heirat mit seiner Cousine exkommuniziert wurde und außerhalb der Kirche verstarb. Yolande de Pontfarcy hält es für möglich, dass Gilbert in Erinnerung an diesen walisischen Prinzen diesen Namen für den irischen Pilger übernahm.Vgl. Einführung von de Pontfarcy, S. 16.

Als der Autor die Schilderung von Gilbert vernahm, war dieser nicht mehr Abt von Basingwerk, sondern an einem anderen Kloster.Das geht aus einer Anmerkung von Gilbert hervor, in der er eine Begebenheit in Basingwerk schildert, seinem früheren Kloster: „in monasterio cui prefui“, siehe Zeilen 1104 und 1105 der zitierten Textausgabe auf S. 150 bzw. Ende des Kapitels XXII in der englischen Übersetzung auf S. 73. Da um 1180 Matthew als Nachfolger im Amt des Abts von Basingwerk ausgewiesen ist, wird davon ausgegangen, dass der Text nicht früher entstanden sein kann.Vgl. Eastings Aufsatz zur Datierung, S. 779, und die Einführung von de Pontfarcy, S. 17. Hughs Nachfolger im Amte des Abts von Wardon ist Payne, dessen Amtsantritt um 1185/1186 erfolgte. Entsprechend fällt die Entstehungszeit des Texts in den dazwischenliegenden Zeitraum.Vgl. Eastings Artikel zur Datierung, S. 782, und die Einführung von de Pontfarcy, S. 17. Die zeitnah entstandenen Werke Vita sancti Patricii von Jocelin von Furness (1185–1186) und Topographica Hibernica von Gerald von Wales (1186–1187) gehen beide auf die Patrick zugeordnete Pilgerstätte ein, kennen aber offensichtlich nicht die Schilderung des Ritters Owein. Erst eine spätere, vor dem Juli 1189 entstandene Fassung der Topographica Hibernica lässt eine Kenntnis des Texts vermuten.Vgl. de Pontfarcy, S. 17.

Den Text selbst gibt es in mindestens zwei frühen Fassungen. Die erste ist wohl vor 1185 entstanden. Die zweite Fassung wurde mit einigen Ergänzungen zwischen 1186 und 1190 aufgeschrieben. Zu den Erweiterungen gehört die Bestätigung der Geschichte durch Fógartach Ua Cerballáin, der 1185 Bischof von Derry wurde, in dessen Diözese die Pilgerstätte damals lag.Vgl. S. 18 in de Pontfarcys Einführung. Zum Jahr des Amtsantritts des Bischofs vgl. S. 346 in Royal Historical Society: Handbook of British Chronology. Dritte Auflage, Cambridge University Press, ISBN 0-521-56350-X. Zur Diskussion, wie die Pilgerstätte auf dem Lough Derg im Donegal damals zur Diözese des Bischofs von Derry gehören konnte, siehe S. 24–25 bei der Einführung von de Pontfarcy.

Der Begriff des Purgatoriums Obwohl der Gedanke einer Reinigung der Seelen wie etwa bei Papst Gregor I. oder Augustinus bereits früher zum Ausdruck kam, entstand erst im 12. Jahrhundert der Begriff des Fegefeuers, der neben dem Himmel und der Hölle einen weiteren Platz im Jenseits bezeichnet.Vgl. Eintrag zu purgatory in F. L. Cross und E. A. Livingstone: The Oxford Dictionary of the Christian Church. Oxford University Press, 1998, ISBN 0-19-211655-X. Zu den frühen Autoren, die das Fegefeuer als separate Stätte erwähnen, gehört der Zisterzienser Bernhard von Clairvaux mit seiner um 1140–1153 entstandenen Predigt De triplici inferno, die drei verschiedene Unterwelten vorsieht, wovon zwei im Jenseits angesiedelt sind: Drei verschiedene Arten der Unterwelt gibt es somit. Die eine ist die verzehrende Unterwelt der Hölle, wo der Wurm zu finden ist, der nie stirbt, und das Feuer, das nie erlischt – in ihr gibt es keine Erlösung. Eine andere Unterwelt ist die der Sühne, die den Seelen zugedacht ist, die nach dem Tod der Reinigung bedürfen. Wieder eine andere aber ist die Unterwelt der Buße, nämlich die freiwillige Armut, durch die wir der Welt entsagen und unsere Seelen der Buße unterwerfen müssen, damit wir geheilt werden und nach dem Tode nicht ins Gericht kommen, sondern vom Tod ins Leben hinübergehen.Die deutsche Übersetzung wurde entnommen aus Bernhard von Clairvaux: Sämtliche Werke IX. Herausgegeben von Gerhard B. Winkler, Tyrolia-Verlag, Innsbruck 1998, ISBN 3-7022-2192-1. Entsprechend entstand auch der Begriff des Purgatorium des heiligen Patrick erst im 12. Jahrhundert. Unabhängig vom Tractatus wurde der Begriff auch durch den Zisterziensermönch Jocelin von Furness in seiner um 1185/1186 entstandenen Hagiographie Vita sancti Patricii verwendet. Jocelin verknüpfte den Begriff jedoch mit dem Croagh Patrick, auf dem Patrick vierzig Tage lang gefastet hatte.Vgl. S. 17 bei de Pontfarcy. Das Fasten findet sich bereits in den frühen Hagiographien zu Patrick, siehe etwa die aus dem 7. Jahrhundert stammende von Tírechán aus dem Buch von Armagh, S. 152 in Ludwig Bieler: The Patrician Texts in the Book of Armagh. Dublin Institute for Advanced Studies, 2004, ISBN 1-85500-118-7. Allerdings findet sich auch bei Jocelin die Vorstellung, dass an diesem Ort die Peinigungen des Fegefeuers erfahrbar sind und ein Einblick in das irdische Paradies möglich sei. Da es in der irischen Sagenwelt eine Verbindung zwischen Croagh Patrick und dem Lough Derg gebe, so de Pontfarcy, könnte sich Jocelin in der Zuordnung des Purgatoriums vielleicht geirrt haben.Vgl. de Pontfarcy, S. 19. Eine weitere zeitgenössische Erwähnung der Pilgerstätte findet sich in der Topographica Hibernica, wo Gerald von Wales kurz die Pilgerstätte beschreibt, jedoch in der ersten Fassung des Texts noch nicht den Begriff des Purgatoriums verwendet: Es wird gesagt, dass eine Person, die sich diesen Peinigungen wegen einer aufgelegten Buße unterzieht, nicht die Peinigungen der Hölle überstehen muss – es sei denn, sie begehe eine sehr schwere Sünde.Ins Deutsche übersetzt aus der von John J. O’Meara übersetzten englischen Textausgabe, S. 61: The History and Topography of Ireland. Penguin, ISBN 0-14-044423-8.

Handlung Die Erzählung der Erlebnisse des Ritters Owein folgt weitgehend dem Vorbild zeitgenössischer Visionsliteratur,Vgl. S. 472 bei Zaleski. obwohl der Autor selbst das durch Owein Erlebte nicht als Vision verstanden haben möchte.Siehe dazu die Ausführungen von Gilbert, die im Kapitel XXII dargestellt sind. Zu den Vorbildern gehören u. a. die Visio Tnugdali und die Vision des Gunthelm, bei denen ein wesentliches Hauptmotiv die Konvertierung eines weltlich orientierten Helden hin zu monastischen Idealen durch eine Erfahrung der Hölle oder des Fegefeuers ist.Vgl. Zaleski, S. 473 einschließlich der Fußnote 20. Nicht wenige Peinigungen wie beispielsweise das Flammenrad oder die schmale Brücke zum irdischen Paradies gehen auf die Visio Sancti Pauli zurück.Vgl. S. 50 u. 52 bei Le Goff.

Weg zum Purgatorium